Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

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Gottessöhne und Riesen

Gottessöhne und Riesen erscheinen in 1 Mo 6,1-8.
Hier der Abschnitt in eigener Übersetzung:

„Und die die Menschen fingen an, zahlreich zu werden
auf der Oberfläche des Erdbodens,
da ihnen ja auch Töchter geboren wurden.
Die Gottessöhne sahen dann die Menschentöchter, dass sie schön waren,
und aus allen nahmen sie sich Frauen, die sie sich aussuchten.
Und der Herr sagte:
‚Mein Geist soll nicht für immer in den Menschen bleiben,
denn mit ihrem Irren sind sie (als) menschlich (erwiesen).
Ihre Tage sollen (noch) 120 Jahre sein!‘
Die Riesen waren auf der Erde in jenen Tagen und auch danach,
nachdem die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen gegangen waren
und sie ihnen Kinder geboren hatten.
Jene waren die Machthaber von Anfang an, die Männer mit Namen.

Doch der Herr sah,
dass die Schlechtigkeit der Menschen zunahm auf der Erde.
Ein jeder hatte die Gedanken seines Herzens
nur auf das Böse gerichtet den ganzen Tag.
Und der Herrn bereute,
dass er den Menschen auf dem Erdboden gemacht hatte,
und wurde betrübt in seinem Herzen.
Dann sagte der Herr:
‚Auslöschen werde ich den Menschen, den ich erschaffen habe,
von der Oberfläche des Erdbodens,
Vom Menschen angefangen bis zu den gehenden Tieren,
zu den kriechenden Tieren und zu den Vögeln des Himmels.
Denn ich bereue, dass ich sie gemacht habe!‘
Noah aber fand Gefallen in den Augen des Herrn.“

Anmerkungen:

Dieser Text über das Zeitalter vor der Flut gehört zu den rätselhaften Texten der Bibel. Man hat in der Tat auch schon sehr viel an ihm herumgerätselt. Dabei geht es im Wesentlichen um zwei Grundfragen: Wer sind die „Gottessöhne“? Und wer sind die „Riesen“? Es gibt einige vernünftig klingende, aber leider gegensätzliche Erklärungsversuche. Wie so oft ist im Zusammenhang der Schrift wieder die am ehesten klare Sichtweise zu finden:

Wer sind die Gottessöhne?

Mit „Söhne“ Gottes ist an einzelnen Stellen des Alten Testaments das Volk Israel gemeint (Ps 73,15; 5 Mo 32,5; Hos 2,1). Als stehende Redewendung „Söhne Gottes“ bezeichnet es allerdings auch eine Gruppe oberster Engel, die sich gelegentlich vor Gott versammeln, wie das Buch Hiob berichtet (Hi 1,6; 2,1; 38,7). Eine solche Engelversammlung vor Gott wird auch in 1 Kö 22,18 bzw. 2 Chr 18, 18 geschildert, allerdings ohne den Ausdruck „Söhne Gottes“. Mit dem ähnlichen Begriff „Göttersöhne“ werden Engel in Ps 29,1 und 89,7 bezeichnet. Sind die „Gottessöhne“ in 1 Mo 6 also Menschen, die vielleicht Gott noch treu waren, bis sie sich dann mit (bösen) Menschentöchern einließen? Oder sind es Engel, die sich von der Schönheit der Menschentöchter verführen ließen, sich zu materialisieren und Menschenfrauen zu heiraten?

Den Beleg, dass es Engel sind, erbringen im biblischen Zusammenhang je eine Stelle im Judas- und im zweiten Petrusbrief. Judas 1,6: „Und Engel, die sich nicht an ihren Herrschaftsauftrag hielten, sondern ihren Wohnraum verließen, hat er mit ewigen Fesseln unter tiefster Finsternis für das Gericht des großen Tages verwahrt.“ Und 2 Petr 2,4: „Gott verschonte ja auch Engel nicht, die sich versündigt hatten. Er verhaftete sie vielmehr und verbannte sie in Gruben tiefster Finsternis in die unterste Unterwelt, damit sie fürs Gericht verwahrt werden.“ Als Beispiele für Gottes Gerichtshandeln nennt Judas diese Engelbestrafung und anschließend die Zerstörung von Sodom und Gomorra. Petrus nennt ebenfalls diese zwei Beispiele und dazwischen zusätzlich die Sintflut. Mit Engelbestrafung, Sintflut und Sodom haben wir aber genau die Reihenfolge der Gerichte im ersten Buch Mose vor uns. Es bleibt da eigentlich kein Zweifel.

Das Ereignis dieser Engelversündigung und -bestrafung hat – mit viel Phantasie ausgestaltet – das außerbiblische Buch Henoch überliefert. Das Neue Testament berichtet davon allerdings einzig den wesentlichen Punkt. Es sind demnach nicht nur die böse gewordenen Menschen durch die Sintflut dahingerafft worden. Gott hat auch die Engel bestraft, die ihren Platz und Auftrag verlassen hatten, um bei den schönen Menschentöchtern zu wohnen.

Wer sind die Riesen?

Das hebräische Wort für die Riesen ist „Nefilim“. Dieses kommt nur an zwei Stellen im Alten Testament vor. Außer in 1 Mo 6 wird es nur noch in 4 Mo 13,33 gebraucht. Dort berichten die Kundschafter, die Mose in das Land Kanaan gesandt hatte, ihre Beobachtungen. Und der Schluss ihres Berichts ist dieser Vers 33: „Dort sahen wir auch die Riesen, und (vor ihnen) waren wir in unseren Augen wie Heuschrecken, und so waren wir auch in ihren Augen.“ In dieser Parallelstelle sind die Nefilim eindeutig sehr große Menschen, also „Riesen“. Das wird auch von der griechischen Übersetzung mit „gígantes“ so bestätigt. Bekräftigt wird diese Sichtweise auch von einem Einschub im hebräischen Text, der im griechischen fehlt. Da heißt es: „Dort sahen wir auch die Riesen – Nachkommen Enaks von den Riesen – …“

Die Nachkommen Enaks bzw. Enakiter als riesenhafte Menschen sind uns im Alten Testament dann schon sehr viel besser bekannt. (Manche Übersetzungen nennen sie „Anakiter“.) Sie wohnten im Land Kanaan unter den Amoritern und den Philistern. Bei der Einnahme des Landes durch die Israeliten vertrieb Kaleb zunächst drei namentlich bekannte von ihnen aus der Stadt Hebron. Danach rottete Josua mit dem Heer sie gänzlich von dort aus. Nur im Philisterland, das die Israeliten nicht einnehmen konnten, blieben sie übrig. Einer ihrer Nachkommen war später noch Goliat, der von David besiegt wurde.

