Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

Schlagwort: Jerusalem (Seite 1 von 2)

Der verfluchte Feigenbaum

(Der verfluchte Feigenbaum – ein stark vereinfachter und gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Verfluchung des Feigenbaums“ des Buchs „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Ludwig Schneller beschäftigt sich in diesem Kapitel mit der Schwierigkeit, die einem in der Bibelstelle Mk 11,12-14 begegnet. „Als sie am anderen Tag aus Betanien hinausgingen, hatte er Hunger. In einiger Entfernung sah er einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und ging hin, ob er wohl etwas an ihm fände. Als er hingekommen war, fand er aber nichts an ihm als nur Blätter. – Es war freilich nicht die Zeit für Feigen. – Und er sprach laut aus zu ihm hin: „Nie mehr bis in Ewigkeit soll jemand Frucht von dir essen!“

Jesus sucht im Frühling, Anfang April Feigen an einem Feigenbaum. Da er von Betanien hinausgeht nach Jerusalem, muss das „in einiger Entfernung“ bei dem Dorf Betfage gewesen sein. Markus erklärt dazu ausdrücklich noch, dass es gar nicht die Zeit für Feigen war. Warum sucht Jesus dort also Feigen und verflucht dann den Baum, weil er keine hat? Das ist die Fragestellung, zu deren Lösung uns Ludwig Schneller mitnimmt:

„Eine genaue Beobachtung der Feigenbäume an Ort und Stelle im heiligen Land selbst wird uns hier die richtige Lösung geben. Dabei müssen wir von vornherein festhalten, dass der Feigenbaum zweimal im Jahr Früchte trägt. Wenn die Vegetation am Schluss des Sommers aufhört und die ersten winterlichen Stürme übers Land fegen, verliert auch der Feigenbaum im November oder Dezember seine Blätter und steht eine Zeit lang kahl und nackt da. Nur neben den noch kleinen Augen sieht man winzige Ansätze zukünftiger Feigen. Da sich diese erst im kommenden Frühjahr entwicklen, nennt man dieselben allgemein Frühfeigen.

Die wirklichen Spätfeigen bzw. Sommerfeigen dauern bis Oktober, an ganz besonders geschützten Stellen ausnahmsweise auch bis Dezember. Dagegen fangen im Frühjahr die Augen des Baums an zu schwellen, und auch die kleinen Fruchtansätze beginnen zu treiben. Und da diese kaum erbsengroßen Knollen schon seit Ende des Vorjahrs da sind, ja Bohnengröße erreichen, bevor die grünen Blätter aus den bereits stark schwellenden Augen hervorbrechen, kann man auch sagen, dass die Früchte vor den Blättern da sind. Im März aber treiben die jungen Blätter mit erstaunlicher Schnelligkeit hervor. Und nun entwickeln sich die Frühfeigen genau in demselben Tempo wie die Blätter. Jeden Morgen kann man bei günstigem warmem Wetter die Fortschritte beider deutlich wahrnehmen.

Im Jahr 1888 begannen die Feigenbäume anfangs März auszuschlagen. Am 10. März hatten die Frühfeigen schon die Größe von kleinen Kirschen. Ende März waren sie beinahe wie ausgewachsene Feigen, obwohl sie noch ganz hart und unreif waren. Ich zählte um diese Zeit die Frühfrüchte des Feigenbaums in meinem Garten und fand deren rund 1500. Da sich die Blätter mit den Frühfeigen gleichmäßig entwickeln, so ist klar, dass sich von einem Baum mit auffallend vielen schönen Blättern auch besonders gut entwickelte Frühfeigen erwarten lassen. Im Monat April nun, in welchem die Verfluchung des Feigenbaums stattfand, muss jeder ordentliche Feigenbaum schon Blätter haben, folglich auch Frühfeigen.

Dies gilt inbesondere von jenen milden Tälern, welche sich für Feigenbäume so vorzüglich eignen, wie Beit-Sachur bei Betlehem und Betfage. (D. h. Feigenhaus; „Fagg“ ist heute noch ein arabischer Ausdruck für Feigen.) Dort erfreuen sich die Feigen wie in alter so auch in neuer Zeit besonders guter Pflege und guten Gedeihens. Und die Entwicklung der Feigen ist sogar um mehrere Wochen voraus, weil beide Orte schon am wärmeren östlichen Abfall des Gebirges nach dem Toten Meer hin liegen.

Man kann somit sagen, dass jeder ordentliche Feigenbaum in der ersten Hälfte des April unreife Frühfeigen haben muss. Und dies darf noch viel mehr erwartet werden an einem für Feigen so günstigen Ort wie Betfage. Die Frühfeigen fallen zwar in unreifem Zustand leichter und zahlreicher ab als die Sommerfeigen (Offb 6,13), aber dies geschieht doch erst dann, wenn im Mai die Ansätze der Sommerfeigen hervorkommen, auf welche nun der größte Teil der Kraft des Baums verwandt werden muss.

Was ist nun damit zur Erklärung unserer Geschichte geholfen? Wenn es richtig ist, dass Jesus in der ersten Tagen des April in Jerusalem einzog und die Frühfeigen erst im Juni reif sein konnten, hätte er seinen Hunger nicht damit stillen können. Hier kommt aber wieder die Beobachtung der Sitten der Palästinenser zu Hilfe. Diese haben nämlich eine auffallende Vorliebe für unreife Früchte. Nicht nur Mandeln, Birnen, Aprikosen, Pflaumen usw. werden zum größten Teil unreif von ihnen gegessen. Auch die sauren, halbausgewachsenen Trauben werden von alt und jung gerne gegessen. Viele ziehen dieselben den süßen, reifen Trauben sogar bei Weitem vor.

Am allgemeinsten ist diese Sitte bei den Frühfeigen. Ich selbst habe den unreifen Frühfeigen nicht viel Geschmack abgewinnen können. Aber auch in der Jugendheimat Jesu, in Nazaret, konnten wir bei einem Gang über den Markt beobachten, dass man ein Pfund unreifer Feigen um ein Drittel teurer verkaufte als die reifen. Dieselben werden in hartem Zustand mit Salz gegessen und als besondere Delikatesse betrachtet.

Wenn man nicht besondere Wächter anstellt, wird daher die Frühfeige niemals reif. Alle Leute, namentlich auch die Kinder, halten es nämlich für ihr unbestreitbares Recht, die Frühfeigen in unreifem Zustand von allen Bäumen zu pflücken und sofort zu essen. Man hält dies für umsomehr erlaubt, weil die Frühfeigen nur zum geringeren Teil reif werden und viel leichter abfallen als die Sommerfeigen. Die Sommerfeigen wegzunehmen, wird dagegen allgemein als Diebstahl angesehen. Deshalb zieht jedermann im Sommer hinaus, um unter seinem Feigenbaum zu wohnen, nicht nur, um eine angenehm luftige Sommerwohnung zu beziehen, sondern auch, um seine Früchte zu behüten (Spr 27,18). Wahrscheinlich wurde die Sache zu Jesu Zeiten ebenso angesehen. Denn auch er wollte ohne Bedenken die Früchte eines Baums brechen, der ihm nicht gehörte. …

Stellen wir uns in die Lage des Herrn hinein. Er geht von Betanien nach Jerusalem und bekommt unterwegs Hunger. In der Gegend von Betfage stand eine Menge wohlgepflegter Bäume. Und so näherte er sich einem durch besonderen Blätterreichtum ins Auge fallenden Baum (denn Blätter hatten damals schon alle Feigenbäume), um von seinen Früchten zu essen. Nach dem Blätterschmuck zu urteilen, mussten diese besonders gut entwickelt sein. Nach allgemeiner Landessitte aß auch Jesus die Frühfeigen unreif. Aber siehe, der Baum hatte nicht eine einzige Frucht. Das fand der Herr unerhört und verfluchte den Baum. „Denn es war noch nicht Feigenzeit“, setzt Markus hinzu, welcher Leser voraussetzt, welche mit der Natur des Feigenbaums vertraut sind. Er will damit begründen, wie es möglich war, dass der Herr keine Feigen fand. In der Feigenzeit wäre die Sache undenkbar. Nur außerhalb derselben, also in der Frühfeigenzeit, konnte solches vorkommen.

Was hat nun Jesus mit der Verfluchung des Feigenbaums gemeint? Natürlich wollte er nicht den Baum bestrafen, der keinen Willen hatte, somit für seine Unfruchtbarkeit nicht verantwortlich war. Wir müssen uns in die Gedanken hineinversetzen, welche in jenen Tagen sein Herz beschäftigten. Jesus stand vor dem Abschluss seiner irdischen Laufbahn. Er war zu Israel gekommen, hatte aber keine Früchte gefunden. Vor kurzer Zeit hatte er seinen Jüngern ein Gleichnis von einem Feigenbaum gesagt, zu welchem sein Herr alle Jahre kam, aber niemals Frucht fand. (Lk 13,6-9.) Wieder stand der Mann eines Tages vor dem Baum, und wieder fand er keine Frucht. Hau ihn um! sprach er zum Gärtner, was hindert er das Land! Der Gärtner aber legte Fürbitte für den Baum ein. Nur noch auf ein Jahr; bliebe er auch dann noch unfruchtbar, sollte er umgehauen werden.

Dass dieser Feigenbaum Israel bedeutete, wussten die Jünger aus den Propheten ganz gut. Hier, kurze Zeit später, stand der Herr nun vor einem Feigenbaum und suchte Frühfeigen. Auch Israel war schon im Alten Testament mehrmals mit einer Frühfeige verglichen worden. Hosea sagt (9,10): „Wie eine Frühfeige ersah ich eure Väter in der Wüste“. Und Micha klagt (7,1-2): „Wehe, mir geht’s wie beim Obstsammeln, keine Frühfeigen, wonach mich gelüstet: verschwunden sind die Frommen aus dem Land.“

Was war denn Israel? Es war ein Baum, gepflanzt in einem Feigental, wo ihm, wie den Feigenbäumen in Betfage, auf besonders günstigem Boden besondere Sorgfalt und Pflege zugewendet wurde. Gott hat es gepflanzt, ihm sein Gesetz, seine Propheten, sichtbar gnädige Führungen geschenkt vor anderen Völkern. Die Zeit, da Menschen aus allen Völkern aufgepfropft werden sollten auf den Baum Israels, kam erst nach der Ausgießung des heiligen Geistes „über alles Fleisch“. Der Herr konnte also billig Früchte von Israel verlangen, noch bevor die Zeit der allgemeinen Ernte in der Völkerwelt anbrach.

