(Der Einzug in Jerusalem – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Der Einzug in Jerusalem auf einem Eselsfüllen (Mt 21,1-11; Joh 12,12-18) wird oft als eine besonders rührende Äußerung der Demut dargestellt. Dies ist nicht richtig. Denn der Esel war damals wie heute dasjenige Tier, welches von vornehm und gering am meisten benutzt wurde. Der Esel ist niemals etwa nur das Reittier der Ärmeren und Geringeren gewesen. So reitet z. B. der Pascha (Gouverneur) von Jerusalem immer auf einem Esel. Daher ist der Einzug des Herrn auf einem Eselsfüllen nicht, wie so häufig geschieht, als Zeichen der Demut aufzufassen.

Der Herr wollte an diesem Tag nicht in armer Knechtsgestalt, sondern mit dem entsprechenden äußeren Aufzug als ein König einreiten. Er ließ sich die ganze fürstliche Einholung mit Palmen und Psalmen und Jubelrufen der Großen und der Kleinen nicht nur gefallen, sondern billigte dieselbe. Schon längst hätte ihn das Volk mit seinem „Hosianna in der Höhe!“ als seinen Fürsten aus Davids Stamm einholen sollen. Auch dass der Herr selbst sich ein Füllen holen ließ, das noch unentweiht war, auf dem noch nie ein Mensch geritten war, erhöhte die Fürstlichkeit seines Einzugs.

Und Matthäus zitiert aus dem Propheten: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir!“ (Sach 9,9) – lauter Anzeichen, dass es hier nicht auf die Niedrigkeit, sondern auf die Herrlichkeit des Einzugs des sanftmütigen Friedenskönigs ankam. Wohl wusste er, dass es der Anfang zum Todeszug war. Aber er musste sich noch einmal so klar und deutlich wie möglich dem versammelten Volk als Messias darstellen.

Die übrige Festkarawane war nicht in Betanien geblieben, sondern bis Jerusalem weitergezogen. Wie ein Lauffeuer hatte es sich in der Stadt verbreitet, dass Jesus, den jedermann auszuliefern Befehl hatte, öffentlich mit der Festkarawane von Jericho heraufgezogen und drüben in Betanien geblieben war. Am nächsten Morgen musste er also hereinkommen. Welche Aufregung, welches Gewimmel war nach dem Ölberg zu auf der Feststraße sichtbar, während sich Jesus an jenem letzten Montag seines irdischen Lebens drüben im stillen Betanien zum Aufbruch anschickte! Dort war es noch still, und keine störender Laut drang aus der bewegten Hauptstadt herüber. Etwa ein halbes Stündchen ging Jesus mit seinen Jüngern noch zu Fuß, bis sie in die Nähe von Betfage kamen. Da sandte er ins Dorf, um einen Esel zu bekommen, auf dem noch nie jemand gesessen war. Man war nun nicht mehr weit von Jerusalem entfernt, doch war dies noch vom Berg verdeckt.

Schon mochte eine Anzahl von Verehrern Jesu oder auch von Neugierigen dort angekommen sein, wo Jesus mit seine Jüngern auf das Reittier wartete. Jetzt sahen sie mit Überraschung, dass Jesus Anstalten traf, um mit einer gewissen Feierlichkeit einzuziehen. Zwei Jünger eilen hinein nach Betfage und erhalten für den Auferwecker des Lazarus sofort das gewünschte Tier. Das Volk begreift gleich, was gemeint ist. Ihre Kleider legen sie auf den in der Eile aufgeschnallten Sattel. Ja, nicht einmal sein Esel soll mit seinen Hufen den Erdboden berühren, sie breiten ihre Mäntel auf den Weg, um die Königsstraße, auf der schon lange kein israelitischer König mehr einzog, festlich zu schmücken. Der Weg von Betanien nach Jerusalem war reich an Palmen-, Feigen-, Oliven- und Johannisbrotbäumen. Von ihnen hieben sie Zweige ab, streuten sie auf den Weg und schwangen sie in den Händen.

