Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

Autor: Uli Wößner (Seite 7 von 26)

siehe Beitrag "Über mich"

Die Ernte

(Die Ernte – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Land und Feld“ aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Beschrieben wird die Zeit um 1884 bis 89.)

Die Ernte ist eine fröhliche Arbeit, wenn sie nicht durch das Ausbleiben des Früh- oder Spätregens fast vernichtet ist. Da zieht alles hinaus aufs Feld, um die Gaben der Erde einzuheimsen. Da man die Früchte zur bestimmten Zeit hereinholen muss und die Kräfte in der eigenen Familie nicht ausreichen, so muss man dazu oft Tagelöhner zu Hilfe nehmen. Am Markt oder am Tor stehen dann müßige Arbeiter genug, welche warten, bis jemand sie um den festgesetzten Lohn dingt. Es wäre ein trauriger Anblick, wenn eine Menge solcher Arbeiter lässig dastünde, während draußen die Ernte aus Mangel an Arbeitskräften zu Grunde gehen müsste.

Solche Trauer hat unser Herr empfunden im Hinblick auf die große Ernte, die in die Scheunen des himmlischen Vaters eingebracht werden soll. Dort heißt es: „Da er das Volk sah, jammerte ihn desselben. Denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“ (Mt 9,36.) Und auch jene Lohnarbeiter, welche müßig auf dem Markt stehen, dienen dem Herrn zum Gleichnis für die, welche er vom Markt des Lebens hinwegruft zur Arbeit an seiner großen Ernte. (Mt 20,1.)

Hinter der Reihe der Schnitter sieht man gewöhnlich arme Leute in einiger Entfernung den Schnittern nachgehen. Es sind meist Frauen und Kinder, welche Ähren lesen. Wer dächte dabei nicht an jene liebliche Geschichte aus grauer Vorzeit, als die treue Moabitin Rut auf den Feldern von Betlehem Ähren auflas und sich den ganzen Tag keine Ruhe gönnte, wie ihr der Aufseher der Schnitter nachrühmte! Barmherzige Leute lassen wohl auch einmal „zwischen den Garben“ lesen, wie dies Boas der Rut erlaubte. Freilich mag es selten vorkommen, dass einer in seiner Freundlichkeit so weit geht wie Boas, welcher seinen Knaben ausdrücklich gebot, sie sollte auch von dem Haufen liegen lassen, damit es Rut auflese. (Rut 2,15.)

Ist die Ernte geschnitten, so wird dieselbe auf die Tenne gebracht. Die Tennen befinden sich meist auf großen, flachen Felsplatten, welche von einer kleinen Mauer umgeben sind. Dort werden die aufgelösten Garben in ziemlich hoher Schicht auf der Tenne ausgebreitet und dann gedroschen. Das geht aber etwas anders zu als im deutschen Vaterland. Hier schwingen Hans und Kunz und meist auch Grete den Dreschflegel durch die Luft und schlagen drauf los, als wollten sie alles kurz und klein hauen, was ihnen vor den Strich kommt. Und nachher sind sie so hungrig und durstig, dass ihr Appetit sprichwörtlich geworden ist. Bei uns im Morgenland geht es dabei viel gemütlicher zu. Einige Ochsen und Kühe werden den ganzen Tag hindurch über die ausgebreiteten Garben im Kreis herumgetrieben, bis alles kleingetreten ist.

Das Alte Testament hatte die freundliche Bestimmung, dass man dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden solle. (5 Mo 25,4.) Diese Regel beobachtet man auch heute noch. Die Tiere dürfen während ihrer Arbeit von der Ernte fressen, wenn sie Eigentum des Dreschers sind. Dem fremden, nur für die Arbeit gemieteten Vieh wird aber das Maul verbunden.

Während die Feldfrucht auf der Tenne liegt, bleibt der Eigentümer Tag und Nacht auf der Tenne. So auch Boas. Wer diese Vorsichtsmaßregel außer Acht ließe, würde wohl bald nichts mehr zu dreschen haben. Es ist nicht nur Diebstahl, vor dem man sich zu fürchten hat. Zuweilen ist es auch das Feuer, welches Feinde des Eigentümers nicht selten in seine Tenne legen. Als ich einmal kurz nach der Ernte bei Nacht von Betlehem nach Jerusalem ritt. sah ich plötzlich den östlichen Horizont jenseits des Toten Meeres erhellt. Eine blutrote Flamme, rasch wachsend, leuchtete herüber. Das Feuer war wohl acht bis zehn Meilen weit entfernt. Aber es schien, als brenne ein ganzer Berg, so wild und unheimlich loderte die Flamme. Später erfuhr ich, dass dort eine große, mit reicher Fruchtmenge angefüllte Tenne angesteckt worden sei.

