Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

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Der verfluchte Feigenbaum

(Der verfluchte Feigenbaum – ein stark vereinfachter und gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Verfluchung des Feigenbaums“ des Buchs „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Ludwig Schneller beschäftigt sich in diesem Kapitel mit der Schwierigkeit, die einem in der Bibelstelle Mk 11,12-14 begegnet. „Als sie am anderen Tag aus Betanien hinausgingen, hatte er Hunger. In einiger Entfernung sah er einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und ging hin, ob er wohl etwas an ihm fände. Als er hingekommen war, fand er aber nichts an ihm als nur Blätter. – Es war freilich nicht die Zeit für Feigen. – Und er sprach laut aus zu ihm hin: „Nie mehr bis in Ewigkeit soll jemand Frucht von dir essen!“

Jesus sucht im Frühling, Anfang April Feigen an einem Feigenbaum. Da er von Betanien hinausgeht nach Jerusalem, muss das „in einiger Entfernung“ bei dem Dorf Betfage gewesen sein. Markus erklärt dazu ausdrücklich noch, dass es gar nicht die Zeit für Feigen war. Warum sucht Jesus dort also Feigen und verflucht dann den Baum, weil er keine hat? Das ist die Fragestellung, zu deren Lösung uns Ludwig Schneller mitnimmt:

„Eine genaue Beobachtung der Feigenbäume an Ort und Stelle im heiligen Land selbst wird uns hier die richtige Lösung geben. Dabei müssen wir von vornherein festhalten, dass der Feigenbaum zweimal im Jahr Früchte trägt. Wenn die Vegetation am Schluss des Sommers aufhört und die ersten winterlichen Stürme übers Land fegen, verliert auch der Feigenbaum im November oder Dezember seine Blätter und steht eine Zeit lang kahl und nackt da. Nur neben den noch kleinen Augen sieht man winzige Ansätze zukünftiger Feigen. Da sich diese erst im kommenden Frühjahr entwicklen, nennt man dieselben allgemein Frühfeigen.

Die wirklichen Spätfeigen bzw. Sommerfeigen dauern bis Oktober, an ganz besonders geschützten Stellen ausnahmsweise auch bis Dezember. Dagegen fangen im Frühjahr die Augen des Baums an zu schwellen, und auch die kleinen Fruchtansätze beginnen zu treiben. Und da diese kaum erbsengroßen Knollen schon seit Ende des Vorjahrs da sind, ja Bohnengröße erreichen, bevor die grünen Blätter aus den bereits stark schwellenden Augen hervorbrechen, kann man auch sagen, dass die Früchte vor den Blättern da sind. Im März aber treiben die jungen Blätter mit erstaunlicher Schnelligkeit hervor. Und nun entwickeln sich die Frühfeigen genau in demselben Tempo wie die Blätter. Jeden Morgen kann man bei günstigem warmem Wetter die Fortschritte beider deutlich wahrnehmen.

Im Jahr 1888 begannen die Feigenbäume anfangs März auszuschlagen. Am 10. März hatten die Frühfeigen schon die Größe von kleinen Kirschen. Ende März waren sie beinahe wie ausgewachsene Feigen, obwohl sie noch ganz hart und unreif waren. Ich zählte um diese Zeit die Frühfrüchte des Feigenbaums in meinem Garten und fand deren rund 1500. Da sich die Blätter mit den Frühfeigen gleichmäßig entwickeln, so ist klar, dass sich von einem Baum mit auffallend vielen schönen Blättern auch besonders gut entwickelte Frühfeigen erwarten lassen. Im Monat April nun, in welchem die Verfluchung des Feigenbaums stattfand, muss jeder ordentliche Feigenbaum schon Blätter haben, folglich auch Frühfeigen.

Dies gilt inbesondere von jenen milden Tälern, welche sich für Feigenbäume so vorzüglich eignen, wie Beit-Sachur bei Betlehem und Betfage. (D. h. Feigenhaus; „Fagg“ ist heute noch ein arabischer Ausdruck für Feigen.) Dort erfreuen sich die Feigen wie in alter so auch in neuer Zeit besonders guter Pflege und guten Gedeihens. Und die Entwicklung der Feigen ist sogar um mehrere Wochen voraus, weil beide Orte schon am wärmeren östlichen Abfall des Gebirges nach dem Toten Meer hin liegen.

Man kann somit sagen, dass jeder ordentliche Feigenbaum in der ersten Hälfte des April unreife Frühfeigen haben muss. Und dies darf noch viel mehr erwartet werden an einem für Feigen so günstigen Ort wie Betfage. Die Frühfeigen fallen zwar in unreifem Zustand leichter und zahlreicher ab als die Sommerfeigen (Offb 6,13), aber dies geschieht doch erst dann, wenn im Mai die Ansätze der Sommerfeigen hervorkommen, auf welche nun der größte Teil der Kraft des Baums verwandt werden muss.

Was ist nun damit zur Erklärung unserer Geschichte geholfen? Wenn es richtig ist, dass Jesus in der ersten Tagen des April in Jerusalem einzog und die Frühfeigen erst im Juni reif sein konnten, hätte er seinen Hunger nicht damit stillen können. Hier kommt aber wieder die Beobachtung der Sitten der Palästinenser zu Hilfe. Diese haben nämlich eine auffallende Vorliebe für unreife Früchte. Nicht nur Mandeln, Birnen, Aprikosen, Pflaumen usw. werden zum größten Teil unreif von ihnen gegessen. Auch die sauren, halbausgewachsenen Trauben werden von alt und jung gerne gegessen. Viele ziehen dieselben den süßen, reifen Trauben sogar bei Weitem vor.

Am allgemeinsten ist diese Sitte bei den Frühfeigen. Ich selbst habe den unreifen Frühfeigen nicht viel Geschmack abgewinnen können. Aber auch in der Jugendheimat Jesu, in Nazaret, konnten wir bei einem Gang über den Markt beobachten, dass man ein Pfund unreifer Feigen um ein Drittel teurer verkaufte als die reifen. Dieselben werden in hartem Zustand mit Salz gegessen und als besondere Delikatesse betrachtet.

Wenn man nicht besondere Wächter anstellt, wird daher die Frühfeige niemals reif. Alle Leute, namentlich auch die Kinder, halten es nämlich für ihr unbestreitbares Recht, die Frühfeigen in unreifem Zustand von allen Bäumen zu pflücken und sofort zu essen. Man hält dies für umsomehr erlaubt, weil die Frühfeigen nur zum geringeren Teil reif werden und viel leichter abfallen als die Sommerfeigen. Die Sommerfeigen wegzunehmen, wird dagegen allgemein als Diebstahl angesehen. Deshalb zieht jedermann im Sommer hinaus, um unter seinem Feigenbaum zu wohnen, nicht nur, um eine angenehm luftige Sommerwohnung zu beziehen, sondern auch, um seine Früchte zu behüten (Spr 27,18). Wahrscheinlich wurde die Sache zu Jesu Zeiten ebenso angesehen. Denn auch er wollte ohne Bedenken die Früchte eines Baums brechen, der ihm nicht gehörte. …

Stellen wir uns in die Lage des Herrn hinein. Er geht von Betanien nach Jerusalem und bekommt unterwegs Hunger. In der Gegend von Betfage stand eine Menge wohlgepflegter Bäume. Und so näherte er sich einem durch besonderen Blätterreichtum ins Auge fallenden Baum (denn Blätter hatten damals schon alle Feigenbäume), um von seinen Früchten zu essen. Nach dem Blätterschmuck zu urteilen, mussten diese besonders gut entwickelt sein. Nach allgemeiner Landessitte aß auch Jesus die Frühfeigen unreif. Aber siehe, der Baum hatte nicht eine einzige Frucht. Das fand der Herr unerhört und verfluchte den Baum. „Denn es war noch nicht Feigenzeit“, setzt Markus hinzu, welcher Leser voraussetzt, welche mit der Natur des Feigenbaums vertraut sind. Er will damit begründen, wie es möglich war, dass der Herr keine Feigen fand. In der Feigenzeit wäre die Sache undenkbar. Nur außerhalb derselben, also in der Frühfeigenzeit, konnte solches vorkommen.

Was hat nun Jesus mit der Verfluchung des Feigenbaums gemeint? Natürlich wollte er nicht den Baum bestrafen, der keinen Willen hatte, somit für seine Unfruchtbarkeit nicht verantwortlich war. Wir müssen uns in die Gedanken hineinversetzen, welche in jenen Tagen sein Herz beschäftigten. Jesus stand vor dem Abschluss seiner irdischen Laufbahn. Er war zu Israel gekommen, hatte aber keine Früchte gefunden. Vor kurzer Zeit hatte er seinen Jüngern ein Gleichnis von einem Feigenbaum gesagt, zu welchem sein Herr alle Jahre kam, aber niemals Frucht fand. (Lk 13,6-9.) Wieder stand der Mann eines Tages vor dem Baum, und wieder fand er keine Frucht. Hau ihn um! sprach er zum Gärtner, was hindert er das Land! Der Gärtner aber legte Fürbitte für den Baum ein. Nur noch auf ein Jahr; bliebe er auch dann noch unfruchtbar, sollte er umgehauen werden.

Dass dieser Feigenbaum Israel bedeutete, wussten die Jünger aus den Propheten ganz gut. Hier, kurze Zeit später, stand der Herr nun vor einem Feigenbaum und suchte Frühfeigen. Auch Israel war schon im Alten Testament mehrmals mit einer Frühfeige verglichen worden. Hosea sagt (9,10): „Wie eine Frühfeige ersah ich eure Väter in der Wüste“. Und Micha klagt (7,1-2): „Wehe, mir geht’s wie beim Obstsammeln, keine Frühfeigen, wonach mich gelüstet: verschwunden sind die Frommen aus dem Land.“

Was war denn Israel? Es war ein Baum, gepflanzt in einem Feigental, wo ihm, wie den Feigenbäumen in Betfage, auf besonders günstigem Boden besondere Sorgfalt und Pflege zugewendet wurde. Gott hat es gepflanzt, ihm sein Gesetz, seine Propheten, sichtbar gnädige Führungen geschenkt vor anderen Völkern. Die Zeit, da Menschen aus allen Völkern aufgepfropft werden sollten auf den Baum Israels, kam erst nach der Ausgießung des heiligen Geistes „über alles Fleisch“. Der Herr konnte also billig Früchte von Israel verlangen, noch bevor die Zeit der allgemeinen Ernte in der Völkerwelt anbrach.

