Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

Monat: September 2026

Konnte Adam schreiben?

Konnte Adam schreiben? – Diese Frage erhebt sich, wenn man nach der Herkunft der ältesten Berichte in der Bibel forscht. Ein Licht darauf wirft das Buch „Die Entstehung der Genesis“ von P.J. Wiseman, das in deutscher Übersetzung im Jahr 1957 erschienen ist. „Genesis“ ist die griechische Bezeichnung für das erste Buch Mose. Es geht darin um die Frage, wie die Berichte von den Anfängen der Welt bis zu den Patriarchen Israels glaubwürdig zu uns gekommen sind. Ich zitiere aus dem Klappentext des Buchs:

„Archäologische Funde haben ergeben, dass die Schreibkunst zur Zeit Abrahams bereits weit verbreitet war und allgemein geübt wurde. Man hat Tontäfelchen gefunden, die etwa 5000 Jahre alt sind und zum Teil vor der Sintflut entstanden sein müssen. … Im Licht dieser wissenschaftlichen Entdeckungen untersucht der Verfasser die Genesis und kommt dabei zu erstaunlichen und überraschenden Feststellungen. Die Genesis weist Spuren jener uralten Schreibgewohnheiten auf. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass die Berichte dieses Buchs (also auch Schöpfungs-, Flutbericht und die Schilderung des Sündenfalls) ursprünglich in Keilschrift auf Tontafeln geschrieben wurden, und zwar von den Patriarchen selbst oder durch sie veranlasst. Sogar die Schreiber bzw. Besitzer der einzelnen Tafeln lassen sich an Hand des Bibeltextes noch nachweisen …“

Natürlich wurde „Die Entstehung der Genesis“ von P.J. Wiseman von der theologischen Fachwelt weitgehend ignoriert. Sie hätte doch zu viele „anerkannte“ bibelkritische Theorien über den Haufen geworfen. Aber wer von der historischen Richtigkeit der biblischen Berichte ausgeht, hat hier ein schlüssiges Konzept vor sich, wie man sich die korrekte Überlierung auch der ältesten Berichte vorstellen kann.

P.J. Wiseman legt dar, dass in der alten Schreibkultur die Tontafeln jeweils mit einer Unterschrift abgeschlossen wurden. Diese Unterschrift gab den Verfasser des Textes an, manchmal auch den Ort oder die Zeit der Abfassung. Und – man höre und staune – diese Unterschriften sind heute noch im Bibeltext zu finden.

Das Stichwort dafür ist das hebräische Wort „Toledot“. Dieses ist ein Pluralwort und kann im Sinne einer Aufzählung entweder als „Geschlechtsregister“ aufeinanderfolgende Generationen oder als „Geschichte“ aufeinanderfolgende Ereignisse aufzählen. Mit „Geschichte“ sind hier keine erfundenen Geschichten gemeint, sondern wahre Geschichte im Sinne von Historie. Leider hat P.J. Wiseman in seinem Buch diese zwei unterschiedlichen Bedeutungen von Toledot noch nicht berücksichtigt. Aber wenn man die zwei Bedeutungen differenziert und die Stellen, an denen offensichtlich ein „Geschlechtsregister“ gemeint ist, weglässt, dann ergibt sich für die Aufzeichnungen der „Geschichte“ mit den jeweiligen Unterschriften folgendes Bild:

1 Mo 5,1a: „Dieses ist die Aufzeichnung der Geschichte Adams.“ Hier endet also die Geschichte, die Adam aufgeschrieben hat. Interessant ist hier die Beobachtung, dass die ersten Menschen demnach nicht nur sprechen, sondern auch schreiben konnten. Offensichtlich hat Gott diese Fähigkeit miterschaffen. Konnte Adam schreiben? Eigentlich sollte uns das nicht verwundern, wo doch die ursprüngliche menschliche Intelligenz direkt vom Schöpfer kam.