Die „Riesen“ vor und nach der Sintflut waren also besonders große bzw. riesenhafte Menschen. Gott hatte demnach nicht nur die mannigfaltigen Hautfarben und Gesichtsformen genetisch in den Menschen angelegt, sondern auch große Unterschiede in der Körpergröße. Das Riesen-Gen hat sich dann in der Noah-Familie offensichtlich auch durch die Sintflut gerettet. Dass die „Riesen“ die „Machthaber“ waren, die „Männer mit Namen“, ist bei ihrer Körpergröße und -kraft eigentlich selbstverständlich. Die Riesen waren aber nicht die von den Gottessöhnen bei den Menschentöchtern gezeugten Kinder. Der Text sagt deutlich, dass sie schon vorher da waren, „und auch danach, nachdem die Söhne Gottes zu den Töchtern der Menschen gegangen waren und sie ihnen Kinder geboren hatten.“ Was das für Kinder waren, bleibt ungewiss, jedoch sicherlich sterbliche Menschen, denn dieser Spuk ist mit der Sintflut von der Erde verschwunden.

Noch 120 Jahre

Die 120 Jahre, die Gott in strafendem Sinne über die vorsintflutliche Menschheit ausspricht, können keine Aussage über das Lebensalter sein. Denn vor und auch eine Zeit nach der Flut wurden die Menschen immer noch älter als 120. Später gibt Mose dann 70 bis 80 Jahre als Regel für das Lebensalter an (Ps 90). Es bleibt nur die Erklärung, dass Gott die 120 Jahre für die Menschen damals noch als Frist gesetzt hat, bis das Gericht kommt. Dann hat die Aussage den passenden Sinn. Und wenn Gott redet, braucht es Menschen, die ihn hören und das Gehörte weitergeben. Der Prophet Gottes in jener Zeit war Noah, ein „Verkünder von Gerechtigkeit“ (2 Petr 2,4), der all diese Dinge auch persönlich aufgezeichnet hat.

Mythologie

Dass es in alten Überlieferungen der Völker Bruchstücke der Wahrheit über die Anfänge der Menschheit gibt, ist bekannt. So gibt es auf der ganzen Welt Überlieferungen von der Schöpfung, dem Sündenfall, der Sintflut und auch dem Turmbau zu Babel. Dass es in früheren Zeiten Riesen gab, erzählen auch deutsche Sagen und Märchen. Dann gibt es z. B. in der griechischen Mythologie noch die Möglichkeit sexueller Verbindungen von „Göttern“ und Menschen. Insbesondere der „Göttervater“ Zeus war ein solcher Lüstling, der sich immer wieder von der Schönheit einer Menschenfrau zu Eskapaden hinreißen ließ. Er konnte sich in Frauen verlieben, sich in Menschengestalt ihnen nähern und Kinder mit ihnen zeugen. Herakles z. B. (lat. Hercules) war ein solcher Sohn von Zeus. Er hatte zwar übermenschliche Kräfte, war aber ein sterblicher Mensch. Die Parallele zu der biblischen Geschichte von Gottessöhnen und Menschentöchtern ist auffallend deutlich.

Von Adam bis Noah

(Von Adam bis Noah – eine eigene Übersetzung von 1 Mo 5,1b-32 aus dem Hebräischen unter Berücksichtigung der griechischen Übersetzung des AT:)

An dem Tag, als Gott den Menschen machte,
machte er ihn nach dem Abbild Gottes.
Männlich und weiblich machte er sie und segnete sie.
Und er gab ihnen ihren Namen ‚Mensch‘ – am Tag, als er sie machte.

Adam lebte aber 130 Jahre, bis er (einen Sohn) zeugte mit seinem Bild –
wie sein Abbild, und dessen Namen nannte er ‚Set‘.
Die Zeit Adams, nachdem er Set gezeugt hatte, war 800 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Zeit Adams, die er lebte, 930 Jahre, bis er starb.

Set lebte aber 105 Jahre, bis er Enosch zeugte.
Set lebte, nachdem er Enosch gezeugt hatte, 807 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Zeit Sets 912 Jahre, bis er starb.

Enosch lebte aber 90 Jahre, bis er Kenan zeugte.
Enosch lebte, nachdem er Kenan gezeugt hatte, 815 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Zeit Enoschs 905 Jahre, bis er starb.

Kenan lebte aber 70 Jahre, bis er Mahalalel zeugte.
Kenan lebte, nachdem er Mahalalel gezeugt hatte, 840 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Zeit Kenans 910 Jahre, bis er starb.

Mahalalel lebte aber 65 Jahre, bis er Jered zeugte.
Mahalalel lebte, nachdem er Jered gezeugt hatte, 830 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Lebenszeit Mahalalels 895 Jahre, bis er starb.

Jered lebte aber 162 Jahre, bis er Henoch zeugte.
Jered lebte, nachdem er Henoch gezeugt hatte, 800 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Zeit Jereds 962 Jahre, bis er starb.

Henoch lebte aber 65 Jahre, bis er Metuschelach zeugte.
Henoch ging, nachdem er Metuschelach gezeugt hatte,
300 Jahre seinen Weg mit Gott, und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Lebenszeit Henochs 365 Jahre.
Und Henoch war seinen Weg mit Gott gegangen
und war dann nicht mehr da, denn Gott hatte ihn mitgenommen.

