(Der verfluchte Feigenbaum – ein stark vereinfachter und gekürzter Auszug aus dem Kapitel „Die Verfluchung des Feigenbaums“ des Buchs „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)

Ludwig Schneller beschäftigt sich in diesem Kapitel mit der Schwierigkeit, die einem in der Bibelstelle Mk 11,12-14 begegnet. „Als sie am anderen Tag aus Betanien hinausgingen, hatte er Hunger. In einiger Entfernung sah er einen Feigenbaum, der Blätter hatte, und ging hin, ob er wohl etwas an ihm fände. Als er hingekommen war, fand er aber nichts an ihm als nur Blätter. – Es war freilich nicht die Zeit für Feigen. – Und er sprach laut aus zu ihm hin: „Nie mehr bis in Ewigkeit soll jemand Frucht von dir essen!“

Jesus sucht im Frühling, Anfang April Feigen an einem Feigenbaum. Da er von Betanien hinausgeht nach Jerusalem, muss das „in einiger Entfernung“ bei dem Dorf Betfage gewesen sein. Markus erklärt dazu ausdrücklich noch, dass es gar nicht die Zeit für Feigen war. Warum sucht Jesus dort also Feigen und verflucht dann den Baum, weil er keine hat? Das ist die Fragestellung, zu deren Lösung uns Ludwig Schneller mitnimmt:

„Eine genaue Beobachtung der Feigenbäume an Ort und Stelle im heiligen Land selbst wird uns hier die richtige Lösung geben. Dabei müssen wir von vornherein festhalten, dass der Feigenbaum zweimal im Jahr Früchte trägt. Wenn die Vegetation am Schluss des Sommers aufhört und die ersten winterlichen Stürme übers Land fegen, verliert auch der Feigenbaum im November oder Dezember seine Blätter und steht eine Zeit lang kahl und nackt da. Nur neben den noch kleinen Augen sieht man winzige Ansätze zukünftiger Feigen. Da sich diese erst im kommenden Frühjahr entwicklen, nennt man dieselben allgemein Frühfeigen.

Die wirklichen Spätfeigen bzw. Sommerfeigen dauern bis Oktober, an ganz besonders geschützten Stellen ausnahmsweise auch bis Dezember. Dagegen fangen im Frühjahr die Augen des Baums an zu schwellen, und auch die kleinen Fruchtansätze beginnen zu treiben. Und da diese kaum erbsengroßen Knollen schon seit Ende des Vorjahrs da sind, ja Bohnengröße erreichen, bevor die grünen Blätter aus den bereits stark schwellenden Augen hervorbrechen, kann man auch sagen, dass die Früchte vor den Blättern da sind. Im März aber treiben die jungen Blätter mit erstaunlicher Schnelligkeit hervor. Und nun entwickeln sich die Frühfeigen genau in demselben Tempo wie die Blätter. Jeden Morgen kann man bei günstigem warmem Wetter die Fortschritte beider deutlich wahrnehmen.

Im Jahr 1888 begannen die Feigenbäume anfangs März auszuschlagen. Am 10. März hatten die Frühfeigen schon die Größe von kleinen Kirschen. Ende März waren sie beinahe wie ausgewachsene Feigen, obwohl sie noch ganz hart und unreif waren. Ich zählte um diese Zeit die Frühfrüchte des Feigenbaums in meinem Garten und fand deren rund 1500. Da sich die Blätter mit den Frühfeigen gleichmäßig entwickeln, so ist klar, dass sich von einem Baum mit auffallend vielen schönen Blättern auch besonders gut entwickelte Frühfeigen erwarten lassen. Im Monat April nun, in welchem die Verfluchung des Feigenbaums stattfand, muss jeder ordentliche Feigenbaum schon Blätter haben, folglich auch Frühfeigen.

Dies gilt inbesondere von jenen milden Tälern, welche sich für Feigenbäume so vorzüglich eignen, wie Beit-Sachur bei Betlehem und Betfage. (D. h. Feigenhaus; „Fagg“ ist heute noch ein arabischer Ausdruck für Feigen.) Dort erfreuen sich die Feigen wie in alter so auch in neuer Zeit besonders guter Pflege und guten Gedeihens. Und die Entwicklung der Feigen ist sogar um mehrere Wochen voraus, weil beide Orte schon am wärmeren östlichen Abfall des Gebirges nach dem Toten Meer hin liegen.

