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Kategorie: Neues Testament (Seite 1 von 19)

Der verfluchte Feigenbaum

(Der verfluchte Feigenbaum – ein stark vereinfachter und gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Verfluchung des Feigenbaums“ des Buchs „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Ludwig Schneller beschäftigt sich in diesem Kapitel mit der Schwierigkeit, die einem in der Bibelstelle Mk 11,12-14 begegnet. „Als sie am anderen Tag aus Betanien hinausgingen, hatte er Hunger. In einiger Entfernung sah er einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und ging hin, ob er wohl etwas an ihm fände. Als er hingekommen war, fand er aber nichts an ihm als nur Blätter. – Es war freilich nicht die Zeit für Feigen. – Und er sprach laut aus zu ihm hin: „Nie mehr bis in Ewigkeit soll jemand Frucht von dir essen!“

Jesus sucht im Frühling, Anfang April Feigen an einem Feigenbaum. Da er von Betanien hinausgeht nach Jerusalem, muss das „in einiger Entfernung“ bei dem Dorf Betfage gewesen sein. Markus erklärt dazu ausdrücklich noch, dass es gar nicht die Zeit für Feigen war. Warum sucht Jesus dort also Feigen und verflucht dann den Baum, weil er keine hat? Das ist die Fragestellung, zu deren Lösung uns Ludwig Schneller mitnimmt:

„Eine genaue Beobachtung der Feigenbäume an Ort und Stelle im heiligen Land selbst wird uns hier die richtige Lösung geben. Dabei müssen wir von vornherein festhalten, dass der Feigenbaum zweimal im Jahr Früchte trägt. Wenn die Vegetation am Schluss des Sommers aufhört und die ersten winterlichen Stürme übers Land fegen, verliert auch der Feigenbaum im November oder Dezember seine Blätter und steht eine Zeit lang kahl und nackt da. Nur neben den noch kleinen Augen sieht man winzige Ansätze zukünftiger Feigen. Da sich diese erst im kommenden Frühjahr entwicklen, nennt man dieselben allgemein Frühfeigen.

Die wirklichen Spätfeigen bzw. Sommerfeigen dauern bis Oktober, an ganz besonders geschützten Stellen ausnahmsweise auch bis Dezember. Dagegen fangen im Frühjahr die Augen des Baums an zu schwellen, und auch die kleinen Fruchtansätze beginnen zu treiben. Und da diese kaum erbsengroßen Knollen schon seit Ende des Vorjahrs da sind, ja Bohnengröße erreichen, bevor die grünen Blätter aus den bereits stark schwellenden Augen hervorbrechen, kann man auch sagen, dass die Früchte vor den Blättern da sind. Im März aber treiben die jungen Blätter mit erstaunlicher Schnelligkeit hervor. Und nun entwickeln sich die Frühfeigen genau in demselben Tempo wie die Blätter. Jeden Morgen kann man bei günstigem warmem Wetter die Fortschritte beider deutlich wahrnehmen.

Im Jahr 1888 begannen die Feigenbäume anfangs März auszuschlagen. Am 10. März hatten die Frühfeigen schon die Größe von kleinen Kirschen. Ende März waren sie beinahe wie ausgewachsene Feigen, obwohl sie noch ganz hart und unreif waren. Ich zählte um diese Zeit die Frühfrüchte des Feigenbaums in meinem Garten und fand deren rund 1500. Da sich die Blätter mit den Frühfeigen gleichmäßig entwickeln, so ist klar, dass sich von einem Baum mit auffallend vielen schönen Blättern auch besonders gut entwickelte Frühfeigen erwarten lassen. Im Monat April nun, in welchem die Verfluchung des Feigenbaums stattfand, muss jeder ordentliche Feigenbaum schon Blätter haben, folglich auch Frühfeigen.

Dies gilt inbesondere von jenen milden Tälern, welche sich für Feigenbäume so vorzüglich eignen, wie Beit-Sachur bei Betlehem und Betfage. (D. h. Feigenhaus; „Fagg“ ist heute noch ein arabischer Ausdruck für Feigen.) Dort erfreuen sich die Feigen wie in alter so auch in neuer Zeit besonders guter Pflege und guten Gedeihens. Und die Entwicklung der Feigen ist sogar um mehrere Wochen voraus, weil beide Orte schon am wärmeren östlichen Abfall des Gebirges nach dem Toten Meer hin liegen.

Man kann somit sagen, dass jeder ordentliche Feigenbaum in der ersten Hälfte des April unreife Frühfeigen haben muss. Und dies darf noch viel mehr erwartet werden an einem für Feigen so günstigen Ort wie Betfage. Die Frühfeigen fallen zwar in unreifem Zustand leichter und zahlreicher ab als die Sommerfeigen (Offb 6,13), aber dies geschieht doch erst dann, wenn im Mai die Ansätze der Sommerfeigen hervorkommen, auf welche nun der größte Teil der Kraft des Baums verwandt werden muss.

Was ist nun damit zur Erklärung unserer Geschichte geholfen? Wenn es richtig ist, dass Jesus in der ersten Tagen des April in Jerusalem einzog und die Frühfeigen erst im Juni reif sein konnten, hätte er seinen Hunger nicht damit stillen können. Hier kommt aber wieder die Beobachtung der Sitten der Palästinenser zu Hilfe. Diese haben nämlich eine auffallende Vorliebe für unreife Früchte. Nicht nur Mandeln, Birnen, Aprikosen, Pflaumen usw. werden zum größten Teil unreif von ihnen gegessen. Auch die sauren, halbausgewachsenen Trauben werden von alt und jung gerne gegessen. Viele ziehen dieselben den süßen, reifen Trauben sogar bei Weitem vor.

Am allgemeinsten ist diese Sitte bei den Frühfeigen. Ich selbst habe den unreifen Frühfeigen nicht viel Geschmack abgewinnen können. Aber auch in der Jugendheimat Jesu, in Nazaret, konnten wir bei einem Gang über den Markt beobachten, dass man ein Pfund unreifer Feigen um ein Drittel teurer verkaufte als die reifen. Dieselben werden in hartem Zustand mit Salz gegessen und als besondere Delikatesse betrachtet.

Wenn man nicht besondere Wächter anstellt, wird daher die Frühfeige niemals reif. Alle Leute, namentlich auch die Kinder, halten es nämlich für ihr unbestreitbares Recht, die Frühfeigen in unreifem Zustand von allen Bäumen zu pflücken und sofort zu essen. Man hält dies für umsomehr erlaubt, weil die Frühfeigen nur zum geringeren Teil reif werden und viel leichter abfallen als die Sommerfeigen. Die Sommerfeigen wegzunehmen, wird dagegen allgemein als Diebstahl angesehen. Deshalb zieht jedermann im Sommer hinaus, um unter seinem Feigenbaum zu wohnen, nicht nur, um eine angenehm luftige Sommerwohnung zu beziehen, sondern auch, um seine Früchte zu behüten (Spr 27,18). Wahrscheinlich wurde die Sache zu Jesu Zeiten ebenso angesehen. Denn auch er wollte ohne Bedenken die Früchte eines Baums brechen, der ihm nicht gehörte. …

Stellen wir uns in die Lage des Herrn hinein. Er geht von Betanien nach Jerusalem und bekommt unterwegs Hunger. In der Gegend von Betfage stand eine Menge wohlgepflegter Bäume. Und so näherte er sich einem durch besonderen Blätterreichtum ins Auge fallenden Baum (denn Blätter hatten damals schon alle Feigenbäume), um von seinen Früchten zu essen. Nach dem Blätterschmuck zu urteilen, mussten diese besonders gut entwickelt sein. Nach allgemeiner Landessitte aß auch Jesus die Frühfeigen unreif. Aber siehe, der Baum hatte nicht eine einzige Frucht. Das fand der Herr unerhört und verfluchte den Baum. „Denn es war noch nicht Feigenzeit“, setzt Markus hinzu, welcher Leser voraussetzt, welche mit der Natur des Feigenbaums vertraut sind. Er will damit begründen, wie es möglich war, dass der Herr keine Feigen fand. In der Feigenzeit wäre die Sache undenkbar. Nur außerhalb derselben, also in der Frühfeigenzeit, konnte solches vorkommen.