Eine ungeheure Begeisterung bemächtigte sich der Menge, wie sie schon in Galiläa einigemale auszubrechen im Begriff gewesen war. Damals war Jesus ausgewichen, heute nahm er die Huldigungen an. Von Minute zu Minute wuchs die Volksmenge. Wer ihr begegnete, schloss sich an. Jedermann wurde von der Begeisterung angesteckt. Und wie sie jubelnd und Hosianna rufend auf dem Ölberg vorwärts eilten, war es nicht anders, als wenn mit diesem Einzug das durch die Propheten verheißene, von allen ersehnte Messiasreich anbrechen sollte.

Es war ein anmutiger Weg, durch welchen der freudige Zug sich bewegte. Zu beiden Seiten nach der Andeutung des Johannesevangeliums wogende Palmkronen, links ein tiefes Tal, rechts der Anstieg zum Ölberg, zu welchem der niedrige Bergsattel gehörte, den sie überschreiten mussten. Auf diesem angekommen, erblickten sie auf dem gegenüberliegenden Berg die hochgebaute Stadt, deren Anblick nirgends so imponierend war, wie an dieser Stelle. Die ganze Stadt trat hier vor dem majestätischen Tempel in den Hintergrund. Jerusalem! Jerusalem! So tönte es in den Herzen der begeisterten Pilger, und mit ihren frohen Huldigungsrufen begrüßten sie die alte Königsstadt.

Jerusalem! Jerusalem! So tönte es, wenn auch in ganz anderem Sinne, auch im Herzen Jesu. Eine tiefe Wehmut bemächtigte sich seiner, als er Stadt und Tempel erblickte, die eben von den ersten Morgenstrahlen getroffen waren. Der ganze Schmerz seines Lebens drängte sich wie in einen Augenblick zusammen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Und während alles Volk rings um ihn sprang, jubelte, jauchzte und hundertstimmig Freudenpsalmen sang, stimmte er einen Trauergesang an, wie er bitterer nicht sein konnte: „Jerusalem! Jerusalem! Die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind! Wenn du es wüßtest, so würdest auch du bedenken zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen!“ (Mt 23,37; Lk 19,42).

Einst war auf denselben Berg Moria, als noch kein Tempel und keine Stadt darauf stand, sondern nur eine einsame Felshöhe, ein tiefbekümmerter Vater hinaufgezogen, um seinen Sohn zu opfern. Jetzt geht das Kind Gottes selbst auf denselben Berg hinauf, um zu sterben.

Tränen standen noch in seinen Augen, als er mit der jubelnden Menge hinabritt ins Kidrontal. Links lag Siloah mit seinen stillen Wassern. Am Garten Getsemani zogen sie vorüber. Die Brücke des im April längst verschwundenen Bachs Kidron wurde überschritten. Schon brach sich das Echo des jauchzenden Volks droben an hohen Stadt- und Tempelmauern. Nach zehn Minuten war der Zug am goldenen Tor, dem prächtigsten Tor Jerusalems, durch welches man direkt in den Tempel einzog. Jetzt schallten die Jubelrufe über den Tempelplatz mit seinen Vorhöfen und hinein in die Straßen der Stadt und hinauf zum Zion. Hier im Bereich der Hohenpriester und Pharisäer legten sich endlich die Wogen der Begeisterung.

Die Trompeten kommenden Gerichts und die Halljahrsposaunen künftiger Gnade tönen aus den Worten, mit welchen Jesus nach einigen Tagen den Tempel Jerusalems für immer verließ: Euer Haus soll euch wüste gelassen werden, bis ihr den verkannten Messias mit demselben Ruf, wie vorhin die jubelnde Volksmenge, begrüßt: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Jesus hat nach diesen Worten den Tempel nie wieder betreten. Der nächste große Volkszug ging nach Golgota.