Die Tennen sind schöne und hochgelegene Orte, über deren Platte der Wind hinfahren und die Spreu forttreiben kann. Eine solche Tenne war einst der herrliche Platz, auf dem sich später der mächtige Bau des Salomonischen Tempels erhob. Ehemals war es die Tenne Arafnas.

Sind die Halme und Ähren gehörig zertreten, so wird alles wieder auf einen Haufen gebracht und dann geworfelt. In Deutschland tut das jetzt die Dreschmaschine alles auf einmal. Im heiligen Land aber warten die Leute die Winde Gottes ab, die müssen ihnen helfen, den Weizen von der Spreu zu sondern. Wenn ein Wind weht, wirft man Weizen und Stroh (welches auch klein getreten ist) mit einer Schaufel in die Höhe. Dann fällt der schwere Weizen zur Erde, während der Wind die Spreu bis an das andere Ende der Tenne trägt. Also, sagt der erste Psalm, sind die Gottlosen wie Spreu, die der Wind verstreut, drum bleiben die Gottlosen nicht im Gericht. (Ps 1,4.) –

Ist diese Sichtung geschehen, so fegt man die Tenne und den Weizen trägt man heim in die Scheune. Den besseren Teil des Strohs, der ganz klein und fein geworden ist, nimmt man als Viehfutter mit, den geringeren Teil dagegen benutzt man zur Feuerung. Eine solche Sichtung durch den, welcher nach ihm kommen sollte, verkündigte Johannes der Täufer, als sich die Stadt Jerusalem und das ganze jüdische Land an den Ufern des Jordan um ihn gesammelt hatte. Er stellte ihn als einen Drescher dar, der Spreu und Weizen von einander scheidet: “ Er hat seine Worfschaufel in seiner Hand, er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.“ (Mt 2,12.)

Eine Schwierigkeit an dem Neuen Testament

(Eine Schwierigkeit an dem Neuen Testament – ein Artikel von Sören Kierkegaard. Aus seiner Zeitschrift „Der Augenblick“, Ausgabe vom 4. Juni 1855)

In dem Neuen Testament sind alle Verhältnisse, alle Proportionen im Großen angelegt.

Das Wahre ist ideal dargestellt; andererseits gehen auch die Irrtümer, die Ausschreitungen ins Große: es wird vor Heuchelei gewarnt, vor allerlei Irrlehre, vor Werkheiligkeit usw. usw.

Aber seltsam genug, das Neue Testament nimmt absolut keine Rücksicht auf das, was in dieser Welt leider nur in allzu großer Masse vorhanden ist, auf das, was den Inhalt dieser Welt bildet: auf die Salbaderei, die Jämmerlichkeit, die Mittelmäßigkeit, das Geschwätz und Gewäsch, das Christentumsspiel, die allgemeine Phrasenhaftigkeit usw.

Hieraus entsteht nun die Schwierigkeit, dass man mit Hilfe des Neuen Testaments fast unmöglich das wirkliche Leben anfassen kann, die wirkliche Welt, in der wir leben, in der auf einen qualifizierten Heuchler immer 100.000 Schwätzer kommen, auf einen qualifizierten Ketzer immer 100.000 Silbenstecher.

Das Neue Testament scheint hohe Vorstellungen davon zu hegen, was es heißt, ein Mensch zu sein. Auf der einen Seite hält es das Ideal vor. Und wenn es die Verkehrtheit schildert, so sieht man wieder, dass es von der menschlichen Existenz eine hohe Vorstellung hat. Aber das Geschwätz, die Kleinlichkeit, die Mittelmäßigkeit erhalten nie ihren Treff.

Dessen hat sich die Faselei seit undenklicher Zeit bedient, um sich als die wahre christliche Rechtgläubigkeit festzusetzen – und das gab diese unübersehbaren Bataillone von Christen. Diese, wenn auch nicht durch Geist, so doch durch die Zahl mächtige Rechtgläubigkeit macht es sich zunutze, dass man sie in Wahrheit – und damit hat sie wirklich Recht – nicht der Heuchelei, der Irrlehre usw. beschuldigen kann. Denn weil man dies nicht kann, ergo ist sie die wahre christliche Rechtgläubigkeit.