Aber jener gnädige Plan Gottes wurde durch Israels sträfliche Verschuldung vereitelt. Weil der faule Baum Israel wohl schöne Blätter hatte (z. B. die gestrige Begeisterung, die Einholung Jesu mit königlichen Ehren in die Reichshauptstadt), aber keine Früchte hatte, wurde er in diesem Feigenbaum sinnbildlich verflucht. In demselben Kapitel Mt 21,43 sagt der Herr: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen werden und den Heiden gegeben, die seine Früchte bringen.“

Diese traurigen Gedanken bewegten in jenen Tagen das Herz Jesu. Im Geist sah er schon die rauchenden Trümmer Jerusalems, schon die Wagenburgen um die Stadtmauern. Er sah schon die tausend Ängste und Nöte, welche über die unglückselige Stadt kommen mussten. Diese Gedanken, die ihn bis zu seinem Todestag verfolgten, sprechen sich aus in jener Parabel vom Feigenbaum, in dieser Verfluchung des Baums, in seinen Tränen über Jerusalem, in seinen Worten über dessen Untergang, in seiner Antwort an die Töchter Jerusalems.

Daher gingen diese Gedanken auch in seine Worte und Taten über wie hier, wo er unterwegs hungernd an einem Feigenbaum Frucht suchte und keine fand. Und wie die alten Propheten Israels ihre ernsten Mahnungen nicht nur durch Gleichnisse, sondern durch sinnbildliche Handlungen eindrücklich zu machen suchten, so prägte auch der scheidende Herr seinen Jüngern eine so wichtige Wahrheit durch diese symbolische Handlung ein. Nicht nur die eine Lehre machte einen tiefen Eindruck auf sie, dass Israel umkommen müsse, sondern auch die andere, dass der Herr auch die Macht dazu habe, dass es ihn nur ein Wort koste, seinen Fluch zu vollstrecken.

So hat nun jeder einzelne Zug der Erzählung einen klaren Sinn. Die ganze fast prophetische Geschichte ist erfüllt von tiefer Bedeutsamkeit, von Gedanken, welche in jenen Tagen das Herz Jesu beschäftigten und einen Schlüssel zum Verständnis eines wichtigen Teils der Geschichte Israels bieten.

Der Einzug in Jerusalem

(Der Einzug in Jerusalem – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Der Einzug in Jerusalem auf einem Eselsfüllen (Mt 21,1-11; Joh 12,12-18) wird oft als eine besonders rührende Äußerung der Demut dargestellt. Dies ist nicht richtig. Denn der Esel war damals wie heute dasjenige Tier, welches von vornehm und gering am meisten benutzt wurde. Der Esel ist niemals etwa nur das Reittier der Ärmeren und Geringeren gewesen. So reitet z. B. der Pascha (Gouverneur) von Jerusalem immer auf einem Esel. Daher ist der Einzug des Herrn auf einem Eselsfüllen nicht, wie so häufig geschieht, als Zeichen der Demut aufzufassen.

Der Herr wollte an diesem Tag nicht in armer Knechtsgestalt, sondern mit dem entsprechenden äußeren Aufzug als ein König einreiten. Er ließ sich die ganze fürstliche Einholung mit Palmen und Psalmen und Jubelrufen der Großen und der Kleinen nicht nur gefallen, sondern billigte dieselbe. Schon längst hätte ihn das Volk mit seinem „Hosianna in der Höhe!“ als seinen Fürsten aus Davids Stamm einholen sollen. Auch dass der Herr selbst sich ein Füllen holen ließ, das noch unentweiht war, auf dem noch nie ein Mensch geritten war, erhöhte die Fürstlichkeit seines Einzugs.

Und Matthäus zitiert aus dem Propheten: „Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir!“ (Sach 9,9) – lauter Anzeichen, dass es hier nicht auf die Niedrigkeit, sondern auf die Herrlichkeit des Einzugs des sanftmütigen Friedenskönigs ankam. Wohl wusste er, dass es der Anfang zum Todeszug war. Aber er musste sich noch einmal so klar und deutlich wie möglich dem versammelten Volk als Messias darstellen.

Die übrige Festkarawane war nicht in Betanien geblieben, sondern bis Jerusalem weitergezogen. Wie ein Lauffeuer hatte es sich in der Stadt verbreitet, dass Jesus, den jedermann auszuliefern Befehl hatte, öffentlich mit der Festkarawane von Jericho heraufgezogen und drüben in Betanien geblieben war. Am nächsten Morgen musste er also hereinkommen. Welche Aufregung, welches Gewimmel war nach dem Ölberg zu auf der Feststraße sichtbar, während sich Jesus drüben in Betanien zum Aufbruch anschickte! Dort war es noch still, und keine störender Laut drang aus der bewegten Hauptstadt herüber. Etwa ein halbes Stündchen ging Jesus mit seinen Jüngern zu Fuß, bis sie in die Nähe von Betfage kamen. Da sandte er ins Dorf, um einen Esel zu bekommen, auf dem noch nie jemand gesessen war. Man war nun nicht mehr weit von Jerusalem entfernt, doch war dies noch vom Berg verdeckt.

Schon mochte eine Anzahl von Verehrern Jesu oder auch von Neugierigen dort angekommen sein, wo Jesus mit seine Jüngern auf das Reittier wartete. Jetzt sahen sie mit Überraschung, dass Jesus Anstalten traf, um mit einer gewissen Feierlichkeit einzuziehen. Zwei Jünger eilen hinein nach Betfage und erhalten für den Auferwecker des Lazarus sofort das gewünschte Tier. Das Volk begreift gleich, was gemeint ist. Ihre Kleider legen sie auf den in der Eile aufgeschnallten Sattel. Ja, nicht einmal sein Esel soll mit seinen Hufen den Erdboden berühren. Sie breiten ihre Mäntel auf den Weg, um die Königsstraße, auf der schon lange kein israelitischer König mehr einzog, festlich zu schmücken. Der Weg von Betanien nach Jerusalem war reich an Palmen-, Feigen-, Oliven- und Johannisbrotbäumen. Von ihnen hieben sie Zweige ab, streuten sie auf den Weg und schwangen sie in den Händen.

Eine ungeheure Begeisterung bemächtigte sich der Menge, wie sie schon in Galiläa einigemale auszubrechen im Begriff gewesen war. Damals war Jesus ausgewichen, heute nahm er die Huldigungen an. Von Minute zu Minute wuchs die Volksmenge. Wer ihr begegnete, schloss sich an. Jedermann wurde von der Begeisterung angesteckt. Und wie sie jubelnd und Hosianna rufend auf dem Ölberg vorwärts eilten, war es nicht anders, als wenn mit diesem Einzug das durch die Propheten verheißene, von allen ersehnte Messiasreich anbrechen sollte.

Es war ein anmutiger Weg, durch welchen der freudige Zug sich bewegte. Zu beiden Seiten nach der Andeutung des Johannesevangeliums wogende Palmkronen, links ein tiefes Tal, rechts der Anstieg zum Ölberg, zu welchem der niedrige Bergsattel gehörte, den sie überschreiten mussten. Auf diesem angekommen, erblickten sie auf dem gegenüberliegenden Berg die hochgebaute Stadt. Deren Anblick war nirgends so imponierend, wie an dieser Stelle. Die ganze Stadt trat hier vor dem majestätischen Tempel in den Hintergrund. Jerusalem! Jerusalem! So tönte es in den Herzen der begeisterten Pilger, und mit ihren frohen Huldigungsrufen begrüßten sie die alte Königsstadt.

(Im folgenden Abschnitt erzählt Ludwig Schneller richtigerweise, dass Jesus auf diesem Weg über Jerusalem geweint hat. Leider zitiert er dazu die Aussagen von Jesus in einem Gemisch von Bibelstellen (Mt 23,37; Lk 13,34; Lk 19,41), die teilweise an andere Plätze in der Geschichte gehören. Ich zitiere hier die eindrückliche Schilderung von Ludwig Schneller, aber mit der Aussage von Jesus, die uns Lukas genau an dieser Stelle berichtet:)

Jerusalem! Jerusalem! so tönte es, obschon in ganz anderem Sinne, auch im Herzen Jesu. Eine tiefe Wehmut bemächtigte sich seiner, als er Stadt und Tempel erblickte, die eben von den ersten Morgenstrahlen getroffen waren. Der ganze Schmerz seines Lebens drängte sich wie in einen Augenblick zusammen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Und während alles Volk rings um ihn sprang, jubelte, jauchzte und hundertstimmig Freudenpsalmen sang, stimmte er einen Trauergesang über Jerusalem an, wie er bitterer nicht sein konnte:

„Wenn doch auch du an diesem Tag erkannt hättest, was zum Frieden (dient)! Jetzt ist es aber vor deinen Augen verborgen, dass Tage über dich kommen werden, da deine Feinde dich mit Palisadenwällen belagern, dich ringsum einschließen und dich von allen Seiten packen werden. Sie werden dich dem Erdboden gleichmachen, auch deine Kinder in dir, und werden keinen Stein auf dem anderen lassen in dir, dafür, dass du die Zeit deiner Verantwortung nicht erkannt hast.“ (Lk 21,42-44).

Einst war auf denselben Berg Moria, als noch kein Tempel und keine Stadt darauf stand, sondern nur eine einsame Felshöhe, ein tiefbekümmerter Vater hinaufgezogen, seinen Sohn zu opfern. Jetzt ging das Kind Gottes selbst auf denselben Berg hinauf, um zu sterben. Tränen standen noch in seinen Augen, als er mit der jubelnden Menge hinabritt ins Kidrontal. Links lag Siloah mit seinen stillen Wassern. Am Garten Getsemani zogen sie vorüber. Die Brücke des im April längst verschwundenen Bachs Kidron wurde überschritten. Schon brach sich das Echo des jauchzenden Volks droben an hohen Stadt- und Tempelmauern. Nach zehn Minuten war der Zug am goldenen Tor, dem prächtigsten Tor Jerusalems. Durch dieses zog man direkt auf das Tempelgelände hinein. Jetzt schallten die Jubelrufe über den Tempelplatz mit seinen Vorhöfen, hinein in die Straßen der Stadt und hinauf zum Zion. Hier im Bereich der Hohenpriester und Pharisäer legten sich endlich die Wogen der Begeisterung.