Was hat nun Jesus mit der Verfluchung des Feigenbaums gemeint? Natürlich wollte er nicht den Baum bestrafen, der keinen Willen hatte, somit für seine Unfruchtbarkeit nicht verantwortlich war. Wir müssen uns in die Gedanken hineinversetzen, welche in jenen Tagen sein Herz beschäftigten. Jesus stand vor dem Abschluss seiner irdischen Laufbahn. Er war zu Israel gekommen, hatte aber keine Früchte gefunden. Vor kurzer Zeit hatte er seinen Jüngern ein Gleichnis von einem Feigenbaum gesagt, zu welchem sein Herr alle Jahre kam, aber niemals Frucht fand. (Lk 13,6-9.) Wieder stand der Mann eines Tages vor dem Baum, und wieder fand er keine Frucht. Hau ihn um! sprach er zum Gärtner, was hindert er das Land! Der Gärtner aber legte Fürbitte für den Baum ein. Nur noch auf ein Jahr; bliebe er auch dann noch unfruchtbar, sollte er umgehauen werden.

Dass dieser Feigenbaum Israel bedeutete, wussten die Jünger aus den Propheten ganz gut. Hier, kurze Zeit später, stand der Herr nun vor einem Feigenbaum und suchte Frühfeigen. Auch Israel war schon im Alten Testament mehrmals mit einer Frühfeige verglichen worden. Hosea sagt (9,10): „Wie eine Frühfeige ersah ich eure Väter in der Wüste“. Und Micha klagt (7,1-2): „Wehe, mir geht’s wie beim Obstsammeln, keine Frühfeigen, wonach mich gelüstet: verschwunden sind die Frommen aus dem Land.“

Was war denn Israel? Es war ein Baum, gepflanzt in einem Feigental, wo ihm, wie den Feigenbäumen in Betfage, auf besonders günstigem Boden besondere Sorgfalt und Pflege zugewendet wurde. Gott hat es gepflanzt, ihm sein Gesetz, seine Propheten, sichtbar gnädige Führungen geschenkt vor anderen Völkern. Die Zeit, da Menschen aus allen Völkern aufgepfropft werden sollten auf den Baum Israels, kam erst nach der Ausgießung des heiligen Geistes „über alles Fleisch“. Der Herr konnte also billig Früchte von Israel verlangen, noch bevor die Zeit der allgemeinen Ernte in der Völkerwelt anbrach.

Aber jener gnädige Plan Gottes wurde durch Israels sträfliche Verschuldung vereitelt. Weil der faule Baum Israel wohl schöne Blätter hatte (z. B. die gestrige Begeisterung, die Einholung Jesu mit königlichen Ehren in die Reichshauptstadt), aber keine Früchte hatte, wurde er in diesem Feigenbaum sinnbildlich verflucht. In demselben Kapitel Mt 21,43 sagt der Herr: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen werden und den Heiden gegeben, die seine Früchte bringen.“

Diese traurigen Gedanken bewegten in jenen Tagen das Herz Jesu. Im Geist sah er schon die rauchenden Trümmer Jerusalems, schon die Wagenburgen um die Stadtmauern. Er sah schon die tausend Ängste und Nöte, welche über die unglückselige Stadt kommen mussten. Diese Gedanken, die ihn bis zu seinem Todestag verfolgten, sprechen sich aus in jener Parabel vom Feigenbaum, in dieser Verfluchung des Baums, in seinen Tränen über Jerusalem, in seinen Worten über dessen Untergang, in seiner Antwort an die Töchter Jerusalems.

Daher gingen diese Gedanken auch in seine Worte und Taten über wie hier, wo er unterwegs hungernd an einem Feigenbaum Frucht suchte und keine fand. Und wie die alten Propheten Israels ihre ernsten Mahnungen nicht nur durch Gleichnisse, sondern durch sinnbildliche Handlungen eindrücklich zu machen suchten, so prägte auch der scheidende Herr seinen Jüngern eine so wichtige Wahrheit durch diese symbolische Handlung ein. Nicht nur die eine Lehre machte einen tiefen Eindruck auf sie, dass Israel umkommen müsse, sondern auch die andere, dass der Herr auch die Macht dazu habe, dass es ihn nur ein Wort koste, seinen Fluch zu vollstrecken.

So hat nun jeder einzelne Zug der Erzählung einen klaren Sinn. Die ganze fast prophetische Geschichte ist erfüllt von tiefer Bedeutsamkeit, von Gedanken, welche in jenen Tagen das Herz Jesu beschäftigten und einen Schlüssel zum Verständnis eines wichtigen Teils der Geschichte Israels bieten.

Der Einzug in Jerusalem

(Der Einzug in Jerusalem – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Der Einzug in Jerusalem auf einem Eselsfüllen (Mt 21,1-11; Joh 12,12-18) wird oft als eine besonders rührende Äußerung der Demut dargestellt. Dies ist nicht richtig. Denn der Esel war damals wie heute dasjenige Tier, welches von vornehm und gering am meisten benutzt wurde. Der Esel ist niemals etwa nur das Reittier der Ärmeren und Geringeren gewesen. So reitet z. B. der Pascha (Gouverneur) von Jerusalem immer auf einem Esel. Daher ist der Einzug des Herrn auf einem Eselsfüllen nicht, wie so häufig geschieht, als Zeichen der Demut aufzufassen.

Der Herr wollte an diesem Tag nicht in armer Knechtsgestalt, sondern mit dem entsprechenden äußeren Aufzug als ein König einreiten. Er ließ sich die ganze fürstliche Einholung mit Palmen und Psalmen und Jubelrufen der Großen und der Kleinen nicht nur gefallen, sondern billigte dieselbe. Schon längst hätte ihn das Volk mit seinem „Hosianna in der Höhe!“ als seinen Fürsten aus Davids Stamm einholen sollen. Auch dass der Herr selbst sich ein Füllen holen ließ, das noch unentweiht war, auf dem noch nie ein Mensch geritten war, erhöhte die Fürstlichkeit seines Einzugs.

Und Matthäus zitiert aus dem Propheten: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir!“ (Sach 9,9) – lauter Anzeichen, dass es hier nicht auf die Niedrigkeit, sondern auf die Herrlichkeit des Einzugs des sanftmütigen Friedenskönigs ankam. Wohl wusste er, dass es der Anfang zum Todeszug war. Aber er musste sich noch einmal so klar und deutlich wie möglich dem versammelten Volk als Messias darstellen.

Die übrige Festkarawane war nicht in Betanien geblieben, sondern bis Jerusalem weitergezogen. Wie ein Lauffeuer hatte es sich in der Stadt verbreitet, dass Jesus, den jedermann auszuliefern Befehl hatte, öffentlich mit der Festkarawane von Jericho heraufgezogen und drüben in Betanien geblieben war. Am nächsten Morgen musste er also hereinkommen. Welche Aufregung, welches Gewimmel war nach dem Ölberg zu auf der Feststraße sichtbar, während sich Jesus drüben in Betanien zum Aufbruch anschickte! Dort war es noch still, und keine störender Laut drang aus der bewegten Hauptstadt herüber. Etwa ein halbes Stündchen ging Jesus mit seinen Jüngern zu Fuß, bis sie in die Nähe von Betfage kamen. Da sandte er ins Dorf, um einen Esel zu bekommen, auf dem noch nie jemand gesessen war. Man war nun nicht mehr weit von Jerusalem entfernt, doch war dies noch vom Berg verdeckt.