Das macht sich auch ganz gut. Überall nämlich hat das Höchste und das Niedrigste eine gewisse flüchtige Ähnlichkeit miteinander. Dieses ist wie jenes nicht das, was dem Höchsten etwas nahe steht. Oder beide sind nicht das, was zwischen dem Hohen und dem Niederen vermittelt. So hat es eine gewisse Ähnlichkeit miteinander, über und unter aller Kritik zu sein. Dies gilt nicht von der Rechtgläubigkeit jener Massen und der Geistlichen, die von jenen in Masse leben. Sie ähnelt dem wahren Evangelium insofern, als sie unleugbar nicht Irrlehre, Ketzerei ist.

Übrigens gleicht sie dem wahren Christentum noch weniger als irgendwelche Ketzerei und Irrlehre. Die Sache verhält sich so: So hoch das wahre Christentum über aller Ketzerei, allen Irrtümern und Verirrungen steht, so tief liegt das Geschwätz unter den Ketzereien, Irrtümern und Verirrungen. Aber, wie gesagt, die Schwierigkeit an dem Neuen Testament ist diese: dass es, für das Ideal gegen Geister kämpfend, nie speziell dieses ungeheure Korpus aufs Korn nimmt, das in der „Christenheit“ beständig die wahre christliche Rechtgläubigkeit repräsentiert, deren christlicher Ernst darin seinen Ausdruck findet, dass „Wahrheitszeugen“ – welch satirischer Selbstwiderspruch! – in dieser Welt Karriere und Glück machen, indem sie sonntags schildern, wie die Wahrheit in dieser Welt leiden muss.

Darauf muss man wohl achten. Und wenn man darauf achtet, so wird man sehen, dass das Neue Testament doch Recht hat, dass doch alles so kommt, wie das Neue Testament es vorausgesagt hat. Mitten in diesen ungeheuren Völkern von „Christen“, in diesem Gewimmel von „Christen“ leben hie und da einige Einzelne, ein Einzelner. Für ihn ist der Weg schmal – vgl. das Neue Testament. Er wird von allen gehasst – vgl. das Neue Testament. Ihn totzuschlagen gilt für einen Dienst gegen Gott – vgl. das Neue Testament. Es ist doch ein kurioses Buch, dieses neue Testament; es bekommt doch Recht. Denn dieser Einzelne, diese Einzelnen – ja die waren die Christen.

Feldbau

(Feldbau – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Land und Feld“ des Buchs „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneider. Beschrieben wird die Zeit um 1884-89.)

Auch auf dem Gebiet vom eigentlichen Feldbau begegnen wir zahlreichen biblischen Spuren. Der Herr Jesus hat in seinen Reden Himmel und Erde durchsucht, um Gleichnisse für sein ewiges Gottesreich zu finden. Da er nach unserer Annahme in Nazaret selbst Landbau betrieben hat, bot sich ihm Feld und Feldbau zu diesem Zweck besonders leicht dar. In jedem Zug seiner Reden, welche hierher gehören, erkennen wir das heutige Land wieder. Nur nicht in dem, was er über die Fruchtbarkeit sagt. Auch heute noch findet der Ackersmann bei seiner Aussaat, wie auch aus dem schon oben Mitgeteilten hervorgeht, viererlei Ackerfeld: Weg, steiniges, dorniges und gutes Land. (Mt 13,3-8).

Sobald der Herbst eingetreten ist, sieht man beim Feldbau über alle Felder, die überhaupt gebaut werden, den Pflug gehen. Einen Räderpflug mit breiter Pflugschar wie in Deutschland kann man in diesem steinigen Boden nicht brauchen. Denn oft genug befinden sich Felsen oder mächtige Steine im Feld, über die man den Pflug rasch hinwegheben muss. Derselbe besteht daher nur aus einer ziemlich schmalen, aber starken Pflugschar. Daran dient eine Stange nach oben dem Pflüger als Handgriff, und eine Stange nach vorwärts bildet die Deichsel.

Wegen der vielen Felsen und Steine im Ackerfeld oder wegen der Weinstöcke und Bäumchen, über welche hinweggeackert wird, muss der Pflüger stets genau auf Pflug und Furche schauen, wenn er nicht mehr schaden als nützen soll. Vielleicht hat der Herr in Nazaret einst selbst geackert oder doch Pflüger angestellt. Einer der niemals mit Pflügen zu tun gehabt hat, würde wohl kaum das Gleichnis gewählt haben: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“ (Lk 9,62).