Die Trompeten kommenden Gerichts und die Halljahrsposaunen künftiger Gnade tönen aus den Worten, mit welchen Jesus nach ein paar Tagen den Tempel Jerusalems für immer verließ. „Euer Haus soll euch wüste gelassen werden, bis ihr den verkannten Messias begrüßt mit demselben Ruf, wie vorhin die jubelnde Volksmenge: ‚Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!'“. Jesus hat nach diesen Worten den Tempel nie wieder betreten. Der nächste große Volkszug ging nach Golgota.

Jesus und die Feste

(Jesus und die Feste – ein Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Beobachtungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Schon an jenem Laubhüttenfest (sein letztes im Herbst 29) war Jesus das Tagesgespräch. Wider eigenes Vermuten war er noch gekommen, und sein Erscheinen erregte allgemeines Aufsehen. Bestimmte Beschäftigungen hatten ja die Festpilger, welche acht bis vierzehn Tage in Jerusalem blieben, nicht. Um so mehr fanden sie Muße, solche Angelegenheiten, Hoffnungen, Befürchtungen, welche die ganze Nation betrafen, mit bekannten und unbekannten Volksgenossen zu besprechen.

Ähnlich ist es auch heute noch bei den Festpilgern in Jerusalem. Die gemeinsamen Angelegenheiten bewegen sie mehr als sonst. So sind auch die Muhammedaner nie so fanatisch wie bei ihren religiösen Festen oder zur Zeit der Mekka-Pilgerfahrt. Und man tut als Christ wohl daran, dieselben in dieser Zeit nicht zu reizen.

So bildete auch bei den alten Festen „die Hoffnung Israels“ das Tagesgespräch. Es mochte damals unter den tausenden von Laubhütten in und um Jerusalem wohl kaum eine geben, in welcher nicht aus Anlass de Anwesenheit und der Worte Jesu die Frage des Messias erörtert worden wäre. Sobald er im Tempel erschien, sammelten sich sofort in den Höfen dichte Volkshaufen um ihn. Und gerade weil er nicht als offizieller Lehrer auftrat, gestalteten sich seine Reden oft zu den lebhaftesten Debatten.

Das Interesse für ihn war um so mehr angeregt, als durch die zusammenströmenden Karawanen gerade in den Festtagen alle Nachrichten von seinen Reden und Taten wie in einem Brennpunkt zusammentrafen. Und es ist keineswegs nur Zufall oder nur im Interesse der Chronologie, dass wir die Dauer der Wirksamkeit Jesu stets nach den Festen einteilen, welche er besucht hat. Wer die Geschichte Jesu kennt, der weiß, dass gerade die Feste Jerusalems Brennpunkte und Wendepunkte waren für die Stellungnahme Israels zum Herrn.

In den festlosen Zeiten hatte Jesus verhältnismäßig Ruhe. Aber in den Festzeiten geriet alles in Bewegung und Fluss. Und aus diesem Grund zog Jesus zu den Festen hinauf nach Jerusalem wie ein Feldherr, der in die Entscheidungsschlacht zieht. Denn entscheiden konnte sie seine Sache nur in Jerusalem, und niemals passender als an einem der Nationalfeste. Hier traf er nicht nur auf die Hohenpriester und die leitenden Kreise Israels, sondern auf das gesamte feierlich versammelte Volk. Darum sind jene Feste die bedeutsamsten Zeiten im Leben des Herrn. Hier hat er seine ganze Energie zusammengefasst, hier hat er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, Zeugnis abzulegen vor allem Volk.

Fast möchte man sagen: noch mehr Plan und Vorbedacht als sonst zeigen seine Jerusalemer Reden. Nicht einzelne Lehren über Versöhnlichkeit, christliche Sorglosigkeit, Privatgebet, persönlichen sittlichen Wandel vernehmen wir da, wie in seinen galiläischen Reden. Sie beziehen sich vielmehr ausschließlich auf die große Fage, ob Israel die Wahrheit, das Leben, das Licht, seinen Messias annehmen wolle oder nicht. Sie drehen sich immer um seine eigene Person als den Sohn Gottes. Hier musste dies alles gesagt werden, so sehr es auch Anstoß erregen mochte, „auf dass die keine Entschuldigung haben“. Hier allein konnte Jesus vor dem ganzen Volk Israel reden.

Darum die ernsten und grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit dem Volk und seinen Obersten. Darum hat Jesus dort jeden möglichen Ton angeschlagen, den Ton ernster Warnung und Drohung, den Ton lockender Liebe des guten Hirten, den Ton schmerzlicher Wehmut: „Warum kennt ihr den meine Sprache nicht? Ihr könnt ja mein Wort nicht hören!“ Welches ungeheure Aufsehen gerade diese seine Reden erregt haben, zeigt am deutlichsten der Umstand, dass man mehrmals nach solchen Reden versuchte, ihn zu fangen oder zu steinigen.

Auf seinen Festen allein konnte sich Israel entscheiden und hat es auch getan. Auch aus diesem Grund galt es: „Es tut’s nicht, dass ein Prophet umkomme, außer in Jerusalem!“ (Lk 13,33). An einem Fest wurde er auch getötet. Es war das traurigste Fest, das Israel veranstaltete, das aber aus Nacht in Licht umschlug, in ein Fest ewiger Erlösung für alle Welt.

Nicht zurückgezogen von der festlichen Karawane, wie bei jenem Laubhüttenfest im Herbst, sondern inmitten der festlichen Scharen ging Jesus im nächsten Frühling zu diesem letzten Passafest hinauf gen Jerusalem. Von Ephraim in Juda brach er auf nach der Hauptstadt. Schon zogen von allen Seiten die Scharen dorthin, als er nahe bei Jericho zu einer Festkarawane stieß, unter welcher er wohl manches bekannte Gesicht begrüßte. Viele der Galiläer liebten den Herrn. Und dass er gleich in Jericho so öffentlich einige Wunder tat, erfüllte sie mit hohen Erwartungen. Erstaunt waren sie freilich darüber, dass er so offen und furchlos mit ihnen ging. Denn wie man in Jerusalem gegen ihn gesinnt war, konnte keinem Besucher der Feste verborgen sein.

Von Jericho bis Jerusalem hatten sie noch eine kleine Tagesreise zurückzulegen. Jesus ging gelassen unter den Pilgerscharen hinauf von Tal zu Tal, von Hügel zu Hügel, mit seinen Jüngern eine besondere Gruppe bildend. Die Karawane konnte bei dem schluchtenreichen Charakter der Wüste nicht immer eng geschlossen bleiben. Die ersten mochten von den letzten wohl eine Viertelstunde oder mehr entfernt sein. Die einen gingen zu Fuß, wie Jesus und seine Jünger. Die anderen ritten auf Eseln und Maultieren, welche zugleich ihr Gepäck trugen. Die kleine Gruppe, mit welcher Jesus, der Prophet, einen Wanderstab vielleicht in der Hand, dahinschritt, bildete den Mittelpunkt des Interesses der Karawane. Dass er sich endlich einem solchen festlichen Zug anschloss, dass seine Sache endlich zum Durchbruch kommen musste, das versetzte sie in eine gehobene Stimmung. Sie träumten wohl schon von einem glänzenden Einzug in Jerusalem.

Im großen Gegensatz hierzu und zu den Festpsalmen standen die Worte Jesu. Er wusste, dass die Todesstrafe wartete, und ruhig besprach er die kommenden Ereignisse mit den Jüngern. Aber auch sie wollten heute vom Sterbegedanken nichts wissen. Gestern oder vorgestern schon hatte Salome für ihre Söhne um die beiden Ehrenplätze in dem Reich gebeten, das Christus da droben in Jerusalem aufrichten sollte. Damals hatten sich die anderen Jünger darüber geärgert. Aber der Gedanke hatte doch auch für sie eine eigentümliche Anziehungskraft. Die frohe Stimmung der Festkarawane wirkte ansteckend auf sie. In weiter Ferne sahen sie schon von Jericho an von jeder Höhe der zahlreichen Hügel die Spitze des Ölbergs. Dort, hinter dem Berg, lag Jerusalem, die Königsstadt Davids, des Ahnherrn Jesu, mit ihren strahlenden Zinnen. Darum stritten sie, während Jesus, den keiner verstand, allein vorausgung (Mk 10,32), um die ersten Plätze in seinem Reich.

Ein schmerzliches Lächeln mag beide Male auf seinem Antlitz gelegen haben, als er solche Hoffnungen zurückwies. Sie wussten wirklich nicht, was sie gebeten und worum sie gestritten hatten. Sie sahen da drüben hinter den Bergen nur eine hellschimmernde Königskrone, die ihres Meisters Haupt zieren sollte. – Er sah eine Dornenkrone und ein blutig bleiches Angesicht und wusste, dass seine Jünger allerdings diese Krone mittragen sollten.

Der Tempel

(Der Tempel – ein leicht gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Der Tempel des Herrn war der Mittelpunkt der Festfreude in Israel. Der geneigte Leser darf sich hierunter freilich nicht etwa ein Versammlungsgebäude für das Volk vorstellen. Der Tempel hatte niemals die Bestimmung, eine andächtige Gemeinde in sich aufzunehmen. Vielmehr durfte denselben niemand betreten außer den Priestern. … Der eigentliche Tempel war ein viel kleineres Gebäude, als die meisten Bibelleser sich vorstellen, nicht größer als eine gewöhnliche Dorfkirche.

Das Volk aber blieb, und das entspricht ganz den orientalischen Sitten, im Freien. Die großen Vorhöfe, deren geräumige Ebene rings von prächtigen Säulenhallen umgeben war, waren weit und ausgedehnt genug, um eine außerordentliche Volksmenge zu fassen. Zur Erbauung für die einzelnen Gemeinden hatten die Israeliten ihre Schulen oder Synagogen. Auch in den offenen Säulenhallen des Tempels saßen, wie z. B. in der Geschichte vom zwölfjährigen Jesus, die Schriftgelehrten und erklärten die heiligen Schriften.

