(Jesus und die Feste – ein Auszug aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ im Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund seiner Beobachtungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina gemacht hat.)

Schon an jenem Laubhüttenfest (sein letztes im Herbst 29) war Jesus das Tagesgespräch. Wider eigenes Vermuten war er noch gekommen, und sein Erscheinen erregte allgemeines Aufsehen. Bestimmte Beschäftigungen hatten ja die Festpilger, welche acht bis vierzehn Tage in Jerusalem blieben, nicht. Um so mehr fanden sie Muße, solche Angelegenheiten, Hoffnungen, Befürchtungen, welche die ganze Nation betrafen, mit bekannten und unbekannten Volksgenossen zu besprechen.

Ähnlich ist es auch heute noch bei den Festpilgern in Jerusalem. Die gemeinsamen Angelegenheiten bewegen sie mehr als sonst. So sind auch die Muhammedaner nie so fanatisch wie bei ihren religiösen Festen oder zur Zeit der Mekka-Pilgerfahrt. Und man tut als Christ wohl daran, dieselben in dieser Zeit nicht zu reizen.

So bildete auch bei den alten Festen „die Hoffnung Israels“ das Tagesgespräch. Es mochte damals unter den tausenden von Laubhütten in und um Jerusalem wohl kaum eine geben, in welcher nicht aus Anlass de Anwesenheit und der Worte Jesu die Frage des Messias erörtert worden wäre. Sobald er im Tempel erschien, sammelten sich sofort in den Höfen dichte Volkshaufen um ihn. Und gerade weil er nicht als offizieller Lehrer auftrat, gestalteten sich seine Reden oft zu den lebhaftesten Debatten.

Das Interesse für ihn war um so mehr angeregt, als durch die zusammenströmenden Karawanen gerade in den Festtagen alle Nachrichten von seinen Reden und Taten wie in einem Brennpunkt zusammentrafen. Und es ist keineswegs nur Zufall oder nur im Interesse der Chronologie, dass wir die Dauer der Wirksamkeit Jesu stets nach den Festen einteilen, welche er besucht hat. Wer die Geschichte Jesu kennt, der weiß, dass gerade die Feste Jerusalems Brennpunkte und Wendepunkte waren für die Stellungnahme Israels zum Herrn.

In den festlosen Zeiten hatte Jesus verhältnismäßig Ruhe. Aber in den Festzeiten geriet alles in Bewegung und Fluss. Und aus diesem Grund zog Jesus zu den Festen hinauf nach Jerusalem wie ein Feldherr, der in die Entscheidungsschlacht zieht. Denn entscheiden konnte sie seine Sache nur in Jerusalem, und niemals passender als an einem der Nationalfeste. Hier traf er nicht nur auf die Hohenpriester und die leitenden Kreise Israels, sondern auf das gesamte feierlich versammelte Volk. Darum sind jene Feste die bedeutsamsten Zeiten im Leben des Herrn. Hier hat er seine ganze Energie zusammengefasst, hier hat er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, Zeugnis abzulegen vor allem Volk.

Fast möchte man sagen: noch mehr Plan und Vorbedacht als sonst zeigen seine Jerusalemer Reden. Nicht einzelne Lehren über Versöhnlichkeit, christliche Sorglosigkeit, Privatgebet, persönlichen sittlichen Wandel vernehmen wir da, wie in seinen galiläischen Reden. Sie beziehen sich vielmehr ausschließlich auf die große Fage, ob Israel die Wahrheit, das Leben, das Licht, seinen Messias annehmen wolle oder nicht. Sie drehen sich immer um seine eigene Person als den Sohn Gottes. Hier musste dies alles gesagt werden, so sehr es auch Anstoß erregen mochte, „auf dass die keine Entschuldigung haben“. Hier allein konnte Jesus vor dem ganzen Volk Israel reden.

Darum die ernsten und grundsätzlichen Auseinandersetzungen mit dem Volk und seinen Obersten. Darum hat Jesus dort jeden möglichen Ton angeschlagen, den Ton ernster Warnung und Drohung, den Ton lockender Liebe des guten Hirten, den Ton schmerzlicher Wehmut: „Warum kennt ihr den meine Sprache nicht? Ihr könnt ja mein Wort nicht hören!“ Welches ungeheure Aufsehen gerade diese seine Reden erregt haben, zeigt am deutlichsten der Umstand, dass man mehrmals nach solchen Reden versuchte, ihn zu fangen oder zu steinigen.