Zur Zeit Christi scheinen böse Leute ihre Feinde dadurch geärgert zu haben, dass sie ihnen nach der Aussaat Unkraut auf ihr Weizenfeld streuten. Dies Unkraut, eine Lolchart, lolium tumulentum, wächst heute noch in Menge unter dem Weizen. Es bildet dem Weizen ähnliche Körner und wird als Hühnerfutter verkauft. Heute geben die Leute ihrem Hass auf noch boshaftere Weise Ausdruck. Wenn sich jemand oft 10 bis 20 Jahre lang geplagt hat, um einen schönen Baumgarten zu bekommen, und hat seine Bäumchen groß gezogen und hat seine Lust daran, so kommt oft über Nacht, wenn er schläft, sein Feind und haut ihm alle um. Und wenn der Besitzer am Morgen hinauskommt und sieht, wie ihn nur noch die abgehauenen, blutenden Stümpfe traurig anstarren und möchte weinen vor Schmerz und Zorn, dann ist sein erster Gedanke: „Das hat der Feind getan!“ (Mt 13,28).

Das Gesetz Moses, das in seinen Bestimmungen so viel Freundlichkeit auch gegen Tiere zeigt, verbot den Israeliten, verschiedenartige Tiere an den Pflug zu spannen. Denn natürlich muste der schwächere Teil gewöhnlich darunter leiden. So human sind die heutigen Palästinenser nicht. Man sieht häufig ein Pferd und einen Esel, ja sogar ein Kamel mit einem Esel oder einer Kuh an einen Pflug gespannt. Und es sieht halb kläglich, halb possierlich aus, wenn so ein ungleiches Brüderpaar voraus und der Fellache im Hemd und mit seinem Ochselstachel hinterher läuft. Ja, der Verfasser hat sogar einmal gesehen, dass einer seinen Esel und sein Weib an den Pflug gespannt hatte. Das sah freilich traurig genug aus und ist sehr bezeichnend für die Stellung der Frau im Orient.

Man treibt die Tiere beim Pflügen mit einer 2 bis 3 Meter langen Stange, an deren Ende sich ein eiserner Stachel befindet. Dumme Tiere, die sich noch nicht recht ins Joch fügen wollen, schlagen bisweilen nach hinten aus. Und es geschieht dann oft, dass sie mit ihrem Fuß gerade in den spitzen Stachel hineinschlagen und sich schmerzlich verwunden. Da sie ins Joch eingespannt sind, merken sie bald, dass dies Ausschlagen nur ein ohnmächtiger Versuch ist, sich gegen den Pflüger zu wehren.

Darauf spielte der Herr Jesus an, als er dem Paulus auf der Straße nach Damaskus erschien. Er sagte zu ihm: “ Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu löcken.“ Damit scheint ihm der Herr sagen zu wollen: „Du gehst eigentlich schon in meinem Joch. All den Wüten ist ein ohnmächtiges Bemühen, dich mir zu entziehen, bis du deinen Willen gebrochen und dich in meine Wege gefügt hast.“ (Apg 9,5).

Das Pflügen findet gewöhnlich sofort nach dem ersten Frühregen statt. Und mit dem Sprießen der Blumen und Gräser treibt auch die junge Saat kräftig hervor. Sie bedeckt das Land mit saftigem Grün. Mit Wonne schweift dann das Auge über die schönen Fluren, welche dasselbe so lange kahl und dürr gesehen hat. Doch diese Pracht verschwindet schnell wie eine Morgenwolke, der heiße Sommer brennt sie hinweg. Und bald ist’s nur noch wie ein Traum, dass das Land so herrlich war. Nun kommt die Feldfrucht schnell zur Reife. Schon im April und Mai wird geerntet. In seinem Gleichnis sagt der Herr: „Auf dem guten Land trug etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig.“ (Mt 13,8).

Heute ist der Ertrag beim Feldbau nicht mehr so reich. An besonders gut gedüngten, fetten Stellen kommen wohl auch jetzt noch Beispiele einer enormen Frichtbarkeit vor. Im Garten des syrischen Waisenhauses in Jerusalem hat einmal ein Gerstenkorn eine große Zahl von Ähren emporgetrieben, welche aus dem einen Korn 200 bis 300 zur Reife brachten. Im allgemeinen aber muss man sich mit einem 4- bis 13-fachen Ertrag zufriedengeben.