Schon mochte eine Anzahl von Verehrern Jesu oder auch von Neugierigen dort angekommen sein, wo Jesus mit seine Jüngern auf das Reittier wartete. Jetzt sahen sie mit Überraschung, dass Jesus Anstalten traf, um mit einer gewissen Feierlichkeit einzuziehen. Zwei Jünger eilen hinein nach Betfage und erhalten für den Auferwecker des Lazarus sofort das gewünschte Tier. Das Volk begreift gleich, was gemeint ist. Ihre Kleider legen sie auf den in der Eile aufgeschnallten Sattel. Ja, nicht einmal sein Esel soll mit seinen Hufen den Erdboden berühren. Sie breiten ihre Mäntel auf den Weg, um die Königsstraße, auf der schon lange kein israelitischer König mehr einzog, festlich zu schmücken. Der Weg von Betanien nach Jerusalem war reich an Palmen-, Feigen-, Oliven- und Johannisbrotbäumen. Von ihnen hieben sie Zweige ab, streuten sie auf den Weg und schwangen sie in den Händen.

Eine ungeheure Begeisterung bemächtigte sich der Menge, wie sie schon in Galiläa einigemale auszubrechen im Begriff gewesen war. Damals war Jesus ausgewichen, heute nahm er die Huldigungen an. Von Minute zu Minute wuchs die Volksmenge. Wer ihr begegnete, schloss sich an. Jedermann wurde von der Begeisterung angesteckt. Und wie sie jubelnd und Hosianna rufend auf dem Ölberg vorwärts eilten, war es nicht anders, als wenn mit diesem Einzug das durch die Propheten verheißene, von allen ersehnte Messiasreich anbrechen sollte.

Es war ein anmutiger Weg, durch welchen der freudige Zug sich bewegte. Zu beiden Seiten nach der Andeutung des Johannesevangeliums wogende Palmkronen, links ein tiefes Tal, rechts der Anstieg zum Ölberg, zu welchem der niedrige Bergsattel gehörte, den sie überschreiten mussten. Auf diesem angekommen, erblickten sie auf dem gegenüberliegenden Berg die hochgebaute Stadt. Deren Anblick war nirgends so imponierend, wie an dieser Stelle. Die ganze Stadt trat hier vor dem majestätischen Tempel in den Hintergrund. Jerusalem! Jerusalem! So tönte es in den Herzen der begeisterten Pilger, und mit ihren frohen Huldigungsrufen begrüßten sie die alte Königsstadt.

(Im folgenden Abschnitt erzählt Ludwig Schneller richtigerweise, dass Jesus auf diesem Weg über Jerusalem geweint hat. Leider zitiert er dazu die Aussagen von Jesus in einem Gemisch von Bibelstellen (Mt 23,37; Lk 13,34; Lk 19,41), die teilweise an andere Plätze in der Geschichte gehören. Ich zitiere hier die eindrückliche Schilderung von Ludwig Schneller, aber mit der Aussage von Jesus, die uns Lukas genau an dieser Stelle berichtet:)

Jerusalem! Jerusalem! so tönte es, obschon in ganz anderem Sinne, auch im Herzen Jesu. Eine tiefe Wehmut bemächtigte sich seiner, als er Stadt und Tempel erblickte, die eben von den ersten Morgenstrahlen getroffen waren. Der ganze Schmerz seines Lebens drängte sich wie in einen Augenblick zusammen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Und während alles Volk rings um ihn sprang, jubelte, jauchzte und hundertstimmig Freudenpsalmen sang, stimmte er einen Trauergesang über Jerusalem an, wie er bitterer nicht sein konnte:

„Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden (dient)! Jetzt ist es aber vor deinen Augen verborgen, dass Tage über dich kommen werden, da deine Feinde dich mit Palisadenwällen belagern, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten packen werden. Sie werden dich dem Erdboden gleichmachen, auch deine Kinder in dir, und werden keinen Stein auf dem anderen lassen in dir, dafür, dass du die Zeit deiner Verantwortung nicht erkannt hast.“ (Lk 21,42-44).

Einst war auf denselben Berg Moria, als noch kein Tempel und keine Stadt darauf stand, sondern nur eine einsame Felshöhe, ein tiefbekümmerter Vater hinaufgezogen, seinen Sohn zu opfern. Jetzt ging das Kind Gottes selbst auf denselben Berg hinauf, um zu sterben. Tränen standen noch in seinen Augen, als er mit der jubelnden Menge hinabritt ins Kidrontal. Links lag Siloah mit seinen stillen Wassern. Am Garten Getsemani zogen sie vorüber. Die Brücke des im April längst verschwundenen Bachs Kidron wurde überschritten. Schon brach sich das Echo des jauchzenden Volks droben an hohen Stadt- und Tempelmauern. Nach zehn Minuten war der Zug am goldenen Tor, dem prächtigsten Tor Jerusalems. Durch dieses zog man direkt auf das Tempelgelände hinein. Jetzt schallten die Jubelrufe über den Tempelplatz mit seinen Vorhöfen, hinein in die Straßen der Stadt und hinauf zum Zion. Hier im Bereich der Hohenpriester und Pharisäer legten sich endlich die Wogen der Begeisterung.

Die Trompeten kommenden Gerichts und die Halljahrsposaunen künftiger Gnade tönen aus den Worten, mit welchen Jesus nach ein paar Tagen den Tempel Jerusalems für immer verließ. „Euer Haus soll euch wüste gelassen werden, bis ihr den verkannten Messias begrüßt mit demselben Ruf, wie vorhin die jubelnde Volksmenge: ‚Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!'“. Jesus hat nach diesen Worten den Tempel nie wieder betreten. Der nächste große Volkszug ging nach Golgota.

Die Salbung in Betanien

(Die Salbung in Betanien – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Wie heimatlich klingt uns der Name jenes Dörfleins, welches um seines gastlichenen Hauses willen geliebt ist in der ganzen weiten Christenheit! Das letzte Dörflein vor der östlichen stillen Wüste war doch nur ein Stündlein von Jerusalem entfernt. So eignete es sich besonders gut für den Herrn, wenn er sich aus dem lauten Festtreiben der Stadt abends zurückziehen wollte. Mit der Pracht der alten Königsstadt drüben ist auch Bethanien müde in den Staub gesunken. Und die letzten Spuren jenes Hauses, in welchem unser Herr einst gerne ruhte, hat der Sturm der Jahrhunderte längst verweht.

Nur ein armseliges Dörflein mit wenigen Hütten, „Lazarusdorf“ Elazaríje genannt, steht heute an der Stelle des alten Bethanien und grüßt von seiner anmutigen Höhe am Weg nach Jericho aus dem Schmuck grüner Bäume ins tiefe Tal hinab. Aber wo immer das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da sagt man auch heute noch zum Gedächtnis der Maria von Betahnien, was sie beim Beginn der Leidenswoche dort an unserem Herrn getan hat.

Am Sonntag vor Ostern* war Jesus wieder in Bethanien. Wir können uns kaum vorstellen, welch freudige Aufregung seine Ankunft dort hervorrief. Wie Osterglanz lag es ja noch über der Tür des Lazarus, durch welche dieser vor kurzem tot hinausgetragen worden war. Damals war Jesus so rasch davongeeilt, dass man ihm kaum recht danken konnte. Nun war er wieder da. Jeder suchte ihm seine Dankbarkeit auf seine Weise auszudrücken. Zunächst wurde ihm zu Ehren ein Gastmahl zugerichtet, natürlich ein Abendmahl. Und wie man heute noch bei Familienfestlichkeiten oft mit förmlichem Ringkampf sich darum streitet, in wessen Haus der Verwandten oder Bekannten man Einladung und Festmahl bereiten darf, so hatte sich diesmal Simon „der Aussätzige“ die Ehre ausgebeten.