1 Mo 6,9a „Dieses ist die Geschichte Noahs.“ Hier endet die Geschichte, die Noah aufgeschrieben hat.

1 Mo 10,1a: „Dieses ist die Geschichte der Söhne Noahs.“ Hier endet die Geschichte, die Noahs drei Söhne zusammen aufgeschrieben haben.

1 Mo 11,10a: „Dieses ist die Geschichte Sems.“ Hie endet die Geschichte, die Sem alleine aufgeschrieben hat.

1 Mo 11,27a: „Und dieses ist die Geschichte Terachs.“ Hier endet die Geschichte, die Terach, der Vater Abrahams, aufgeschrieben hat.

1 Mo 25,19a „Und dieses ist die Geschichte Isaaks, des Sohnes von Abraham.“ Hier endet die Geschichte, die Isaak aufgeschrieben hat.

1 Mo 37,2a: „Dieses ist die Geschichte Jakobs.“ Hier endet die Geschichte, die Jakob aufgeschrieben hat. Und er hat dabei (Vers 1) auch Ort und Zeit der Aufzeichnung angegeben: „Jakob wohnte im Land, in dem sein Vater als Fremder lebte, im Land Kanaan.“

Bis hierher gehen die Aufzeichnungen, die auf Tontafeln geschrieben und überliefert wurden. Jakobs Sohn Josef hat dann in Ägypten sicherlich die ägyptische Hieroglyphenschrift gelernt und die dortigen Schreibmaterialien benutzt. Und Mose hat später die althebräische Buchstabenschrift mit erfunden, die sich von ägyptischen Hieroglyphenzeichen ableiten. Ihm ist zuzutrauen, dass er die ihm vorliegenden alten Berichte in sein Werk mit aufnahm.

Ein besonderer Hinweis auf die Richtigkeit dieser Sichtweise ist der, dass in keinem der genannten Tafel-Abschnitte irgendetwas steht, das aus einer späteren Zeit stammt. Die Berichte wurden also weder später geschrieben noch später mit irgend etwas ergänzt. Die Form der Tontafeln war wohl sehr resistent gegenüber Änderungen und Fälschungen.

Wenn wir das soweit verstanden haben, werfen wir nun den Blick auf eine Stelle, die in der obigen Auflistung noch gefehlt hat:

1 Mo 2,4: „Dieses ist eine Aufzeichnung der Geschichte des Himmels und der Erde, wie sie geschaffen wurden. (Aufgezeichnet) am Tag, als Gott den Himmel und die Erde gemacht hatte.“ Hier gibt Adam an, dass er diesen Bericht angefertigt hat am Tag nach der Schöpfung. Nehmen wir an, dass der siebte Tag, an dem Gott ruhte, noch zur Schöpfung gehört und dann der Tag danach gemeint ist. Das erste Werk nach der Schöpfung war also die Niederschrift der Geschichte der Schöpfung.

Und woher konnte Adam diese Geschichte kennen vor seiner eigenen Erschaffung? Natürlich von Gott selbst, die Gemeinschaft mit ihm war ja noch ungetrübt. Stellen wir uns also vor: Gott und sein Adam sitzen im Park Eden zusammen, natürlich mit Eva dabei, und Gott erzählt, wie er alles gemacht hat, und Adam schreibt alles auf. Adam musste dazu natürlich die Keilschrift erfinden und üben, aber er hatte viel Zeit dazu, denn so etwas wie „Zeit“ lief damals noch nicht ab. So entstand das erste literarische Werk der Weltgeschichte, über dessen Vollkommenheit man sich nun auch nicht mehr wundern muss.

