Das Meer aus Kristall erscheint in der Offenbarung an zwei Stellen:
4,6a: „Vor „dem Thron ist etwas wie ein Meer aus Kristall, wie Eis.“
15,2: „Und ich sah etwas wie ein Meer aus Kristall mit Feuer vermischt,
und die, die gesiegt hatten – heraus aus (dem Machtbereich)
des Tieres, seines Bildes und der Zahl seines Namens.
Sie standen an dem Meer aus Kristall und hatten Gottes Harfen.“
Es lohnt sich, die Stellen im Zusammenhang nachzulesen. Johannes ist im Geist entrückt in die himmlische Welt Gottes. Er sieht dort den Thron Gottes und vor dem Thron dieses Meer aus Kristall. Man könnte statt „Kristall“ auch „Glas“ übersetzen. In 4,6 gibt Johannes zusätzlich die Erklärung „wie Eis“ und in 15,2 den optischen Eindruck „mit Feuer vermischt“. Die Formulierungen „wie“ und „etwas wie“ bestätigen uns, dass wir uns auch hier im Bereich der prophetischen Symbolsprache bewegen. Johannes sieht etwas irgendwie Festes und irgendwie Durchsichtiges in der Fläche und Größe eines Blickes aufs Meer.
Die einleuchtendste Erklärung für diese durchsichtige Fläche ist, dass es hier symbolisch um die Grenze zwischen der irdischen und der himmlischen Welt geht. Oberhalb ist die himmlische Welt Gottes, die für die Menschen unsichtbar ist. Unterhalb ist die irdische Welt der Menschen, die vor Gottes Augen offen daliegt. Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang zwar von „oben“ und unten“, es ist aber klar, dass auch das nur Ausdrücke der prophetischen Bildersprache sind. In Wirklichkeit geht es um Dimensionen, die unsere Vorstellung von Raum und Zeit übersteigen.
Wenn in 15,2 die, welche gesiegt haben, mit Gottes Harfen an diesem Meer stehen, sind sie entrückt in die Welt Gottes Es ist die auferstandene und entrückte Gemeinde. Sie haben ja gesiegt – heraus aus dem Machtbereich des Tieres in der irdischen Welt. Und nun stehen sie vor dem Thron Gottes und singen ihr Siegeslied. Woher hätten sie denn sonst auch „Gottes Harfen“?
Eine Parallelstelle zu diesem Meer aus Kristall finden wir im Alten Testament, und zwar beim Propheten Hesekiel, Kapitel 2:
2,22: „Und über den Köpfen der Lebewesen war etwas Ähnliches
wie eine Wölbung, im Aussehen wie Eis, befestigt oben über ihren Köpfen.“
Hesekiel hatte ebenfalls eine Vision vom Thron Gottes. Der Unterschied zu Johannes ist, dass er nicht in den Himmel entrückt war. Der Thron Gottes war vielmehr zu ihm auf die Erde gekommen. Die vier Lebewesen sind die Thronengel Gottes, die Cherubim. Zusätzlich zu diesen und bei ihnen sah er noch vier dreidimensionale Räder, mit denen sich der Thron auf der Erde fortbewegte, also eine Art Thronwagen.
Die „Wölbung“, von der Hesekiel spricht, ist uns aus dem Schöpfungsbericht bekannt. Gott erschuf als Trennung zwischen dem Wasser oben und dem Wasser unten die Wölbung und nannte sie „Himmel“. Und in der Tat ist in der erfahrbaren Welt die Himmelswölbung die Grenze für unseren Blick, wenn wir nach oben schauen.
Johannes sah die vier Thronengel allerdings oberhalb, Hesekiel aber unterhalb der durchsichtigen Fläche. Das könnte damit zusammenhängen, dass sie zu Hesekiel heruntergekommen sind in die irdische Dimension. Aber auch hier sollten wir dran denken, dass es das Phänomen der prophetischen Unschärfe gibt, wenn Menschen den Realitäten der geistlichen Welt begegnen.