Andere Gewächse bringe ja viel mehr Frucht. Darin zeichnet sich besonders das Senfkorn aus, welches das kleinste unter den Samen ist. Und doch erzeugt es einen Strauch in Mannshöhe, welcher vieltausendfältige Früchte trägt. Und die Vögel des Himmels suchen Schatten unter ihm. Daher nimmt der Herr auch dies Körnlein zum Gleichnis für die Ausbreitung seines Reiches über die Welt. Denn wie ein kleines Samenkorn wurde es in den Boden Palästinas gelegt und schien sterben zu wollen, als der Herr am Kreuz hing. Jetzt aber ist’s ein mächtiger Baum geworden, der seine Schatten über den ganzen Erdkreis hin ausbreitet (Mt 13,31.32).

Das Haus Gottes

Das Haus Gottes in Form eines steinernen Hauses war zuletzt der Tempel in Jerusalem. Als Wohnstatt Gottes und Opferstätte wurde er abgelöst, als Jesus am Kreuz das ein für alle Mal gültige Opfer darbrachte. Zu diesem Zeitpunkt zerriss der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel (siehe Mt 27,51). Dieser zerrissene Vorhang symbolisierte, dass der Zugang zu Gott jetzt frei war – für jeden Menschen an jedem Ort.

Jesus hatte das einer samaritanischen Frau gegenüber vorausgesagt. „Glaube mir, Frau, es kommt eine Zeit, in der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. … Aber es kommt eine Zeit – und es ist jetzt –, dass die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Und der Vater sucht ja solche, die ihn so anbeten. Gott ist Geist; und die, die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“ (Joh 4,21-23).

Adolf Schlatter schreibt in seinem Kommentar „Der Evangelist Matthäus“ zu Mt 5,6: „Jesus bedurfte zum Gebet keinen geweihten Raum, nur Einsamkeit … In der Freiheit von allen kultischen Satzungen stand die palästinische Kirche der paulinischen nicht nach. Matthäus hat ebenso wenig Kirchen gebaut als Paulus.“

Jesus hat den überall gültigen Zugang zu Gott hergestellt, indem er ins himmlische Heiligtum ging. „Und nicht mit Blut von Böcken und Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein für alle Mal ins Heiligtum gegangen und hat ewige Erlösung erwirkt.“ (Hebr 9,12).

Nun wird ein anderes „Haus Gottes“ gebaut: „Lasst euch selbst als lebendige Steine aufbauen, als geistliches Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott willkommen sind durch Jesus den Messias!“ (1 Petr 2,5).
Oder wie im Hebräerbrief in Bezug auf den Messias steht: „Sein Haus sind wir, wenn wir die Zuversicht und die Hoffnung, auf die wir stolz sind, behalten.“ (Hebr 3,6).
Oder bei Paulus: „… damit du weißt, wie man im Haus Gottes verfahren muss, das ist die Gemeinde des lebendigen Gottes, Pfeiler und fester Grund für die Wahrheit.“ (1 Tim 3,15).

Die Gemeinde der Nachfolger von Jesus ist jetzt also das Haus Gottes – es gibt kein anderes auf der Welt. Dieses Haus wird auf- und weitergebaut, bis der Herr kommt. Sein Aufbau ist der einzig entscheidende Vorgang im derzeitigen Zeitalter, der Endzeit, zwischen dem Weggang und der Wiederkunft von Jesus. Sinnigerweise ist Jesus als gelernter Maurer jetzt auch der Baumeister dieses Gebäudes.

Für öffentliches Lehren nutzte man im Neuen Testament auch öffentliche Räume: Die Halle Salomos in Jerusalem, Synagogen an verschiedenen Orten, das Haus des Titius Justus (Apg 18,9) und den Lehrsaal des Tyrannos (Apg 19,9). Das waren keinesfalls „gemeindeeigene Gotteshäuser“. Es waren öffentliche oder private Gebäude, die man zweckmäßig nutzte, wie es gerade nötig und möglich war.

Die Häuser, in denen sich ein „Gemeindeleben“ tatsächlich abspielte, waren die Häuser und Wohnungen der Gläubigen. Das wären dann auch noch am ehesten steinerne „Gotteshäuser“, wenn man so will. Aber auch diese Sichtweise findet man nicht im Neuen Testament. Es gibt nur dieses eine Haus Gottes, das aus Menschen besteht.

(Man kann diesen Beitrag in ähnlicher Form auch in meinem Buch „Die Gemeinde des Messias“ nachlesen.)

Lobrede auf das Menschengeschlecht

Lobrede auf das Menschengeschlecht

oder

Beweis, dass das Neue Testament nicht mehr Wahrheit sei

(Eine Satire von Sören Kierkegaard aus seiner Zeitschrift „Der Augenblick“, Ausgabe vom 4. Juni 1855.)

