Gottessöhne und Riesen erscheinen in 1 Mo 6,1-8.
Hier der Abschnitt in eigener Übersetzung:

„Und die die Menschen fingen an, zahlreich zu werden
auf der Oberfläche des Erdbodens,
da ihnen ja auch Töchter geboren wurden.
Die Gottessöhne sahen dann die Menschentöchter, dass sie schön waren,
und aus allen nahmen sie sich Frauen, die sie sich aussuchten.
Und der Herr sagte:
‚Mein Geist soll nicht für immer in den Menschen bleiben,
denn mit ihrem Irren sind sie (als) menschlich (erwiesen).
Ihre Tage sollen (noch) 120 Jahre sein!‘
Die Riesen waren auf der Erde in jenen Tagen und auch danach,
nachdem die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen gegangen waren
und sie ihnen Kinder geboren hatten.
Jene waren die Machthaber von Anfang an, die Männer mit Namen.

Doch der Herr sah,
dass die Schlechtigkeit der Menschen zunahm auf der Erde.
Ein jeder hatte die Gedanken seines Herzens
nur auf das Böse gerichtet den ganzen Tag.
Und der Herrn bereute,
dass er den Menschen auf dem Erdboden gemacht hatte,
und wurde betrübt in seinem Herzen.
Dann sagte der Herr:
‚Auslöschen werde ich den Menschen, den ich erschaffen habe,
von der Oberfläche des Erdbodens,
Vom Menschen angefangen bis zu den gehenden Tieren,
zu den kriechenden Tieren und zu den Vögeln des Himmels.
Denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe!‘
Noah aber fand Gefallen in den Augen des Herrn.“

Anmerkungen:

Dieser Text über das Zeitalter vor der Flut gehört zu den rätselhaften Texten der Bibel. Man hat in der Tat auch schon sehr viel an ihm herumgerätselt. Dabei geht es im Wesentlichen um zwei Grundfragen: Wer sind die „Gottessöhne“? Und wer sind die „Riesen“? Es gibt einige vernünftig klingende, aber leider gegensätzliche Erklärungsversuche. Wie so oft ist im Zusammenhang der Schrift wieder die am ehesten klare Sichtweise zu finden:

Wer sind die Gottessöhne?

Mit „Söhne“ Gottes ist an einzelnen Stellen des Alten Testaments das Volk Israel gemeint (Ps 73,15; 5 Mo 32,5; Hos 2,1). Als stehende Redewendung „Söhne Gottes“ bezeichnet es allerdings auch eine Gruppe oberster Engel, die sich gelegentlich vor Gott versammeln, wie das Buch Hiob berichtet (Hi 1,6; 2,1; 38,7). Eine solche Engelversammlung vor Gott wird auch in 1 Kö 22,18 bzw. 2 Chr 18, 18 geschildert, allerdings ohne den Ausdruck „Söhne Gottes“. Mit dem ähnlichen Begriff „Göttersöhne“ werden Engel in Ps 29,1 und 89,7 bezeichnet. Sind die „Gottessöhne“ in 1 Mo 6 also Menschen, die vielleicht Gott noch treu waren, bis sie sich dann mit (bösen) Menschentöchern einließen? Oder sind es Engel, die sich von der Schönheit der Menschentöchter verführen ließen, sich zu materialisieren und Menschenfrauen zu heiraten?

Den Beleg, dass es Engel sind, erbringen im biblischen Zusammenhang je eine Stelle im Judas- und im zweiten Petrusbrief. Judas 1,6: „Und Engel, die sich nicht an ihren Herrschaftsauftrag hielten, sondern ihren Wohnraum verließen, hat er mit ewigen Fesseln unter tiefster Finsternis für das Gericht des großen Tages verwahrt.“ Und 2 Petr 2,4: „Gott verschonte ja auch Engel nicht, die sich versündigt hatten. Er verhaftete sie vielmehr und verbannte sie in Gruben tiefster Finsternis in die unterste Unterwelt, damit sie fürs Gericht verwahrt werden.“ Als Beispiele für Gottes Gerichtshandeln nennt Judas diese Engelbestrafung und anschließend die Zerstörung von Sodom und Gomorra. Petrus nennt ebenfalls diese zwei Beispiele und dazwischen zusätzlich die Sintflut. Mit Engelbestrafung, Sintflut und Sodom haben wir aber genau die Reihenfolge der Gerichte im ersten Buch Mose vor uns. Es bleibt da eigentlich kein Zweifel.

Das Ereignis dieser Engelversündigung und -bestrafung hat – mit viel Phantasie ausgestaltet – das außerbiblische Buch Henoch überliefert. Das Neue Testament berichtet davon allerdings einzig den wesentlichen Punkt. Es sind demnach nicht nur die böse gewordenen Menschen durch die Sintflut dahingerafft worden. Gott hat auch die Engel bestraft, die ihren Platz und Auftrag verlassen hatten, um bei den schönen Menschentöchtern zu wohnen.