Die Gesellschaft war beisammen. Ein oder mehrere Ampeln, entweder auf hohem Leuchter oder vom Gewölbe herabhängend, verbreiteten ihr Licht über die Tischgesellschaft. Die schon vorher festliche Stimmung und Erwartung der Jünger wurde durch die begeisterte Dabkbarkeit aller Tischgenossen noch gehoben. Und doch – ungetrübt war die Feude nicht. Eine Ahnung des Todes schwebte unausgesprochen über der abendlichen Tischgesellschaft. Gehörte doch schon einiger Mut dazu, eine solche Einladung Jesus zu Ehren zu veranstalten. Hatten doch die Hohepriester drüben jenseits des Berges jedermann bei Strafe geboten, ihn auszuliefern. Und war doch selbst Lazarus in den letzten Wochen seines Lebens nicht sicher gewesen, nur weil er auferweckt worden war.

Einige ernste Akkorde tönten in die frohe Tischgesellschaft hinein durch eine Tat der Maria und die angeknüpften Worte des Herrn. Während die emsige Marta hinter den auf den Teppichen und Kissen zu Tisch Liegenden umherging und diente, trat auch die stille Maria heran, die sich bisher ferne gehalten hatte (Mt 26,7). Es war ja überhaupt nicht Sitte, dass die Frauen bei solchen Gelegenheiten mit den Männern zu Tisch lagen. Für ihre dankbare Liebe, wie für ihre trüben Ahnungen fand sie, die sich mit Worten nicht zu sagen getraute, was sie empfand, eine rührenden Ausdruck. Sie allein hatte die Todesverkündigungen des Herrn ernst genommen, mehr als alle Jünger. Dass der Herr, der so leutselig und mit solcher Seelenruhe bei ihnen zu Tisch war, seinem Tod so nahe sei, das erfüllte sie mit unaussprechlicher Wehmut.

Noch einmal, sie ahnte das letzte Mal, wollte sie dem Herrn ihre unbegrenzte Hochachtung und Dankbarkeit zeigen. Sie trat hinter Jesus, welcher auf den Teppichen lag, den Ellbogen auf ein Kissen gestützt. Sie brach ihr Glas mit unverfälschter köstlischer Narde auf, goss es auf sein Haupt und salbte mit dem Rest seine Füße. Dann beugte sie sich vollends ganz auf den Boden herab, löste ihr Haar und trocknete damit seine Füße ab, welche auf dem Teppich nach hinten ausgestreckt lagen. Ein Wort der Erklärung auszusprechen, wagte sie nicht. Aber der Herr nahm ihr das Wort aus dem Herzen und legte es ihr und den Jüngern bedeutsam aus. „Sie ist zuvorgekommen, meinen Leib zu salben zu meinem Begräbnis.“ Gesalbt zu seinem Tod erhob sich Jesus an jenem Abend, um mit den Geschwistern Lazarus nach Hause zu gehen. Er hatte wohl zum letztenmal auf Erden einem solchen Gastmahl beigewohnt.

Wohlgerüche über Tisch im Zimmer zu verbreiten, ist bis zum heutigen Tag eine beliebte Sitte bei den Orientalen. Mit großer Mannigfaltigkeit wissen die Araber den Blumen und Pflanzen ihre süßesten Düfte zu entlocken und in Wassern festzuhalten. Rosenwasser und andere aromatische Flüssigkeiten befinden sich in jedem besseren Haus. Besonders bei Gastmählern müssen die Wohlgerüche zur Geltung kommen. Die Limonade, welche man dem ankommenden Gast reicht, mundet mit einigen Tropfen Rosenwasser doppelt gut. Und gerne gibt man jedem Tischgast, den man schon beim Eintritt ins Haus mit wohlriechenden Wassern besprengt, bei Tisch noch ein duftendes Sträußchen wohlriechender Kräuter und Blumen in die Hand. Aber auch wohlriechende Wasser werden zuweilen über den dasitzenden Gast gegossen.

Soeben, während ich dies schreibe, komme ich von einem Besuch bei wohlhabenden Arabern in Betlehem. Die Leute, welche sich über den Besuch freuten, wollten mir eine besondere Aufmerksamkeit erweisen. Da nahm die Hausfrau, während ich auf den Polstern saß, ein Fläschchen mit wohlriechendem Wasser, öffnete es und goß die Hälfte davon über meinen Kopf, sowie über Kleider und Hände, sodass das ganze Zimmer von dem Duft erfüllt wurde.

Bei der Handlung der Maria war nur ungewöhnlich, dass sie eine so außerordentlich kostbare Salbe für diesen Zweck benutzte. Maria hat eben auch in diesem Stück getan, was sie konnte. Alles, worüber sie zu diesem Zweck verfügen konnte und durfte, hatte sie aufgewandt. Denn für den Herrn war ihr selbst das Beste noch nicht gut genug. Darum bekam sie aus dem Mund des Heilands auch eine so schöne Anerkennung.

*Nach der Datierung von „Das Leben des Messias„, die den essenischen Kalender berücksichtigt, war dieses Ereignis am Donnerstag davor.

Der goldene Becher

Der goldene Becher erscheint in Offb 17,4b in der Hand der großen Hure Babylon. „Sie hatte einen goldenen Becher in ihrer Hand, voll mit Gräueln und dem Unreinen ihrer Unzucht.“ Das griechische Wort „potérion“ meint ganz allgemein ein Trinkgefäß. Es kann die Form eines Bechers oder eines Kelchs haben, es kann aus Keramik, Glas oder Metall bestehen. Der „Becher“ in der Hand der Hure ist golden.

Nun haben wir ja schon gesehen, dass in der Offenbarung diese große Hure das Gegenbild der Braut des Lammes ist. Sie reitet auf dem Tier, das wir als den dämonischen Antichristen kennen. Wie der Messias Jesus eine reine Braut hat, so hat der Antichrist eine gräuliche Hure. Und wie sich der Antichrist als „Messias“ ausgibt, so gibt sich die Hure als „Gemeinde“ aus, als „christliche“ Kirche. In ihrer Hand sieht Johannes den goldenen Becher.

Und bei genauem Hinsehen ist dann auch dieser goldene Becher ein Gegenbild. Denn auch die Gemeinde des Messias hat einen Becher. Sinnbildlich hat Jesus von diesem Becher schon im Garten Getsemani gesprochen, als er darum bat, wenn es irgend möglich wäre, dass er an ihm vorbeigehen solle. Wir kennen die Geschichte: Er musste ihn austrinken bis zum letzten Tropfen, den Becher des Leidens und Sterbens am Kreuz.

Konkret hat Jesus diesen Becher dann seinen Jüngern gereicht beim letzten Mahl mit ihnen. „Dieser Becher ist die neue Bestimmung in meinem Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung von Sünden. Tut das, sooft ihr (von ihm) trinkt, um an mich zu denken!“ (Mt 26,28; Mk 14,24; Lk 22,20; 1 Kor 11,25). In diesem Becher des Leidens und Sterbens ist symbolisch Jesus selbst enthalten. Mit dessen Trinken sollten sie immer daran denken, dass Gott eine neue Bestimmung getroffen hat, wie er nun Menschen durch den Glauben an das Sühnopfer von Jesus am Kreuz retten und zu sich ziehen wollte. Der Inhalt dieses Bechers ist also das reinste und heiligste, was die christliche Botschaft zu bieten hat. Es ist die Botschaft vom Lamm Gottes, das geopfert wurde für die Sünden der Welt.

Dass wir mit Brot und Wein beim Mahl des Herrn nichts von Jesus abbeißen oder wegtrinken, habe ich an anderer Stelle schon deutlich gemacht. Auch dieser Becher gehört zur prophetischen Symbolsprache, mit der uns im Neuen Testament reichlich Gottes Geheimnisse aufgeschlossen werden. Das wirkliche In-uns-Aufnehmen von Jesus mit all seinen Gaben geschieht nach dem Zeugnis des Neuen Testaments durch dem Empfang des heiligen Geistes. In ihm wohnt der Messias Jesus in uns.