Man kann somit sagen, dass jeder ordentliche Feigenbaum in der ersten Hälfte des April unreife Frühfeigen haben muss. Und dies darf noch viel mehr erwartet werden an einem für Feigen so günstigen Ort wie Betfage. Die Frühfeigen fallen zwar in unreifem Zustand leichter und zahlreicher ab als die Sommerfeigen (Offb 6,13), aber dies geschieht doch erst dann, wenn im Mai die Ansätze der Sommerfeigen hervorkommen, auf welche nun der größte Teil der Kraft des Baums verwandt werden muss.

Was ist nun damit zur Erklärung unserer Geschichte geholfen? Wenn es richtig ist, dass Jesus in der ersten Tagen des April in Jerusalem einzog und die Frühfeigen erst im Juni reif sein konnten, hätte er seinen Hunger nicht damit stillen können. Hier kommt aber wieder die Beobachtung der Sitten der Palästinenser zu Hilfe. Diese haben nämlich eine auffallende Vorliebe für unreife Früchte. Nicht nur Mandeln, Birnen, Aprikosen, Pflaumen usw. werden zum größten Teil unreif von ihnen gegessen. Auch die sauren, halbausgewachsenen Trauben werden von alt und jung gerne gegessen. Viele ziehen dieselben den süßen, reifen Trauben sogar bei Weitem vor.

Am allgemeinsten ist diese Sitte bei den Frühfeigen. Ich selbst habe den unreifen Frühfeigen nicht viel Geschmack abgewinnen können. Aber auch in der Jugendheimat Jesu, in Nazaret, konnten wir bei einem Gang über den Markt beobachten, dass man ein Pfund unreifer Feigen um ein Drittel teurer verkaufte als die reifen. Dieselben werden in hartem Zustand mit Salz gegessen und als besondere Delikatesse betrachtet.

Wenn man nicht besondere Wächter anstellt, wird daher die Frühfeige niemals reif. Alle Leute, namentlich auch die Kinder, halten es nämlich für ihr unbestreitbares Recht, die Frühfeigen in unreifem Zustand von allen Bäumen zu pflücken und sofort zu essen. Man hält dies für umsomehr erlaubt, weil die Frühfeigen nur zum geringeren Teil reif werden und viel leichter abfallen als die Sommerfeigen. Die Sommerfeigen wegzunehmen, wird dagegen allgemein als Diebstahl angesehen. Deshalb zieht jedermann im Sommer hinaus, um unter seinem Feigenbaum zu wohnen, nicht nur, um eine angenehm luftige Sommerwohnung zu beziehen, sondern auch, um seine Früchte zu behüten (Spr 27,18). Wahrscheinlich wurde die Sache zu Jesu Zeiten ebenso angesehen. Denn auch er wollte ohne Bedenken die Früchte eines Baums brechen, der ihm nicht gehörte. …

Stellen wir uns in die Lage des Herrn hinein. Er geht von Betanien nach Jerusalem und bekommt unterwegs Hunger. In der Gegend von Betfage stand eine Menge wohlgepflegter Bäume. Und so näherte er sich einem durch besonderen Blätterreichtum ins Auge fallenden Baum (denn Blätter hatten damals schon alle Feigenbäume), um von seinen Früchten zu essen. Nach dem Blätterschmuck zu urteilen, mussten diese besonders gut entwickelt sein. Nach allgemeiner Landessitte aß auch Jesus die Frühfeigen unreif. Aber siehe, der Baum hatte nicht eine einzige Frucht. Das fand der Herr unerhört und verfluchte den Baum. „Denn es war noch nicht Feigenzeit“, setzt Markus hinzu, welcher Leser voraussetzt, welche mit der Natur des Feigenbaums vertraut sind. Er will damit begründen, wie es möglich war, dass der Herr keine Feigen fand. In der Feigenzeit wäre die Sache undenkbar. Nur außerhalb derselben, also in der Frühfeigenzeit, konnte solches vorkommen.