Wer sind die Riesen?

Das hebräische Wort für die Riesen ist „Nefilim“. Dieses kommt nur an zwei Stellen im Alten Testament vor. Außer in 1 Mo 6 wird es nur noch in 4 Mo 13,33 gebraucht. Dort berichten die Kundschafter, die Mose in das Land Kanaan gesandt hatte, ihre Beobachtungen. Und der Schluss ihres Berichts ist dieser Vers 33: „Dort sahen wir auch die Riesen, und (vor ihnen) waren wir in unseren Augen wie Heuschrecken, und so waren wir auch in ihren Augen.“ In dieser Parallelstelle sind die Nefilim eindeutig sehr große Menschen, also „Riesen“. Das wird auch von der griechischen Übersetzung mit „gígantes“ so bestätigt. Bekräftigt wird diese Sichtweise auch von einem Einschub im hebräischen Text, der im griechischen fehlt. Da heißt es: „Dort sahen wir auch die Riesen – Nachkommen Enaks von den Riesen – …“

Die Nachkommen Enaks bzw. Enakiter als riesenhafte Menschen sind uns im Alten Testament dann schon sehr viel besser bekannt. (Manche Übersetzungen nennen sie „Anakiter“.) Sie wohnten im Land Kanaan unter den Amoritern und den Philistern. Bei der Einnahme des Landes durch die Israeliten vertrieb Kaleb zunächst drei namentlich bekannte von ihnen aus der Stadt Hebron. Danach rottete Josua mit dem Heer sie gänzlich von dort aus. Nur im Philisterland, das die Israeliten nicht einnehmen konnten, blieben sie übrig. Einer ihrer Nachkommen war später noch Goliat, der von David besiegt wurde.

Die „Riesen“ vor und nach der Sintflut waren also besonders große bzw. riesenhafte Menschen. Gott hatte demnach nicht nur die mannigfaltigen Hautfarben und Gesichtsformen genetisch in den Menschen angelegt, sondern auch große Unterschiede in der Körpergröße. Das Riesen-Gen hat sich dann in der Noah-Familie offensichtlich auch durch die Sintflut gerettet. Dass die „Riesen“ die „Machthaber“ waren, die „Männer mit Namen“, ist bei ihrer Körpergröße und -kraft eigentlich selbstverständlich. Die Riesen waren aber nicht die von den Gottessöhnen bei den Menschentöchtern gezeugten Kinder. Der Text sagt deutlich, dass sie schon vorher da waren, „und auch danach, nachdem die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen gegangen waren und sie ihnen Kinder geboren hatten.“ Was das für Kinder waren, bleibt ungewiss, jedoch sicherlich sterbliche Menschen, denn dieser Spuk ist mit der Sintflut von der Erde verschwunden.

Noch 120 Jahre

Die 120 Jahre, die Gott in strafendem Sinne über die vorsintflutliche Menschheit ausspricht, können keine Aussage über das Lebensalter sein. Denn vor und auch eine Zeit nach der Flut wurden die Menschen immer noch älter als 120. Später gibt Mose dann 70 bis 80 Jahre als Regel für das Lebensalter an (Ps 90). Es bleibt nur die Erklärung, dass Gott die 120 Jahre für die Menschen damals noch als Frist gesetzt hat, bis das Gericht kommt. Dann hat die Aussage den passenden Sinn. Und wenn Gott redet, braucht es Menschen, die ihn hören und das Gehörte weitergeben. Der Prophet Gottes in jener Zeit war Noah, ein „Verkünder von Gerechtigkeit“ (2 Petr 2,4), der all diese Dinge auch persönlich aufgezeichnet hat.

Mythologie

Dass es in alten Überlieferungen der Völker Bruchstücke der Wahrheit über die Anfänge der Menschheit gibt, ist bekannt. So gibt es auf der ganzen Welt Überlieferungen von der Schöpfung, dem Sündenfall, der Sintflut und auch dem Turmbau zu Babel. Dass es in früheren Zeiten Riesen gab, erzählen auch deutsche Sagen und Märchen. Dann gibt es z. B. in der griechischen Mythologie noch die Möglichkeit sexueller Verbindungen von „Göttern“ und Menschen. Insbesondere der „Göttervater“ Zeus war ein solcher Lüstling, der sich immer wieder von der Schönheit einer Menschenfrau zu Eskapaden hinreißen ließ. Er konnte sich in Frauen verlieben, sich in Menschengestalt ihnen nähern und Kinder mit ihnen zeugen. Herakles z. B. (lat. Hercules) war ein solcher Sohn von Zeus. Er hatte zwar übermenschliche Kräfte, war aber ein sterblicher Mensch. Die Parallele zu der biblischen Geschichte von Gottessöhnen und Menschentöchtern ist auffallend deutlich.