Auf seinen Festen allein konnte sich Israel entscheiden und hat es auch getan. Auch aus diesem Grund galt es: „Es tut’s nicht, dass ein Prophet umkomme, außer in Jerusalem!“ (Lk 13,33). An einem Fest wurde er auch getötet. Es war das traurigste Fest, das Israel veranstaltete, das aber aus Nacht in Licht umschlug, in ein Fest ewiger Erlösung für alle Welt.

Nicht zurückgezogen von der festlichen Karawane, wie bei jenem Laubhüttenfest im Herbst, sondern inmitten der festlichen Scharen ging Jesus im nächsten Frühling zu diesem letzten Passafest hinauf gen Jerusalem. Von Ephraim in Juda brach er auf nach der Hauptstadt. Schon zogen von allen Seiten die Scharen dorthin, als er nahe bei Jericho zu einer Festkarawane stieß, unter welcher er wohl manches bekannte Gesicht begrüßte. Viele der Galiläer liebten den Herrn. Und dass er gleich in Jericho so öffentlich einige Wunder tat, erfüllte sie mit hohen Erwartungen. Erstaunt waren sie freilich darüber, dass er so offen und furchlos mit ihnen ging. Denn wie man in Jerusalem gegen ihn gesinnt war, konnte keinem Besucher der Feste verborgen sein.

Von Jericho bis Jerusalem hatten sie noch eine kleine Tagesreise zurückzulegen. Jesus ging gelassen unter den Pilgerscharen hinauf von Tal zu Tal, von Hügel zu Hügel, mit seinen Jüngern eine besondere Gruppe bildend. Die Karawane konnte bei dem schluchtenreichen Charakter der Wüste nicht immer eng geschlossen bleiben. Die ersten mochten von den letzten wohl eine Viertelstunde oder mehr entfernt sein. Die einen gingen zu Fuß, wie Jesus und seine Jünger. Die anderen ritten auf Eseln und Maultieren, welche zugleich ihr Gepäck trugen. Die kleine Gruppe, mit welcher Jesus, der Prophet, einen Wanderstab vielleicht in der Hand, dahinschritt, bildete den Mittelpunkt des Interesses der Karawane. Dass er sich endlich einem solchen festlichen Zug anschloss, dass seine Sache endlich zum Durchbruch kommen musste, das versetzte sie in eine gehobene Stimmung. Sie träumten wohl schon von einem glänzenden Einzug in Jerusalem.

Im großen Gegensatz hierzu und zu den Festpsalmen standen die Worte Jesu. Er wusste, dass die Todesstrafe wartete, und ruhig besprach er die kommenden Ereignisse mit den Jüngern. Aber auch sie wollten heute vom Sterbegedanken nichts wissen. Gestern oder vorgestern schon hatte Salome für ihre Söhne um die beiden Ehrenplätze in dem Reich gebeten, das Christus da droben in Jerusalem aufrichten sollte. Damals hatten sich die anderen Jünger darüber geärgert. Aber der Gedanke hatte doch auch für sie eine eigentümliche Anziehungskraft. Die frohe Stimmung der Festkarawane wirkte ansteckend auf sie. In weiter Ferne sahen sie schon von Jericho an von jeder Höhe der zahlreichen Hügel die Spitze des Ölbergs. Dort, hinter dem Berg, lag Jerusalem, die Königsstadt Davids, des Ahnherrn Jesu, mit ihren strahlenden Zinnen. Darum stritten sie, während Jesus, den keiner verstand, allein vorausgung (Mk 10,32), um die ersten Plätze in seinem Reich.

Ein schmerzliches Lächeln mag beide Male auf seinem Antlitz gelegen haben, als er solche Hoffnungen zurückwies. Sie wussten wirklich nicht, was sie gebeten und worum sie gestritten hatten. Sie sahen da drüben hinter den Bergen nur eine hellschimmernde Königskrone, die ihres Meisters Haupt zieren sollte. – Er sah eine Dornenkrone und ein blutig bleiches Angesicht und wusste, dass seine Jünger allerdings diese Krone mittragen sollten.