Die zahlreichen Räumlichkeiten und Gebäude, welche zum Tempel gehörten, waren für nationale Zwecke bestimmt. Dort sah man die Schatzkammern, die Arsenale mit Waffen und Beutestücken. Dort waren auch Sitzungssäle des Hohen Rats, weltliche und geistliche Gerichtshöfe, Ministerien, Schulen und Akademien usw.. Somit war der Tempel mit seinen zugehörigen Baulichkeiten nicht nur eine Kultstätte. Namentlich in den Zeiten der Blüte war er vielmehr das erste Staatgebäude, der Mittelpunkt der geistlichen und weltlichen Regierung. In ihm liefen alle Fäden des öffentlichen Interesses aus dem ganzen Land zusammen.

Inmitten all dieser Gebäude stand der eigentliche Tempel, der Stolz jedes Israeliten. In seiner fast märchenhaften Pracht muss er zur Zeit von Jesus einen überwältigen Eindruck gemacht haben. Aus weißschimmerndem Marmor war er erbaut und ringsum mit goldenen Platten bedeckt. Wenn die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne vom Ölberg her ihn trafen, glänzte er wie ein leuchtendes Schneegebirge. Und der Zuschauer musste sein Auge von dem blendenden Licht abwenden.

Und bis zum heutigen Tag ist der alte Tempelplatz das Erhebendste und Schönste, was man in Jerusalem sehen kann. Zugleich ist es derjenige Ort, dessen historische Gewissheit unter all den zweifelhaften „heiligen Stätten“ unanfechtbar dasteht. Dort steht die Perle der Bauten des Ostens, die Omarmoschee, ein muhammedanisches Gebetshaus von wunderbarer, edler Schönheit. Dessen würdevoller Ernst wird niemals durch ähnliche empörende Auftritte entweiht, wie man sie in der Grabeskirche und Geburtskirche gewohnt ist. Rings um dies Gebäude dehnt sich der Tempelplatz, eine weite viereckige Terasse. Salomo hat sie zum Teil vor 3000 Jahren durch gewaltige Unterbauten und Stützmauern, welche sich aus dem Kidrontal erhoben, zu einer gleichmäßigen Hochfläche gestaltet.

Das ist der Raum, auf welchem einst Israel bei den Festen des Herrn auf- und abwogte. Hier begrüßten sich die feiernden Scharen mit grünen Palmzweigen. Das ist der Raum, auf welchem einst die Psalmen Davids unter ihrem heimatlichen Himmel erschollen unter dem Klang der Pauken und Cymbeln, der Klarinetten und Harfen. Das ist der Raum. auf welchem einst auch Jesus Christus an den Festen stand und zum Volk redete von dem Licht der Welt, das nur noch eine kleine Weile bei ihnen sein sollte.

Die Feste in Jerusalem

(Die Feste in Jerusalem – Abschnitte aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ des Buchs „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller berichtet aufgrund seiner Beobachtungen und Erfahrungen, die er im Palästina der Jahre 1884 bis 89 gemacht hat.)

„Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des Herrn, zu predigen dem Volk Israel, zu danken dem Namen des Herrn!“ (Ps 122,3-4). Diese Bedeutung, welche vor Jahrtausenden der heilige Sänger ausgedrückt hat, ist Jerusalem bis zum heutigen Tag geblieben. Bekanntlich sollte jeder erwachsene Israelit jährlich dreimal in Jerusalem „vor dem Herrn“ erscheinen.

Vielleicht hat schon mancher gedacht, es sei wohl etwas viel verlangt gewesen, jedermann aus den entferntesten Landesteilen dazu zu verpflichten. Aber das Land war nicht so groß, dass man Jerusalem nicht von überall her in einigen Tagereisen hätte erreichen können. Und den Israeliten waren ihre Festreisen, welche selbst die Gesetzestreuen nie peinlich genau jedesmal ausführten, kein Muss. Sie waren vielmehr eine außerordentliche Freude. Die Feste Israels waren Nationalfeste. … Und Israel liebte seine Volksfeste, als es noch nicht zerstreut war, sondern von den heimatlichen Bergen Palästinas hinaufschaute nach dem königlichen Jerusalem, dem Stolz und der Krone des Landes.

Der heutige Bewohner von Palästina kann sich von dem bewegten Treiben auf jenen Festen einigermaßen eine Vorstellung machen. Denn bis zum heutigen Tag werden die Hauptfeste nicht draußen in den Dörfern oder Landstädten gefeiert. Sie werden in Jerusalem gefeiert, welches beim ganzen Volk den Namen „El Kuds“, das ist „die Heilige“, führt. Schon beim Weihnachtsfest, wo die Hauptfeier natürlich in Betlehem stattfindet, kann man Ähnliches beobachten wie auf den alten Festen. Aber komm erst einmal auf ein Osterfest nach Jerusalem, da findest du den Höhepunkt aller Festfeier des Jahres. Da strömen wie in alten Zeiten die Festkarawanen von allen Seiten nach Jerusalem. Zu Fuß, zu Esel, zu Pferd und neuerdings auch zu Wagen ziehen sie daher von allen Gegenden „hinauf nach Zion“. …

Selbst unter den Muhammedanern wird es lebendig, als ob die Erinnerungen an die früheren Bewohner des Landes in ihnen erwachten. Aus allen muhammedanischen Ländern, selbst aus Afghanistan und dem fernen Indien kommen die weißbeturbanten Gestalten ins „heilige Land“ gezogen, um am heiligen Felsen der Omarmoschee und am Grabmal Moses des Propheten anzubeten. Dies geschieht hauptsächlich am „Nebi Musa“-Fest zur Osterzeit … Als Pilger wallen dann diese Fremden mit den Scharen muhammedanischer Landeskinder am Fest zu Tausenden nach Nebi Musa. Das ist das vermeintliche Grab Moses zwischen Jerusalem und Jericho. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, diese Scharen des falschen Propheten dort durch dieselben Berge und Täler wallfahren zu sehen, auf welchen einst Israel, und Jesus Christus mit, zu den Festen des Herrn emporpilgerte vor Jahrtausenden. …

Die Lust, welche die Palästinenser zu solchen Festwallfahrten an den Tag legen, stammt gewiss aus den alten Zeiten des Landes. So freute sich auch in Israel jedermann, zu den Festen hinaufzuziehen nach dem hochgebauten Jerusalem. Da sahen sich alte Bekannte wieder aus allen Teilen des Landes. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Das ganze Volk, sonst vereinzelt und zerstreut in seinen Hütten, wurde hier vereinigt. Es lernte sich kennen, lieben und als Ganzes erfassen. Nichts trug so sehr dazu bei, den Gedanken der nationalen Einheit auf dem Grunde der Einheit der Religion und des Tempels zu fördern und freudig zu beleben, wie die nationalen Feste.

Wenn daher die Festzeiten kamen, wollte jeder „dagewesen“ sein. Und wem immer sein Geschäft und seine Verhältnisse die Reise erlaubten, der machte sich auf zur frohen Fahrt. Freilich diejenigen Israeliten, welche jährlich alle drei Feste besuchten, mögen nur in der Umgebung von Jerusalem zu finden gewesen sein. Aus entfernteren Gegenden kamen wohl die meisten jährlich nur einmal, wie z. B. die Eltern von Jesus (Lk 2,14) zum Passahfest. Die meisten Besucher sah aber das populärste aller großen Volksfeste, das Laubhüttenfest.

Wie lebhaft entsteht auf demTempelplatz vor unseren Augen das Bild jener Feste, von denen die Evangelien berichten! Das froheste Fest war das Laubhüttenfest. Auch Jesus hat nach Joh 7,2ff. ein solches besucht, obgleich er zuerst bestimmt beabsichtigt hatte, dasselbe nicht zu besuchen. Seine Brüder waren schon dort, wie auch das übrige Volk, welches einige Tage vor Festanfang zu kommen pflegte, um sich noch rechtzeitig Laubhütten zu bauen.

Auf den Tempelhöfen, draußen vor dem goldenen Tor und übers Kidrontal hinweg bis zur Höhe von Betfage wohnte alles in Laubhütten. Und in der Stadt, auf den platten Dächern, auf Straßen und Märkten waren überall Laubhütten errichtet, in welchen ein fröhliches Volk feierte. Die ganze Hauptstadt schien in ein Zeltlager verwandelt.

Auch der Tempel prangte in heiligem Schmuck. Die herrlichen Säulenreihen waren nach orientalischer Weise mit farbigen Teppichen behangen, grünes Laub schimmerte von allen Säulen. Vom frühen Morgen an wogte das Volk auf und ab in den weiten Vorhöfen, deren Raum rings um die Omarmoschee jetzt so verlassen und einsam steht. Und wenn die Sonne untergegangen war, entfaltete sich nachts eine neue Pracht, welche die des Tages zu überflügeln trachtete. Wie in einer sogenannten italienischen Nacht blitzte und schimmerte es in den Vorhöfen und Säulenhallen von vielhundert Lichtern und Fackeln. Große goldene Leuchter, prächtige Lampen hingen in den Vorhöfen. Ihr schimmerndes Licht brach sich an Säulen und Wänden und machte die Formen der herrlichen Gebäude durch die dunkle Nacht bis zum stillen Ölberg sichtbar.

Und wenn der Herr spätabends hinüberwanderte übers Kidrontal und über den Ölberg nach Betanien, dann mag er sich wohl umgewandt haben nach der geliebten Stadt. Dann sah er ein schimmerrndes Lichtermeer, aus dessen Mitte sich, wie in zauberhaftes Licht getaucht, die stolzen Linien des majestätischen Tempels deutlich und ernst abhoben aus der dunklen Nacht.

Jesus als Wanderer

(Jesus als Wanderer – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Reisen“ des Buchs „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller.)

Es gehört zu den größten Reizen des Reisens in Palästina, dass es uns auf so manchem steilen Felsenpfad, den wir etwa in heißer Mittagsglut übersteigen, oft plötzlich einfällt: Hier ist einst auch Jesus gewandert mit seinen zwölf Jüngern.