Aber jener gnädige Plan Gottes wurde durch Israels sträfliche Verschuldung vereitelt. Weil der faule Baum Israel wohl schöne Blätter hatte (z. B. die gestrige Begeisterung, die Einholung Jesu mit königlichen Ehren in die Reichshauptstadt), aber keine Früchte hatte, wurde er in diesem Feigenbaum sinnbildlich verflucht. In demselben Kapitel Mt 21,43 sagt der Herr: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen werden und den Heiden gegeben, die seine Früchte bringen.“

Diese traurigen Gedanken bewegten in jenen Tagen das Herz Jesu. Im Geist sah er schon die rauchenden Trümmer Jerusalems, schon die Wagenburgen um die Stadtmauern. Er sah schon die tausend Ängste und Nöte, welche über die unglückselige Stadt kommen mussten. Diese Gedanken, die ihn bis zu seinem Todestag verfolgten, sprechen sich aus in jener Parabel vom Feigenbaum, in dieser Verfluchung des Baums, in seinen Tränen über Jerusalem, in seinen Worten über dessen Untergang, in seiner Antwort an die Töchter Jerusalems.

Daher gingen diese Gedanken auch in seine Worte und Taten über wie hier, wo er unterwegs hungernd an einem Feigenbaum Frucht suchte und keine fand. Und wie die alten Propheten Israels ihre ernsten Mahnungen nicht nur durch Gleichnisse, sondern durch sinnbildliche Handlungen eindrücklich zu machen suchten, so prägte auch der scheidende Herr seinen Jüngern eine so wichtige Wahrheit durch diese symbolische Handlung ein. Nicht nur die eine Lehre machte einen tiefen Eindruck auf sie, dass Israel umkommen müsse, sondern auch die andere, dass der Herr auch die Macht dazu habe, dass es ihn nur ein Wort koste, seinen Fluch zu vollstrecken.

So hat nun jeder einzelne Zug der Erzählung einen klaren Sinn. Die ganze fast prophetische Geschichte ist erfüllt von tiefer Bedeutsamkeit, von Gedanken, welche in jenen Tagen das Herz Jesu beschäftigten und einen Schlüssel zum Verständnis eines wichtigen Teils der Geschichte Israels bieten.

Der Einzug in Jerusalem

(Der Einzug in Jerusalem – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Der Einzug in Jerusalem auf einem Eselsfüllen (Mt 21,1-11; Joh 12,12-18) wird oft als eine besonders rührende Äußerung der Demut dargestellt. Dies ist nicht richtig. Denn der Esel war damals wie heute dasjenige Tier, welches von vornehm und gering am meisten benutzt wurde. Der Esel ist niemals etwa nur das Reittier der Ärmeren und Geringeren gewesen. So reitet z. B. der Pascha (Gouverneur) von Jerusalem immer auf einem Esel. Daher ist der Einzug des Herrn auf einem Eselsfüllen nicht, wie so häufig geschieht, als Zeichen der Demut aufzufassen.

Der Herr wollte an diesem Tag nicht in armer Knechtsgestalt, sondern mit dem entsprechenden äußeren Aufzug als ein König einreiten. Er ließ sich die ganze fürstliche Einholung mit Palmen und Psalmen und Jubelrufen der Großen und der Kleinen nicht nur gefallen, sondern billigte dieselbe. Schon längst hätte ihn das Volk mit seinem „Hosianna in der Höhe!“ als seinen Fürsten aus Davids Stamm einholen sollen. Auch dass der Herr selbst sich ein Füllen holen ließ, das noch unentweiht war, auf dem noch nie ein Mensch geritten war, erhöhte die Fürstlichkeit seines Einzugs.

Und Matthäus zitiert aus dem Propheten: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir!“ (Sach 9,9) – lauter Anzeichen, dass es hier nicht auf die Niedrigkeit, sondern auf die Herrlichkeit des Einzugs des sanftmütigen Friedenskönigs ankam. Wohl wusste er, dass es der Anfang zum Todeszug war. Aber er musste sich noch einmal so klar und deutlich wie möglich dem versammelten Volk als Messias darstellen.

Die übrige Festkarawane war nicht in Betanien geblieben, sondern bis Jerusalem weitergezogen. Wie ein Lauffeuer hatte es sich in der Stadt verbreitet, dass Jesus, den jedermann auszuliefern Befehl hatte, öffentlich mit der Festkarawane von Jericho heraufgezogen und drüben in Betanien geblieben war. Am nächsten Morgen musste er also hereinkommen. Welche Aufregung, welches Gewimmel war nach dem Ölberg zu auf der Feststraße sichtbar, während sich Jesus drüben in Betanien zum Aufbruch anschickte! Dort war es noch still, und keine störender Laut drang aus der bewegten Hauptstadt herüber. Etwa ein halbes Stündchen ging Jesus mit seinen Jüngern zu Fuß, bis sie in die Nähe von Betfage kamen. Da sandte er ins Dorf, um einen Esel zu bekommen, auf dem noch nie jemand gesessen war. Man war nun nicht mehr weit von Jerusalem entfernt, doch war dies noch vom Berg verdeckt.

Schon mochte eine Anzahl von Verehrern Jesu oder auch von Neugierigen dort angekommen sein, wo Jesus mit seine Jüngern auf das Reittier wartete. Jetzt sahen sie mit Überraschung, dass Jesus Anstalten traf, um mit einer gewissen Feierlichkeit einzuziehen. Zwei Jünger eilen hinein nach Betfage und erhalten für den Auferwecker des Lazarus sofort das gewünschte Tier. Das Volk begreift gleich, was gemeint ist. Ihre Kleider legen sie auf den in der Eile aufgeschnallten Sattel. Ja, nicht einmal sein Esel soll mit seinen Hufen den Erdboden berühren. Sie breiten ihre Mäntel auf den Weg, um die Königsstraße, auf der schon lange kein israelitischer König mehr einzog, festlich zu schmücken. Der Weg von Betanien nach Jerusalem war reich an Palmen-, Feigen-, Oliven- und Johannisbrotbäumen. Von ihnen hieben sie Zweige ab, streuten sie auf den Weg und schwangen sie in den Händen.

Eine ungeheure Begeisterung bemächtigte sich der Menge, wie sie schon in Galiläa einigemale auszubrechen im Begriff gewesen war. Damals war Jesus ausgewichen, heute nahm er die Huldigungen an. Von Minute zu Minute wuchs die Volksmenge. Wer ihr begegnete, schloss sich an. Jedermann wurde von der Begeisterung angesteckt. Und wie sie jubelnd und Hosianna rufend auf dem Ölberg vorwärts eilten, war es nicht anders, als wenn mit diesem Einzug das durch die Propheten verheißene, von allen ersehnte Messiasreich anbrechen sollte.

Es war ein anmutiger Weg, durch welchen der freudige Zug sich bewegte. Zu beiden Seiten nach der Andeutung des Johannesevangeliums wogende Palmkronen, links ein tiefes Tal, rechts der Anstieg zum Ölberg, zu welchem der niedrige Bergsattel gehörte, den sie überschreiten mussten. Auf diesem angekommen, erblickten sie auf dem gegenüberliegenden Berg die hochgebaute Stadt. Deren Anblick war nirgends so imponierend, wie an dieser Stelle. Die ganze Stadt trat hier vor dem majestätischen Tempel in den Hintergrund. Jerusalem! Jerusalem! So tönte es in den Herzen der begeisterten Pilger, und mit ihren frohen Huldigungsrufen begrüßten sie die alte Königsstadt.

(Im folgenden Abschnitt erzählt Ludwig Schneller richtigerweise, dass Jesus auf diesem Weg über Jerusalem geweint hat. Leider zitiert er dazu die Aussagen von Jesus in einem Gemisch von Bibelstellen (Mt 23,37; Lk 13,34; Lk 19,41), die teilweise an andere Plätze in der Geschichte gehören. Ich zitiere hier die eindrückliche Schilderung von Ludwig Schneller, aber mit der Aussage von Jesus, die uns Lukas genau an dieser Stelle berichtet:)

Jerusalem! Jerusalem! so tönte es, obschon in ganz anderem Sinne, auch im Herzen Jesu. Eine tiefe Wehmut bemächtigte sich seiner, als er Stadt und Tempel erblickte, die eben von den ersten Morgenstrahlen getroffen waren. Der ganze Schmerz seines Lebens drängte sich wie in einen Augenblick zusammen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Und während alles Volk rings um ihn sprang, jubelte, jauchzte und hundertstimmig Freudenpsalmen sang, stimmte er einen Trauergesang über Jerusalem an, wie er bitterer nicht sein konnte:

„Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden (dient)! Jetzt ist es aber vor deinen Augen verborgen, dass Tage über dich kommen werden, da deine Feinde dich mit Palisadenwällen belagern, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten packen werden. Sie werden dich dem Erdboden gleichmachen, auch deine Kinder in dir, und werden keinen Stein auf dem anderen lassen in dir, dafür, dass du die Zeit deiner Verantwortung nicht erkannt hast.“ (Lk 21,42-44).

Einst war auf denselben Berg Moria, als noch kein Tempel und keine Stadt darauf stand, sondern nur eine einsame Felshöhe, ein tiefbekümmerter Vater hinaufgezogen, seinen Sohn zu opfern. Jetzt ging das Kind Gottes selbst auf denselben Berg hinauf, um zu sterben. Tränen standen noch in seinen Augen, als er mit der jubelnden Menge hinabritt ins Kidrontal. Links lag Siloah mit seinen stillen Wassern. Am Garten Getsemani zogen sie vorüber. Die Brücke des im April längst verschwundenen Bachs Kidron wurde überschritten. Schon brach sich das Echo des jauchzenden Volks droben an hohen Stadt- und Tempelmauern. Nach zehn Minuten war der Zug am goldenen Tor, dem prächtigsten Tor Jerusalems. Durch dieses zog man direkt auf das Tempelgelände hinein. Jetzt schallten die Jubelrufe über den Tempelplatz mit seinen Vorhöfen, hinein in die Straßen der Stadt und hinauf zum Zion. Hier im Bereich der Hohenpriester und Pharisäer legten sich endlich die Wogen der Begeisterung.