Der Einzug in Jerusalem

(Der Einzug in Jerusalem – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Der Einzug in Jerusalem auf einem Eselsfüllen (Mt 21,1-11; Joh 12,12-18) wird oft als eine besonders rührende Äußerung der Demut dargestellt. Dies ist nicht richtig. Denn der Esel war damals wie heute dasjenige Tier, welches von vornehm und gering am meisten benutzt wurde. Der Esel ist niemals etwa nur das Reittier der Ärmeren und Geringeren gewesen. So reitet z. B. der Pascha (Gouverneur) von Jerusalem immer auf einem Esel. Daher ist der Einzug des Herrn auf einem Eselsfüllen nicht, wie so häufig geschieht, als Zeichen der Demut aufzufassen.

Der Herr wollte an diesem Tag nicht in armer Knechtsgestalt, sondern mit dem entsprechenden äußeren Aufzug als ein König einreiten. Er ließ sich die ganze fürstliche Einholung mit Palmen und Psalmen und Jubelrufen der Großen und der Kleinen nicht nur gefallen, sondern billigte dieselbe. Schon längst hätte ihn das Volk mit seinem „Hosianna in der Höhe!“ als seinen Fürsten aus Davids Stamm einholen sollen. Auch dass der Herr selbst sich ein Füllen holen ließ, das noch unentweiht war, auf dem noch nie ein Mensch geritten war, erhöhte die Fürstlichkeit seines Einzugs.

Und Matthäus zitiert aus dem Propheten: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir!“ (Sach 9,9) – lauter Anzeichen, dass es hier nicht auf die Niedrigkeit, sondern auf die Herrlichkeit des Einzugs des sanftmütigen Friedenskönigs ankam. Wohl wusste er, dass es der Anfang zum Todeszug war. Aber er musste sich noch einmal so klar und deutlich wie möglich dem versammelten Volk als Messias darstellen.

Die übrige Festkarawane war nicht in Betanien geblieben, sondern bis Jerusalem weitergezogen. Wie ein Lauffeuer hatte es sich in der Stadt verbreitet, dass Jesus, den jedermann auszuliefern Befehl hatte, öffentlich mit der Festkarawane von Jericho heraufgezogen und drüben in Betanien geblieben war. Am nächsten Morgen musste er also hereinkommen. Welche Aufregung, welches Gewimmel war nach dem Ölberg zu auf der Feststraße sichtbar, während sich Jesus drüben in Betanien zum Aufbruch anschickte! Dort war es noch still, und keine störender Laut drang aus der bewegten Hauptstadt herüber. Etwa ein halbes Stündchen ging Jesus mit seinen Jüngern zu Fuß, bis sie in die Nähe von Betfage kamen. Da sandte er ins Dorf, um einen Esel zu bekommen, auf dem noch nie jemand gesessen war. Man war nun nicht mehr weit von Jerusalem entfernt, doch war dies noch vom Berg verdeckt.

Schon mochte eine Anzahl von Verehrern Jesu oder auch von Neugierigen dort angekommen sein, wo Jesus mit seine Jüngern auf das Reittier wartete. Jetzt sahen sie mit Überraschung, dass Jesus Anstalten traf, um mit einer gewissen Feierlichkeit einzuziehen. Zwei Jünger eilen hinein nach Betfage und erhalten für den Auferwecker des Lazarus sofort das gewünschte Tier. Das Volk begreift gleich, was gemeint ist. Ihre Kleider legen sie auf den in der Eile aufgeschnallten Sattel. Ja, nicht einmal sein Esel soll mit seinen Hufen den Erdboden berühren. Sie breiten ihre Mäntel auf den Weg, um die Königsstraße, auf der schon lange kein israelitischer König mehr einzog, festlich zu schmücken. Der Weg von Betanien nach Jerusalem war reich an Palmen-, Feigen-, Oliven- und Johannisbrotbäumen. Von ihnen hieben sie Zweige ab, streuten sie auf den Weg und schwangen sie in den Händen.