Jesus war ein rüstiger Wanderer. Das ganze Land auf und ab hat er durchzogen. Bald finden wir ihn in Nazaret, bald an den Ufern des Jordans, bald in der Königsstadt Jerusalem, bald an den Gestaden des Sees Genezaret, bald in Samarien, bald jenseits des Jordans, bald am blauen Mittelländischen Meer bei Tyrus und Sidon, bald an den steilen Abhängen des felsigen, schneebedeckten Hermon bei Cäsarea Philippi. Die Evangelisten haben über die Reisen des Herrn kein Tagebuch geführt, in welchem jede Reise sorgfältig einregistriert wäre. Es kam ihnen nur darauf an, uns zu berichten, was während dieser Reisen geschehen ist. Forscht man aber den Spuren in den Evangelien nach, so scheint der Herr, abgesehen von zahlreichen kleineren Ausflügen und Märschen in der Umgebung des Sees Genezaret, während seiner öffentlichen Wirksamkeit fünf bis sechs größere Reisen durchs Land unternommen zu haben.

In den Zwischenzeiten, namentlich in den Monaten der Regenzeit, hielt er sich in Kafarnaum auf. Wahrscheinlich wohnte er im Haus des Petrus und Andreas. Während dieser Zeit mögen die Jünger mit ihrer Hände Arbeit ihr Brot für sich und ihre Familie verdient haben. Und wie Sankt Paulus in weit höherem Maß noch als andere Rabbiner es für eine Ehre hielt, sich neben seinem großen Apostelamt durch seiner Hände Arbeit zu ernähren, so hat es auch Jesus zweifellos nicht für eine Entwürdigung seines Berufs gehalten, sich bei solchen Gelegenheiten an der Arbeit zu beteiligen. Ein Segel aufzusetzen, ein Steuer zu führen, ein Schiff im Sturm zu lenken hat er sicher ebenso gut verstanden wie seine Jünger. Dass er sich bei den zahlreichen Fahrten mit seinen Jüngern stets vornehm zurückgezogen habe, ohne mitanzufassen, sieht dem nicht gleich, der an jenem letzten Abend die Jünger bei Tisch bediente und ihnen die Füße wusch.

Am Sonnabend ging Jesus, wo immer er war, auf der Reise oder in Kafarnaum, in die Synagoge, um das Volk zu lehren. Zuweilen scheint Jesus während seines Wanderlebens auch auf den Straßen gelehrt zu haben. (Lk 13,26). Auf Straßen und Märkten wird ja im Orient vieles vorgenommen, was im Abendland nur im Haus geschieht. Jedenfalls aber tat der Herr dies nur während der ersten Zeit seiner Tätigkeit. Damals folgten ihm ja oft Tausende nach. Der Zudrang war so ungeheuer, dass er sich in Kafarnaum nicht mehr öffentlich in der Stadt sehen lassen konnte. (Mk 1,45.) Daher verlegte er sein Lehren und Predigen hinaus aufs freie Feld und in verlassene „Wüsten„. Aus allen benachbarten Landschaften bis auf drei oder vier Tagereisen versammelten sich die Leute um den rasch berühmt gewordenen Lehrer. Sie kamen aus Jerusalem, aus Idumäa, von jenseits des Jodans, von Tyrus und Sidon usw. (Mk 3,8).

Nach und nach wurde es aber einsamer um Jesus. Der Zuzug der Fremden wurde seltener, der Hass seiner Feinde gefährlicher. Seine Reisen dienten oft mehr seiner persönlichen Sicherheit, als der Predigt des Evangeliums vor dem Volk. Aber in jener ersten Blütezeit, die sich wie ein erquickender Morgentau über Galiläa legte, geschahen die Reisen Jesu in aller Öffentlichkeit. Den Reiseplan machte er freilich stets allein, und oft kannten die Jünger das Ziel der Reise nicht. Dadurch wurde ein unnützes Zusammenströmen von Neugierigen vermieden, welche nur interessante und wunderbare Dinge sehen wollten. Um Aufsehen war es ja dem Herrn nicht zu tun, sondern um die stille Aussaat in die Herzen.

Zuweilen sandte er seine Jünger auch ohne seine Begleitung aus. Währenddessen reiste Jesus als Wanderer ganz allein durchs Land (Mt 10). Was auf diesen einsamen Wanderungen in Städten, Dörfern oder Zelten geschehen und gesprochen worden ist, davon ist leider keine Kunde auf uns gekommen.

Aber meistens reiste er mit seinen Jüngern zusammen, auch begleitet von einer größeren Zahl wohlhabender Frauen. Diese hatten ihm viel zu danken und wollten überall sein Lehren und Predigen mitanhören (Lk 8,1f.). Sie sorgten auch für den Unterhalt der Gesellschaft, „sie taten ihm Handreichung von ihrer Habe.“ Selbst konnte ja Jesus als Wanderer jetzt nichts mehr verdienen. Sein früheres Vermögen hatte er wohl seiner Mutter überlassen. Er führte ein Wanderleben und hatte dabei nicht einmal mehr so viel, wie die Füchse und die Vögel unter dem Himmel, die er auf seinen Wanderungen oft sah, ein eigenes Plätzchen, wo er des Nachts sein müdes Haupt hinlegen konnte. Jene Frauen und andere dankbare Leute gaben daher Geldbeträge, welche Jesus auch annahm. Er bestellte in Judas Ischariot einen Kassenverwalter. „Der hatte den Beutel und trug, was gegeben ward.“ (Jo 12,6). So zog er „von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf.“ (Lk 8,1).

Und wie Judas die Geldangelegenheiten zu besorgen hatte, so haben wohl andere je nach Anlage und Geschick andere Zweige des gemeinschaftlichen Haushalts übernommen. So mag einer von den Zwölfen auf den Reisen besonders für den Proviant gesorgt haben, vielleicht Philippus (Jo 6,5). Wenn z. B. die Reise von Jericho nach Jerusalem führte, wo man vor Betanien auf keine Ortschaft traf, musste irgendwo in der Wüste, sei es unter einem schattigen Felsvorsprung, sei es bei lagernden Beduinen, zu gemeinsamer Mahlzeit Rast gemacht werden. Auf anderen Reisen, deren Wege von Zeit zu Zeit Dörfer und Ortschaften berührten, wurde das Nötige unterwegs gekauft.

Auch heute noch ist dies nicht anders, da man von Wirtshäusern in den Dörfern nichts weiß. Am heißen Mittag pflegen wir auf Reisen nicht in Häusern einzukehren, deren dumpfe Luft oft wenig erquickend sein würde. Wir lagern uns vielmehr zur Mahlzeit am liebsten außerhalb der Ortschaften unter schattigen Bäumen. Natürlich muss sich in der Nähe des Lagerplatzes eine Quelle oder eine Zisterne befinden. Sonst fehlt dem durstigen Wanderer das erquickende Labsal, frisches Wasser.

Einer von uns geht etwa noch hinein ins Dorf, um einen für das Essen notwendigen Einkauf zu besorgen. Die Zurückbleibenden schöpfen zunächst das nötige Wasser. Bei einer sprudelnden Quelle ist dies sehr einfach. Aus einer Zisterne dagegen kann man das Wasser nur mit einem (gewöhnlich ledernen) Schöpfeimer heraufholen, welcher an einem Strick hinuntergelassen wird. Haben die Reisenden einen solchen nicht unter ihrem Gerät, so müssen sie warten, bis ihnen jemand aus dem nahen Dorf eine solchen zur Benutzung überlässt. Sind nachher alle beisammen, so beginnt die einfache Mahlzeit unter freiem Himmel im Schatten der Bäume.

Vögel

(Vögel – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Reisen“ im Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Er hat seine Beobachtungen im damaligen Palästina in der Jahren 1884 bis 89 gemacht.)

Das Reisen zu Pferd oder auch auf einem munteren Esel hat viel Poesie. Die ganze Natur dehnt sich aus vor dem Auge, ihre fortwährende Nähe macht sie zu einer gesprächigen Gefährtin. Dem Wandersmann kommen allerlei Gedanken, welche ihn an die ewige Kraft und Gottheit dessen erinnern, der sie geschaffen hat.

Da sieht man die Vögel unter dem Himmel hochüber fliegen, jeder ein Bild schrankenloser Freiheit und sorgloser Lebensfreude. Sie sind ein fröhliches, sangreiches Geschlecht. Zumal die Sperlinge scheinen ein mächtiges Volk zu sein, zahlreich wie der Sand am Meer. Wenn ein Mensch dafür zu sorgen hätte, dass diese durch ihren notorischen Appetit berühmte Gesellschaft jahraus jahrein anständig gekleidet und selbst im dürren heißen Sommer, wenn alle Halme verbrannt, alle Bäche versiegt sind, gespeist und getränkt werde, der würde bald in schwere Sorgen geraten und die Bevölkerungszahl dieser leichtsinnigen Freiherrn des Himmels würde bedenklich zurückgehen.

Der Herr Jesus mag sie auf seinen Reisen von Kind auf beobachtet haben. Bewundernd erkannte er die weise Hand des himmlischen Vaters, welcher keinen von ihnen vergisst, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dach fällt. Oft mag er seine Zuhörer auf diesen einfachen und doch so einleuchtenden Beweis einer speziellen göttlichen Fürsorge aufmerksam gemacht haben. “ Seht die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Und euer himmlischer Vater nährt sie doch! Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie “ (Mt 6,26).

Aber auch die großen mächtigen Adler oder besser Geier, die man auf Reisen so oft sieht, wie sie mit weitausgespannten Flügeln dahinsegeln oder mit gewaltigem Flügelschlag die Lüfte teilen, kennen keine Sorgen. Wie Helden laufen sie ihren Weg, so dass David singt: „Saul und Jonatan, leichter denn die Adler, und stärker denn die Löwen!“ (2 Sam 1,23), obschon auch sie nichts zu ihrer Ernährung tun können und auf Gott warten müssen, dass er ihnen ihre Speise gebe zu ihrer Zeit, so gut wie der Hirsch, „der nach Wasser schreit“ (Ps 42,2) und die „jungen Raben, die zu Gott rufen“ (Hiob 38,41), welche nicht säen und die Gott doch nährt (Lk 12,24).