Im Neuen Testament stellt der Heiland der Welt, unser Herr Jesus Christus, die Sache so dar. „Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenig ist derer, die ihn finden.“

… nun aber sind, um bloß bei Dänemark zu bleiben, wir alle Christen. Der Weg ist so breit als überhaupt möglich, am allerbreitesten in Dänemark, da es der Weg ist, auf dem wir alle gehen. Dabei ist er in jeder Beziehung bequem und die Pforte so weit als nur möglich. (Weiter kann doch eine Pforte nicht sein, als dass alle en masse durch sie gehen können.) –

Ergo ist das Neue Testament nicht mehr Wahrheit.

Ehre sei dem Menschengeschlecht! Du, o Heiland der Welt, du hast doch eine zu geringe Vorstellung von dem Menschengeschlecht gehabt. Denn du hast die Erhabenheit nicht vorausgesehen, die es in seiner Perfekibilität durch stetig fortgesetztes Streben erreichen kann!

In dem Grade ist also das Neue Testament nicht mehr Wahrheit. Der Weg ist so breit als möglich, die Pforte so weit als möglich, und wir alle sind Christen. Ja ich wage noch einen Schritt weiterzugehen – denn die Sache begeistert mich. Es handelt sich ja um eine Lobrede auf das Menschengeschlecht. Ich wage zu behaupten, dass die Juden unter uns im Durchschnitt bis zu einem gewissen Grad Christen sind. Christen so gut wie wir anderen alle. In dem Grad sind wir alle Christen, in dem Grad ist das Neue Testament nicht mehr Wahrheit.

Wir wollen der Verherrlichung des Menschengeschlechts gewiss nicht mit Aufstellung unwahrer Behauptungen dienen. Wir müssen aber doch darüber wachen, dass uns nichts, nichts entgeht, das seine Erhabenheit beweist oder andeutet. Ich wage daher noch einen Schritt weiterzugehen. Da mir aber die nötigen Kenntnisse fehlen, um in der Sache eine bestimmte Meinung zu haben, so wage ich bloß eine Vermutung auszusprechen. Das Endurteil überlasse ich den Sachverständigen, den Leuten vom Fach:

Zeigen sich nicht auch bei den Haustieren, wenigstens bei den edleren, bei Pferden, Hunden, Kühen, Zeichen des Christentums? Das ist gar nicht unwahrscheinlich. Man bedenke nur, was das heißen will, in einem christlichen Staat zu leben, in einem christlichen Volk, wo alles christlich ist und alle Christen sind, wo man immer und überall nichts anderes sieht als Christen und Christentum, Wahrheit und Wahrheitszeugen? Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass dies auf die edleren Haustiere einen Einfluss ausübt, und dass die steigende Veredelung (was nach Meinung der Zoologen und der Pfarrer stets das Wichtigste ist) sich auf die Nachkommenschaft vererbt.

Jakobs List ist ja bekannt. Um gesprenkelte Lämmer zu bekommen, legte er gesprenkelte Stäbe in die Wasserrinne, so dass die Mutterschafe nichts als Gesprenkeltes sahen und darauf gesprenkelte Lämmer zur Welt brachten. Es ist gar nicht unwahrscheinlich – doch will ich, da ich nicht Fachmann bin, darüber keine bestimmte Meinung haben und würde die Entscheidung am liebsten einem aus Theologen und Zoologen zusammengesetzten Komitee überlassen – es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass die Haustiere in der „Christenheit“ schließlich eine christliche Nachkommenschaft zur Welt bringen. Mir schwindelt fast bei diesem Gedanken. Dann aber wird – zur Ehre des Menschengeschlechts – das Neue Testament nach dem größtmöglichen Maßstab nicht mehr Wahrheit sein.

Du, o Heiland der Welt, als du bekümmert fragtest: „Wann ich wiederkomme, werde ich dann wohl auch Glauben finden auf Erden“? – und als du dein Haupt im Tode neigtest, da dachtest du wohl kaum daran, dass deine Erwartungen in einem solchen Grade übertroffen werden sollten; dass das Menschengeschlecht auf eine so schöne und rührende Weise das Neue Testament zur Unwahrheit machen und fast deine Bedeutung in Frage stellen würde. Denn sollten so rare Wesen wirklich eines Erlösers bedürfen oder je eines solchen bedurft haben?

Der Weinberg

(Der Weinberg – Auszüge aus dem Kapitel „Land und Feld“ des Buchs „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Beschrieben wird die Zeit um 1884 bis 1889.)