Eine ungeheure Begeisterung bemächtigte sich der Menge, wie sie schon in Galiläa einigemale auszubrechen im Begriff gewesen war. Damals war Jesus ausgewichen, heute nahm er die Huldigungen an. Von Minute zu Minute wuchs die Volksmenge. Wer ihr begegnete, schloss sich an. Jedermann wurde von der Begeisterung angesteckt. Und wie sie jubelnd und Hosianna rufend auf dem Ölberg vorwärts eilten, war es nicht anders, als wenn mit diesem Einzug das durch die Propheten verheißene, von allen ersehnte Messiasreich anbrechen sollte.

Es war ein anmutiger Weg, durch welchen der freudige Zug sich bewegte. Zu beiden Seiten nach der Andeutung des Johannesevangeliums wogende Palmkronen, links ein tiefes Tal, rechts der Anstieg zum Ölberg, zu welchem der niedrige Bergsattel gehörte, den sie überschreiten mussten. Auf diesem angekommen, erblickten sie auf dem gegenüberliegenden Berg die hochgebaute Stadt. Deren Anblick war nirgends so imponierend, wie an dieser Stelle. Die ganze Stadt trat hier vor dem majestätischen Tempel in den Hintergrund. Jerusalem! Jerusalem! So tönte es in den Herzen der begeisterten Pilger, und mit ihren frohen Huldigungsrufen begrüßten sie die alte Königsstadt.

(Im folgenden Abschnitt erzählt Ludwig Schneller richtigerweise, dass Jesus auf diesem Weg über Jerusalem geweint hat. Leider zitiert er dazu die Aussagen von Jesus in einem Gemisch von Bibelstellen (Mt 23,37; Lk 13,34; Lk 19,41), die teilweise an andere Plätze in der Geschichte gehören. Ich zitiere hier die eindrückliche Schilderung von Ludwig Schneller, aber mit der Aussage von Jesus, die uns Lukas genau an dieser Stelle berichtet:)

Jerusalem! Jerusalem! so tönte es, obschon in ganz anderem Sinne, auch im Herzen Jesu. Eine tiefe Wehmut bemächtigte sich seiner, als er Stadt und Tempel erblickte, die eben von den ersten Morgenstrahlen getroffen waren. Der ganze Schmerz seines Lebens drängte sich wie in einen Augenblick zusammen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Und während alles Volk rings um ihn sprang, jubelte, jauchzte und hundertstimmig Freudenpsalmen sang, stimmte er einen Trauergesang über Jerusalem an, wie er bitterer nicht sein konnte:

„Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden (dient)! Jetzt ist es aber vor deinen Augen verborgen, dass Tage über dich kommen werden, da deine Feinde dich mit Palisadenwällen belagern, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten packen werden. Sie werden dich dem Erdboden gleichmachen, auch deine Kinder in dir, und werden keinen Stein auf dem anderen lassen in dir, dafür, dass du die Zeit deiner Verantwortung nicht erkannt hast.“ (Lk 21,42-44).

Einst war auf denselben Berg Moria, als noch kein Tempel und keine Stadt darauf stand, sondern nur eine einsame Felshöhe, ein tiefbekümmerter Vater hinaufgezogen, seinen Sohn zu opfern. Jetzt ging das Kind Gottes selbst auf denselben Berg hinauf, um zu sterben. Tränen standen noch in seinen Augen, als er mit der jubelnden Menge hinabritt ins Kidrontal. Links lag Siloah mit seinen stillen Wassern. Am Garten Getsemani zogen sie vorüber. Die Brücke des im April längst verschwundenen Bachs Kidron wurde überschritten. Schon brach sich das Echo des jauchzenden Volks droben an hohen Stadt- und Tempelmauern. Nach zehn Minuten war der Zug am goldenen Tor, dem prächtigsten Tor Jerusalems. Durch dieses zog man direkt auf das Tempelgelände hinein. Jetzt schallten die Jubelrufe über den Tempelplatz mit seinen Vorhöfen, hinein in die Straßen der Stadt und hinauf zum Zion. Hier im Bereich der Hohenpriester und Pharisäer legten sich endlich die Wogen der Begeisterung.