Metuschelach lebte aber 187 Jahre, bis er Lamech zeugte.
Metuschelach lebte, nachdem er Lamech gezeugt hatte, 782 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Zeit Metuschelachs 969 Jahre, bis er starb.

Lamech lebte aber 182 Jahre, bis er einen Sohn zeugte.
Dessen Namen nannte er ‚Noah‘ (Ruhe), weil er sagte:
„Der wird uns Ruhe verschaffen von unseren Taten
und von den Beschwernissen unserer Hände
und von dem Erdboden, den der Herr verflucht hat.“
Lamech lebte, nachdem er Noah gezeugt hatte, 595 Jahre,
und er zeugte Söhne und Töchter.
Und so war die ganze Zeit Lamechs 777 Jahre, bis er starb.

Noah lebte aber 500 Jahre, dann zeugte Noah Sem, Cham und Jafet.

Anmerkungen zu „Von Adam bis Noah“:

Der Name „Mensch“, den Gott gab, heißt auf Hebräisch „Adam“.

Die hohen Lebensalter der Menschen vor der Sintflut sind auch in anderen altorientalischen Quellen bezeugt. Allerdings sind sie dort maßlos übertrieben. Die hohen Alter vor der Flut und die niedrigeren danach könnten auch mit gravierend anderen Lebensbedingungen zu tun haben. Immerhin hat sich da ein Wasser abgeregnet, das vorher irgendwo am Himmel um die Erde gewesen sein muss und nachher nicht mehr da war.

Zwischen der hebräischen und der griechischen Textversion bestehen nicht zu erklärende große Unterschiede, was die Altersangeben betrifft. Allerdings betreffen diese Unterschiede nur die Angaben des Alters beim ersten Zeugen eines Sohns. Die jeweiligen Angaben für das ganze Lebensalter weichen kaum voneinander ab, so dass die Gesamtrechnung der Zeit von Adam bis Noah doch recht zuverlässig erscheint. Die Übersetzung hier nennt die Angaben aus dem hebräischen Text.

Die Lebenszeit Lamechs mit 777 Jahren, die gegenüber den vorigen als verkürzt erscheint, erklärt sich damit, dass er dann in der Sintflut umkam.

Konnte Adam schreiben?

Konnte Adam schreiben? – Diese Frage erhebt sich, wenn man nach der Herkunft der ältesten Berichte in der Bibel forscht. Ein Licht darauf wirft das Buch „Die Entstehung der Genesis“ von P.J. Wiseman, das in deutscher Übersetzung im Jahr 1957 erschienen ist. „Genesis“ ist die griechische Bezeichnung für das erste Buch Mose. Es geht darin um die Frage, wie die Berichte von den Anfängen der Welt bis zu den Patriarchen Israels glaubwürdig zu uns gekommen sind. Ich zitiere aus dem Klappentext des Buchs:

„Archäologische Funde haben ergeben, dass die Schreibkunst zur Zeit Abrahams bereits weit verbreitet war und allgemein geübt wurde. Man hat Tontäfelchen gefunden, die etwa 5000 Jahre alt sind und zum Teil vor der Sintflut entstanden sein müssen. … Im Licht dieser wissenschaftlichen Entdeckungen untersucht der Verfasser die Genesis und kommt dabei zu erstaunlichen und überraschenden Feststellungen. Die Genesis weist Spuren jener uralten Schreibgewohnheiten auf. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Berichte dieses Buchs (also auch Schöpfungs-, Flutbericht und die Schilderung des Sündenfalls) ursprünglich in Keilschrift auf Tontafeln geschrieben wurden, und zwar von den Patriarchen selbst oder durch sie veranlasst. Sogar die Schreiber bzw. Besitzer der einzelnen Tafeln lassen sich an Hand des Bibeltextes noch nachweisen …“

Natürlich wurde „Die Entstehung der Genesis“ von P.J. Wiseman von der theologischen Fachwelt weitgehend ignoriert. Sie hätte doch zu viele „anerkannte“ bibelkritische Theorien über den Haufen geworfen. Aber wer von der historischen Richtigkeit der biblischen Berichte ausgeht, hat hier ein schlüssiges Konzept vor sich, wie man sich die korrekte Überlierung auch der ältesten Berichte vorstellen kann.

P.J. Wiseman legt dar, dass in der alten Schreibkultur die Tontafeln jeweils mit einer Unterschrift abgeschlossen wurden. Diese Unterschrift gab den Verfasser des Textes an, manchmal auch den Ort oder die Zeit der Abfassung. Und – man höre und staune – diese Unterschriften sind heute noch im Bibeltext zu finden.

Das Stichwort dafür ist das hebräische Wort „Toledot“. Dieses ist ein Pluralwort und kann im Sinne einer Aufzählung entweder als „Geschlechtsregister“ aufeinanderfolgende Generationen oder als „Geschichte“ aufeinanderfolgende Ereignisse aufzählen. Mit „Geschichte“ sind hier keine erfundenen Geschichten gemeint, sondern wahre Geschichte im Sinne von Historie. Leider hat P.J. Wiseman in seinem Buch diese zwei unterschiedlichen Bedeutungen von Toledot noch nicht berücksichtigt. Aber wenn man die zwei Bedeutungen differenziert und die Stellen, an denen offensichtlich ein „Geschlechtsregister“ gemeint ist, weglässt, dann ergibt sich für die Aufzeichnungen der „Geschichte“ mit den jeweiligen Unterschriften folgendes Bild:

1 Mo 5,1a: „Dieses ist die Aufzeichnung der Geschichte Adams.“ Hier endet also die Geschichte, die Adam aufgeschrieben hat. Interessant ist hier die Beobachtung, dass die ersten Menschen demnach nicht nur sprechen, sondern auch schreiben konnten. Offensichtlich hat Gott diese Fähigkeit miterschaffen. Konnte Adam schreiben? Eigentlich sollte uns das nicht verwundern, wo doch die ursprüngliche menschliche Intelligenz direkt vom Schöpfer kam.