Die Trompeten kommenden Gerichts und die Halljahrsposaunen künftiger Gnade tönen aus den Worten, mit welchen Jesus nach ein paar Tagen den Tempel Jerusalems für immer verließ. „Euer Haus soll euch wüste gelassen werden, bis ihr den verkannten Messias begrüßt mit demselben Ruf, wie vorhin die jubelnde Volksmenge: ‚Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!'“. Jesus hat nach diesen Worten den Tempel nie wieder betreten. Der nächste große Volkszug ging nach Golgota.

Jesus und die Feste

(Jesus und die Feste – ein Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Beobachtungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Schon an jenem Laubhüttenfest (sein letztes im Herbst 29) war Jesus das Tagesgespräch. Wider eigenes Vermuten war er noch gekommen, und sein Erscheinen erregte allgemeines Aufsehen. Bestimmte Beschäftigungen hatten ja die Festpilger, welche acht bis vierzehn Tage in Jerusalem blieben, nicht. Um so mehr fanden sie Muße, solche Angelegenheiten, Hoffnungen, Befürchtungen, welche die ganze Nation betrafen, mit bekannten und unbekannten Volksgenossen zu besprechen.

Ähnlich ist es auch heute noch bei den Festpilgern in Jerusalem. Die gemeinsamen Angelegenheiten bewegen sie mehr als sonst. So sind auch die Muhammedaner nie so fanatisch wie bei ihren religiösen Festen oder zur Zeit der Mekka-Pilgerfahrt. Und man tut als Christ wohl daran, dieselben in dieser Zeit nicht zu reizen.

So bildete auch bei den alten Festen „die Hoffnung Israels“ das Tagesgespräch. Es mochte damals unter den tausenden von Laubhütten in und um Jerusalem wohl kaum eine geben, in welcher nicht aus Anlass de Anwesenheit und der Worte Jesu die Frage des Messias erörtert worden wäre. Sobald er im Tempel erschien, sammelten sich sofort in den Höfen dichte Volkshaufen um ihn. Und gerade weil er nicht als offizieller Lehrer auftrat, gestalteten sich seine Reden oft zu den lebhaftesten Debatten.

Das Interesse für ihn war um so mehr angeregt, als durch die zusammenströmenden Karawanen gerade in den Festtagen alle Nachrichten von seinen Reden und Taten wie in einem Brennpunkt zusammentrafen. Und es ist keineswegs nur Zufall oder nur im Interesse der Chronologie, dass wir die Dauer der Wirksamkeit Jesu stets nach den Festen einteilen, welche er besucht hat. Wer die Geschichte Jesu kennt, der weiß, dass gerade die Feste Jerusalems Brennpunkte und Wendepunkte waren für die Stellungnahme Israels zum Herrn.

In den festlosen Zeiten hatte Jesus verhältnismäßig Ruhe. Aber in den Festzeiten geriet alles in Bewegung und Fluss. Und aus diesem Grund zog Jesus zu den Festen hinauf nach Jerusalem wie ein Feldherr, der in die Entscheidungsschlacht zieht. Denn entscheiden konnte sie seine Sache nur in Jerusalem, und niemals passender als an einem der Nationalfeste. Hier traf er nicht nur auf die Hohenpriester und die leitenden Kreise Israels, sondern auf das gesamte feierlich versammelte Volk. Darum sind jene Feste die bedeutsamsten Zeiten im Leben des Herrn. Hier hat er seine ganze Energie zusammengefasst, hier hat er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, Zeugnis abzulegen vor allem Volk.

Fast möchte man sagen: noch mehr Plan und Vorbedacht als sonst zeigen seine Jerusalemer Reden. Nicht einzelne Lehren über Versöhnlichkeit, christliche Sorglosigkeit, Privatgebet, persönlichen sittlichen Wandel vernehmen wir da, wie in seinen galiläischen Reden. Sie beziehen sich vielmehr ausschließlich auf die große Fage, ob Israel die Wahrheit, das Leben, das Licht, seinen Messias annehmen wolle oder nicht. Sie drehen sich immer um seine eigene Person als den Sohn Gottes. Hier musste dies alles gesagt werden, so sehr es auch Anstoß erregen mochte, „auf dass die keine Entschuldigung haben“. Hier allein konnte Jesus vor dem ganzen Volk Israel reden.

Darum die ernsten und grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit dem Volk und seinen Obersten. Darum hat Jesus dort jeden möglichen Ton angeschlagen, den Ton ernster Warnung und Drohung, den Ton lockender Liebe des guten Hirten, den Ton schmerzlicher Wehmut: „Warum kennt ihr den meine Sprache nicht? Ihr könnt ja mein Wort nicht hören!“ Welches ungeheure Aufsehen gerade diese seine Reden erregt haben, zeigt am deutlichsten der Umstand, dass man mehrmals nach solchen Reden versuchte, ihn zu fangen oder zu steinigen.

Auf seinen Festen allein konnte sich Israel entscheiden und hat es auch getan. Auch aus diesem Grund galt es: „Es tut’s nicht, dass ein Prophet umkomme, außer in Jerusalem!“ (Lk 13,33). An einem Fest wurde er auch getötet. Es war das traurigste Fest, das Israel veranstaltete, das aber aus Nacht in Licht umschlug, in ein Fest ewiger Erlösung für alle Welt.

Nicht zurückgezogen von der festlichen Karawane, wie bei jenem Laubhüttenfest im Herbst, sondern inmitten der festlichen Scharen ging Jesus im nächsten Frühling zu diesem letzten Passafest hinauf gen Jerusalem. Von Ephraim in Juda brach er auf nach der Hauptstadt. Schon zogen von allen Seiten die Scharen dorthin, als er nahe bei Jericho zu einer Festkarawane stieß, unter welcher er wohl manches bekannte Gesicht begrüßte. Viele der Galiläer liebten den Herrn. Und dass er gleich in Jericho so öffentlich einige Wunder tat, erfüllte sie mit hohen Erwartungen. Erstaunt waren sie freilich darüber, dass er so offen und furchlos mit ihnen ging. Denn wie man in Jerusalem gegen ihn gesinnt war, konnte keinem Besucher der Feste verborgen sein.

Von Jericho bis Jerusalem hatten sie noch eine kleine Tagesreise zurückzulegen. Jesus ging gelassen unter den Pilgerscharen hinauf von Tal zu Tal, von Hügel zu Hügel, mit seinen Jüngern eine besondere Gruppe bildend. Die Karawane konnte bei dem schluchtenreichen Charakter der Wüste nicht immer eng geschlossen bleiben. Die ersten mochten von den letzten wohl eine Viertelstunde oder mehr entfernt sein. Die einen gingen zu Fuß, wie Jesus und seine Jünger. Die anderen ritten auf Eseln und Maultieren, welche zugleich ihr Gepäck trugen. Die kleine Gruppe, mit welcher Jesus, der Prophet, einen Wanderstab vielleicht in der Hand, dahinschritt, bildete den Mittelpunkt des Interesses der Karawane. Dass er sich endlich einem solchen festlichen Zug anschloss, dass seine Sache endlich zum Durchbruch kommen musste, das versetzte sie in eine gehobene Stimmung. Sie träumten wohl schon von einem glänzenden Einzug in Jerusalem.

Im großen Gegensatz hierzu und zu den Festpsalmen standen die Worte Jesu. Er wusste, dass die Todesstrafe wartete, und ruhig besprach er die kommenden Ereignisse mit den Jüngern. Aber auch sie wollten heute vom Sterbegedanken nichts wissen. Gestern oder vorgestern schon hatte Salome für ihre Söhne um die beiden Ehrenplätze in dem Reich gebeten, das Christus da droben in Jerusalem aufrichten sollte. Damals hatten sich die anderen Jünger darüber geärgert. Aber der Gedanke hatte doch auch für sie eine eigentümliche Anziehungskraft. Die frohe Stimmung der Festkarawane wirkte ansteckend auf sie. In weiter Ferne sahen sie schon von Jericho an von jeder Höhe der zahlreichen Hügel die Spitze des Ölbergs. Dort, hinter dem Berg, lag Jerusalem, die Königsstadt Davids, des Ahnherrn Jesu, mit ihren strahlenden Zinnen. Darum stritten sie, während Jesus, den keiner verstand, allein vorausgung (Mk 10,32), um die ersten Plätze in seinem Reich.

Ein schmerzliches Lächeln mag beide Male auf seinem Antlitz gelegen haben, als er solche Hoffnungen zurückwies. Sie wussten wirklich nicht, was sie gebeten und worum sie gestritten hatten. Sie sahen da drüben hinter den Bergen nur eine hellschimmernde Königskrone, die ihres Meisters Haupt zieren sollte. – Er sah eine Dornenkrone und ein blutig bleiches Angesicht und wusste, dass seine Jünger allerdings diese Krone mittragen sollten.

Der Tempel

(Der Tempel – ein leicht gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Der Tempel des Herrn war der Mittelpunkt der Festfreude in Israel. Der geneigte Leser darf sich hierunter freilich nicht etwa ein Versammlungsgebäude für das Volk vorstellen. Der Tempel hatte niemals die Bestimmung, eine andächtige Gemeinde in sich aufzunehmen. Vielmehr durfte denselben niemand betreten außer den Priestern. … Der eigentliche Tempel war ein viel kleineres Gebäude, als die meisten Bibelleser sich vorstellen, nicht größer als eine gewöhnliche Dorfkirche.

Das Volk aber blieb, und das entspricht ganz den orientalischen Sitten, im Freien. Die großen Vorhöfe, deren geräumige Ebene rings von prächtigen Säulenhallen umgeben war, waren weit und ausgedehnt genug, um eine außerordentliche Volksmenge zu fassen. Zur Erbauung für die einzelnen Gemeinden hatten die Israeliten ihre Schulen oder Synagogen. Auch in den offenen Säulenhallen des Tempels saßen, wie z. B. in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus, die Schriftgelehrten und erklärten die heiligen Schriften.

Die zahlreichen Räumlichkeiten und Gebäude, welche zum Tempel gehörten, waren für nationale Zwecke bestimmt. Dort sah man die Schatzkammern, die Arsenale mit Waffen und Beutestücken. Dort waren auch Sitzungssäle des Hohen Rats, weltliche und geistliche Gerichtshöfe, Ministerien, Schulen und Akademien usw.. Somit war der Tempel mit seinen zugehörigen Baulichkeiten nicht nur eine Kultstätte. Namentlich in den Zeiten der Blüte war er vielmehr das erste Staatgebäude, der Mittelpunkt der geistlichen und weltlichen Regierung. In ihm liefen alle Fäden des öffentlichen Interesses aus dem ganzen Land zusammen.