Wohl möglich, dass während der Bergpredigt gerade eine Schar dieser Vögel über den Hügel hinwegflog, auf dem der Herr saß. Da deutete Jesus mit der Hand hinauf und sprach: „Seht die Vögel unter dem Himmel“ usw. Und die ganze Menge sah hinauf und fühlte unmittelbar die Wahrheit der Worte des Herrn.

Auch das Treiben der Geier kann man besonders auf Reisen häufig beobachten. Fällt einmal ein Tier unterwegs, ein Pferd, ein Esel oder Kamel, so lässt man dasselbe einfach auf der Straße liegen. Zum großen Ärger aller Reisenden, welche oft wegen des unerträglichen Geruchs einen großen Umweg machen müssen. Da ist es denn ein Glück, dass so viele Geier in der Luft fliegen. Aus großer Entfernung wittern sie die erwünschte Speise. Von allen Seite strömen sie alsdann zusammen, kreisen erst lange über den betreffenden Stellen, so dass man sieht, wie sie sich sammeln, dann schießen sie herunter und verzehren das Aas. Da treffen sie denn oft schon zahlreiche wohlbekannte Gesellschaft, die mit ihnen tafelt: Hyänen, Füchse und allerlei Vierfüßler. Die Folge ihrer vereinten Bemühungen ist, dass binnen kürzester Frist nur noch kahle Knochen zerstreut herumliegen. Dann ist die Passage für die Reisenden wieder frei.

Wie in den Städten die zahllosen Heere von Fliegen und Mücken, die uns so lästig werden wollen, unseres Herrgotts kleine Sanitätspolzei bilden, indem sie eine Menge schädlicher, verwesender Stoffe vertilgen, und uns dadurch nicht geringe Dienste leisten, so draußen auf Bergen und Landstraßen die Aasgeier.

Auch Jesus hat sie auf seinen Wanderungen oft beobachtet. Als er in den letzten Tagen seines Lebens auf jener Höhe stand und das prophetenmörderische Jerusalem anschaute und seinen Jüngern dessen kommendes Geschick verkündigte, sagte er zu ihnen: „Wo ein Aas ist (wie Jerusalem, wo alles faul geworden ist), da sammeln sich die Geier.“ (Mt 24,28; Lk 17,37). Die römischen Adler fungierten damals als Gottes Sanitätspolizei, um das verfaulende Volk zu vernichten. Die kamen über das heilige Land geflogen mit Macht, und seither liegen nur noch bleiche Totengebeine des ehemals so blühenden Volkes Israel auf den Feldern der Erde – bis der Geist des Herrn drein fährt und es wieder rauscht auf dem Totenfeld.

Lieder

(Lieder – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Musik“ des Buchs von Ludwig Schneller „Kennst du das Land?„. Mit „heute noch“ beschreibt er die Zeit von 1884 bis 1889.)

Wenn zuweilen behauptet worden ist, dass weltliche Lieder in Israel nicht aufkommen konnten, sondern die Harfe Israels fast nur religiöse Gegenstände gekannt habe, so ist dies gewiss irrig. Man darf ja nur das Alte Testament aufschlagen, um das Gegenteil zu sehen. Wie unzählige Male ist hier von Jauchzen und Singen und Reigentanz die Rede! Bei jedem Volksfest, bei jeder Hochzeit, bei jedem Todesfall, in jedem Weinberg zur Zeit der Weinlese wurden Lieder angestimmt und der Reigentanz aufgeführt.

Und man wusste den Gesang wohl zu schätzen. „Wie ein Rubin in feinem Gold leuchtet,“ sagt Sirach, „also ziert ein Gesang das Mahl! Wie ein Smaragd in schönem Gold steht, also zieren die Lieder bei gutem Wein!“ (Sir 32,7-9.) Und Jesaja klagt von dem verödeten Land: „Die Freude der Pauken feiert, das Jauchzen der Fröhlichen ist aus!“ (Jes 24,8.) Und auch an Babels Wassern noch, nachdem die frohen Klänge in den heimatlichen Bergen verhallt waren, konnten Israels Gefangene nicht von ihren Harfen lassen, den Gespielen froher Tage. Sie hingen sie an die Weiden und weinten. (Ps 137,2).

Aber aufbewahrt ist uns von den weltlichen Volksliedern fast nichts. Kurze Freuden- und Schmerzenslaute waren es, die unmittelbar aus vollem Herzen hervorströmten. Sie waren vielfach Kinder des Augenblicks, wie die beiden aufgeführten Lieder der Mirjam und der Weiber Israels. Man achtete sie nicht für Wert, sie gleich den heiligen Psalmen aufzubewahren. So ist es geschehen, dass uns von einem Volk, dessen lebendiger Herzschlag Gesang und Poesie war, dessen bilderreiche Sprache selbst schon Poesie ist, in dessen heiligen Schriften hundert Aufforderungen stehen, zu singen, zu jauchzen, zu preisen, so wenige Volkslieder übriggeblieben sind. Man konnte sogar auf die Meinung kommen, es wäre gesangsarm gewesen.

In Palästinas Bergen sind sie verklungen, alle jenen fröhlichen Lieder, die Jubellaute der Hochzeit, „die Stimme des Bräutigams und der Braut“ (Jer 7,34; 16,9; Offb 18,23), die jauchzenden Klänge der Erntezeit, die frohen Lieder, welche nachts durch die Weinberge ertönten. Die güldene Quelle ist verlaufen und „entschlafen alle Töchter des Gesangs.“ (Pred 12,4.)

Aber die Perlen jener Dichtung, die Psalmen, tönen fort durch die Jahrhunderte. Und die Nachkommen jenes Volksgesangs hört man heute noch auf den Bergen. Freilich so kunstvoll wie unsere heutigen Lieder waren jene Gesänge nicht. Aber wer lebendigen Sinn hat für edle heilige Einfalt, der muss an jenen köstlichen Psalmen mehr Geschmack finden, als an den Wettgesängen der Hellenen mit ihrem wundervollen Ebenmaß und Wohllaut. „Die Musik eines griechischen Virtuosen“, sagt der Wandsbecker Bote, „der in den griechischen Spielen mehr als einmal den Preis erhalten hatte, verhält sich zu den Psalmen Davids ungefähr wie ein Solo eines leichtfüßigen Gecken, der aber ein großer Tänzer ist, zu dem Tanz des Mannes Gottes vor der Bundeslade her.“

Und es soll niemand denken, dass diese einfachen rhythmischen Gesänge, welche eben nur die allernotwendigsten Bewegungen einer Melodie haben, nicht fähig wären, Schmerz oder Freude in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen. Vielmehr ist dieses gemeinsame pathetische Singen oder Sprechen (bei welchem natürlich alle dieselbe Höhe des Tones einhalten) in aller seiner Einfachheit ein getreuer Spiegel der Empfindungen der Sänger. Bei frohen Liedern, Sieges-, Hochzeits-, Festgesängen, erhebt sich die Stimme naturgemäß bei der ersten Zeile in raschem Rhythmus. In der zweiten Zeile senkt sie sich etwas in melodischem Tonfall.

Ganz anders sind die Klagelieder. Sie haben oft etwas ungemein Rührendes und Ergreifendes. Wer sie einmal gehört hat, wird sie nicht wieder vergessen. Auch hier ist alles Gefühl, alles Natur, alles unmittelbarer Erguss des Herzens. Wie bei den Weinenden beginnt die Zeile in einer gewissen Tonhöhe. Aber ihre Schmerzenslaute senken sich rasch in traurigem Tonfall, als sollte alle Freude und Hoffnung dahinsterben, alles Licht des Lebens für immer verlöschen.

Die Hauptdichter waren augenblickliche Freude und augenblicklicher Schmerz. Und wer wollte leugnen, dass gerade in den Augenblicksgedichten wirklich ein Stück lebendigster, unmittelbarster Poesie der Volksseele liegt? Dass da etwas zum Ausdruck kommt, was bei uns verloren geht, die wir nur auswendig gelernte oder abgelesene Lieder singen? So war dennn Israel ein sangesfrohes, liederreiches Volk, wie irgend ein anderes. Sie hatten keine schönen Melodien, sie suchten keine künstlichen Silbenmaße. Sie antworteten und jauchzten einander zu, sie tanzten einander entgegen. Und sie weinten und klagten „gegen einander“, so dass eine Klage und eine Träne gewissermaßen die andere weckte und hervorlockte.

Ihre verlorenen Volkslieder waren voll dramatischen Lebens, gleich den noch vorhandenen Psalmen, und viele derselben ebenso rasch vergehend, wie entstehend. Anspruchslose Blumen auf Feld und Heide waren sie, voll Leben und Poesie. Mit dem Volk blühten und verwelkten sie. Der Wind wehte drüber und verstürmte Israel – und ihre Stätte kennt sie nicht mehr. Sie sind verhallt und verklungen in den Lüften. Aber des Herrn Wort, welches durch Psalter und Harfe Israels rauschte, ist geblieben und bleibt in Ewigkeit.

… Speziell über die Musik lassen uns die Propheten und die Offenbarung Johannis nicht im Zweifel, dass sie in der verklärten Welt eine hervorragende Rolle spielen wird. … Mit Palmen in den Händen gleich den Festbesuchern Israels (Offb 7), mit weißen Kleidern und Harfen in den Händen, gleich den levitischen Sängern des Tempels (Offb 7 und 19), so stehen sie in Gottes neuer Welt und singen, wie einst im Jehovatempel, ihre Gesänge in wechselnden Chören. (Offb 4,8-11; 5,9-14; 7,9-12; 19,1-7).

Und wie einst in Israels Tempel, so schallt auch dort noch das große Wort des Fest-Hallel (Ps 113-118; 135 und 136), angestimmt von großen Scharen aus allen Völkern und Zungen, von himmlischen und irdischen Geschöpfen und aller Kreatur (Offb 5,9f.), mit einer alle irdischen alten und neuen Instrumente übertönenden und überstrahlenden Musik, „wie eine Stimme großer Wasser, und wie eine Stimme starker Donner“ jubelnd durch die Himmel und die Länder der verklärten Erde: „Hallelujah!“

Der Weinberg

(Der Weinberg – Auszüge aus dem Kapitel „Land und Feld“ des Buchs „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Beschrieben wird die Zeit um 1884 bis 1889.)