1 Mo 6,9a „Dieses ist die Geschichte Noahs.“ Hier endet die Geschichte, die Noah aufgeschrieben hat.

1 Mo 10,1a: „Dieses ist die Geschichte der Söhne Noahs.“ Hier endet die Geschichte, die Noahs drei Söhne zusammen aufgeschrieben haben.

1 Mo 11,10a: „Dieses ist die Geschichte Sems.“ Hie endet die Geschichte, die Sem alleine aufgeschrieben hat.

1 Mo 11,27a: „Und dieses ist die Geschichte Terachs.“ Hier endet die Geschichte, die Terach, der Vater Abrahams, aufgeschrieben hat.

1 Mo 25,19a „Und dieses ist die Geschichte Isaaks, des Sohnes von Abraham.“ Hier endet die Geschichte, die Isaak aufgeschrieben hat.

1 Mo 37,2a: „Dieses ist die Geschichte Jakobs.“ Hier endet die Geschichte, die Jakob aufgeschrieben hat. Und er hat dabei (Vers 1) auch Ort und Zeit der Aufzeichnung angegeben: „Jakob wohnte im Land, in dem sein Vater als Fremder lebte, im Land Kanaan.“

Bis hierher gehen die Aufzeichnungen, die auf Tontafeln geschrieben und überliefert wurden. Jakobs Sohn Josef hat dann in Ägypten sicherlich die ägyptische Hieroglyphenschrift gelernt und die dortigen Schreibmaterialien benutzt. Und Mose hat später die althebräische Buchstabenschrift mit erfunden, die sich von ägyptischen Hieroglyphenzeichen ableiten. Ihm ist zuzutrauen, dass er die ihm vorliegenden alten Berichte in sein Werk mit aufnahm.

Ein besonderer Hinweis auf die Richtigkeit dieser Sichtweise ist der, dass in keinem der genannten Tafel-Abschnitte irgendetwas steht, das aus einer späteren Zeit stammt. Die Berichte wurden also weder später geschrieben noch später mit irgend etwas ergänzt. Die Form der Tontafeln war wohl sehr resistent gegenüber Änderungen und Fälschungen.

Wenn wir das soweit verstanden haben, werfen wir nun den Blick auf eine Stelle, die in der obigen Auflistung noch gefehlt hat:

1 Mo 2,4: „Dieses ist eine Aufzeichnung der Geschichte des Himmels und der Erde, wie sie geschaffen wurden. (Aufgezeichnet) am Tag, als Gott den Himmel und die Erde gemacht hatte.“ Hier gibt Adam an, dass er diesen Bericht angefertigt hat am Tag nach der Schöpfung. Nehmen wir an, dass der siebte Tag, an dem Gott ruhte, noch zur Schöpfung gehört und dann der Tag danach gemeint ist. Das erste Werk nach der Schöpfung war also die Niederschrift der Geschichte der Schöpfung.

Und woher konnte Adam diese Geschichte kennen vor seiner eigenen Erschaffung? Natürlich von Gott selbst, die Gemeinschaft mit ihm war ja noch ungetrübt. Stellen wir uns also vor: Gott und sein Adam sitzen im Park Eden zusammen, natürlich mit Eva dabei, und Gott erzählt, wie er alles gemacht hat, und Adam schreibt alles auf. Adam musste dazu natürlich die Keilschrift erfinden und üben, aber er hatte viel Zeit dazu, denn so etwas wie „Zeit“ lief damals noch nicht ab. So entstand das erste literarische Werk der Weltgeschichte, über dessen Vollkommenheit man sich nun auch nicht mehr wundern muss.

Kain und Set

Kain und Set – 1. Mose 4,16-26 in eigener Übersetzung mit Anmerkungen:

16 Kain ging aber weg von Gott und wohnte im Land Nod im Osten von Eden.
17 Und Kain war mit seiner Frau ehelich zusammen,
und sie wurde schwanger und brachte den Henoch zur Welt.
(Kain) war aber dabei, eine Stadt zu bauen.
Und er gab der Stadt nach dem Namen seines Sohnes den Namen „Henoch“.
18 Und dem Henoch wurde Irad geboren, Irad zeugte Mechujael,
Mechujael zeugte Metuschael und Metuschael zeugte Lamech.

19 Und Lamech nahm sich zwei Frauen:
der Name der einen war Ada, der Name der anderen war Zilla.
20 Ada brachte Javal zur Welt.
Der war der Vater derer, die in Zelten wohnen und Vieh (züchten).
21 Der Name seines Bruders war Juval.
Er war der, der das Saiteninstrument und die Flöte einführte.
22 Und Zilla, auch sie bekam ein Kind, den Tuval.
Der machte alles scharf, was er an Bronze und Eisen herstellte.
Und die Schwester von Tuval war Na‘ama.
23 Lamech sagte aber zu seinen Frauen:
„Ada und Zilla, hört meine Stimme,
ihr Frauen Lamechs, vernehmt meine Worte:
Ich brachte einen Mann um für meine Verwundung,
einen jungen Mann für meine Verletzung.
24 Denn Kain wird siebenfach gerächt,
Lamech aber siebenundsiebzigfach!“

25 Adam war aber weiterhin mit seiner Frau ehelich zusammen gewesen.
Sie war schwanger gewesen und hatte einen Sohn geboren
und hatte seinen Namen ‚Set‘ (Gabe) genannt,
„denn Gott hat mir einen anderen Nachkommen gegeben
anstelle von Abel, den Kain umgebracht hat.“
26 Auch Set wurde ein Sohn geboren, dessen Namen nannte er ‚Enosch‘.
Dieser setzte seine Hoffnung darauf, den Namen des Herrn anzurufen.

