„Die Entstehung der Genesis“ ist der Titel eines Buchs von P.J. Wiseman, das in deutscher Übersetzung im Jahr 1957 erschienen ist. „Genesis“ ist die griechische Bezeichnung für das erste Buch Mose. Es geht um die Frage, wie die Berichte über die Urgeschichte vom Anfang der Welt bis zu den Söhnen Jakobs zu uns gekommen sind. Ich zitiere aus dem Klappentext des Buchs:
„Archäologische Funde haben ergeben, dass die Schreibkunst zur Zeit Abrahams bereits weit verbreitet war und allgemein geübt wurde. Man hat Tontäfelchen gefunden, die etwa 5000 Jahre alt sind und zum Teil vor der Sintflut entstanden sein müssen. … Im Licht dieser wissenschaftlichen Entdeckungen untersucht der Verfasser die Genesis und kommt dabei zu erstaunlichen und überraschenden Feststellungen. Die Genesis weist Spuren jener uralten Schreibgewohnheiten auf. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Berichte dieses Buchs (also auch Schöpfungs-, Flutbericht und die Schilderung des Sündenfalls) ursprünglich in Keilschrift auf Tontafeln geschrieben wurden, und zwar von den Patriarchen selbst oder durch sie veranlasst. Sogar die Schreiber bzw. Besitzer der einzelnen Tafeln lassen sich an Hand des Bibeltextes noch nachweisen, wenn man mit den literarischen Gewohnheiten jener Zeit vertraut ist. Überschriften und Stichwortverbindungen (um die einzelnen Täfelchen kenntlich zu machen) sind noch heute im Text ersichtlich.“
Natürlich wurde „Die Entstehung der Genesis“ von P.J. Wiseman von der theologischen Fachwelt weitgehend ignoriert. Sie hätte doch zu viele „anerkannte“ bibelkritische Theorien über den Haufen geworfen. Aber wer von der historischen Richtigkeit der biblischen Berichte ausgeht, hat hier endlich ein schlüssiges Konzept vor sich, wie man sich die korrekte Überlierung auch der ältesten Berichte vorstellen kann.
P.J. Wiseman legt dar, dass in der alten Schreibkultur die Tontafeln jeweils mit einer Unterschrift abgeschlossen wurden. Diese Unterschrift gab den Verfasser des Textes an, manchmal auch den Ort oder die Zeit der Abfassung. Und – man höre und staune – diese Unterschriften der Tontafeln sind heute noch im Bibeltext zu finden.
Das Stichwort dafür ist das hebräische Wort „Toledot“. Dieses ist ein Pluralwort und kann im Sinne einer Aufzählung entweder als „Geschlechtsregister“ aufeinanderfolgende Generationen oder als „Geschichte“ aufeinanderfolgende Ereignisse aufzählen. Mit „Geschichte“ ist hier natürlich nicht erfundene Geschichte gemeint, sondern wahre Geschichte im Sinne von Historie. Leider hat P.J. Wiseman in seinem Buch die zwei unterschiedlichen Bedeutungen von Toledot noch nicht berücksichtigt. Aber wenn ich die zwei Bedeutungen differenziere und die Stellen, an denen offensichtlich ein „Geschlechtsregister“ gemeint ist, weglasse, dann ergibt sich für die Aufzeichnungen der „Geschichte“ mit den jeweiligen Unterschriften folgendes Bild:
1 Mo 5,1a: „Dieses ist die Aufzeichnung der Geschichte Adams.“ Dies ist der Abschluss der Geschichte, die Adam aufgeschrieben hat. Interessant ist hier auch die Beobachtung, dass demnach die ersten Menschen schon nicht nur sprechen, sondern auch lesen und schreiben konnten. Offensichtlich hat Gott die Fähigkeit dazu miterschaffen. Aber warum sollte uns das wundern, wo doch die ursprüngliche menschliche Intelligenz direkt vom Schöpfer kam?
1 Mo 6,9a „Dieses ist die Geschichte Noahs.“ Dies ist der Abschluss der Geschichte, die Noah aufgeschrieben hat.
1 Mo 10,1a: „Dieses ist die Geschichte der Söhne Noahs.“ Dies ist der Abschluss der Geschichte, die Noahs drei Söhne zusammen aufgeschrieben haben.
1 Mo 11,10a: „Dieses ist die Geschichte Sems.“ Dies ist der Abschluss der Geschichte, die Sem alleine aufgeschrieben hat.
1 Mo 11,27a: „Und dieses ist die Geschichte Terachs.“ Dies ist der Abschluss der Geschichte, die Terach, der Vater Abrahams, aufgeschrieben hat.
1 Mo 25,19a „Und dieses ist die Geschichte Isaaks, des Sohnes von Abraham.“ Dies ist der Abschluss der Geschichte, die Isaak aufgeschrieben hat.
1 Mo 37,2a: „Dieses ist die Geschichte Jakobs.“ Dies ist der Abschluss der Geschichte, die Jakob aufgeschrieben hat. Und er gibt im Vers davor auch Ort und Zeit der Aufzeichnung an: „Jakob wohnte im Land, in dem sein Vater als Fremder lebte, im Land Kanaan.“
Bis hierher gehen die Aufzeichnungen, die auf Tontafeln geschrieben und überliefert wurden. Josef hat dann in Ägypten sicherlich die ägyptische Hieroglyphenschrift gelernt und die dortigen Schreibmaterialien benutzt. Und Mose hat später die althebräische Buchstabenschrift mit erfunden, die sich von ägyptischen Hieroglyphenzeichen ableitete. Ihm ist zuzutrauen, dass er dann auch die ihm vorliegenden alten Berichte in sein Werk mit übernahm.
Ein besonderer Hinweis auf die Richtigkeit dieser Sichtweise ist der, dass in keinem der genannten Tafel-Abschnitte irgendetwas steht, das aus einer späteren Zeit stammt. Die Berichte wurden also weder später geschrieben noch mit irgend etwas ergänzt. Die Form der Tontafeln war wohl sehr resistent gegenüber Änderungen und Fälschungen.
Wenn wir das soweit verstanden haben, werfen wir den Blick nun auf die Stelle, die in der obigen Auflistung noch fehlt:
1 Mo 2,4: „Dieses ist eine Aufzeichnung der Geschichte des Himmels und der Erde, wie sie geschaffen wurden. (Aufgezeichnet) am Tag, als Gott den Himmel und die Erde gemacht hatte.“ Hier gibt demnach Adam an, dass er diesen Bericht angefertigt hat am Tag nach der Schöpfung. Nehmen wir an, dass der siebte Tag, an dem Gott ruhte, noch zur Schöpfung gehört und dann der Tag danach gemeint ist. Das erste Werk nach der Schöpfung war also die Niederschrift von deren Geschichte.
Und woher konnte Adam diese Geschichte kennen vor seiner eigenen Erschaffung? Natürlich von Gott selbst, die Gemeinschaft mit ihm war ja noch ungetrübt. Stellen wir uns das also vor: Gott und sein Adam sitzen im Park Eden zusammen, natürlich mit Eva dabei, und Gott erzählt, wie er das alles gemacht hat, und Adam schreibt alles auf. Adam musste dazu natürlich die Keilschrift erfinden und üben, aber er hatte viel Zeit dazu, denn so etwas wie „Zeit“ lief damals noch nicht ab. So entstand das erste literarische Werk der Weltgeschichte, über dessen Vollkommenheit man sich nun auch nicht mehr wundern muss …