Die Trompeten kommenden Gerichts und die Halljahrsposaunen künftiger Gnade tönen aus den Worten, mit welchen Jesus nach ein paar Tagen den Tempel Jerusalems für immer verließ. „Euer Haus soll euch wüste gelassen werden, bis ihr den verkannten Messias begrüßt mit demselben Ruf, wie vorhin die jubelnde Volksmenge: ‚Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!'“. Jesus hat nach diesen Worten den Tempel nie wieder betreten. Der nächste große Volkszug ging nach Golgota.

Die Salbung in Betanien

(Die Salbung in Betanien – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Wie heimatlich klingt uns der Name jenes Dörfleins, welches um seines gastlichenen Hauses willen geliebt ist in der ganzen weiten Christenheit! Das letzte Dörflein vor der östlichen stillen Wüste war doch nur ein Stündlein von Jerusalem entfernt. So eignete es sich besonders gut für den Herrn, wenn er sich aus dem lauten Festtreiben der Stadt abends zurückziehen wollte. Mit der Pracht der alten Königsstadt drüben ist auch Bethanien müde in den Staub gesunken. Und die letzten Spuren jenes Hauses, in welchem unser Herr einst gerne ruhte, hat der Sturm der Jahrhunderte längst verweht.

Nur ein armseliges Dörflein mit wenigen Hütten, „Lazarusdorf“ Elazaríje genannt, steht heute an der Stelle des alten Bethanien und grüßt von seiner anmutigen Höhe am Weg nach Jericho aus dem Schmuck grüner Bäume ins tiefe Tal hinab. Aber wo immer das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da sagt man auch heute noch zum Gedächtnis der Maria von Betahnien, was sie beim Beginn der Leidenswoche dort an unserem Herrn getan hat.

Am Sonntag vor Ostern* war Jesus wieder in Bethanien. Wir können uns kaum vorstellen, welch freudige Aufregung seine Ankunft dort hervorrief. Wie Osterglanz lag es ja noch über der Tür des Lazarus, durch welche dieser vor kurzem tot hinausgetragen worden war. Damals war Jesus so rasch davongeeilt, dass man ihm kaum recht danken konnte. Nun war er wieder da. Jeder suchte ihm seine Dankbarkeit auf seine Weise auszudrücken. Zunächst wurde ihm zu Ehren ein Gastmahl zugerichtet, natürlich ein Abendmahl. Und wie man heute noch bei Familienfestlichkeiten oft mit förmlichem Ringkampf sich darum streitet, in wessen Haus der Verwandten oder Bekannten man Einladung und Festmahl bereiten darf, so hatte sich diesmal Simon „der Aussätzige“ die Ehre ausgebeten.

Die Gesellschaft war beisammen. Ein oder mehrere Ampeln, entweder auf hohem Leuchter oder vom Gewölbe herabhängend, verbreiteten ihr Licht über die Tischgesellschaft. Die schon vorher festliche Stimmung und Erwartung der Jünger wurde durch die begeisterte Dabkbarkeit aller Tischgenossen noch gehoben. Und doch – ungetrübt war die Feude nicht. Eine Ahnung des Todes schwebte unausgesprochen über der abendlichen Tischgesellschaft. Gehörte doch schon einiger Mut dazu, eine solche Einladung Jesus zu Ehren zu veranstalten. Hatten doch die Hohepriester drüben jenseits des Berges jedermann bei Strafe geboten, ihn auszuliefern. Und war doch selbst Lazarus in den letzten Wochen seines Lebens nicht sicher gewesen, nur weil er auferweckt worden war.