Was hat nun Jesus mit der Verfluchung des Feigenbaums gemeint? Natürlich wollte er nicht den Baum bestrafen, der keinen Willen hatte, somit für seine Unfruchtbarkeit nicht verantwortlich war. Wir müssen uns in die Gedanken hineinversetzen, welche in jenen Tagen sein Herz beschäftigten. Jesus stand vor dem Abschluss seiner irdischen Laufbahn. Er war zu Israel gekommen, hatte aber keine Früchte gefunden. Vor kurzer Zeit hatte er seinen Jüngern ein Gleichnis von einem Feigenbaum gesagt, zu welchem sein Herr alle Jahre kam, aber niemals Frucht fand. (Lk 13,6-9.) Wieder stand der Mann eines Tages vor dem Baum, und wieder fand er keine Frucht. Hau ihn um! sprach er zum Gärtner, was hindert er das Land! Der Gärtner aber legte Fürbitte für den Baum ein. Nur noch auf ein Jahr; bliebe er auch dann noch unfruchtbar, sollte er umgehauen werden.

Dass dieser Feigenbaum Israel bedeutete, wussten die Jünger aus den Propheten ganz gut. Hier, kurze Zeit später, stand der Herr nun vor einem Feigenbaum und suchte Frühfeigen. Auch Israel war schon im Alten Testament mehrmals mit einer Frühfeige verglichen worden. Hosea sagt (9,10): „Wie eine Frühfeige ersah ich eure Väter in der Wüste“. Und Micha klagt (7,1-2): „Wehe, mir geht’s wie beim Obstsammeln, keine Frühfeigen, wonach mich gelüstet: verschwunden sind die Frommen aus dem Land.“

Was war denn Israel? Es war ein Baum, gepflanzt in einem Feigental, wo ihm, wie den Feigenbäumen in Betfage, auf besonders günstigem Boden besondere Sorgfalt und Pflege zugewendet wurde. Gott hat es gepflanzt, ihm sein Gesetz, seine Propheten, sichtbar gnädige Führungen geschenkt vor anderen Völkern. Die Zeit, da Menschen aus allen Völkern aufgepfropft werden sollten auf den Baum Israels, kam erst nach der Ausgießung des heiligen Geistes „über alles Fleisch“. Der Herr konnte also billig Früchte von Israel verlangen, noch bevor die Zeit der allgemeinen Ernte in der Völkerwelt anbrach.

Aber jener gnädige Plan Gottes wurde durch Israels sträfliche Verschuldung vereitelt. Weil der faule Baum Israel wohl schöne Blätter hatte (z. B. die gestrige Begeisterung, die Einholung Jesu mit königlichen Ehren in die Reichshauptstadt), aber keine Früchte hatte, wurde er in diesem Feigenbaum sinnbildlich verflucht. In demselben Kapitel Mt 21,43 sagt der Herr: „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen werden und den Heiden gegeben, die seine Früchte bringen.“

Diese traurigen Gedanken bewegten in jenen Tagen das Herz Jesu. Im Geist sah er schon die rauchenden Trümmer Jerusalems, schon die Wagenburgen um die Stadtmauern. Er sah schon die tausend Ängste und Nöte, welche über die unglückselige Stadt kommen mussten. Diese Gedanken, die ihn bis zu seinem Todestag verfolgten, sprechen sich aus in jener Parabel vom Feigenbaum, in dieser Verfluchung des Baums, in seinen Tränen über Jerusalem, in seinen Worten über dessen Untergang, in seiner Antwort an die Töchter Jerusalems.

Daher gingen diese Gedanken auch in seine Worte und Taten über wie hier, wo er unterwegs hungernd an einem Feigenbaum Frucht suchte und keine fand. Und wie die alten Propheten Israels ihre ernsten Mahnungen nicht nur durch Gleichnisse, sondern durch sinnbildliche Handlungen eindrücklich zu machen suchten, so prägte auch der scheidende Herr seinen Jüngern eine so wichtige Wahrheit durch diese symbolische Handlung ein. Nicht nur die eine Lehre machte einen tiefen Eindruck auf sie, dass Israel umkommen müsse, sondern auch die andere, dass der Herr auch die Macht dazu habe, dass es ihn nur ein Wort koste, seinen Fluch zu vollstrecken.

So hat nun jeder einzelne Zug der Erzählung einen klaren Sinn. Die ganze fast prophetische Geschichte ist erfüllt von tiefer Bedeutsamkeit, von Gedanken, welche in jenen Tagen das Herz Jesu beschäftigten und einen Schlüssel zum Verständnis eines wichtigen Teils der Geschichte Israels bieten.