Wie die Israeliten ihre Weingärten einrichteten und pflegten, das kann man heute noch von Palästinas Bergen ebenso deutlich ablesen, wie vom Buch Jesaja 5,1ff. (vgl. Mk 12,1ff.). Dort wird von einem Weingärtner erzählt, der hat seinen Weinberg umgegraben, von Steinen gereinigt und edle Reben drein gesenkt. Er baute auch einen Turm und grub eine Kelter drein und wartete, dass er Trauben brächte. So besteht auch heute die erste und notwendigste Arbeit bei Anlegung eines Weinbergs darin, dass man ihn umgräbt. Steine und Felsen werden aus demselben entfernt und aus diesen rings herum und an den Terassenabsätzen starke, schützende Mauern erbaut.

Wer daher mit einem Esel auf einem Weg inmitten von Weinbergen reitet, dem kann es leicht ergehen wie dem Propheten Bileam „auf dem Pfad bei den Weinbergen, da auf beiden Seiten Mauern waren“, als sich die Eselin an die Mauer drängte und Bileam den Fuß an die Mauer klemmte (4 Mo 22,25).

Man kann auch heute noch stets auf einen faulen und törichten Weinbauer schließen, wenn man sieht, dass an seinem Weinberg die Mauer eingefallen ist, ohne dass er sie sofort wieder aufbaut (Spr 24,31). Denn ein einziger starker Winterregen kann alsdann die Arbeit vieler Jahre in wenigen Stunden zu nichte machen.

Erst vor wenigen Tagen ritt ich durch ein tiefes Tal, welchem der letzte ungestüme Winterregen arg mitgespielt hatte. Große Felsblöcke hatten sich von den Felswänden gelöst und waren mit Donnergepolter zu Tal gestürzt, unterwegs manchen Weinberg zerstörend. Zornig durchtoste ein wilder Strom das sonst so trockene Tal. Die Terassenmauern mancher dicht vom Bachbett an aufsteigender Weinberge waren nicht mehr fest gewesen. Wahrscheinlich waren sie beim ersten Loslösen und Lockerwerden vor einigen Wochen nicht wieder aufgebaut worden. Da waren denn ganze Hälften von Weinbergen, oft sogar über eine Mannshöhe tief, weggerissen. Wie klagend hingen da die Wurzeln der Weinstöcke in langen dunkeln Strähnen in die Felsblöcke des trockenen Bachbetts hinein.

Aber auch in solchem Zustand waren sie noch ein beredtes Zeugnis von der geheimnisvollen unterirdischen Tätigkeit des Weinstocks, welcher weithin durch den dunklen Schoß des Erdreiches seine Wurzeln aussendet, um mit rastlosem Fleiß köstlichen Saft aus der Erde aufzufangen und diesen droben in seinen wunderbaren chemischen Laboratorien, den lichten Weinbeeren, in Verbindung mit den himmlischen Sonnenstrahlen zu edlem süßem Wein zu kochen. Denn selbst von nur mittelgroßen Weinstöcken hingen die starken Wurzeln wohl 8 bis 10 m lang in das Bachbett hinein, auf den heißbestrahlten Felsen und Kieseln rasch verdorrend.

Solch ein Beispiel zeigt deutlich, wie notwendig die Ummauerung der Weinberge ist. Jene zerrissenen Weinberge machten es besonders klar, warum der Sänger des 80. Psalms das darniederliegende Israel gerade hiermit vergleicht, wenn er sagt: „Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt und denselben gepflanzt. Und er schlug Wurzeln und füllte das Land. Berge sind mit seinem Schatten bedeckt und mit seinen Reben die Zedern Gottes. Du hast sein Gewächs ausgebreitet bis ans Meer und seine Zweige bis ans Wasser. Warum hast du denn seine Mauern zerbrochen, dass ihn alles zerreißt, was vorübergeht?“ (Ps 80,9-13).