Inmitten all dieser Gebäude stand der eigentliche Tempel, der Stolz jedes Israeliten. In seiner fast märchenhaften Pracht muss er zur Zeit von Jesus einen überwältigen Eindruck gemacht haben. Aus weißschimmerndem Marmor war er erbaut und ringsum mit goldenen Platten bedeckt. Wenn die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne vom Ölberg her ihn trafen, glänzte er wie ein leuchtendes Schneegebirge. Und der Zuschauer musste sein Auge von dem blendenden Licht abwenden.

Und bis zum heutigen Tag ist der alte Tempelplatz das Erhebendste und Schönste, was man in Jerusalem sehen kann. Zugleich ist es derjenige Ort, dessen historische Gewissheit unter all den zweifelhaften „heiligen Stätten“ unanfechtbar dasteht. Dort steht die Perle der Bauten des Ostens, die Omarmoschee, ein muhammedanisches Gebetshaus von wunderbarer, edler Schönheit. Dessen würdevoller Ernst wird niemals durch ähnliche empörende Auftritte entweiht, wie man sie in der Grabeskirche und Geburtskirche gewohnt ist. Rings um dies Gebäude dehnt sich der Tempelplatz, eine weite viereckige Terasse. Salomo hat sie zum Teil vor 3000 Jahren durch gewaltige Unterbauten und Stützmauern, welche sich aus dem Kidrontal erhoben, zu einer gleichmäßigen Hochfläche gestaltet.

Das ist der Raum, auf welchem einst Israel bei den Festen des Herrn auf- und abwogte. Hier begrüßten sich die feiernden Scharen mit grünen Palmzweigen. Das ist der Raum, auf welchem einst die Psalmen Davids unter ihrem heimatlichen Himmel erschollen unter dem Klang der Pauken und Cymbeln, der Klarinetten und Harfen. Das ist der Raum. auf welchem einst auch Jesus Christus an den Festen stand und zum Volk redete von dem Licht der Welt, das nur noch eine kleine Weile bei ihnen sein sollte.

Die Feste in Jerusalem

(Die Feste in Jerusalem – Abschnitte aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ des Buchs „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller berichtet aufgrund seiner Beobachtungen und Erfahrungen, die er im Palästina der Jahre 1884 bis 89 gemacht hat.)

„Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des Herrn, zu predigen dem Volk Israel, zu danken dem Namen des Herrn!“ (Ps 122,3-4). Diese Bedeutung, welche vor Jahrtausenden der heilige Sänger ausgedrückt hat, ist Jerusalem bis zum heutigen Tag geblieben. Bekanntlich sollte jeder erwachsene Israelit jährlich dreimal in Jerusalem „vor dem Herrn“ erscheinen.

Vielleicht hat schon mancher gedacht, es sei wohl etwas viel verlangt gewesen, jedermann aus den entferntesten Landesteilen dazu zu verpflichten. Aber das Land war nicht so groß, dass man Jerusalem nicht von überall her in einigen Tagereisen hätte erreichen können. Und den Israeliten waren ihre Festreisen, welche selbst die Gesetzestreuen nie peinlich genau jedesmal ausführten, kein Muss. Sie waren vielmehr eine außerordentliche Freude. Die Feste Israels waren Nationalfeste. … Und Israel liebte seine Volksfeste, als es noch nicht zerstreut war, sondern von den heimatlichen Bergen Palästinas hinaufschaute nach dem königlichen Jerusalem, dem Stolz und der Krone des Landes.

Der heutige Bewohner von Palästina kann sich von dem bewegten Treiben auf jenen Festen einigermaßen eine Vorstellung machen. Denn bis zum heutigen Tag werden die Hauptfeste nicht draußen in den Dörfern oder Landstädten gefeiert. Sie werden in Jerusalem gefeiert, welches beim ganzen Volk den Namen „El Kuds“, das ist „die Heilige“, führt. Schon beim Weihnachtsfest, wo die Hauptfeier natürlich in Betlehem stattfindet, kann man Ähnliches beobachten wie auf den alten Festen. Aber komm erst einmal auf ein Osterfest nach Jerusalem, da findest du den Höhepunkt aller Festfeier des Jahres. Da strömen wie in alten Zeiten die Festkarawanen von allen Seiten nach Jerusalem. Zu Fuß, zu Esel, zu Pferd und neuerdings auch zu Wagen ziehen sie daher von allen Gegenden „hinauf nach Zion“. …

Selbst unter den Muhammedanern wird es lebendig, als ob die Erinnerungen an die früheren Bewohner des Landes in ihnen erwachten. Aus allen muhammedanischen Ländern, selbst aus Afghanistan und dem fernen Indien kommen die weißbeturbanten Gestalten ins „heilige Land“ gezogen, um am heiligen Felsen der Omarmoschee und am Grabmal Moses des Propheten anzubeten. Dies geschieht hauptsächlich am „Nebi Musa“-Fest zur Osterzeit … Als Pilger wallen dann diese Fremden mit den Scharen muhammedanischer Landeskinder am Fest zu Tausenden nach Nebi Musa. Das ist das vermeintliche Grab Moses zwischen Jerusalem und Jericho. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, diese Scharen des falschen Propheten dort durch dieselben Berge und Täler wallfahren zu sehen, auf welchen einst Israel, und Jesus Christus mit, zu den Festen des Herrn emporpilgerte vor Jahrtausenden. …

Die Lust, welche die Palästinenser zu solchen Festwallfahrten an den Tag legen, stammt gewiss aus den alten Zeiten des Landes. So freute sich auch in Israel jedermann, zu den Festen hinaufzuziehen nach dem hochgebauten Jerusalem. Da sahen sich alte Bekannte wieder aus allen Teilen des Landes. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Das ganze Volk, sonst vereinzelt und zerstreut in seinen Hütten, wurde hier vereinigt. Es lernte sich kennen, lieben und als Ganzes erfassen. Nichts trug so sehr dazu bei, den Gedanken der nationalen Einheit auf dem Grunde der Einheit der Religion und des Tempels zu fördern und freudig zu beleben, wie die nationalen Feste.

Wenn daher die Festzeiten kamen, wollte jeder „dagewesen“ sein. Und wem immer sein Geschäft und seine Verhältnisse die Reise erlaubten, der machte sich auf zur frohen Fahrt. Freilich diejenigen Israeliten, welche jährlich alle drei Feste besuchten, mögen nur in der Umgebung von Jerusalem zu finden gewesen sein. Aus entfernteren Gegenden kamen wohl die meisten jährlich nur einmal, wie z. B. die Eltern von Jesus (Lk 2,14) zum Passahfest. Die meisten Besucher sah aber das populärste aller großen Volksfeste, das Laubhüttenfest.

Wie lebhaft entsteht auf demTempelplatz vor unseren Augen das Bild jener Feste, von denen die Evangelien berichten! Das froheste Fest war das Laubhüttenfest. Auch Jesus hat nach Joh 7,2ff. ein solches besucht, obgleich er zuerst bestimmt beabsichtigt hatte, dasselbe nicht zu besuchen. Seine Brüder waren schon dort, wie auch das übrige Volk, welches einige Tage vor Festanfang zu kommen pflegte, um sich noch rechtzeitig Laubhütten zu bauen.

Auf den Tempelhöfen, draußen vor dem goldenen Tor und übers Kidrontal hinweg bis zur Höhe von Betfage wohnte alles in Laubhütten. Und in der Stadt, auf den platten Dächern, auf Straßen und Märkten waren überall Laubhütten errichtet, in welchen ein fröhliches Volk feierte. Die ganze Hauptstadt schien in ein Zeltlager verwandelt.

Auch der Tempel prangte in heiligem Schmuck. Die herrlichen Säulenreihen waren nach orientalischer Weise mit farbigen Teppichen behangen, grünes Laub schimmerte von allen Säulen. Vom frühen Morgen an wogte das Volk auf und ab in den weiten Vorhöfen, deren Raum rings um die Omarmoschee jetzt so verlassen und einsam steht. Und wenn die Sonne untergegangen war, entfaltete sich nachts eine neue Pracht, welche die des Tages zu überflügeln trachtete. Wie in einer sogenannten italienischen Nacht blitzte und schimmerte es in den Vorhöfen und Säulenhallen von vielhundert Lichtern und Fackeln. Große goldene Leuchter, prächtige Lampen hingen in den Vorhöfen. Ihr schimmerndes Licht brach sich an Säulen und Wänden und machte die Formen der herrlichen Gebäude durch die dunkle Nacht bis zum stillen Ölberg sichtbar.

Und wenn der Herr spätabends hinüberwanderte übers Kidrontal und über den Ölberg nach Betanien, dann mag er sich wohl umgewandt haben nach der geliebten Stadt. Dann sah er ein schimmerrndes Lichtermeer, aus dessen Mitte sich, wie in zauberhaftes Licht getaucht, die stolzen Linien des majestätischen Tempels deutlich und ernst abhoben aus der dunklen Nacht.

Vögel

(Vögel – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Reisen“ im Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Er hat seine Beobachtungen im damaligen Palästina in der Jahren 1884 bis 89 gemacht.)

Das Reisen zu Pferd oder auch auf einem munteren Esel hat viel Poesie. Die ganze Natur dehnt sich aus vor dem Auge, ihre fortwährende Nähe macht sie zu einer gesprächigen Gefährtin. Dem Wandersmann kommen allerlei Gedanken, welche ihn an die ewige Kraft und Gottheit dessen erinnern, der sie geschaffen hat.

Da sieht man die Vögel unter dem Himmel hochüber fliegen, jeder ein Bild schrankenloser Freiheit und sorgloser Lebensfreude. Sie sind ein fröhliches, sangreiches Geschlecht. Zumal die Sperlinge scheinen ein mächtiges Volk zu sein, zahlreich wie der Sand am Meer. Wenn ein Mensch dafür zu sorgen hätte, dass diese durch ihren notorischen Appetit berühmte Gesellschaft jahraus jahrein anständig gekleidet und selbst im dürren heißen Sommer, wenn alle Halme verbrannt, alle Bäche versiegt sind, gespeist und getränkt werde, der würde bald in schwere Sorgen geraten und die Bevölkerungszahl dieser leichtsinnigen Freiherrn des Himmels würde bedenklich zurückgehen.

Der Herr Jesus mag sie auf seinen Reisen von Kind auf beobachtet haben. Bewundernd erkannte er die weise Hand des himmlischen Vaters, welcher keinen von ihnen vergisst, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dach fällt. Oft mag er seine Zuhörer auf diesen einfachen und doch so einleuchtenden Beweis einer speziellen göttlichen Fürsorge aufmerksam gemacht haben. “ Seht die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Und euer himmlischer Vater nährt sie doch! Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie “ (Mt 6,26).

