(Menschenfresser – eine Satire von Sören Kierkegaard in seiner Zeitschrift „Der Augenblick“. Erschienen am 31. Mai 1855)

Dass die geistlichen Menschenfresser sind, und zwar von der abscheulichsten Sorte

Was man unter Menschenfressern versteht, weiß wohl jeder; das Wort sagt es ja. Man schaudert, wenn man von dem Entsetzlichen hört oder liest, dass es Wilde gibt, die ihre Feinde töten, um sie zu verzehren. Man schaudert, man möchte die Verwandtschaft mit derlei Geschöpfen verleugnen und sie für keine Menschen mehr halten.

Ich werde nun zeigen, dass die Geistlichen Menschenfresser sind, und zwar von einer weit abscheulicheren Sorte.

Was ist das Christentum des Neuen Testaments? Es ist die leidende Wahrheit. In dieser mittelmäßigen, jämmerlichen, sündigen, argen, gottlosen Welt muß „nach der Lehre des Christentums“ die Wahrheit leiden. Darum ist das Christentum die leidende Wahrheit, weil es die Wahrheit ist und in dieser Welt ist.

Für dieses Christentum litt darum sein Stifter nicht bloß den Tod am Kreuz, sondern sein ganzes Leben war von Anfang bis zuletzt Leiden. Für dasselbe litt der Apostel, ebenso der Wahrheitszeuge. Und nur eines verlangte der Heiland, und dasselbe verlangte nach ihm wieder der Apostel, der Wahrheitszeuge als das einzige: die Nachfolge.

Was tut aber der „Geistliche“? Dieser studierte Mann, er ist nicht so blöde. „Ihnen nachzufolgen, das wäre ein schöner Vorschlag für einen klugen Mann. Da müsste der kluge Mann ja zuerst toll geworden sein, ehe es ihm einfallen könnte, sich auf so etwas einzulassen. Nein, ließe sich’s aber nicht machen, dass man die Leiden dieser Herrlichen schilderte? ihre Lehre als Doktrin verkündigte? Ließe sich das nicht machen, und könnte es nicht so viel abwerfen, dass ein Mann, der das Leben genießen will, davon leben, sich darauf verheiraten, Kinder zeugen und diese ernähren könnte?“ Das heißt: kann man die Herrlichen nicht zu Geld machen oder sie verzehren, mit Weib und Kind davon leben, dass man sie verzehrt?

Sieh, da hast du sie, die Menschenfresser: dass die geistlichen Menschfresser sind! Ihr verstorbenen Herrlichen, in dieser Tierwelt, die man a parte potiori* die Menschenwelt nennt, ist es euer Los, im Leben und nach dem Tod verzehrt zu werden. Solange ihr lebt, werdet ihr von dem Geschmeiß der Mitlebenden verzehrt, zuletzt schlägt man euch tot. Und wenn ihr dann tot seid, so kommen erst recht die rechten Menschenfresser über euch, die Geistlichen, die davon leben, dass sie euch verzehren! Wie in der Schlachtzeit von den Haushaltungen Vorrat für den Winter eingepökelt wird, so hat der „Geistliche“ die Herrlichen, die für die Wahrheit leiden mussten, in der Pökeltonne.

Vergebens ruft er, der Verstorbene: „Folge mir nach, folge mir nach!“ „Das wäre ein schöner Spaß,“ erwidert der Pfaffe, „nein, halte du nur dein Maul, und bleibe wo du bist! Welch unsinniges Verlangen, dass ich dir nachfolgen sollte, während ich doch, und erst mit Weib und Kind, gerade von deinem Fleisch lebe. Ich sollte dir nachfolgen, vielleicht selbst ein Opfer werden, während ich so von dir leben oder zehren kann, die brillianteste Karriere mache, Geld wie Heu verdiene, für mich und für Weib und Kind? – Du sollst nur sehen, wie sie gedeihen; es ist eine wahre Lust, sie nur anzusehen!“

Das ist Menschefresserei, und zwar von der abscheulichsten Art, wie ich nun zeigen werde:

1) Der Kannibale ist ein Wilder, der „Pfarrer“ ein studierter, ein gebildeter Mann. Und das macht das Abscheuliche noch viel empörender.