Anmerkungen:

1) Die hier zusammengestellten drei Abschnitte über Kain, Lamech und Set berichten, wie es nach der Geschichte mit Kain und Abel weiterging. Von Kain stammt eine Linie ab, die am Beispiel von Lamech und seinen Nachkommen zeigt, wie sie sich von Gott entfernt. „Kain ging aber weg von Gott“ – das kann ja nicht nur räumlich gemeint sein. Von Set als neuem Abel stammt eine Linie ab, die am Beispiel von Enosch zeigt, wie sie Gott treu bleibt. Diese Linie setzt sich fort in 1. Mose 5 bis Noah.

2) Woher hatte Kain seine Frau? Wenn wir der Bibel glauben, dass alle Menschen von Adam und Eva abstammen, dann mussten sich deren Kinder untereinander zusammentun. Das spätere Problem des Inzest, dass aufgrund von geschädigtem Erbgut geschädigte Kinder geboren werden, bestand am Anfang nicht. Die ersten Menschen hatten aus der Hand des Schöpfers ein vollkommenes Erbgut erhalten. Dieses war so optimiert, dass es in der Lage war, sämtliche Typen früherer und heutiger Menschen hervorzubringen. In 1. Mose 5,4 heißt es von Adam: „und er zeugte Söhne und Töchter“. Wenn Set als dritter Sohn geboren wurde, als Abel schon tot war, dann hat Eva in der Zwischenzeit Töchter geboren. Und Kain konnte sich problemlos eine davon zur Frau nehmen.

3) Bei Lamech und seiner Familie sind etliche Dinge genannt, die unter der Überschrift „weg von Gott“ den Weg ins menschliche Desaster andeuten:
Lamech mit den zwei Frauen ist der Erstgenannte, der in Polygamie lebte.
Javal als Vorfahre derer, die in Zelten wohnen, könnte einen Typus des unordentlichen Herumtreibers und Vagabunden darstellen.
Juval, der Erfinder von Musikinstrumenten, könnte ein Typus derer sein, die statt mit ordentlicher Arbeit sich lieber mit Musik und Vergnügungen abgeben.
Tuval, der Erfinder der Schmiedekunst, der „alles schärfte“, war dann wohl auch der erste Waffenproduzent.
Na’ama, was übersetzt „Liebliche“ oder „Reizende“ heißt, könnte eine gewesen sein, die mit ihren „lieblichen Reizen“ zur Verbreitung der Unzucht beitrug. Warum sollte sie sonst als einzige Frau in dieser Reihe hier genannt sein?
Und Lamech selbst hat sich ja ausdrücklich als Mörder bekannt und setzt mit seinem unerbittlichen Gesetz der Vergeltung die Blutrache in Gang.

4) In gängigen Bibelübersetzungen „begann“ man „damals“ – zur Zeit des Enosch -, „den Namen des Herrn anzurufen“. Dies kommt von einer etwas eigenartigen und schwer verständlichen Formulierung des hebräischen Textes her. Die griechische Übersetzung der Septuaginta hat dagegen statt des „damals (az)“ „dieser (zä)“ gelesen. Und „dieser“ Enosch „begann“ nicht, den Namen des Herrn anzurufen, er setzte vielmehr seine Hoffnung darauf.

Kain und Abel

Der Bericht über Kain und Abel (1 Mo 4,1-16) in eigener Übersetzung:

1 Der Adam war aber mit Eva, seiner Frau, ehelich zusammen,
und sie wurde schwanger.
Und sie brachte den Kain zur Welt und sagte:
„Ich habe einen Mann erschaffen durch Gott!“
2 Und sie bekam noch einmal ein Kind, seinen Bruder, den Abel.
Abel wurde dann ein Hirte von Schafen und Ziegen,
Kain aber wurde einer, der den Erdboden bearbeitet.
3 Und nach einiger Zeit,da brachte Kain von den Früchten des Erdbodens
dem Herrn eine Opfergabe.
4 Und auch Abel brachte (eine Opfergabe)
von den Erstgeborenen seiner Schafe und Ziegen, von ihren Fettstücken.
Und Gott blickte hin auf Abel und auf seine Gaben.
5 Auf Kain und auf seine Opfer blickte er aber nicht.
Das ärgerte Kain sehr, und sein Blick senkte sich.
6 Gott sagte aber zu Kain:
„Warum bist du verärgert, warum hat sich dein Blick gesenkt?“
7 Ist es nicht so: Wenn du das Richtige tust, ist (dein Blick) erhoben,
wenn du aber nicht das Richtige tust, lagert Sünde vor der Tür?
Und gegen dich (geht) ihr Begehren, du aber sollst herrschen über sie!“

8 Und Kain sagte zu Abel, seinem Bruder: „Lass uns aufs Feld gehen!“
Und als sie auf dem Feld waren,
da stellte sich Kain gegen seinen Bruder Abel und brachte ihn um.
9 Gott sagte dann zu Kain: „Wo ist Abel, dein Bruder?“
Der aber sagte: „Ich weiß es nicht!
Bin ich denn der Aufpasser meines Bruders?“
10 Und Gott sagte: “Was hast du getan?
Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir vom Erdboden.
11 Und jetzt: Verflucht bist du –
weg vom Erdboden, der seinen Mund geöffnet hat,
um das Blut deines Bruders von deiner Hand aufzunehmen!
12 Wenn du den Erdboden bearbeitest,
wird er dir nicht weiterhin seine Kraft geben.
Heimatlos und unsicher sollst du sein auf der Erde!“
13 Und Kain sagte zum Herrn:
„Meine Schuld ist größer, als ich sie tragen kann!
14 Wenn du mich heute vom Anblick des Erdbodens vertreibst,
ich mich vor deinen Augen verstecken muss,
und ich heimatlos und unsicher sein soll auf der Erde,
dann wird es so sein, dass jeder, der mich findet, mich tötet!“
15 Doch der Herr sagte zu ihm: „So nicht:
Jeder, der Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden!“
Und der Herr gab Kain ein Zeichen,
damit nicht jeder, der ihn fände, ihn erschlüge.
16 Kain aber ging weg von Gott und wohnte im Land Nod im Osten von Eden.