Der Becher, den Jesus seinen Jüngern gab, war nicht golden. Auch seine Gemeinde hat nach seinem Vorbild ganz sicher nicht mit goldenen Gefäßen hantiert. Andererseits ist der goldene Mess- oder Abendmahlskelch das zentrale Symbol des kirchlichen Gottesdienstes. Oder sollten wir besser sagen „Götzendienstes“? Denn der goldene Becher in der Hand der Hure Babylon ist „voll mit Gräueln und dem Unreinen ihrer Unzucht“. In der Hand einer weltlichen, sündigen, unreinen Kirche ist auch der Becher des Opfers von Jesus zum Symbol grenzenloser Unreinheit geworden. Den Jesus, den man mit allen kirchlichen Strukturen und Gebräuchen von vorne bis hinten leugnet, den will man im goldenen Becher verehren und „austeilen“ …

Harmagedon

Harmagedon ist nach Offb 16,16 der Platz, an dem die dämonischen Mächte die Könige der Welt zur letzten Schlacht versammeln. Deshalb spricht man auch von der „Schlacht von Harmagedon“. Das Wort Harmagedon ist ein hebräischer Ausdruck, der in griechischen Buchstaben „Harmagedóon“ lautet, mit einem langen betonten offenen O am Ende. Die einzig naheliegende Erklärung des Wortes im Herbräischen ist „Berg von Megiddo“. „Har“ heißt auf jeden Fall „Berg“, und „Magedon“ klingt nach der Stadt Megiddo. Megiddo war in alttestamentlichen Zeiten eine Stadt mit einer wichtigen Festung in Zentralisrael auf einem Berg, der an der Ebene Jesreel liegt. Und dort haben in der Geschichte Israels tatsächlich schon etliche bedeutende Schlachten stattgefunden. Dazu würde es gut passen, wenn dort auch die letzte Schlacht stattfände.

Die Versammlung der Könige zum Har Magedon ist der Inhalt der sechsten Schale der Wut Gottes, die auf die Erde ausgegossen wird. Nach dieser Schlacht ist dann mit der siebten Schale die Zeit dieser Wut-Gerichte vorbei. Zuvor war die Entrückung der Gläubigen geschehen, und sie standen vor dem Thron Gottes im Himmel (Offb 15). Dann wurden auf die gerichtsreife Erde die Schalen der Wut Gottes ausgegossen (Offb 16). Und die dämonisch verführte Menschheit erhebt sich trotz (oder wegen?) dieser Gerichte ein letztesmal gegen Gott. Nur dass Offb 16,16 den Ausgang der Schlacht gar nicht mehr berichtet. Es ist wohl selbstverständlich, wie sie endet.

Wenn mit dieser Schlacht die Schalen-Gerichte vorbei sind, wie es Offb 16,17 zum Ausdruck bringt, dann findet das anschließend geschilderte große Erdbeben tatsächlich nicht hinterher, sondern gleichzeitig statt. Während der Schlacht fallen also gleichzeitig auf der ganzen Welt die Städte ein. (Auch die Kirchtürme fallen ein, auch die Sagrada Familia, alles umsonst gebaut …)

Wer mehr über Verlauf und Ausgang der Schlacht von Harmagedon lesen will, muss dann den Einschub über die große Hure Babylon in den Kapiteln 17 und 18 überblättern bis zum 19. Kapitel. Dort preist zuerst die Menge im Himmel Gott für sein Gericht über die große Hure. Dann erfolgt im Himmel die Hochzeit des Lammes. Danach kommt der Messias in Gestalt eines Reiters als Anführer der Truppen des Himmels auf die Erde. Und dann erfolgt keine eigentliche Schlacht, sondern zunächst die Verhaftung und Entsorgung der an- und verführenden Dämonen im Feuersee. Alle anderen werden einfach getötet. Nicht in einer wirklichen Schlacht werden sie getötet, sondern durch das Schwert, das aus dem Mund des Messias in Gestalt des Reiters kommt. Das heißt, er spricht ein Wort, und sie sind tot.

Die Beschreibung des Reiters in Offb 19,15 hat eine Parallele an einer weiteren Stelle der Offenbarung. Die „Weinkelter der Wut des Zornes Gottes“, die er tritt, erscheint auch schon im 14. Kapitel. Dort wird zuerst in den Versen 14-16 im Bild einer Getreideernte die Entrückung der Gläubigen geschildert. Danach kommt in den Versen 17-20 im Bild einer Weinernte das Gericht Gottes über die Erde. Die in den Kapiteln 15 und 16 geschilderten Gerichte der Wut-Schalen gehören alle zum letzten Gericht Gottes über die irdische Welt. Und das Treten dieser „Kelter der großen Wut Gottes“ ist nach Offb 19,15 die Aufgabe des Messias-Reiters, der kommt.

Somit ist diese Schlacht von Harmagedon der Höhepunkt und Abschluss der letzten Gerichte Gottes über die Menschen dieser Welt. Die Entrückung der gläubigen Gemeinde hatte davor stattgefunden. Und die Entrückung beinhaltet die Auferstehung der im Herrn zuvor schon Verstorbenen. Die sichtbare Ankunft des Messias auf der Erde geschieht dann laut dem Propheten Sacharja auf dem Ölberg bei Jerusalem (Sach 14,4). Die dazugehörige Vernichtung der Nationen, die gegen Jerusalem herangezogen sind, hat auch Sacharja schon von Gott gehört (Sach 12,9). Die ausführlichste prophetische Sicht dieser letzten Schlacht ist aber beim Propheten Hesekiel in den Kapiteln 38 und 39 zu finden

Das Meer aus Kristall

Das Meer aus Kristall erscheint in der Offenbarung an zwei Stellen:

4,6a: „Vor „dem Thron ist etwas wie ein Meer aus Kristall, wie Eis.“

15,2: „Und ich sah etwas wie ein Meer aus Kristall mit Feuer vermischt,
und die, die gesiegt hatten – heraus aus (dem Machtbereich)
des Tieres, seines Bildes und der Zahl seines Namens.
Sie standen an dem Meer aus Kristall und hatten Gottes Harfen.“

Es lohnt sich, die Stellen im Zusammenhang nachzulesen. Johannes ist im Geist entrückt in die himmlische Welt Gottes. Er sieht dort den Thron Gottes und vor dem Thron dieses Meer aus Kristall. Man könnte statt „Kristall“ auch „Glas“ übersetzen. In 4,6 gibt Johannes zusätzlich die Erklärung „wie Eis“ und in 15,2 den optischen Eindruck „mit Feuer vermischt“. Die Formulierungen „wie“ und „etwas wie“ bestätigen uns, dass wir uns auch hier im Bereich der prophetischen Symbolsprache bewegen. Johannes sieht etwas irgendwie Festes und irgendwie Durchsichtiges in der Fläche und Größe eines Blickes aufs Meer.

Die einleuchtendste Erklärung für diese durchsichtige Fläche ist, dass es hier symbolisch um die Grenze zwischen der irdischen und der himmlischen Welt geht. Oberhalb ist die himmlische Welt Gottes, die für die Menschen unsichtbar ist. Unterhalb ist die irdische Welt der Menschen, die vor Gottes Augen offen daliegt. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang zwar von „oben“ und unten“, es ist aber klar, dass auch das nur Ausdrücke der prophetischen Bildersprache sind. In Wirklichkeit geht es um Dimensionen, die unsere Vorstellung von Raum und Zeit übersteigen.