Einige ernste Akkorde tönten in die frohe Tischgesellschaft hinein durch eine Tat der Maria und die angeknüpften Worte des Herrn. Während die emsige Marta hinter den auf den Teppichen und Kissen zu Tisch Liegenden umherging und diente, trat auch die stille Maria heran, die sich bisher ferne gehalten hatte (Mt 26,7). Es war ja überhaupt nicht Sitte, dass die Frauen bei solchen Gelegenheiten mit den Männern zu Tisch lagen. Für ihre dankbare Liebe, wie für ihre trüben Ahnungen fand sie, die sich mit Worten nicht zu sagen getraute, was sie empfand, eine rührenden Ausdruck. Sie allein hatte die Todesverkündigungen des Herrn ernst genommen, mehr als alle Jünger. Dass der Herr, der so leutselig und mit solcher Seelenruhe bei ihnen zu Tisch war, seinem Tod so nahe sei, das erfüllte sie mit unaussprechlicher Wehmut.

Noch einmal, sie ahnte das letzte Mal, wollte sie dem Herrn ihre unbegrenzte Hochachtung und Dankbarkeit zeigen. Sie trat hinter Jesus, welcher auf den Teppichen lag, den Ellbogen auf ein Kissen gestützt. Sie brach ihr Glas mit unverfälschter köstlischer Narde auf, goss es auf sein Haupt und salbte mit dem Rest seine Füße. Dann beugte sie sich vollends ganz auf den Boden herab, löste ihr Haar und trocknete damit seine Füße ab, welche auf dem Teppich nach hinten ausgestreckt lagen. Ein Wort der Erklärung auszusprechen, wagte sie nicht. Aber der Herr nahm ihr das Wort aus dem Herzen und legte es ihr und den Jüngern bedeutsam aus. „Sie ist zuvorgekommen, meinen Leib zu salben zu meinem Begräbnis.“ Gesalbt zu seinem Tod erhob sich Jesus an jenem Abend, um mit den Geschwistern Lazarus nach Hause zu gehen. Er hatte wohl zum letztenmal auf Erden einem solchen Gastmahl beigewohnt.

Wohlgerüche über Tisch im Zimmer zu verbreiten, ist bis zum heutigen Tag eine beliebte Sitte bei den Orientalen. Mit großer Mannigfaltigkeit wissen die Araber den Blumen und Pflanzen ihre süßesten Düfte zu entlocken und in Wassern festzuhalten. Rosenwasser und andere aromatische Flüssigkeiten befinden sich in jedem besseren Haus. Besonders bei Gastmählern müssen die Wohlgerüche zur Geltung kommen. Die Limonade, welche man dem ankommenden Gast reicht, mundet mit einigen Tropfen Rosenwasser doppelt gut. Und gerne gibt man jedem Tischgast, den man schon beim Eintritt ins Haus mit wohlriechenden Wassern besprengt, bei Tisch noch ein duftendes Sträußchen wohlriechender Kräuter und Blumen in die Hand. Aber auch wohlriechende Wasser werden zuweilen über den dasitzenden Gast gegossen.

Soeben, während ich dies schreibe, komme ich von einem Besuch bei wohlhabenden Arabern in Betlehem. Die Leute, welche sich über den Besuch freuten, wollten mir eine besondere Aufmerksamkeit erweisen. Da nahm die Hausfrau, während ich auf den Polstern saß, ein Fläschchen mit wohlriechendem Wasser, öffnete es und goß die Hälfte davon über meinen Kopf, sowie über Kleider und Hände, sodass das ganze Zimmer von dem Duft erfüllt wurde.

Bei der Handlung der Maria war nur ungewöhnlich, dass sie eine so außerordentlich kostbare Salbe für diesen Zweck benutzte. Maria hat eben auch in diesem Stück getan, was sie konnte. Alles, worüber sie zu diesem Zweck verfügen konnte und durfte, hatte sie aufgewandt. Denn für den Herrn war ihr selbst das Beste noch nicht gut genug. Darum bekam sie aus dem Mund des Heilands auch eine so schöne Anerkennung.

*Nach der Datierung von „Das Leben des Messias„, die den essenischen Kalender berücksichtigt, war dieses Ereignis am Donnerstag davor.