Aber auch die großen mächtigen Adler oder besser Geier, die man auf Reisen so oft sieht, wie sie mit weitausgespannten Flügeln dahinsegeln oder mit gewaltigem Flügelschlag die Lüfte teilen, kennen keine Sorgen. Wie Helden laufen sie ihren Weg, so dass David singt: „Saul und Jonatan, leichter denn die Adler, und stärker denn die Löwen!“ (2 Sam 1,23), obschon auch sie nichts zu ihrer Ernährung tun können und auf Gott warten müssen, dass er ihnen ihre Speise gebe zu ihrer Zeit, so gut wie der Hirsch, „der nach Wasser schreit“ (Ps 42,2) und die „jungen Raben, die zu Gott rufen“ (Hiob 38,41), welche nicht säen und die Gott doch nährt (Lk 12,24).

Wohl möglich, dass während der Bergpredigt gerade eine Schar dieser Vögel über den Hügel hinwegflog, auf dem der Herr saß. Da deutete Jesus mit der Hand hinauf und sprach: „Seht die Vögel unter dem Himmel“ usw. Und die ganze Menge sah hinauf und fühlte unmittelbar die Wahrheit der Worte des Herrn.

Auch das Treiben der Geier kann man besonders auf Reisen häufig beobachten. Fällt einmal ein Tier unterwegs, ein Pferd, ein Esel oder Kamel, so lässt man dasselbe einfach auf der Straße liegen. Zum großen Ärger aller Reisenden, welche oft wegen des unerträglichen Geruchs einen großen Umweg machen müssen. Da ist es denn ein Glück, dass so viele Geier in der Luft fliegen. Aus großer Entfernung wittern sie die erwünschte Speise. Von allen Seite strömen sie alsdann zusammen, kreisen erst lange über den betreffenden Stellen, so dass man sieht, wie sie sich sammeln, dann schießen sie herunter und verzehren das Aas. Da treffen sie denn oft schon zahlreiche wohlbekannte Gesellschaft, die mit ihnen tafelt: Hyänen, Füchse und allerlei Vierfüßler. Die Folge ihrer vereinten Bemühungen ist, dass binnen kürzester Frist nur noch kahle Knochen zerstreut herumliegen. Dann ist die Passage für die Reisenden wieder frei.

Wie in den Städten die zahllosen Heere von Fliegen und Mücken, die uns so lästig werden wollen, unseres Herrgotts kleine Sanitätspolzei bilden, indem sie eine Menge schädlicher, verwesender Stoffe vertilgen, und uns dadurch nicht geringe Dienste leisten, so draußen auf Bergen und Landstraßen die Aasgeier.

Auch Jesus hat sie auf seinen Wanderungen oft beobachtet. Als er in den letzten Tagen seines Lebens auf jener Höhe stand und das prophetenmörderische Jerusalem anschaute und seinen Jüngern dessen kommendes Geschick verkündigte, sagte er zu ihnen: „Wo ein Aas ist (wie Jerusalem, wo alles faul geworden ist), da sammeln sich die Geier.“ (Mt 24,28; Lk 17,37). Die römischen Adler fungierten damals als Gottes Sanitätspolizei, um das verfaulende Volk zu vernichten. Die kamen über das heilige Land geflogen mit Macht, und seither liegen nur noch bleiche Totengebeine des ehemals so blühenden Volkes Israel auf den Feldern der Erde – bis der Geist des Herrn drein fährt und es wieder rauscht auf dem Totenfeld.

Der Olivenbaum

(Der Olivenbaum – ein Abschnitt des Kapitels „Land und Feld“ aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller)

Eine große Rolle spielt im Leben der Palästinenser der Olivenbaum. Er liebt die Gesellschaft. Nur selten steht er einzeln auf einsamer Höhe und dient den Wanderern als Richtzeichen. Aber meist hält sich derselbe gleich den Haustieren in der nächsten Nachbarschaft der Menschen. Fast überall, wo man sich einem Dorf naht, sieht man von weitem einen dunklen Kranz von Olivenbäumen um dasselbe stehen. Schon Mose sagt ja zu Israel: „Du wirst Ölbäume haben in allen deinen Grenzen.“ (5 Mo 28,40).

Oft sieht man uralte Exemplare, welche wohl ein Jahrtausend an ihrem Platz treue Wacht gehalten haben mögen. Solch ein alter knorriger Geselle mag das Licht der Welt an einem sonnigen Frühlingstag zu den Zeiten Karls des Großen und Harun al Raschids erblickt haben. Und er sieht in der Tat ehrwürdig und verwittert genug aus. Dass die Stürme der Jahrhunderte nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind, sieht man auf den ersten Blick. Das Mark des Lebens scheinen sie ihm aus dem Leib genagt zu haben. Der ganz ausgehöhlte Stamm sieht nur noch wie dicke ausgebrannte Rinde aus. Aber lass nur den Herbst kommen. Und du wird sehen, dass in der Rinde noch frisches Leben quillt und noch manches Tröpflein köstlichen Olivenöls durch die Adern rinnt.

So nützlich der Olivenbaum ist, so anspruchslos ist er auch. Pflanze ihn mitten unter die starren Felsen, und er wird dich bei einiger Pflege mit reicher Frucht belohnen. Der Grund des Olivenwaldes um Beit-Djala war früher eine große Felsenwildnis, wie alle Nachbarberge. Jetzt fließen mitten aus dem Felsen Jahr für Jahr ganze Ströme von Öl. Daher heißt es auch 5 Mo 32,13: „Er gibt Öl aus den harten Steinen.“

… Wie schön sieht der Olivenbaum aus, wenn nach dem Regen seine Blätter glänzen wie eine silberne Krone, wenn der Frühlingswind seine mit reizenden Blüten bedeckten Zweige leise bewegt. Nimm einen solchen langen, schlanken, blühenden Zweig und biege ihn zum Kranz. Und du wirst dich nicht mehr wundern, warum der olympische Siegerkranz aus einem solchen Zweig bestand, den ein Knabe mit goldenem Messer von dem heiligen Olivenbaum schnitt, und welcher das höchste Ziel des Ehrgeizes für die hellenische Jugend war. Wie tief und vornehm ist seine Farbe. Wie edel geformt und zugleich unverwüstlich sind seine Blätter. Schon in der Geschichte der Taube des Noah wurden sie vor allen anderen Blättern zum Symbol des Friedensgrußes geadelt.

Aber der Olivenbaum ist nicht nur schön. Wegen seines großen Nutzens ist er seit alters auch einer der besten Freunde und Ernährer der Landleute Palästinas. Kanaanitern, Israeliten, Muhammedanern, Kreuzfahrern und Arabern hat er mit gleicher Treue und Freigebigkeit gedient und das Leben angenehm gemacht. Seine ganze Kraft verwendet er darauf, das köstliche Olivenöl der scheinbar dürren Erde zu entlocken. Und auch in seinen eingesalzenen Fruchtbeeren bietet er Arm und Reich eine ebenso schmackhafte wie nahrhafte und gesunde Zukost.

Wie bei jedem ernsten und schönen Werk für das gemeine Beste, geht auch hier die Hauptsache ganz in der Stille und Verborgenheit, in der Tiefe der Erde vor sich. Dort entfaltet der Olivenbaum eine rastlose, weitverzweigte Tätigkeit. Es ist ganz erstaunlich, welche Menge von Wurzeln er aussendet, um wie mit tausen Händen in der Tiefe zu suchen und zu sammeln und das köstliche Mark der Erde durch viele tausend Kanäle durch den mächtigen Wurzelstock, den Stamm und die Zweige hinauf zu dirigieren in die Tausende von Olivenbeeren, welche droben im Sonnenlicht an den Zweigen hängen.

Schau einmal die merkwürdige, ebenso feine wie großartige Maschinerie eines Olivenbaumes an, wenn in einem Tal Palästinas soeben ein starker Winterregen hindurchgestürmt ist und die Erde neben dem Ölbaum vielleicht mannshoch bloß gelegt hat, wie sich die großen Wurzeln strecken nach allen Richtungen, wie ein Gewebe von zahllosen kleinen Saugwurzeln den ganzen Erdboden wie mit einem Netzwerk förmlich durchflochten hat. Dann wirst du dich nicht mehr wundern, warum in der Schrift stets „Weinstock und Feigenbaum“, niemals aber Weinstock und Ölbaum zusammengestellt sind. Denn zwei so fleißige, selbständige und gründliche Arbeiter, wie diese beiden, haben ebenso wenig nebeneinander Platz, wie zwei bedeutende selbständige Charaktere, welche ein und dasselbe Gebiet beherrschen sollen. Aus diesem Grund finden sich in den Weinbergen zwar sehr oft Feigenbäume, niemals aber, wenn man wenigstens nicht Reben und Bäumen die Kraft rauben will, Olivenbäume.

Daher war der Olivenbaum in Israel stets hochgeachtet und ein Sinnbild der angenehmsten Dinge. Seiner fröhlichen Hoffnung gibt der Psalmsänger Ausdruck, wenn er sagt: „Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im Haus Gottes!“ (Ps 52,10). Auch der Friede häuslichen Glücks erinnert ihn an die Ölzweige, welche sich wie kleine Stämmchen üppig um den großen Wurzelstock des einen Stammes drängen: „Deine Kinder sind wie Ölzweige um deinen Tisch her“ (Ps 128,3).

Aber auch die Palästinenser wissen diesen treuen Baum wohl zu schätzen. Das Öl, welches er ihnen liefert, ist ihr Labsal in guten und bösen Tagen. Dem Gesunden macht es sein täglich Brot schmackhaft, indem er dasselbe, wie einst die Witwe zu Zarpat, in Öl eintaucht. Und in langen Winternächten erhellt es seine dunkle Hütte, wie schon in der Wüste den Israeliten ihre Stiftshütte. (2 Mo 27,20). Dem Kranken aber dient es als Arznei in allerlei Leibesnot. Schon den Gesunden soll es ja die Gesundheit stärken. Manchen begegnet man, die ein fettglänzendes Gesicht haben. Die Araber salben sich auch heute noch gern, wie in biblischer Zeit. Sie reiben sich von Kopf bis Fuß mit Öl ein und behaupten, davon sehr stark und kräftig zu werden. So, sagt der Herr, sollen diejenigen tun, welche fasten, damit sie nicht vor den Leuten scheinen: „Wenn du fastest, so salbe dein Angesicht.“ (Mt 6,17).