Das Meer aus Kristall

Das Meer aus Kristall erscheint in der Offenbarung an zwei Stellen:

4,6a: „Vor „dem Thron ist etwas wie ein Meer aus Kristall, wie Eis.“

15,2: „Und ich sah etwas wie ein Meer aus Kristall mit Feuer vermischt,
und die, die gesiegt hatten – heraus aus (dem Machtbereich)
des Tieres, seines Bildes und der Zahl seines Namens.
Sie standen an dem Meer aus Kristall und hatten Gottes Harfen.“

Es lohnt sich, die Stellen im Zusammenhang nachzulesen. Johannes ist im Geist entrückt in die himmlische Welt Gottes. Er sieht dort den Thron Gottes und vor dem Thron dieses Meer aus Kristall. Man könnte statt „Kristall“ auch „Glas“ übersetzen. In 4,6 gibt Johannes zusätzlich die Erklärung „wie Eis“ und in 15,2 den optischen Eindruck „mit Feuer vermischt“. Die Formulierungen „wie“ und „etwas wie“ bestätigen uns, dass wir uns auch hier im Bereich der prophetischen Symbolsprache bewegen. Johannes sieht etwas irgendwie Festes und irgendwie Durchsichtiges in der Fläche und Größe eines Blickes aufs Meer.

Die einleuchtendste Erklärung für diese durchsichtige Fläche ist, dass es hier symbolisch um die Grenze zwischen der irdischen und der himmlischen Welt geht. Oberhalb ist die himmlische Welt Gottes, die für die Menschen unsichtbar ist. Unterhalb ist die irdische Welt der Menschen, die vor Gottes Augen offen daliegt. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang zwar von „oben“ und unten“, es ist aber klar, dass auch das nur Ausdrücke der prophetischen Bildersprache sind. In Wirklichkeit geht es um Dimensionen, die unsere Vorstellung von Raum und Zeit übersteigen.

Wenn in 15,2 die, welche gesiegt haben, mit Gottes Harfen an diesem Meer stehen, sind sie entrückt in die Welt Gottes Es ist die auferstandene und entrückte Gemeinde. Sie haben ja gesiegt – heraus aus dem Machtbereich des Tieres in der irdischen Welt. Und nun stehen sie vor dem Thron Gottes und singen ihr Siegeslied. Woher hätten sie denn sonst auch „Gottes Harfen“?

Eine Parallelstelle zu diesem Meer aus Kristall finden wir im Alten Testament, und zwar beim Propheten Hesekiel, Kapitel 2:

2,22: „Und über den Köpfen der Lebewesen war etwas Ähnliches
wie eine Wölbung, im Aussehen wie Eis, befestigt oben über ihren Köpfen.“

Hesekiel hatte ebenfalls eine Vision vom Thron Gottes. Der Unterschied zu Johannes ist, dass er nicht in den Himmel entrückt war. Der Thron Gottes war vielmehr zu ihm auf die Erde gekommen. Die vier Lebewesen sind die Thronengel Gottes, die Cherubim. Zusätzlich zu diesen und bei ihnen sah er noch vier dreidimensionale Räder, mit denen sich der Thron auf der Erde fortbewegte, also eine Art Thronwagen.

Die „Wölbung“, von der Hesekiel spricht, ist uns aus dem Schöpfungsbericht bekannt. Gott erschuf als Trennung zwischen dem Wasser oben und dem Wasser unten die Wölbung und nannte sie „Himmel“. Und in der Tat ist in der erfahrbaren Welt die Himmelswölbung die Grenze für unseren Blick, wenn wir nach oben schauen.

Johannes sah die vier Thronengel allerdings oberhalb, Hesekiel aber unterhalb der durchsichtigen Fläche. Das könnte damit zusammenhängen, dass sie zu Hesekiel heruntergekommen sind in die irdische Dimension. Aber auch hier sollten wir dran denken, dass es das Phänomen der prophetischen Unschärfe gibt, wenn Menschen den Realitäten der geistlichen Welt begegnen.

Psalm 90

(Psalm 90 in eigener Übersetzung:)

1 Ein Gebet des Mose, des Mannes Gottes.

Herr, Zuflucht bist du für uns
von Generation zu Generation.


2 Ehe die Berge geboren, das Land und die Welt erschaffen wurden,
von Ewigkeit zu Ewigkeit, bist du da.

3 Du willst den Menschen zurückbringen zur Niedrigkeit
und sagst: „Kommt zurück, Menschenkinder!“


4 Tausend Jahre sind doch in deinen Augen
wie der gestrige Tag, der vergangen ist.


In einer Nachtwache 5 säst du Jahre,
am Morgen sind sie wie grünes Gras, das aufwächst.


6 Am Morgen blüht es und wächst auf,
am Abend ist es verwelkt und vertrocknet.


7 Ja, wir vergehen in deinem Zorn,
durch deine Wut erschrecken wir.


8 Du hast unser Unrecht vor dich hingestellt,
unser Verborgenes ins Licht deines Angesichts.


9 Denn unsere Tage entschwinden durch deinen Zorn,
wir vollenden unsere Jahre wie eine (Spinne ihre) Spinnwebe.


10 Die Zeit unserer Jahre enthält siebzig Jahre,
und wenn mit Kraft, (sind es) achtzig Jahre.


Und das meiste an ihnen ist Mühe und Not,
denn sie treiben schnell vorbei und wir fliegen (mit).


11 Wer erkennt die Stärke deiner Wut
und fürchet dich wegen deines Zorns?


12 Lehre mich, meine Tage zu zählen,
damit Weisheit ins Herz kommt!


13 Komm zurück, Herr – bis wann? -,
und hab Mitleid mit deinen Sklaven!


14 Lass uns satt werden am Morgen mit deinem Erbarmen,
und wir jubeln und sind fröhlich in all unseren Tagen!


15 Lass uns fröhlich werden nach den Zeiten, da du uns erniedrigt hast,
den Jahren, da wir Schlimmes sehen mussten!


16 Lass deine Sklaven deine Werke sehen
und deine Herrlichkeit über ihren Kindern!


17 Möge die Freundlichkeit des Herrn, unseres Gottes über uns sein,
und (möge) das Werk unserer Hände bestehen bei uns!

Psalm 23

(Psalm 23 in eigener Übersetzung:)

Der Herr ist mein Hirte

1 Ein Psalm mit Worten Davids.

Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen,
2 an Weideplätzen mit frischem Grün lässt er mich lagern.