2) Der Kannibale verzehrt seinen Feind. Anders der „Pfarrer“. Er gibt sich den Schein, als sei er denen, die er verzehrt, aufs innigste ergeben. Der Pfarrer, just der Pfarrer, ist der ergebenste Freund jener Herrlichen. „Hör ihn nur, horch, wie er ihre Leiden schildern, ihre Lehre vortragen kann! Verdient er nicht einen silbernen Tafelaufsatz, ein Ritterkreuz, ein ganzes Halbdutzend gestickte Lehnsessel, ein paar Tausende weiter im Jahr? Er, dieser herrliche Mann, der, selbst zu Tränen gerührt, die Leiden der Herrlichen so trefflich schildern kann!“

Sieh, so ist der Kannibale nicht. Er gibt sich offen für einen Menschenfresser aus. Und wenn er einen aufzehrt, so nennt er ihn nicht seinen Freund, sondern verzehrt als Feind den Feind. Der Pfarrer hingegen verhehlt es (wie das Krokodil mit seinen Mitleidstränen) so sorgfältig wie möglich, dass er ein Menschenfresser ist. Er verhehlt es und gibt sich zu diesem Zweck das Ansehen, als wäre er der allerergebenste Freund derer, die er doch verzehrt.

Eidlich verpflichtet sich „der Pfarrer“ auf das Neue Testament, also zur Nachfolge, zur Nachfolge in den Fußstapfen des Heilands der Welt – und dann pfeift er auf die Nachfolge und lebt mit seiner Familie von ihm, d. h. davon, dass er seine Leiden schildert, seine Lehre als Doktrin vorträgt und sich gebärdet, als wäre er des Gekreuzigten wahrer ergebener Jünger. „Du solltest ihn nur sonntags hören. Das ist ein wahrer Jünger Christi! Wie der Christi Leiden schildern kann und Zeugnis geben … verdient er nicht die Samtbordur und Sterne und Tausende im Jahr?“

3) Der Kannibale macht es kurz und gut ab. Er fährt wild auf, bemächtigt sich seines Feindes, tötet ihn und verspeist etwas von ihm. Dann ist’s vorbei. Dann lebt er wieder von seinen gewöhnlichen Nahrungsmitteln, bis die menschenfresserische Leidenschaft wieder über ihn kommt.

Ander mit dem Menschenfresser, dem „Pfarrer“. Seine Menschenfresserei ist wohlbedacht, schlau angelegt, darauf berechnet, dass er sein Lebtag von nichts anderem zu leben hat, dass es einen Mann mit Familie ernährt, dass es von Jahr zu Jahr mehr abwirft. Gemütlich hat sich der Pfarrer auf seinem Landsitz eingerichtet, auch mit der Aussicht auf das winkende Avancement. Seine Gemahlin ist die Behäbigkeit selbst, nicht minder seine Kinder. Und all das verdankt er: den Leiden der Herrlichen, dem Heiland, dem Apostel, dem Wahrheitszeugen. Davon lebt der Pfarrer, von ihnen zehrt er, mit diesen füttert er in frohem Lebensgenuss Weib und Kind. Er hat diese Herrlichen in der Pökeltonne.

Ihr Ruf: „Folge mir nach! Folge mir nach!“ ist vergebens. Eine Zeitlang muss er sich vielleicht gegen diesen Ruf wehren, dass er ihn nicht (in Verbindung mit seinem Eid!) in seinem ganzen Geschäft stört. Mit dem Lauf der Jahre wird er gegen diesen Ruf so abgestumpft, dass er ihn gar nicht mehr hört. Anfangs hört er sich vielleicht nur mit einem gewissen Schamgefühl einen Jünger Christi nennen, im Lauf der Jahre ist er an diese Benennung so gewöhnt, dass er selbst daran glaubt. So stirbt er, so grundverderbt, wie ein Mensch nur werden kann; und dann begräbt man ihn als „Wahrheitszeugen“.

*a parte potiori = in der Hauptsache