Wie die Israeliten ihre Weingärten einrichteten und pflegten, das kann man heute noch von Palästinas Bergen ebenso deutlich ablesen, wie vom Buch Jesaja 5,1ff. (vgl. Mk 12,1ff.). Dort wird von einem Weingärtner erzählt, der hat seinen Weinberg umgegraben, von Steinen gereinigt und edle Reben drein gesenkt. Er baute auch einen Turm und grub eine Kelter drein und wartete, dass er Trauben brächte. So besteht auch heute die erste und notwendigste Arbeit bei Anlegung eines Weinbergs darin, dass man ihn umgräbt. Steine und Felsen werden aus demselben entfernt und aus diesen rings herum und an den Terassenabsätzen starke, schützende Mauern erbaut.

Wer daher mit einem Esel auf einem Weg inmitten von Weinbergen reitet, dem kann es leicht ergehen wie dem Propheten Bileam „auf dem Pfad bei den Weinbergen, da auf beiden Seiten Mauern waren“, als sich die Eselin an die Mauer drängte und Bileam den Fuß an die Mauer klemmte (4 Mo 22,25).

Man kann auch heute noch stets auf einen faulen und törichten Weinbauer schließen, wenn man sieht, dass an seinem Weinberg die Mauer eingefallen ist, ohne dass er sie sofort wieder aufbaut (Spr 24,31). Denn ein einziger starker Winterregen kann alsdann die Arbeit vieler Jahre in wenigen Stunden zu nichte machen.

Erst vor wenigen Tagen ritt ich durch ein tiefes Tal, welchem der letzte ungestüme Winterregen arg mitgespielt hatte. Große Felsblöcke hatten sich von den Felswänden gelöst und waren mit Donnergepolter zu Tal gestürzt, unterwegs manchen Weinberg zerstörend. Zornig durchtoste ein wilder Strom das sonst so trockene Tal. Die Terassenmauern mancher dicht vom Bachbett an aufsteigender Weinberge waren nicht mehr fest gewesen. Wahrscheinlich waren sie beim ersten Loslösen und Lockerwerden vor einigen Wochen nicht wieder aufgebaut worden. Da waren denn ganze Hälften von Weinbergen, oft sogar über eine Mannshöhe tief, weggerissen. Wie klagend hingen da die Wurzeln der Weinstöcke in langen dunkeln Strähnen in die Felsblöcke des trockenen Bachbetts hinein.

Aber auch in solchem Zustand waren sie noch ein beredtes Zeugnis von der geheimnisvollen unterirdischen Tätigkeit des Weinstocks, welcher weithin durch den dunklen Schoß des Erdreiches seine Wurzeln aussendet, um mit rastlosem Fleiß köstlichen Saft aus der Erde aufzufangen und diesen droben in seinen wunderbaren chemischen Laboratorien, den lichten Weinbeeren, in Verbindung mit den himmlischen Sonnenstrahlen zu edlem süßem Wein zu kochen. Denn selbst von nur mittelgroßen Weinstöcken hingen die starken Wurzeln wohl 8 bis 10 m lang in das Bachbett hinein, auf den heißbestrahlten Felsen und Kieseln rasch verdorrend.

Solch ein Beispiel zeigt deutlich, wie notwendig die Ummauerung der Weinberge ist. Jene zerrissenen Weinberge machten es besonders klar, warum der Sänger des 80. Psalms das darniederliegende Israel gerade hiermit vergleicht, wenn er sagt: „Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt und denselben gepflanzt. Und er schlug Wurzeln und füllte das Land. Berge sind mit seinem Schatten bedeckt und mit seinen Reben die Zedern Gottes. Du hast sein Gewächs ausgebreitet bis ans Meer und seine Zweige bis ans Wasser. Warum hast du denn seine Mauern zerbrochen, dass ihn alles zerreißt, was vorübergeht?“ (Ps 80,9-13).

In diesem Psalm ist freilich, seinem Inhalt entsprechend, mehr der Schutz gegen wilde Tiere hervorgehoben, welchen die Mauern gewährten. Natürlich haben die Weinbergmauern auch heute noch diese Bedeutung, wenn auch die leidenschaftlichsten Weindiebe, die Schakale, sich nicht immer durch hohe Mauern von ihren nächtlichen Entdeckungsreisen abhalten lassen. Darum stellen die Weingärtner in der Traubenzeit häufig verborgene Fuchsfallen auf. Und wehe dem Schakal, dem auf diese Weise „sein Tisch vor ihm zum Strick“ (Ps 69,23) wird, so dass er seinem Jäger in die Hände fällt! Das scheinen die Füchse auch wohl zu wissen. Denn oft genug kommt es vor, dass der Schakal sich lieber das in der Falle eingeklemmte Bein selbst abbeißt und mit den drei übrigen wehmütig, aber ohne Klagelaut davonhumpelt, als dass er es auf das Erbarmen und Mitleid des Menschen ankommen ließe, über welches er sich absolut keinen Illusionen hingibt.

Nichtsdestoweniger kommen die Füchse immer wieder in ganzen Rudeln in die Weinberge, um frohen Herbst zu feiern. Und fast scheint es, als ob der süße Wein sogar diese rotpelzigen, nächtlichen Zecher berauschte. Denn selbst sie verlässt im Glück ihre weltberühmte Schlauheit. Anstatt dem Weinherrn ein Schnippchen zu schlagen und sich stillvergnügt hinter die Weinstöcke zu setzen und zu schmausen, stimmen sie bei der ersten glücklichen Entdeckung im Chorus ein Freudengeschrei aus vollem Hals an, welches fast wie Kindergeschrei klingt, worauf der Weinhüter schaden- und rachefroh mit der längst bereitgehaltenen Flinte herbeischleicht und eine Ladung Schrot unter die lustigen Brüder hineinpfeffert, welche meist von blutigen Folgen begleitet ist. (Neh 4,3; Klgl 5,18; Hohel 2,15).

Noch viel weniger freilich lassen sich die ärgsten aller Traubendiebe, die Spatzen, verscheuchen. Über alle wohlgemeinten Künste des Menschen, als da sind: Fallstricke (Ps 124,7; Spr 7,23; Spr 1,17), Leimruten, Strohmänner, Windmühlen usw. lachen sie sich heimlich ins Fäustchen und lassen sich dabei die süßen Trauben trefflich schmecken.

Außer den Mauern ist in Jesaja 5 bei der Anlage eines Weinbergs noch der Turm erwähnt. Auch heute noch sieht man diese Türme in großer Zahl in den Weinbergen. Sie sind aus Feldsteinen erbaut, kreisrund und meist ohne Mörtel zusammengefügt. Sie dienen der Weinlandschaft zur anmutigsten Zierde. Hier schlägt die Familie ihre Sommerwohnung auf und bewacht den Weinberg.

Viele behelfen sich aber auch ohne Turm, da sich in der Traubenzeit vom August bis November im Weinberg stets ein gemütliches Blätterdach findet. Bildet doch ein einziger großer Weinstock mit einigen einfachen Stützen mit Leichtigkeit ein Sommerhaus für die ganze Familie!

Nach dem Turm im Weinberg erwähnt Jesaja die Kelter, welche der Weinbauer grub. Diese Keltern, welche meistens in die Felsen gemeißelt wurden, sind zwar in unseren Tagen, wo die eigentliche Weinbereitung schon so lange darniederliegt, nicht mehr gebräuchlich. Wer aber heute über die Berge Judas reitet, und zwar gerade über weglose, felsige Berge, der wird staunen, wie fleißig die Landesbewohner eines längst entschwundenen Jahrtausends in dieser Beziehung gewesen sind. Viele hunderte dieser Felsenkeltern finden wir auf den Höhen, gleich einer urkundlichen Schrift, die in die harten Kalkfelsen des Landes gegraben, um späten Jahrhunderten zu bezeugen, welch gesegneter Weinbau einst hier gewesen ist und wiederum erstehen soll, und wie trefflich das Land schon im Segen Jakobs gekennzeichnet ist. „Juda wird sein Füllen an den Weinstock binden und seiner Eselin Sohn an den edlen Reben“ usw. (1 Mo 49,11).

Diese Felsenkeltern brauchten nicht wie die heutigen Pressen fast jährlicher teurer Reparaturen. Sie schienen für die Ewigkeit gebaut. Und in der Tat, während das Volk Israel mit all seinen Tempeln, Häusern, Trümmern durch die Stürme der Weltgeschichte vom Land wie weggefegt ist, seine Felsenkeltern sind heute noch da. Sehr oft sind sie sogar unversehrt, dass sie heute noch ebenso wieder in Gebrauch genommen werden könnten, wie sie einst an einem schönen Herbstabend vor zweitausend Jahren der letzte frohe israelitische Winzer zum letzten Mal in der fröhlichen Weinlese auf dem Gebirge Juda unter dem Jubel der Keltertreter benutzt hat.

Denn das Weinkeltern war damals wohl das froheste Fest im ganzen Land und stand mit dem Laubhüttenfest in engster Beziehung. Die Keltertreter standen in der Felsenkelter, einer viereckigen etwa etwa 30-40 cm tiefen Aushöhlung des Felsens, welche 1,5 bis 3, ja sogar 4 m im Geviert maß. Mittels eines Felsenkanals floß der ausgetretene Saft der Trauben in das Felsenfass, eine gleichfalls ausgemeißelte Weinzisterne. Zuerst wurden die Trauben mit bloßen Füßen getreten und zum Schluss noch mit Brettern belegt und so vollends gänzlich ausgepresst.