Und wie der barmherzige Samariter jenem Unglücklichen zwischen Jerusalem und Jericho seine Wunden mit Öl und Wein linderte, so gebrauchen auch heute noch die Fellachen das Olivenöl fast bei allen inneren und äußeren Krankheiten als Heilmittel. (Lk 10,34). Die Jünger, welche der Herr ausgesandt hatte, Kranke zu heilen, sprachen nicht nur Machtworte. Sie wandten auch die landesübliche Arznei, das Olivenöl, an. (Mk 6,13). Auch Jakobus ermahnt, diese Arznei zu gebrauchen. „Ist jemand krank, der rufe die Ältesten von der Gemeinde und lasse sie über sich beten und salben mit Öl in dem Namen des Herrn.“ (Jak 5,15). Das will natürlich nicht sagen, dass man nun etwa auch im fernen Abendland mit Öl kurieren soll. Es will vielmehr so viel sagen, als: Lasst die Ältesten über euch beten, nehmt Arznei, so gut ihr sie haben könnt, und gebraucht sie im Namen des Herrn.

Im Altertum wurde das Olivenöl bei Gastmählern dem Gast aufs Haupt gegossen. Darum sagt der Herr zu seinem Gastgeber Simon: „Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt!“ (Lk 7,46). So sagt auch der Sänger des 23. Psalms dankbar zum Herrn: „Du salbst mein Haupt mit Öl“ (wie man einem besonders lieben und besonders geehrten Gast in zuvorkommender Höflichkeit tut), nachdem du mir „einen Tisch bereitet hast im Angesicht meiner Feinde“, so dass sie, anstatt mich zu verfolgen und zu ängstigen, zusehen müssen, wie ich als dein hochgeehrter Gast an deiner Tafel sitze.

Alle diese Gebräuche gehen auf eine der frühesten Sitten der Morgenländer zurück. Weil sie den Ölbaum so sehr liebten, der ihnen in so mancher Lebenslage Erquickung und Hilfe brachte, glaubten sie diejenigen Dinge, welche sie liebten und verehrten, nicht besser vor allen anderen auszeichnen zu können, als wenn sie dieselben mit dem Öl dieses treuen Freundes begossen und glänzend machten. So sehen wir, dass Jakob in dem glücklichen, ahnungsreichen Gefühl, dass bei dem Stein, auf dem sein Haupt bei jenem seligen Traum in Betel geruht, nichts anderes sei, als Gottes Haus und die Pforte des Himmels, seine Ölflasche hervorzog und den Stein salbte. (1 Mo 28,18). Auch die Stiftshütte samt Bundeslade, Altären und allen köstlichen Geräten wurde in Übereinstimmung mit dieser Volkssitte mit Öl gesalbt, damit sie also „geweiht das Allerheiligste seien.“ (2 Mo 30,25+29).

Ja, auch auf Menschen, welche vor anderen ausgezeichnet werden sollten, übertrug sich dieser Gebrauch. Aaron und seine Söhne, die Priester, wurden mit Öl gesalbt. (2.Mo 30,30). Samuel der Seher hatte bei der ersten Königssalbung sein Ölglas genommen und auf Sauls Haupt ausgegossen. Dann küsste den jungen Fürsten tiegbewegt. Und er sprach: „Siehst du, dass dich der Herr zum Fürsten über sein Erbteil gesalbt hat?“ (1 Sa 10,1). Später wurden nicht mehr blos die Priester und Fürsten gesalbt. Auch der Privatmann salbte nach derselben Sitte den Gast, der er ehren und auszeichnen wollte. Und entsprechend der Bedeutung jener Salbungen im alten Bund wurde schließlich diese Salbung zum sinnbildlichen Ausdruck für die Auszeichnung der Kinder Gottes durch die Gabe des heiligen Geistes. Auch unser Herr selbst hat von dieser Sitte jenen ewig gesegneten Namen erhalten. Täglich nennen wir ihn in unseren Gebeten mit anbetender Ehrfurcht: Christus, der Gesalbte.

Von den Olivenbäumen hat auch der Ölberg seinen Namen erhalten, jedem Christen ein Ort heiliger Erinnerungen. Einst ging David, Christi Vorfahr, weinend den Ölberg hinabging, weil die Seinen ihn verstießen (2 sa 15,30). Und so ritt auch Jesus selbst an einem leuchtenden Frühlingsmorgen weinend den Ölberg herab, weil ihn die Seinen nicht aufnahmen. Und drüben am Ölberg lag Getsemane, die Ölkelter. (Mt 26,36). Als den Herrn alle Getreuen verließen und schliefen, da rauschten, vom blassen Mondlicht der Frühlingsnacht beschienen, vom Nachtwind bewegt, die silbernen Zweige und Kronen der treuen Ölbäume leise über dem einsam ringenden Beter, als ob wenigstens sie mit ihm wachen und beten wollten.

Wasser

(Wasser – ein Kapitel aus Ludwig Schnellers Buch „Kennst du das Land?„. Um Irritationen zu vermeiden, sollte man daran denken, dass es sich bei Begriffen wie „heute“ oder „heutzutage“ um die Zeit von 1884 bis 1889 handelt.)

Ein wasserreiches Land ist Palästina heute nicht mehr. Wie einst die Fruchtbarkeit eine Folge menschlichen Fleißes war, so bedurfte auch die Bewässerung des Landes der helfenden menschlichen Hand. Dies muss auch bei jenem Wort 5 Mo 8,7 im Auge behalten werden: „Der Herr dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darinnen Bäche und Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und in den Auen fließen.“ Der Salzsee, der Genezaret und Merom, der ewig junge Jordan mit seinen großen Zuflüssen aus dem östlichen Gebirge ist zunächst gemeint.

Für das westliche Gebirge, Palästina im engeren Sinne, waren jedenfalls die künstlichen Anlagen und Zisternen stets die Hauptsache. Aber eben dadurch wurde das Westjordanland im Altertum zu einem wasserreichen Land gemacht. Heute ist das Ostland reicher an Wasser und saftigen Weiden. Aber es ist eine bekannte Tatsache, dass man einst das Westland noch mehr rühmte. Und die zahllosen Felsenzisternen, welche ehemals wie für die Ewigkeit gemeißelt wurden und heute unbenützt und voll Schutt daliegen, zeigen, wie fleißig die einstigen Bewohner in dieser Beziehung gewesen sind.

Die westlichen Zuflüsse des Jordans und des Toten Meeres sind größtenteils Winterbäche, welche nur während des Regens fließen. Wenn der Sommer im Land einzieht, trocknet er die schönsten Bäche im Nu aus. Wo man vor einigen Tagen noch einen mächtigen Bach rauschen hörte, schreitet man nun durch ein trockenes Flussbett. Keine Spur mehr von dem früheren Wasserstrom ist in ihm zu sehen. So bilden z. B. der Kidron und der Kilt im Sommer nur wasserlose Täler, deren weißes Kieselbett, von einer Art von Weiden eingerahmt, weithin sichtbar ist.

An Quellen ist das gebirgige Land nicht so reich, wie man denken sollte. Aber es ist daran auch nicht so arm, wie es oft geschildert wird. Sie sind im ganzen Land hochgeschätzt, ein Sinnbild des strömenden Segens Gottes. Und das ist kein Wunder. Wo immer man an eine Quelle kommen mag, sei es an die salomonischen Teiche, sei es an deren Wasserleitungen oder an irgend eine der sprudelnden Quellen des Landes, überall ist inmitten des im Sommer ausgedorrten Landes grünes, frisches Leben. Selbst wenn der Schirokko ringsum alles verbrannt hat, die Quellorte sind gefeit gegen den heißen Glutodem der Wüste. Welches Labsal sind sie für den Wanderer, der auf staubiger Straße in der Hitze gewandert ist, wenn nun sein Auge mitten in der Dürre fließendes Wasser und grünen Wiesengrund erblickt, und sein Ohr die süße Musik eines murmelnden Bachs vernimmt!

Da können wir es wohl verstehen, warum der Israelit für die größten Erquickungen seiner Seele kein treffenderes Bild finden kann, als lebendiges Wasser. Dies geht aus einer Menge von Gleichnissen in der Bibel hervor. Will der Psalmensänger seine innige Sehnsucht nach Gott ausdrücken, so sagt er: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir!“ (Ps 42,2). Will er sagen, wie teuer und kostbar ihm sein Gott ist, so spricht er: „Du bist die lebendige Quelle.“ (Ps 36,10 vgl. Jer 2,13).

Und wenn der Prophet den Frieden des Gottesfürchtigen schildern will, so spricht er: „O dass du auf meine Gebote merktest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom!“ (Jes 48,18). Herrlich ist das Wachstum der Bäume an solchen Wasserströmen und Quellen. Mitten in der allgemeinen Dürre sind sie ein Bild frischesten Lebens voll üppiger Kraft. Er ist, „wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.“ (Ps 1,3).

Im Altertum müssen die Quellen zahlreicher und reicher gesprudelt haben als heute. Damals wandte man denselben die größte Sorgfalt zu. Heute rührt kein Mensch Hand und Fuß, um sie zu erhalten und nutzbar zu machen. Auch damals hatten viele Berge, wie z. B. die von Jerusalem. keine Quellen. Man wusste aber diesem Mangel künstlich abzuhelfen, indem das Wasser entfernter, starker Quellen zunächst in mächtige Teiche gesammelt und dann in trefflichen meilenlangen Wasserleitungen unterirdisch bis Jerusalem geführt wurde. Mehrere israelitische Könige, namentlich Hiskija, haben sich in dieser Beziehung sehr verdient gemacht. (2 Kö 20,20; 2 Chr 32,30).