Wenn in 15,2 die, welche gesiegt haben, mit Gottes Harfen an diesem Meer stehen, sind sie entrückt in die Welt Gottes Es ist die auferstandene und entrückte Gemeinde. Sie haben ja gesiegt – heraus aus dem Machtbereich des Tieres in der irdischen Welt. Und nun stehen sie vor dem Thron Gottes und singen ihr Siegeslied. Woher hätten sie denn sonst auch „Gottes Harfen“?

Eine Parallelstelle zu diesem Meer aus Kristall finden wir im Alten Testament, und zwar beim Propheten Hesekiel, Kapitel 2:

2,22: „Und über den Köpfen der Lebewesen war etwas Ähnliches
wie eine Wölbung, im Aussehen wie Eis, befestigt oben über ihren Köpfen.“

Hesekiel hatte ebenfalls eine Vision vom Thron Gottes. Der Unterschied zu Johannes ist, dass er nicht in den Himmel entrückt war. Der Thron Gottes war vielmehr zu ihm auf die Erde gekommen. Die vier Lebewesen sind die Thronengel Gottes, die Cherubim. Zusätzlich zu diesen und bei ihnen sah er noch vier dreidimensionale Räder, mit denen sich der Thron auf der Erde fortbewegte, also eine Art Thronwagen.

Die „Wölbung“, von der Hesekiel spricht, ist uns aus dem Schöpfungsbericht bekannt. Gott erschuf als Trennung zwischen dem Wasser oben und dem Wasser unten die Wölbung und nannte sie „Himmel“. Und in der Tat ist in der erfahrbaren Welt die Himmelswölbung die Grenze für unseren Blick, wenn wir nach oben schauen.

Johannes sah die vier Thronengel allerdings oberhalb, Hesekiel aber unterhalb der durchsichtigen Fläche. Das könnte damit zusammenhängen, dass sie zu Hesekiel heruntergekommen sind in die irdische Dimension. Aber auch hier sollten wir dran denken, dass es das Phänomen der prophetischen Unschärfe gibt, wenn Menschen den Realitäten der geistlichen Welt begegnen.

Jesus und die Feste

(Jesus und die Feste – ein Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Beobachtungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Schon an jenem Laubhüttenfest (sein letztes im Herbst 29) war Jesus das Tagesgespräch. Wider eigenes Vermuten war er noch gekommen, und sein Erscheinen erregte allgemeines Aufsehen. Bestimmte Beschäftigungen hatten ja die Festpilger, welche acht bis vierzehn Tage in Jerusalem blieben, nicht. Um so mehr fanden sie Muße, solche Angelegenheiten, Hoffnungen, Befürchtungen, welche die ganze Nation betrafen, mit bekannten und unbekannten Volksgenossen zu besprechen.

Ähnlich ist es auch heute noch bei den Festpilgern in Jerusalem. Die gemeinsamen Angelegenheiten bewegen sie mehr als sonst. So sind auch die Muhammedaner nie so fanatisch wie bei ihren religiösen Festen oder zur Zeit der Mekka-Pilgerfahrt. Und man tut als Christ wohl daran, dieselben in dieser Zeit nicht zu reizen.

So bildete auch bei den alten Festen „die Hoffnung Israels“ das Tagesgespräch. Es mochte damals unter den tausenden von Laubhütten in und um Jerusalem wohl kaum eine geben, in welcher nicht aus Anlass de Anwesenheit und der Worte Jesu die Frage des Messias erörtert worden wäre. Sobald er im Tempel erschien, sammelten sich sofort in den Höfen dichte Volkshaufen um ihn. Und gerade weil er nicht als offizieller Lehrer auftrat, gestalteten sich seine Reden oft zu den lebhaftesten Debatten.

Das Interesse für ihn war um so mehr angeregt, als durch die zusammenströmenden Karawanen gerade in den Festtagen alle Nachrichten von seinen Reden und Taten wie in einem Brennpunkt zusammentrafen. Und es ist keineswegs nur Zufall oder nur im Interesse der Chronologie, dass wir die Dauer der Wirksamkeit Jesu stets nach den Festen einteilen, welche er besucht hat. Wer die Geschichte Jesu kennt, der weiß, dass gerade die Feste Jerusalems Brennpunkte und Wendepunkte waren für die Stellungnahme Israels zum Herrn.

In den festlosen Zeiten hatte Jesus verhältnismäßig Ruhe. Aber in den Festzeiten geriet alles in Bewegung und Fluss. Und aus diesem Grund zog Jesus zu den Festen hinauf nach Jerusalem wie ein Feldherr, der in die Entscheidungsschlacht zieht. Denn entscheiden konnte sie seine Sache nur in Jerusalem, und niemals passender als an einem der Nationalfeste. Hier traf er nicht nur auf die Hohenpriester und die leitenden Kreise Israels, sondern auf das gesamte feierlich versammelte Volk. Darum sind jene Feste die bedeutsamsten Zeiten im Leben des Herrn. Hier hat er seine ganze Energie zusammengefasst, hier hat er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, Zeugnis abzulegen vor allem Volk.

Fast möchte man sagen: noch mehr Plan und Vorbedacht als sonst zeigen seine Jerusalemer Reden. Nicht einzelne Lehren über Versöhnlichkeit, christliche Sorglosigkeit, Privatgebet, persönlichen sittlichen Wandel vernehmen wir da, wie in seinen galiläischen Reden. Sie beziehen sich vielmehr ausschließlich auf die große Fage, ob Israel die Wahrheit, das Leben, das Licht, seinen Messias annehmen wolle oder nicht. Sie drehen sich immer um seine eigene Person als den Sohn Gottes. Hier musste dies alles gesagt werden, so sehr es auch Anstoß erregen mochte, „auf dass die keine Entschuldigung haben“. Hier allein konnte Jesus vor dem ganzen Volk Israel reden.

Darum die ernsten und grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit dem Volk und seinen Obersten. Darum hat Jesus dort jeden möglichen Ton angeschlagen, den Ton ernster Warnung und Drohung, den Ton lockender Liebe des guten Hirten, den Ton schmerzlicher Wehmut: „Warum kennt ihr den meine Sprache nicht? Ihr könnt ja mein Wort nicht hören!“ Welches ungeheure Aufsehen gerade diese seine Reden erregt haben, zeigt am deutlichsten der Umstand, dass man mehrmals nach solchen Reden versuchte, ihn zu fangen oder zu steinigen.

Auf seinen Festen allein konnte sich Israel entscheiden und hat es auch getan. Auch aus diesem Grund galt es: „Es tut’s nicht, dass ein Prophet umkomme, außer in Jerusalem!“ (Lk 13,33). An einem Fest wurde er auch getötet. Es war das traurigste Fest, das Israel veranstaltete, das aber aus Nacht in Licht umschlug, in ein Fest ewiger Erlösung für alle Welt.

Nicht zurückgezogen von der festlichen Karawane, wie bei jenem Laubhüttenfest im Herbst, sondern inmitten der festlichen Scharen ging Jesus im nächsten Frühling zu diesem letzten Passafest hinauf gen Jerusalem. Von Ephraim in Juda brach er auf nach der Hauptstadt. Schon zogen von allen Seiten die Scharen dorthin, als er nahe bei Jericho zu einer Festkarawane stieß, unter welcher er wohl manches bekannte Gesicht begrüßte. Viele der Galiläer liebten den Herrn. Und dass er gleich in Jericho so öffentlich einige Wunder tat, erfüllte sie mit hohen Erwartungen. Erstaunt waren sie freilich darüber, dass er so offen und furchlos mit ihnen ging. Denn wie man in Jerusalem gegen ihn gesinnt war, konnte keinem Besucher der Feste verborgen sein.