Auf Ruheplätze am Wasser führt er mich,
3 meine Seele bringt er zurück.

Er führt mich auf den richtigen Pfaden
wegen seines Namens.


4 Auch wenn ich gehe im Tal des Todesschattens,
fürchte ich nichts Schlimmes, denn du bist bei mir.


Dein Stecken und dein Stab,
sie trösten mich.


5 Du deckst vor mir einen Tisch
gegenüber meinen Bedrängern.


Du salbst meinen Kopf mit Öl,
mein Becher hat Überfluss.


6 Nur Erbarmen wird mir folgen
alle Tage meines Lebens.


Und ich darf wohnen im Haus des Herrn
bis in ferne Tage.

Der Tempel

(Der Tempel – ein leicht gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Der Tempel des Herrn war der Mittelpunkt der Festfreude in Israel. Der geneigte Leser darf sich hierunter freilich nicht etwa ein Versammlungsgebäude für das Volk vorstellen. Der Tempel hatte niemals die Bestimmung, eine andächtige Gemeinde in sich aufzunehmen. Vielmehr durfte denselben niemand betreten außer den Priestern. … Der eigentliche Tempel war ein viel kleineres Gebäude, als die meisten Bibelleser sich vorstellen, nicht größer als eine gewöhnliche Dorfkirche.

Das Volk aber blieb, und das entspricht ganz den orientalischen Sitten, im Freien. Die großen Vorhöfe, deren geräumige Ebene rings von prächtigen Säulenhallen umgeben war, waren weit und ausgedehnt genug, um eine außerordentliche Volksmenge zu fassen. Zur Erbauung für die einzelnen Gemeinden hatten die Israeliten ihre Schulen oder Synagogen. Auch in den offenen Säulenhallen des Tempels saßen, wie z. B. in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus, die Schriftgelehrten und erklärten die heiligen Schriften.

Die zahlreichen Räumlichkeiten und Gebäude, welche zum Tempel gehörten, waren für nationale Zwecke bestimmt. Dort sah man die Schatzkammern, die Arsenale mit Waffen und Beutestücken. Dort waren auch Sitzungssäle des Hohen Rats, weltliche und geistliche Gerichtshöfe, Ministerien, Schulen und Akademien usw.. Somit war der Tempel mit seinen zugehörigen Baulichkeiten nicht nur eine Kultstätte. Namentlich in den Zeiten der Blüte war er vielmehr das erste Staatgebäude, der Mittelpunkt der geistlichen und weltlichen Regierung. In ihm liefen alle Fäden des öffentlichen Interesses aus dem ganzen Land zusammen.

Inmitten all dieser Gebäude stand der eigentliche Tempel, der Stolz jedes Israeliten. In seiner fast märchenhaften Pracht muss er zur Zeit von Jesus einen überwältigen Eindruck gemacht haben. Aus weißschimmerndem Marmor war er erbaut und ringsum mit goldenen Platten bedeckt. Wenn die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne vom Ölberg her ihn trafen, glänzte er wie ein leuchtendes Schneegebirge. Und der Zuschauer musste sein Auge von dem blendenden Licht abwenden.

Und bis zum heutigen Tag ist der alte Tempelplatz das Erhebendste und Schönste, was man in Jerusalem sehen kann. Zugleich ist es derjenige Ort, dessen historische Gewissheit unter all den zweifelhaften „heiligen Stätten“ unanfechtbar dasteht. Dort steht die Perle der Bauten des Ostens, die Omarmoschee, ein muhammedanisches Gebetshaus von wunderbarer, edler Schönheit. Dessen würdevoller Ernst wird niemals durch ähnliche empörende Auftritte entweiht, wie man sie in der Grabeskirche und Geburtskirche gewohnt ist. Rings um dies Gebäude dehnt sich der Tempelplatz, eine weite viereckige Terasse. Salomo hat sie zum Teil vor 3000 Jahren durch gewaltige Unterbauten und Stützmauern, welche sich aus dem Kidrontal erhoben, zu einer gleichmäßigen Hochfläche gestaltet.

Das ist der Raum, auf welchem einst Israel bei den Festen des Herrn auf- und abwogte. Hier begrüßten sich die feiernden Scharen mit grünen Palmzweigen. Das ist der Raum, auf welchem einst die Psalmen Davids unter ihrem heimatlichen Himmel erschollen unter dem Klang der Pauken und Cymbeln, der Klarinetten und Harfen. Das ist der Raum. auf welchem einst auch Jesus Christus an den Festen stand und zum Volk redete von dem Licht der Welt, das nur noch eine kleine Weile bei ihnen sein sollte.

Die Feste in Jerusalem

(Die Feste in Jerusalem – Abschnitte aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ des Buchs „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller berichtet aufgrund seiner Beobachtungen und Erfahrungen, die er im Palästina der Jahre 1884 bis 89 gemacht hat.)

„Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des Herrn, zu predigen dem Volk Israel, zu danken dem Namen des Herrn!“ (Ps 122,3-4). Diese Bedeutung, welche vor Jahrtausenden der heilige Sänger ausgedrückt hat, ist Jerusalem bis zum heutigen Tag geblieben. Bekanntlich sollte jeder erwachsene Israelit jährlich dreimal in Jerusalem „vor dem Herrn“ erscheinen.