Noch heute bewundern wir die salomonischen Teiche im Westen von Betlehem, welche ihr Wasser nach Jerusalem entsenden. Und auch in und bei Jerusalem und Hebron und an manchen anderen Orten des Landes finden wir die Reihe großartiger Teichanlagen. Auch andere noch nicht wieder entdeckte Wasseranlagen muss Jerusalem gehabt haben. „Ein starker natürlicher Quell, sagt Aristeas, quillt reichlich und fortwährend im Tempel selbst. Bewunderungswürdig, ja unaussprechlich ist die Größe der unterirdischen Behälter, von denen unter dem Tempel in einem Umfang von fünf Stadien alles voll ist. Durch die Mauern und den Fußboden des Tempels laufen eine Menge Röhren und Schächte hinab. Es sind häufig versteckte Öffnungen, welche einzig denen bekannt sind, welche den Opferdienst versehen.“

So wird uns begreiflich, dass Jerusalem mit seinen unterirdischen Wasserkanälen und Teichen nebst seinen zahlreichen Zisternen bei Belagerungen niemals Wassermangel hatte. Während das Heer des Titus froh war, oft nur schlechtes stinkendes Wasser von ferne her zu bekommen, während die vor der Stadt lagernden Kreuzfahrer vor Durst fast verschmachteten, so dass an Menschen und Pferden eine große Menge umkam, fanden die Eroberer stets die Stadt selbst noch reichlich mit Wasser versehen.

Im allgemeinen aber war der Privatmann auf unserem Gebirge seit alter Zeit darauf angewiesen, für sich selbst zu sorgen, indem er sich Zisternen baute oder in den Felsen hauen ließ. Schon die einwandernden Israeliten fanden solche von den Urbewohnern gemeißelte Zisternen im Lande vor. (5 Mo 6,11). In ihnen wurde das Wasser, das im Winter fiel, sorgfältig gesammelt. Die Zisternen sind unterirdische Brunnen, deren Wände und Boden gut verkittet sind, und deren Größe gewöhnlich derjenigen eines Wohnzimmers, oft auch eines großen Saals gleichkommt. In ihnen bleibt das Wasser selbst im heißesten Sommer kühl und frisch. Die Zisternen sind entweder von Natur durch Felsen oder künstlich durch Gewölbe gedeckt und haben eine Öffnung, durch welche man bequem einen Eimer hinunterlassen kann.

Nebst dieser Öffnung befinden sich häufig steinerne Wasserbecken und Tränkrinnen für das Vieh. Während des ganzen langen Sommers, von Ende März bis November, fällt kein Regen. Gegen Ende des Sommers wird das Wasser seltener. Die Quellen versiegen, die Zisternen leeren sich, da und dort wird auch das Wasser schlecht.

Da muss oft der Wanderer fast vor Durst verschmachten. Und er kann froh sein, wenn er nur noch etwas verdorbenes laues Wasser findet, um seinen brennenden Durst zu löschen. Unter solchen Umständen mag man ermessen, wie wohl einem solchen Wanderer ein Trunk kalten Wassers tun mag. Darum sagt auch der Herr: „Wer dieser Geringsten einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“ (Mt 10,42).

Bei dieser Wertschätzung des Wassers können wir es auch verstehen, wie man dazu kam, Wasser als Trankopfer darzubringen. So lesen wir z. B. 1 Sa 7,6: die Kinder Israels „kamen zusammen gen Mizpa (wo heute noch merkwürdiger Weise auf dem Gipfel des Berges eine herrliche Quelle aus dem Felsen strömt) und schöpften Wasser und gossen es aus vor dem Herrn und fasteten denselben Tag und sprachen: ‚Wir haben dem Herrn gesündigt'“. In einem Land, welches Überfluss an Wasser hat oder gar von Überschwemmungen heimgesucht wird, wäre die Entstehung einer solchen Sitte nicht denkbar.

Auffallend könnte es nun freilich erscheinen, dass die Psalmsänger ihre Seelennot so oft mit Wasserfluten und Strömen vergleichen, welche über ihre Seele gehen. Aber die verderbliche Seite des Wassers ist den Palästinensern durchaus nicht unbekannt. Ist auch die Gewalt des Winters nur von kurzer Dauer, so kann er doch auch hier schrecklich werden. Denn kommt einmal ein recht starker Winterregen, dann strömt und strömt es oft Tage und Nächte hindurch, als sollte eine zweite Sintflut das Land unter ihren Wellen begraben. Die sonst so trockenen Täler verwandeln sich plötzlich in reißende Bergströme. Bäume, Steine, Mauern werden zuweilen mit unwiderstehlicher Gewalt fortgetrieben. Kein Wandrer kann mehr die Täler überschreiten. Aus diesem Grunde baut man fast nie eine Stadt oder ein Dorf in die Tiefe eines Tales. Die Häuser wären zur Winterszeit dort zu sehr gefährdet. (Mt 5,14).

Dies kann man fast jedes Jahr in Hebron beobachten, welches sich durch das Tal Askala lange hinzieht. Mit jedem starken Winterregen ist die Stadt dem ganzen Ansturm der Wasser preisgegeben. Als im Dezember 1888 ein mächtiger Winterregen auf das schon zuvor mit tiefen Schneemassen bedeckte Land fiel, da brauste ein gewaltig tosender Wasserstrom mit unwiderstehlicher Macht durch die niedrigen Straßen der Stadt. Das Wasser stieg über Mannshöhe. Es drang in die Haustüren ein und überschwemmte die Erdgeschosse ganz und gar. Was dort zu zerstören war, wurde zerstört. Einem jüdischen Kaufmann wurde sein Kornvorrat im Wert von 1000 Franken fortgeschwemmt. Die Bewohner jener Straßen waren 3 bis 4 Tage lang von jedem Verkehr abgeschnitten. War doch der Strom, der die Stadt durchbrauste, oft höher als die Oberschwellen ihrer Haustüren.

Wer aber genötigt war, in einem niedrigen Haus zu wohnen, der konnte den Notschrei des Psalmisten wohl verstehen lernen. „Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele! Ich bin im tiefen Wasser und die Flut will mich ersäufen!“ (Ps 69,2; 124,4; 144,7).

Wehe aber dem Haus, welches nicht auf einen Felsen gegründet ist, an einem solchen Tag! Ein orkanartiger Wind pflegt den Regen zu begleiten, und es erfüllen sich die Worte der Bergpredigt buchstäblich an einem solchen Haus. Der Platzregen fällt, es kommen die Gewässer und Ströme und wehen die Winde, das Haus bekommt einen großen Riss nach dem anderen, bis es krachend zusammenstürzt, einen großen Fall tut und von den Fluten hinweggeschwemmt wird. (Mt 7,25ff.; Lk 6,48ff.)

Aber wehe auch dem, den solche Wasserströme im Freien überraschen! Da ist oft keine Hilfe und keine Rettung mehr möglich. Manche kennen die Schilderung des Sinaireisenden Holland, welcher bei einem solchen Unfall auf der Sinaihalbinsel nur mit knapper Not sein Leben rettete. Er schildert die Szene als eine entsetzliche. „Ein kochender, brausender Strom füllte das ganze Tal. Er wälzte die größten Felsblöcke wie Kiesel mit sich fort und riss ganze Familien ins Verderben.“ Noch sind die Spuren der Verwüstung deutlich sichtbar. Große Stämme von Palmbäumen liegen mehr als 30 Meilen von ihrem einstigen Standort entfernt im Bett des Wadi.

Ein einziges Gewitter mit starken Regenschauern, das auf den nackten Granit fällt, kann diese furchtbaren Folgen nach sich ziehen. Es kann ein trockenes und ebenes Tal in wenigen Stunden in einen tobenden Strom verwandeln. Und so verwirklicht es das Gemälde, welches David im 18. Psalm entwirft. „Der Herr donnerte im Himmel, der Höchste ließ seinen Donner aus mit Hagel und Blitzen. Da sah man Wassergüsse, und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt, Herr, von denem Schelten!“ (Ps 18,14ff.). …

Den Gerechten aber verheißt der Herr seinen Beistand in den Tagen des Wintersturms der Not und der Anfechtung. „So du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen.“ (Jes 43,2; Ps 32,6.) …

Die 144.000 auf dem Berg Zion

Die 144.000 auf dem Berg Zion begegnen uns zweimal in der Offenbarung. In Offb 7,1-8 sind es die zwölf Stämme, die auf der Erde versiegelt werden. Hier ist kein konkreter Ort angegeben, wo sie stehen. Aber wir sehen sie hier als ein Bild für das neue Israel, die Gemeinde, die auf der Erde gesammelt und mit Heiligem Geist versiegelt wird.

In Offb 14,1-5 stehen die 144.000 auf dem Berg Zion, zusammen mit dem Lamm. Sie singen dort einen neuen Gesang, und sie werden mit ihren markanten Eigenschaften beschrieben.

Doch zunächst zur Zahl 144.000. Dazu müssen wir uns kurz mit biblischer Zahlensymbolik beschäftigen. Diese ist in der Bibel selbst so nirgends beschrieben, aber überall, wo die Zahlen auftauchen, passt die folgende Deutung: 3 ist die Zahl für Gott bzw. den Himmel. Darin wird auch das Geheimnis der göttlichen Dreiheit angedeutet. Die Zahl 4 steht für die Erde bzw. die Menschen. In der Bibel ist oft von den 4 Enden der Erde die Rede.

Wenn man diese Zahlen 3 und 4 addiert, erscheint in der Zahl 7 die Gesamheit von Himmel und Erde. Da es nicht mehr als das gibt, ist 7 auch die Zahl der Gesamtheit bzw. Vollkommenheit. Das Gleiche gilt aber auch, wenn man 3 und 4 multipliziert, für die Zahl 12. Hier ist es noch deutlicher: die 12 Stämme Israels, die 12 Gesandten von Jesus. Man kann diese Vollkommenheitszahl noch steigern, wenn man sie verdoppelt auf 24. So viele Ältere sitzen um den Thron Gottes.

Das Maximale erreicht man aber, wenn man sie mit sich selbst und mit 1000 multipliziert. Und so kommen mit 12 x 12 x 1000 die 144.000 zustande. Das zeigt natürlich, dass diese Zahl, wie die anderen Zahlen in der Offenbarung, symbolisch zu verstehen ist. So viele sind es, die sich durch die Botschaft von Jesus rufen und retten lassen. Und wenn diese Zahl voll ist – Gott kennt sie ja -, dann ist das Ende da.

Wenn in Offb 14 die 144.000 mit dem Lamm auf dem Berg Zion stehen, dann müssen wir fragen, was der Berg Zion ist. Von der Antwort darauf wird es mit abhängen, ob wir diese 144.000 noch auf der Erde oder schon im Himmel zu verorten haben.

„Zion“ war ursprünglich der Name der Burg in der Jebusiterstadt Jerusalem. Der König David eroberte sie mit seinen Kriegern und machte Jerusalem zur Hauptstadt Israels. Durch seine Eroberung galt sie als sein Privateigentum und wurde „Stadt Davids“ genannt. So gehörte sie zu keinem Stammesgebiet in Israel und war der ideale Platz für die Hauptstadt. Keiner der zwölf Stämme war Besitzer der Hauptstadt und somit gegenüber den anderen privilegiert.