Von Jericho bis Jerusalem hatten sie noch eine kleine Tagesreise zurückzulegen. Jesus ging gelassen unter den Pilgerscharen hinauf von Tal zu Tal, von Hügel zu Hügel, mit seinen Jüngern eine besondere Gruppe bildend. Die Karawane konnte bei dem schluchtenreichen Charakter der Wüste nicht immer eng geschlossen bleiben. Die ersten mochten von den letzten wohl eine Viertelstunde oder mehr entfernt sein. Die einen gingen zu Fuß, wie Jesus und seine Jünger. Die anderen ritten auf Eseln und Maultieren, welche zugleich ihr Gepäck trugen. Die kleine Gruppe, mit welcher Jesus, der Prophet, einen Wanderstab vielleicht in der Hand, dahinschritt, bildete den Mittelpunkt des Interesses der Karawane. Dass er sich endlich einem solchen festlichen Zug anschloss, dass seine Sache endlich zum Durchbruch kommen musste, das versetzte sie in eine gehobene Stimmung. Sie träumten wohl schon von einem glänzenden Einzug in Jerusalem.

Im großen Gegensatz hierzu und zu den Festpsalmen standen die Worte Jesu. Er wusste, dass die Todesstrafe wartete, und ruhig besprach er die kommenden Ereignisse mit den Jüngern. Aber auch sie wollten heute vom Sterbegedanken nichts wissen. Gestern oder vorgestern schon hatte Salome für ihre Söhne um die beiden Ehrenplätze in dem Reich gebeten, das Christus da droben in Jerusalem aufrichten sollte. Damals hatten sich die anderen Jünger darüber geärgert. Aber der Gedanke hatte doch auch für sie eine eigentümliche Anziehungskraft. Die frohe Stimmung der Festkarawane wirkte ansteckend auf sie. In weiter Ferne sahen sie schon von Jericho an von jeder Höhe der zahlreichen Hügel die Spitze des Ölbergs. Dort, hinter dem Berg, lag Jerusalem, die Königsstadt Davids, des Ahnherrn Jesu, mit ihren strahlenden Zinnen. Darum stritten sie, während Jesus, den keiner verstand, allein vorausgung (Mk 10,32), um die ersten Plätze in seinem Reich.

Ein schmerzliches Lächeln mag beide Male auf seinem Antlitz gelegen haben, als er solche Hoffnungen zurückwies. Sie wussten wirklich nicht, was sie gebeten und worum sie gestritten hatten. Sie sahen da drüben hinter den Bergen nur eine hellschimmernde Königskrone, die ihres Meisters Haupt zieren sollte. – Er sah eine Dornenkrone und ein blutig bleiches Angesicht und wusste, dass seine Jünger allerdings diese Krone mittragen sollten.

Abendmahl

„Abendmahl“ ist die in protestantischen Kreisen übliche Bezeichnung für das Mahl, das Jesus für seine Jünger eingesetzt hat. Er hat am Abend vor seiner Verhaftung mit ihnen das Pessach-Mahl gefeiert und dann sein Mahl eingesetzt, daher der Name „Abendmahl“. Im Neuen Testament wird es allerdings an keiner Stelle so bezeichnet. Paulus nennt es in 1 Kor 11,20 das „Mahl des Herrn“. Und in 1 Kor 10,21 spricht er vom „Tisch des Herrn“. So scheint in den Gemeinden die übliche Bezeichnung gewesen zu sein, jedenfalls finden wir keine anderen. Vielleicht sollten wir diese Ausdrucksweise dann auch übernehmen.

Wenn wir die Bedeutung dieses Mahls verstehen wollen, müssen wir allerdings theologischen Ballast abwerfen. In fast 2000 Jahren Kirchengeschichte hat sich vieles an „Eucharistie“, „Abendmahl“, „Sakrament“, „Feiern“, „Austeilen“, „Kelch“, „Hostie“ u. ä. angesammelt. Legen wir das alles weg und schauen ins Neue Testament. Als Jesus das Mahl einsetzte, hat er in einfachen Worten gesagt, was er meint. Schauen wir uns die Aussagen an, ich habe sie aus Matthäus, Markus, Lukas und dem ersten Korintherbrief zusammengestellt:

„Und während sie (noch) aßen, nahm Jesus Brot,
dankte, pries Gott, brach es, gab es seinen Jüngern und sagte:
‚Nehmt, esst! Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.
Tut das, um an mich zu denken!‘
Genauso nach dem Essen (nahm er) auch den Becher,
dankte, gab ihnen den und sagte: ‚Trinkt alle daraus!‘
Und sie tranken alle daraus. Und er sagte ihnen:
‚Dieser Becher ist die neue Bestimmung in meinem Blut,
das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung von Sünden.
Tut das, sooft ihr (von ihm) trinkt, um an mich zu denken!
Amen, ich sage euch:
Ich trinke von jetzt an nicht mehr von dieser Frucht des Weinstocks
bis zu jenem Tag, an dem ich von neuem mit euch davon trinke
im Reich Gottes, meines Vaters.'“

Jesus hat mit seinen Jüngern an jenem Abend das Pessach-Mahl gefeiert. Dieses erinnert an den Auszug der Israeliten unter der Führung Moses aus Ägypten. Auch in Ägypten musste ein Lamm sein Blut vergießen, damit das Gericht Gottes seine Leute verschonte. Wenn Jesus „genauso nach dem Essen“ den Becher nahm, geschah das Geben des Brotes ebenfalls gegen Ende des Mahls. Jesus hat also innerhalb des Pessach-Mahls nichts geändert oder umgedeutet, sondern daran anschließend sein neues Mahl eingesetzt. Dabei ist im Zusammenhang aber deutlich, dass auch hier an einen Auszug gedacht wird. Es geht um den Auszug aus der Welt der Sünde, den Jesus mit seinem Tod am Kreuz eingeleitet hat.

Auch hier sehen wir wieder das Prinzip der Erfüllung des alttestamentlichen Gesetzes. Das Opferlamm und das Pessachlamm verschmelzen in der Hingabe von Jesus im Kreuzestod zu einer ein für allemal gültigen Erlösung. Pessach und Sühnopfer im alten Sinne sind deshalb abgeschafft. weil sie erfüllt sind. Es waren schattenhafte Vorbilder für die zukünftige ewige Erlösung.

Doch betrachten wir die Szene. Jesus sitzt mit seinen Jüngern da, bricht ihnen ein Fladenbrot und sagt: „Das ist mein Leib“. Wie kann dieses Brot nun sein Leib sein? Er sitzt doch mit seinem Leib leibhaftig da bei ihnen, und keiner kommt auf die Idee, etwas von ihm abzubeißen. Sie beißen nichts von Jesus ab, sondern von dem Brot. Genauso trinken sie dann nichts von seinem Blut, das immer noch durch seine Adern fließt. Sie trinken einfach einen Schluck Wein. Da liegt es doch sehr nahe, sich daran zu erinnern, dass Jesus die ganze Zeit schon mit seinen Jüngern in Beispielen und Vergleichen gesprochen hat. Das Phänomen der prophetischen Symbolsprache ist sowieso in der ganzen Bibel verbreitet.

Auch beim auferstandenen Herrn stoßen wir auf dieselbe Schwierigkeit, wenn wir uns vorstellen, seinen „Leib“ zu essen bzw. sein „Blut“ zu trinken. Jesus ist leibhaftig auferstanden, er ist in seinem Auferstehungsleib in den Himmel gegangen. Er sitzt damit zur Rechten des Vaters und wird damit wiederkommen zur Rettung der Seinen und zum Gericht. Wie konnte man auf die Idee kommen, im Mahl des Herrn leibhaftig etwas von seinem „Leib“ essen zu wollen?

Das neutestamentliche Prinzip ist ja auch ganz anders. Jesus ist nicht leiblich bei uns, sondern „im Geist“. Er hat den Geist als seinen Stellvertreter auf Erden gesandt und wohnt im Geist im Herzen seiner Gläubigen. In Geist und Wahrheit beten sie ihn an, der nun im Geist bei und in ihnen ist. Auch hier die Frage: Warum sollte ich denn im Mahl etwas von ihm in mich aufnehmen wollen, wenn er im Geist dauerhaft in mir wohnt?

