„Abendmahl“ ist die in protestantischen Kreisen übliche Bezeichnung für das Erinnerungsmahl, das Jesus eingesetzt hat. Er hat am letzten Abend mit seinen Jüngern das Pessach-Mahl gefeiert und es dort eingesetzt, daher der Name. Im Neuen Testament wird es allerdings an keiner Stelle als „Abendmahl“ bezeichnet. Paulus nennt es in 1 Kor 11,20 das „Mahl des Herrn“. Und in 1 Kor 10,21 spricht er vom „Tisch des Herrn“. So scheint in den Gemeinden die übliche Bezeichnung gewesen zu sein, jedenfalls finden wir keine anderen. Vielleicht sollten wir diese Ausdrucksweise dann einfach auch übernehmen.

Wenn wir die Bedeutung dieses Mahls verstehen wollen, müssen wir natürlich theologischen Ballast abwerfen. In fast 2000 Jahren Kirchengeschichte hat sich einiges an „Eucharistie“, „Abendmahl“, „Sakrament“, „Feiern“ und „Austeilen“ daran gehängt. Als Jesus damals das Mahl eingesetzt hat, hat er in einfachen Worten erklärt, was er damit meint. Schauen wir uns die Aussagen an. In meiner Evangelienharmonie habe ich sie aus Matthäus, Markus, Lukas und dem 1. Korintherbrief vollständig zusammengestellt:

„Und während sie aßen, nahm Jesus ein Brot,
dankte, pries Gott, brach es, gab es seinen Jüngern und sagte:
‚Nehmt, esst! Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.
Tut das, um an mich zu denken!‘
Genauso nach dem Essen (nahm er) auch den Becher,
dankte, gab ihnen den und sagte: ‚Trinkt alle daraus!‘
Und sie tranken alle daraus. Und er sagte ihnen:
‚Dieser Becher ist die neue Bestimmung in meinem Blut,
das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung von Sünden.
Tut das, sooft ihr (von ihm) trinkt, um an mich zu denken!
Amen, ich sage euch:
Ich trinke von jetzt an nicht mehr von dieser Frucht des Weinstocks
bis zu jenem Tag, an dem ich von neuem mit euch davon trinke
im Reich Gottes, meines Vaters.'“

Jesus hat mit seinen Jüngern das Pessach-Mahl gefeiert. Dieses erinnert an den Auszug der Israeliten unter der Führung Moses aus Ägypten. Auch damals musste ein Lamm sein Blut vergießen, damit das Gericht Gottes seine Leute verschonte. Wenn Jesus „genauso nach dem Essen“ den Becher nahm, war das Geben des Brotes sicherlich ebenso nach dem Mahl. Jesus hat also innerhalb des Pessach-Mahls nichts umgeändert oder umgedeutet, sondern daran anschließend sein neues Mahl eingesetzt. Dabei ist es aber deutlich, dass auch hier eine Erinnerung an einen Auszug stattfindet. Es geht um den Auszug aus der Welt der Sünde, den Jesus mit seinem Tod am Kreuz eingeleitet hat.

Auch hier sehen wir wieder das Prinzip der Erfüllung des alttestamentlichen Gesetzes. Das Opferlamm und das Pessachlamm verschmelzen in der Hingabe von Jesus im Kreuzestod zu einer ein für allemal gültigen Erlösung. Pessach und Sühnopfer sind nun im alten Sinne deshalb abgeschafft. weil sie erfüllt sind. Es waren schattenhafte Vorbilder für die zukünftige ewige Erlösung.

Doch betrachten wir einfach die Szene. Jesus sitzt mit seinen Jüngern da, bricht ihnen ein Fladenbrot und sagt: „Das ist mein Leib“. Wir kann dieses Brot nun sein Leib sein? Er sitzt doch mit seinem Leib leibhaftig da bei ihnen, und keiner kommt auf die Idee, etwas von ihm abzubeißen. Sie beißen nichts von Jesus ab, sondern von dem Brot. Genauso trinken sie dann nichts von seinem Blut, das ihm immer noch durch seine Adern fließt. Sie trinken einfach einen Schluck Wein. Da ist es doch tatsächlich naheliegend, sich daran zu erinnern, dass Jesus die ganze Zeit schon mit seinen Jüngern gerne in Beispielen und Vergleichen gesprochen hat. Das Phänomen der prophetischen Symbolsprache ist ja in der ganzen Bibel verbreitet.

Auch beim auferstandenen Herrn stoßen wir auf dieselbe Schwierigkeit, wenn wir uns vorstellen, seinen „Leib“ zu essen bzw. sein „Blut“ zu trinken. Jesus ist leibhaftig auferstanden, er ist in seinem Auferstehungsleib in den Himmel gegangen. Er sitzt damit zur Rechten des Vaters und wird damit wiederkommen zur Rettung der Seinen und zum Gericht. Wie konnte man je auf die Idee kommen, dass man im Mahl des Herrn leibhaftig seinen „Leib“ essen könnte?

Das neutestamentliche Prinzip ist anders. Jesus ist nicht leibhaftig bei uns, sondern „im Geist“. Er hat den Geist als seinen Stellvertreter auf Erden geschickt und wohnt im Geist im Herzen seiner Gläubigen. In Geist und Wahrheit beten sie ihn an, der nun im Geist bei und in ihnen ist. Auch hier die Frage: Warum sollte ich im Mahl etwas von ihm essen, also in mich aufnehmen, wenn er im Geist dauerhaft in mir wohnt?

Und überhaupt, warum kompliziert, wenn es auch einfach geht? Jesus gibt seinen Leib und sein Blut als Opfer am Kreuz. Und prophetisch bereitet er seine Jünger mit den Zeichen von Brot und Wein zuletzt noch einmal darauf vor. Und in Zukunft sollen sie auch weiterhin mit diesen Zeichen an ihn denken. Übrigens ist im Neuen Testament auch vom „Feiern“ des Mahls nirgends die Rede.

„Zu meinem Gedächtnis“, wie Luther übersetzt hat, oder „zur Erinnerung an mich“, wie man auch übersetzen könnte, ist allerdings etwas zu sehr rückwärtsgewandt. Natürlich erinnert man sich an das Opfer, das Jesus am Kreuz gebracht hat, aber das Leben aus dieser Erlösung ist ja lebendige gegenwärtige Realität. „Um an mich zu denken“ ist dann vielleicht doch der beste Ausdruck dafür, dass Jesus, der für uns gestorben ist, mit seiner Liebe und Gnade auch gegenwärtig für uns da ist. „Um an mich zu denken“ könnte vielleicht auch ein Hinweis darauf sein, bei diesem „Mahl“ mit Brot und Wein auch tatsächlich nur an ihn zu denken und an nichts anderes mehr …