Der Name Zion wanderte im Sprachgebrauch dann zu dem ganzen Berg, auf dem die Stadt Davids lag und auf dem Salomo später den Tempel baute. Und mit dem Tempel wurde der Berg Zion zum Wohnplatz Gottes: Gott wohnt auf dem Zion. Und die Stadt am Berg, Jerusalem, wurde zur Tochter des Zionsberges, zur Tochter Zion.

Zur Zeit der frühen christlichen Gemeinde wanderte der Name aber noch weiter. Bis heute nennt man in Jerusalem nicht den Tempelberg, sondern den Südwesthügel der Altstadt, der südwestlich gegenüber dem Tempelberg liegt, den Zionsberg.

Durch die Ablehnung des Messias mittels der Hinrichtung am Kreuz verlor der Tempel seine Funktion als Wohnplatz Gottes. Gott selbst entweihte ihn durch das Zerreißen des Vorhangs zum Allerheiligsten. Ein neues und ewig gültiges Opfer hatte den alten Opferkult abgelöst. So stellt es am eindrücklichsten der Hebräerbrief dar. Zum neuen Wohnplatz Gottes wurde nun die von Heiligem Geist erfüllte Gemeinde.

Die Gründung dieser Gemeinde durch die Ausgießung des heiligen Geistes geschah auf dem Südwesthügel der Stadt. Hier hatte Jesus auch mit seinen Jüngern das Abendmahl begangen. Hier war der ursprüngliche Versammlungsort der Gemeinde, wo auch an jenem Wochenfest die Ausgießung des Heiligen Geistes geschah. Und so konnte sich der Name Zion im christlichen Sprachgebrauch auf diesen Hügel übertragen, gegenüber dem Tempelberg. In der Anfangsphase der Gemeinde war der Zion als Wohnplatz Gottes nun hier.

In Wirklichkeit war der Wohnplatz Gottes dann aber überall da, wo seine Gemeinde sich versammelte. Zion als Wohnplatz Gottes war nicht mehr ein geographischer Ort, sondern eine Gruppe von Menschen.

Unterstützt wurde diese Sichtweise durch ein prophetisches Wort in Jes 28,16, das bildlich den Messas als Stein bezeichnet, den Gott im Zion einbaut. Paulus zitiert es in Rö 9,33: „Ich lege hier in Zion einen Stein des Anstoßes, einen Fels des Ärgernisses, und wer an ihn glaubt, wird sich nicht schämen müssen.” Das gleiche zitiert auch Petrus in 1 Pe 2,6. Wo Jesus der Eckstein ist, ist nun auch der Zion.

Und Heb 12,22-24 stellt den neuen Zion in Gegensatz zum alttestamentlichen Sinai. „Ihr seid vielmehr zum Zionsberg gekommen, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zur Festversammlung von Zehntausenden von Engeln, zur Gemeinde der Erstgeborenen, eingetragen in den Himmeln, zu Gott als Richter von allen, zu den Seelen der vollendeten Gerechten, zum Vermittler der neuen Bestimmung, Jesus, und zur Reinigung durch (sein) Blut, das stärker spricht als das von Abel.“

Wenn der Zion nun eine Bezeichnung der Gemeinde als Wohnplatz Gottes auf Erden ist, dann dürfen wir annehmen, dass auch die 144.000 auf dem Berg Zion in Offb 14 die Gemeinde auf der Erde darstellen. Dafür gibt es weitere Indizien:

In der Parallelstelle in Offb 7 sind die Hundertvierundvierzigtausend eindeutig auf der Erde.

Das Geräusch der Musik kommt „aus dem Himmel“, und das ist im Bild ein Ort, der vom „Berg Zion“ verschieden ist.

In Vers 4 steht ein eindeutiges Präsens: „Es sind die, die dem Lamm folgen, wo immer es hingeht.“ Diese Aussage ist nur für die irdische Gemeinde sinnvoll; im Himmel gibt es Nachfolge in diesem Sinne nicht mehr.

Im Textzusammenhang steht zuvor in Kap. 13 die Art von Menschen, die sich auf der Erde von dem Tier aus der Unterwelt und dem anderen Tier verführen lassen. Die Hundervierundvierzigtausend in Kap. 14 sind das Gegenbild zu ihnen.

Danach kommen in Kap. 14 drei Engel, die vom bevorstehenden Ende berichten. Einer davon spricht vom Fall Babylons. Auch die Hure Babylon ist ein Gegenbild zur Gemeinde auf der Erde.

Und in Kap. 14 wird dann ab Vers 14 im Bild der Ernte tatsächlich die Entrückung beschrieben. Auch das spricht dafür, dass die Beschreibung der 144.000 auf dem Berg Zion davor auch in der zeitlichen Reihenfolge stimmt.

Wenn diese Beschreibung als irdische Gemeinde so richtig ist, dann muss man in dem Textabschnitt aber ein paar Verben, die im griechischen Aorist stehen, anders übersetzen. Wenn kein Rückblick auf eine Vergangenheit der Gemeinde gemeint ist, sondern eine Beschreibung ihrer Gegenwart auf der Erde, dann sind die Aussagen der Verben als Erfahrungstatsachen zu verstehen, die man im Deutschen mit Präsens übersetzt:

Vers 1: „Da steht das Lamm auf dem Berg Zion und mit ihm Hundertvierundvierzigtausend, …“

Vers 4: „Es sind die, die sich nicht mit Frauen beflecken, …“ (Gemeint ist Götzendienst.)

Vers 5: „In ihrem Mund findet man keine Lüge, …“

Überlegen kann man natürlich, warum die irdische Gemeinde dann ihren Gesang – begleitet von himmlischer Musik – vor dem Thron Gottes singt. Aber das ist kein Problem. Die Gebete der Heiligen steigen nach Offb 5,8 ebenfalls vor dem Thron Gottes auf. Das ist die bekannte Doppelexistenz der Gemeinde: Als Zeugen Gottes und Ausländer auf der Erde, als Beter und Anbeter bereits im Himmel, ihrer wahren Heimat.

Die besiegten Zeugen

Die besiegten Zeugen in Offb 11 sind zunächst ein Rätsel. Feuer kommt aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde, sie haben Vollmacht, den Himmel zu verschließen, und dann geschieht das Unglaubliche – 11,7-10:

„Und wenn sie ihr Zeugnis vollenden sollen, wird das Tier, das aus der Unterwelt heraufsteigt, Krieg mit ihnen führen, sie besiegen und sie töten. Ihr Leichnam (liegt) auf den Straßen der großen Stadt, die geistlich ‚Sodom und Ägypten‘ heißt, wo auch ihr Herr hingerichtet wurde am Kreuz. Und Leute aus den Völkern, Stämmen, Sprachen und Volksgruppen sehen dreieinhalb Tage ihren Leichnam und lassen nicht zu, dass ihre Leichname in einem Grabmal beigesetzt werden. Die Bewohner der Erde freuen sich darüber, sind fröhlich und senden einander Geschenke, denn diese zwei Propheten quälten die Bewohner der Erde.“

Man wird in diesen Versen nicht alle Einzelheiten ausdeuten können, aber der Anfang ist klar. Das Tier, das aus der Unterwelt heraufsteigt, ist der Antichrist. Dieser Dämon wird in Offb 13 ausführlich beschrieben. Und dort steht auch der unfassbare Satz – V. 7: „Es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen mit den Heiligen und sie zu besiegen.“ Aber es entspricht genau der Aussage in Kap. 11, dass das Tier die Zeugen besiegen wird. Die besiegten Zeugen entsprechen also den besiegten Heiligen.

In beiden Kapiteln stellt das Tier den antichristlichen Dämon dar. Und dann ist es auch deutlich, dass sein Gegenüber in beiden Kapiteln ebenfalls dasselbe ist. Die Zeugen sind die Heiligen. Und die Heiligen sind die Gemeinde, wie es das ganze Neue Testament bezeugt. Und die Vollendung ihres Zeugnisses ist, treu zu sein bis zum Tod – wenn es sein muss, zum Märtyrertod.

Die genannte „große Stadt“ ist zunächst einmal das irdische Jerusalem. Die Aussage „wo auch ihr Herr hingerichtet wurde am Kreuz“ ist eindeutig. Insofern sind die besiegten Zeugen auch noch im Tod die Nachfolger ihres Herrn. „Sodom und Ägypten“ sind aus dem Alten Testament bekannt. Der Ort der sprichwörtlichen Sünde und der Ort der Sklaverei geben dieser „großen Stadt“ ihren Namen. Das sollte einige Jerusalembegeisterte vielleicht ein bisschen ins Nachdenken bringen.

Andererseits ist diese „große Stadt“ aber doch wohl auch eine nicht ortsgebundene geistige Realität. Denn die tatsächlich getöteten Zeugen der ersten Generation zu Johannes‘ Zeiten waren in Rom und in den Verfolgungen der folgenden Jahre im gesamten römischen Reich zu finden. Und die Offenbarung bezeichnet in den folgenden Kapiteln auch Rom als die „große Stadt“. Das würde heißen, dass überall, wo man Christen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus tötet, die Realität dieser „großen Stadt“ ist.

Dass man die Getöteten nicht begräbt, bleibt irgendwie rätselhaft. Aber der Reliquienkult in den katholischen und orthodoxen Kirchen, wo man Leichenteile von Heiligen als wundertätige Kultgegenstände verehrt, könnte vielleicht in diese Richtung gehen. Die Heiligen töten und dann ihre Gebeine nicht begraben sein lassen, sondern als magische Segensspender in der Welt verteilen, das passt schon irgendwie zusammen.

Natürlich muss man die „dreieinhalb Tage“ ihres Getötetseins als symbolische Zeit auffassen, wie alle Zeitangaben in der Offenbarung. Am ehesten passt es, wenn sie sich den „dreieinhalb Jahren“ der gesamten Endzeit einfügen.

Auf jeden Fall ist die Freude über die ausgeschalteten Zeugen groß. Dass man in Zeiten allgemeiner Freude einander Geschenke sendet, ist ein schon im Alten Testament erwähnter Brauch. Keine Rede mehr von Sünde, Umkehr, Gericht und Hölle, alles ausgeschaltet. Und wehe, jemand fängt noch einmal davon an! Und wenn da jemandem eine Parallele zur heutigen Zeit auffällt, ist das sicherlich kein Zufall …

« Ältere Beiträge