Und überhaupt, warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Jesus gibt seinen Leib und sein Blut als Opfer am Kreuz. Und prophetisch bereitet er seine Jünger mit den Zeichen von Brot und Wein zuletzt noch einmal darauf vor. Es ist eine prophetische Zeichenhandlung. Und in Zukunft sollen sie auch weiterhin mit diesen Zeichen an ihn denken.

„Zu meinem Gedächtnis“, wie Luther übersetzt hat, oder „zur Erinnerung an mich“, wie man auch übersetzen könnte, ist allerdings etwas zu sehr rückwärtsgewandt. Natürlich erinnert man sich an das Opfer, das Jesus am Kreuz gebracht hat, aber das Leben aus dieser Erlösung ist ja lebendige gegenwärtige Realität. „Um an mich zu denken“ ist dann vielleicht doch der beste Ausdruck dafür, dass Jesus, der für uns gestorben ist, mit seiner Liebe und Gnade auch gegenwärtig für uns da ist. „Um an mich zu denken“ könnte vielleicht auch ein Hinweis darauf sein, bei diesem „Mahl“ mit Brot und Wein auch tatsächlich nur an ihn zu denken und an nichts anderes mehr …

Der Tempel

(Der Tempel – ein leicht gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Der Tempel des Herrn war der Mittelpunkt der Festfreude in Israel. Der geneigte Leser darf sich hierunter freilich nicht etwa ein Versammlungsgebäude für das Volk vorstellen. Der Tempel hatte niemals die Bestimmung, eine andächtige Gemeinde in sich aufzunehmen. Vielmehr durfte denselben niemand betreten außer den Priestern. … Der eigentliche Tempel war ein viel kleineres Gebäude, als die meisten Bibelleser sich vorstellen, nicht größer als eine gewöhnliche Dorfkirche.

Das Volk aber blieb, und das entspricht ganz den orientalischen Sitten, im Freien. Die großen Vorhöfe, deren geräumige Ebene rings von prächtigen Säulenhallen umgeben war, waren weit und ausgedehnt genug, um eine außerordentliche Volksmenge zu fassen. Zur Erbauung für die einzelnen Gemeinden hatten die Israeliten ihre Schulen oder Synagogen. Auch in den offenen Säulenhallen des Tempels saßen, wie z. B. in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus, die Schriftgelehrten und erklärten die heiligen Schriften.

Die zahlreichen Räumlichkeiten und Gebäude, welche zum Tempel gehörten, waren für nationale Zwecke bestimmt. Dort sah man die Schatzkammern, die Arsenale mit Waffen und Beutestücken. Dort waren auch Sitzungssäle des Hohen Rats, weltliche und geistliche Gerichtshöfe, Ministerien, Schulen und Akademien usw.. Somit war der Tempel mit seinen zugehörigen Baulichkeiten nicht nur eine Kultstätte. Namentlich in den Zeiten der Blüte war er vielmehr das erste Staatgebäude, der Mittelpunkt der geistlichen und weltlichen Regierung. In ihm liefen alle Fäden des öffentlichen Interesses aus dem ganzen Land zusammen.

Inmitten all dieser Gebäude stand der eigentliche Tempel, der Stolz jedes Israeliten. In seiner fast märchenhaften Pracht muss er zur Zeit von Jesus einen überwältigen Eindruck gemacht haben. Aus weißschimmerndem Marmor war er erbaut und ringsum mit goldenen Platten bedeckt. Wenn die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne vom Ölberg her ihn trafen, glänzte er wie ein leuchtendes Schneegebirge. Und der Zuschauer musste sein Auge von dem blendenden Licht abwenden.

Und bis zum heutigen Tag ist der alte Tempelplatz das Erhebendste und Schönste, was man in Jerusalem sehen kann. Zugleich ist es derjenige Ort, dessen historische Gewissheit unter all den zweifelhaften „heiligen Stätten“ unanfechtbar dasteht. Dort steht die Perle der Bauten des Ostens, die Omarmoschee, ein muhammedanisches Gebetshaus von wunderbarer, edler Schönheit. Dessen würdevoller Ernst wird niemals durch ähnliche empörende Auftritte entweiht, wie man sie in der Grabeskirche und Geburtskirche gewohnt ist. Rings um dies Gebäude dehnt sich der Tempelplatz, eine weite viereckige Terasse. Salomo hat sie zum Teil vor 3000 Jahren durch gewaltige Unterbauten und Stützmauern, welche sich aus dem Kidrontal erhoben, zu einer gleichmäßigen Hochfläche gestaltet.

Das ist der Raum, auf welchem einst Israel bei den Festen des Herrn auf- und abwogte. Hier begrüßten sich die feiernden Scharen mit grünen Palmzweigen. Das ist der Raum, auf welchem einst die Psalmen Davids unter ihrem heimatlichen Himmel erschollen unter dem Klang der Pauken und Cymbeln, der Klarinetten und Harfen. Das ist der Raum. auf welchem einst auch Jesus Christus an den Festen stand und zum Volk redete von dem Licht der Welt, das nur noch eine kleine Weile bei ihnen sein sollte.

Die sieben Geister Gottes

Die sieben Geister Gottes werden an vier Stellen in der Offenbarung genannt:

„Johannes: an die sieben Gemeinden in der Provinz Asia. Gnade für euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommt, von den sieben Geistern vor seinem Thron und von Jesus dem Messias.“ (Offb 1,4-5a)

„Dem Boten Gottes – der Gemeinde – in Sardes schreibe: Folgendes sagt, der die sieben Geister Gottes und die sieben Sterne hat: Ich kenne deine Werke.
Du hast den Namen, dass du lebst, und du bist tot.“ (Offb 3,1)

„Von dem Thron gehen Blitze, Stimmen und Donner aus. Sieben brennende Feuerfackeln sind vor dem Thron, das sind die sieben Geister Gottes.“ (Offb 4,5)

„Und ich sah mitten zwischen dem Thron und den vier Lebewesen und in der Mitte der Älteren ein Lamm stehen, wie getötet gewesen, das hatte sieben Hörner und sieben Augen. – Das sind die sieben Geister Gottes, die auf die ganze Erde gesandt sind. -“ (Offb 5,6)

In der prophetischen Symbolsprache der Offenbarung wird auf diese Weise der Heilige Geist dargestellt. Die Siebenzahl als Zahl der Ganzheit bringt so die Vollkommenheit, die Fülle und die Vielfalt des Geistes zum Ausdruck.

Diese Sichtweise passt an allen der vier genannten Stellen:

Gnade und Friede gehen von Gott, dem Geist und Jesus aus. (1,4-5)

Der Geist Gottes im Bild des Feuers ist präsent vor dem Thron Gottes. (4,5)

Jesus hat den Geist bekommen, um durch ihn in seiner Gemeinde zu wirken. (3,1)

Das Lamm besitzt den Geist und hat ihn auf die ganze Erde ausgesandt. (5,6)

Die Siebenzahl des Geistes korrespondiert auch mit der Zahl der sieben Gemeinden, die hören sollen, was der Geist den Gemeinden sagt. Auch die sieben Gemeinden stehen ja als Beispiele für die gesamte und vielfältige christliche Gemeinde.

Vielleicht steht bei der Verbindung der Siebenzahl mit dem Geist Gottes auch noch die Aussage von Jes 11,2 im Hintergrund. Hier spricht Jesaja prophetisch über den Messias:

„Und ruhen wird auf ihm der Geist des Herrn,
ein Geist von Weisheit und Einsicht,
ein Geist von Planung und Kraft,
ein Geist von Erkenntnis und Ehrfurcht des Herrn.“

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