Eine ausgelassene Freude bemächtigte sich des Volkes an der Weinkelter im Weinberg. Und wohl jedermann wird sich das Vergnügen gemacht haben. eine Zeit lang Keltertreter zu sein. Das Traubentreten gestaltete sich zu einem förmlichen Reigentanz. Und in demselben Rhythmus, den die Füße auf die Trauben traten, während das Traubenblut aufspritzte auf ihre Kleider, sangen sie springend den fröhlichen Chorgesang, dessen Takt außer mit den Füßen wohl auch mit Zimbel, Tamburin und Triangel geschlagen wurde. Glückliche, ungetrübte Zeiten eines nun so unglücklichen Volkes, wenn die Freudengesänge hallten von Hügel zu Hügel, von Gebirge zu Gebirge, denn auch von Moab drüben ertönten jenseits des Toten Meeres dieselben jauchzenden Lieder der Weintreter. (Jer 48,33; Jes 16,10). Und neben den Keltern ergötzte sich die übrige Gesellschaft an Reigentanz und Gesang, Harfen-, Zither- und Paukenklang. (Ri 9,27). Kein größerer Gegensatz war daher dem Volk denkbar, als wenn das Unglück mitten in diese Freude einschlug.

Aber gerade um dieses Gegensatzes willen haben die Propheten die Schilderung des Gerichts in diese geläufigen und vertrauten Bilder gekleidet. Waren die Trauben einmal in der Felsenkelter, so konnte auch nicht eine einzige Beere dem Fuß des Treters entschlüpfen. Denn das Gitter vor dem Ausflusskanal ließ nur das ausgepresste Traubenblut hindurchrinnen.

Dies Bild benutzt der Prophet, wenn er den Herrn schildert, wie er aus dem Gerichtskrieg wider die Heiden kommt. „Wer ist der, so von Edom kommt, mit hochrotem Kleid von Bozra? So majestätisch sein Aufzug, das Haupt zurückgeworfen in der Fülle seiner Kraft! Warum ist denn dein Gewand so rotfarb und dein Kleid wie eines Keltertreters? Antwort: Ich trat die Kelter allein in meinem Zorn! Ich stampfte sie in meinem Grimm, und es spritzte ihr Saft auf meine Kleider. Ich zertrat die Völker in meinem Zorn und ließ zur Erde rinnen ihren Lebenssaft.“ (Jes 63,1ff.; Offb 19,15; Joel 3,18).

Der Weinstock

(Der Weinstock – aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Auszüge aus dem Kapitel „Land und Feld“. Man beachte, dass mit „heutzutage“ die Zeit zwischen 1884 und 89 gemeint ist.)

Auch der Weinstock wird in der heiligen Schrift oft genannt. Von Geburt ist er ein echtes Kind des Morgenlandes und nimmt seine feurige Glut in alle Zonen der Welt mit. Ohne Zweifel haben wir sein Heimatland dort zu suchen, wo schon die heilige Schrift in Noahs Geschichte den Weinbau zum erstenmal erwähnt. (1 Mo 9,20). Denn nur in den Ländern zwischen Ararat, Taurus und Kaukasus wächst noch heute die Weinrebe wild in üppigster Fülle und Pracht. An den Bäumen des Waldes windet sie sich empor. Mit ihren Ranken schwingt sie sich von Wipfel zu Wipfel, ein hellgrünes, sonniges Blätterdach bildend. Auch im Abendland pflückt man nicht alle Waldbeeren. Und so erntet man dort von den zahllosen Weintrauben nur so viel, als man eben Lust hat.

So üppig ist der Weinstock in Palästina nicht, wenn ich auch im Barada-Tal, nördlich von Damaskus, manche Rebe gesehen habe, welche wild wachsend an den höchsten Pappeln kühn emporkletterte, mit ihrem unteren Stamm manchem benachbarten jüngeren Pappelbaum gleichkommend. Heutzutage ist der Weinbau in Palästina nur noch der Schatten von dem, was er einst in Israels Blütezeiten war. Wie in manchem Land des Orients hat ihm auch hier der Muhammendanismus fast den Todesstoß versetzt. Die feurige berauschende Glut, welche in der leuchtenden Flüssigkeit des Weins heimlich ruht und besonders in dem südlichen Klima allzuleicht den Kopf beschwert, den Mann betört und der klaren Besonnenheit beraubt, erschien schon im Altertum manchem als etwas Unheimliches, Dämonisches.

Aus diesem Grund sollten die Gottgeweihten, wie die Nasiräer, Simson, Aaron und seine Söhne vor dem Dienst im Heiligtum, Johannes der Täufer usw. keinen Wein trinken. (3 Mo 10,9; 4 Mo 6,3; Lk 1,15). Auch die alten Ägypter hielten den Wein aus demselben Grund für eine Erfindung des bösen Geistes Typhon. Sie sollten daher nur den frisch ausgepressten süßen Saft der Traube trinken. Aus der Geschichte Josefs wird sich der geneigte Leser jenes Mundschenken erinnern, welcher bei der königlichen Tafel den Becher des Pharaos in der einen Hand hat und mit der anderen Hand die köstlichen Traubenbeeren in den Becher zerdrückt und so dem König den frisch den Beeren entströmenden jungen Wein kredenzt. (1 Mo 40,11). So verbot auch Muhammed seinen Gläubigen den Genuss gegorenen Weines und vernichtete dadurch die Blüte so manches gesegneten Weinlandes.

Die Israeliten waren frei von solchem Vorurteil. Bei ihnen war der edle Wein hochgeschätzt, und Psalmsänger und Propheten wissen viel Rühmliches und Herrliches von ihm zu sagen. „Der Wein“, sagt Jesus Sirach, „ist geschaffen, dass er Menschen fröhlich machen soll. Und was ist das Leben, da kein Wein ist!“ (Sir 31,33.34). „Der Wein erfreut des Menschen Herz“ rühmt an mancher Stelle das Alte Testament. (Ps 104,15; Pred 10,19; Sir 40,20). Und Jotam lässt in seiner berühmten Fabel den Weinstock sagen: „Soll ich meinen Most lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, dass ich über den Bäumen schwebe?“ (Ri 9,13).

Zwar warnt das Alte Testament oft genug vor dem Übermaß. „Sieh den Wein nicht an, dass er so rot ist!“ (Spr 23,31). Und es ruft sein Wehe über die Helden im Weinsaufen. (Jes 5,22). Aber im Gegensatz zu denen, welche auch in unserer Zeit selbst den mäßigen Genuss zur Sünde machen wollen, gibt es den freundlichen Rat: „Trink deinen Wein mit gutem Mut!“ (Pred 9,7). Oder: „Gebt den Wein den berübten Seelen, dass sie trinken und ihres Elends vergessen.“ (Spr 31,6.7).

Alles dies zeigt uns, dass Palästina mit seinen sonnigen Hügeln und heißen Tälern seit alters ein gesegnetes Weinland gewesen ist. Und der edle, feurige Wein, welchen die wiederbeginnende Weinkultur Palästinas in den verschiedenen Sorten hervorbringt, zeigt, dass das Land seine Fähigkeit in dieser Beziehung auch heute noch nicht verloren hat. Schon die Kundschafter Israels brachten vor drei Jahrtausenden jene köstliche Weintraube als einen Hauptzeugen der Fruchtbarkeit des Landes, „da Milch und Honig fließt“, ihren in der Wüste harrenden Volksgenossen aus der Gegend von Hebron mit. Und so kann man auch heute noch in jener Gegend gar manche Traube finden, welche gegen zwölf Pfund wiegt. (4 Mo 13,24).

Aber wie schön muss das Land Juda erst in seinen guten Zeiten ausgesehen haben! Auf dem Gebirge, z. B. in der Gegend von Betlehem, kann man große weit ausgedehnte Berge finden, die dem flüchtigen Wanderer nur als starre Felswildnis erscheinen. Aber bei näherem Zusehen sind sie von der Sohle bis zum Scheitel überall mit Trümmern ehemaliger sorgfältiger Terassen und in den Fels gehauenen Keltern bedeckt. Und auch die Namen, welche hierzulande die einzelnen Grundstücke der Markungen führen, deuten auf den früheren Weinreichtum. So heißen die meisten der als gänzliche Wildnis angekauften Ländereien des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem im Volksmund „Kerm“. Das heißt Weinberg. Zum Beispiel Kerm es safuti usw. Wie denn auch die ganze Bergformation für den Weinbau wie geschaffen ist. Bildete doch der Weinstock neben dem Ölbaum den Hauptreichtum des Landes Juda. …

Aus der kleinen Rebe mag bei gutem Boden und sorgfältiger Behandlung ein baumdicker Stamm werden, durch welchen in einem Jahr der Saft von mehr als 1000 Trauben hindurchfließt, während seine Zweige einem weiten Hof Schatten spenden. Wahrscheinlich hat der Herr selbst, bevor er sein öffentliches Amt antrat, den Weinstock oft bearbeitet, beschnitten, gepflegt.

Das wunderbare Treiben und Quellen der Säfte, die durch seinen Stamm strömen, dieser überraschende Reichtum einer anfangs so unscheinbaren Pflanze, die sich in hunderte von entfernten Reben teilt, denen der Stamm bis in die entfernteste Ecke des Hofes Kraft und Saft und Süßigkeit sendet, während es andererseits für das Gedeihen der Reben die Hauptsache ist, dass gerade die in den Augen des Unerfahrenen schönsten Triebe Jahr für Jahr mit scharfer Hippe abgeschnitten werden – dies alles veranlasste auch den Herrn, dies Gewächs, und sonst keines, zum Sinnbild seiner Person zu machen. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben! Einen jeglichen Reben an mir, der nicht Frucht bringt, wird mein Vater, der Weingärtner, wegnehmen. Und einen jeglichen, der da Frucht bringt, wird er reinigen, dasss er mehr Frucht bringe.“ (Jo 15,1-2).

Auch an sein Haus in Dorf und Stadt liebte der Israelit einen Weinstock zu pflanzen. Und er zog ihn um das ganze Haus herum, dass er mit seinem Schatten und seiner Süßigkeit das Haus umfing. Bis oben auf das platte Dach rankten sich seine grünen Zweige. Und so war das ganze Haus, von allen Seiten mit köstlichen Trauben behangen, durch Reben und Ranken wie mit vielen Segens- und Liebesarmen innig umschlungen. Einen solchen Weinstock, der vielleicht seine eigenes Heim umrankte, hat jener Psalmsänger im Sinn, wenn er den Segen und die herzerquickende Liebe der Hausfrau in jenes sinnige Gleichnis kleidet. „Dein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock um dein Haus herum!“. (Wörtlich: „an den beiden Seiten deines Hauses“ Ps 128,3).

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