Vielleicht hat schon mancher gedacht, es sei wohl etwas viel verlangt gewesen, jedermann aus den entferntesten Landesteilen dazu zu verpflichten. Aber das Land war nicht so groß, dass man Jerusalem nicht von überall her in einigen Tagereisen hätte erreichen können. Und den Israeliten waren ihre Festreisen, welche selbst die Gesetzestreuen nie peinlich genau jedesmal ausführten, kein Muss. Sie waren vielmehr eine außerordentliche Freude. Die Feste Israels waren Nationalfeste. … Und Israel liebte seine Volksfeste, als es noch nicht zerstreut war, sondern von den heimatlichen Bergen Palästinas hinaufschaute nach dem königlichen Jerusalem, dem Stolz und der Krone des Landes.

Der heutige Bewohner von Palästina kann sich von dem bewegten Treiben auf jenen Festen einigermaßen eine Vorstellung machen. Denn bis zum heutigen Tag werden die Hauptfeste nicht draußen in den Dörfern oder Landstädten gefeiert. Sie werden in Jerusalem gefeiert, welches beim ganzen Volk den Namen „El Kuds“, das ist „die Heilige“, führt. Schon beim Weihnachtsfest, wo die Hauptfeier natürlich in Betlehem stattfindet, kann man Ähnliches beobachten wie auf den alten Festen. Aber komm erst einmal auf ein Osterfest nach Jerusalem, da findest du den Höhepunkt aller Festfeier des Jahres. Da strömen wie in alten Zeiten die Festkarawanen von allen Seiten nach Jerusalem. Zu Fuß, zu Esel, zu Pferd und neuerdings auch zu Wagen ziehen sie daher von allen Gegenden „hinauf nach Zion“. …

Selbst unter den Muhammedanern wird es lebendig, als ob die Erinnerungen an die früheren Bewohner des Landes in ihnen erwachten. Aus allen muhammedanischen Ländern, selbst aus Afghanistan und dem fernen Indien kommen die weißbeturbanten Gestalten ins „heilige Land“ gezogen, um am heiligen Felsen der Omarmoschee und am Grabmal Moses des Propheten anzubeten. Dies geschieht hauptsächlich am „Nebi Musa“-Fest zur Osterzeit … Als Pilger wallen dann diese Fremden mit den Scharen muhammedanischer Landeskinder am Fest zu Tausenden nach Nebi Musa. Das ist das vermeintliche Grab Moses zwischen Jerusalem und Jericho. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, diese Scharen des falschen Propheten dort durch dieselben Berge und Täler wallfahren zu sehen, auf welchen einst Israel, und Jesus Christus mit, zu den Festen des Herrn emporpilgerte vor Jahrtausenden. …

Die Lust, welche die Palästinenser zu solchen Festwallfahrten an den Tag legen, stammt gewiss aus den alten Zeiten des Landes. So freute sich auch in Israel jedermann, zu den Festen hinaufzuziehen nach dem hochgebauten Jerusalem. Da sahen sich alte Bekannte wieder aus allen Teilen des Landes. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Das ganze Volk, sonst vereinzelt und zerstreut in seinen Hütten, wurde hier vereinigt. Es lernte sich kennen, lieben und als Ganzes erfassen. Nichts trug so sehr dazu bei, den Gedanken der nationalen Einheit auf dem Grunde der Einheit der Religion und des Tempels zu fördern und freudig zu beleben, wie die nationalen Feste.

Wenn daher die Festzeiten kamen, wollte jeder „dagewesen“ sein. Und wem immer sein Geschäft und seine Verhältnisse die Reise erlaubten, der machte sich auf zur frohen Fahrt. Freilich diejenigen Israeliten, welche jährlich alle drei Feste besuchten, mögen nur in der Umgebung von Jerusalem zu finden gewesen sein. Aus entfernteren Gegenden kamen wohl die meisten jährlich nur einmal, wie z. B. die Eltern von Jesus (Lk 2,14) zum Passahfest. Die meisten Besucher sah aber das populärste aller großen Volksfeste, das Laubhüttenfest.

Wie lebhaft entsteht auf demTempelplatz vor unseren Augen das Bild jener Feste, von denen die Evangelien berichten! Das froheste Fest war das Laubhüttenfest. Auch Jesus hat nach Joh 7,2ff. ein solches besucht, obgleich er zuerst bestimmt beabsichtigt hatte, dasselbe nicht zu besuchen. Seine Brüder waren schon dort, wie auch das übrige Volk, welches einige Tage vor Festanfang zu kommen pflegte, um sich noch rechtzeitig Laubhütten zu bauen.

Auf den Tempelhöfen, draußen vor dem goldenen Tor und übers Kidrontal hinweg bis zur Höhe von Betfage wohnte alles in Laubhütten. Und in der Stadt, auf den platten Dächern, auf Straßen und Märkten waren überall Laubhütten errichtet, in welchen ein fröhliches Volk feierte. Die ganze Hauptstadt schien in ein Zeltlager verwandelt.

Auch der Tempel prangte in heiligem Schmuck. Die herrlichen Säulenreihen waren nach orientalischer Weise mit farbigen Teppichen behangen, grünes Laub schimmerte von allen Säulen. Vom frühen Morgen an wogte das Volk auf und ab in den weiten Vorhöfen, deren Raum rings um die Omarmoschee jetzt so verlassen und einsam steht. Und wenn die Sonne untergegangen war, entfaltete sich nachts eine neue Pracht, welche die des Tages zu überflügeln trachtete. Wie in einer sogenannten italienischen Nacht blitzte und schimmerte es in den Vorhöfen und Säulenhallen von vielhundert Lichtern und Fackeln. Große goldene Leuchter, prächtige Lampen hingen in den Vorhöfen. Ihr schimmerndes Licht brach sich an Säulen und Wänden und machte die Formen der herrlichen Gebäude durch die dunkle Nacht bis zum stillen Ölberg sichtbar.

Und wenn der Herr spätabends hinüberwanderte übers Kidrontal und über den Ölberg nach Betanien, dann mag er sich wohl umgewandt haben nach der geliebten Stadt. Dann sah er ein schimmerrndes Lichtermeer, aus dessen Mitte sich, wie in zauberhaftes Licht getaucht, die stolzen Linien des majestätischen Tempels deutlich und ernst abhoben aus der dunklen Nacht.

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