In diesem Psalm ist freilich, seinem Inhalt entsprechend, mehr der Schutz gegen wilde Tiere hervorgehoben, welchen die Mauern gewährten. Natürlich haben die Weinbergmauern auch heute noch diese Bedeutung, wenn auch die leidenschaftlichsten Weindiebe, die Schakale, sich nicht immer durch hohe Mauern von ihren nächtlichen Entdeckungsreisen abhalten lassen. Darum stellen die Weingärtner in der Traubenzeit häufig verborgene Fuchsfallen auf. Und wehe dem Schakal, dem auf diese Weise „sein Tisch vor ihm zum Strick“ (Ps 69,23) wird, so dass er seinem Jäger in die Hände fällt! Das scheinen die Füchse auch wohl zu wissen. Denn oft genug kommt es vor, dass der Schakal sich lieber das in der Falle eingeklemmte Bein selbst abbeißt und mit den drei übrigen wehmütig, aber ohne Klagelaut davonhumpelt, als dass er es auf das Erbarmen und Mitleid des Menschen ankommen ließe, über welches er sich absolut keinen Illusionen hingibt.

Nichtsdestoweniger kommen die Füchse immer wieder in ganzen Rudeln in die Weinberge, um frohen Herbst zu feiern. Und fast scheint es, als ob der süße Wein sogar diese rotpelzigen, nächtlichen Zecher berauschte. Denn selbst sie verlässt im Glück ihre weltberühmte Schlauheit. Anstatt dem Weinherrn ein Schnippchen zu schlagen und sich stillvergnügt hinter die Weinstöcke zu setzen und zu schmausen, stimmen sie bei der ersten glücklichen Entdeckung im Chorus ein Freudengeschrei aus vollem Hals an, welches fast wie Kindergeschrei klingt, worauf der Weinhüter schaden- und rachefroh mit der längst bereitgehaltenen Flinte herbeischleicht und eine Ladung Schrot unter die lustigen Brüder hineinpfeffert, welche meist von blutigen Folgen begleitet ist. (Neh 4,3; Klgl 5,18; Hohel 2,15).

Noch viel weniger freilich lassen sich die ärgsten aller Traubendiebe, die Spatzen, verscheuchen. Über alle wohlgemeinten Künste des Menschen, als da sind: Fallstricke (Ps 124,7; Spr 7,23; Spr 1,17), Leimruten, Strohmänner, Windmühlen usw. lachen sie sich heimlich ins Fäustchen und lassen sich dabei die süßen Trauben trefflich schmecken.

Außer den Mauern ist in Jesaja 5 bei der Anlage eines Weinbergs noch der Turm erwähnt. Auch heute noch sieht man diese Türme in großer Zahl in den Weinbergen. Sie sind aus Feldsteinen erbaut, kreisrund und meist ohne Mörtel zusammengefügt. Sie dienen der Weinlandschaft zur anmutigsten Zierde. Hier schlägt die Familie ihre Sommerwohnung auf und bewacht den Weinberg.

Viele behelfen sich aber auch ohne Turm, da sich in der Traubenzeit vom August bis November im Weinberg stets ein gemütliches Blätterdach findet. Bildet doch ein einziger großer Weinstock mit einigen einfachen Stützen mit Leichtigkeit ein Sommerhaus für die ganze Familie!

Nach dem Turm im Weinberg erwähnt Jesaja die Kelter, welche der Weinbauer grub. Diese Keltern, welche meistens in die Felsen gemeißelt wurden, sind zwar in unseren Tagen, wo die eigentliche Weinbereitung schon so lange darniederliegt, nicht mehr gebräuchlich. Wer aber heute über die Berge Judas reitet, und zwar gerade über weglose, felsige Berge, der wird staunen, wie fleißig die Landesbewohner eines längst entschwundenen Jahrtausends in dieser Beziehung gewesen sind. Viele hunderte dieser Felsenkeltern finden wir auf den Höhen, gleich einer urkundlichen Schrift, die in die harten Kalkfelsen des Landes gegraben, um späten Jahrhunderten zu bezeugen, welch gesegneter Weinbau einst hier gewesen ist und wiederum erstehen soll, und wie trefflich das Land schon im Segen Jakobs gekennzeichnet ist. „Juda wird sein Füllen an den Weinstock binden und seiner Eselin Sohn an den edlen Reben“ usw. (1 Mo 49,11).

Diese Felsenkeltern brauchten nicht wie die heutigen Pressen fast jährlicher teurer Reparaturen. Sie schienen für die Ewigkeit gebaut. Und in der Tat, während das Volk Israel mit all seinen Tempeln, Häusern, Trümmern durch die Stürme der Weltgeschichte vom Land wie weggefegt ist, seine Felsenkeltern sind heute noch da. Sehr oft sind sie sogar unversehrt, dass sie heute noch ebenso wieder in Gebrauch genommen werden könnten, wie sie einst an einem schönen Herbstabend vor zweitausend Jahren der letzte frohe israelitische Winzer zum letzten Mal in der fröhlichen Weinlese auf dem Gebirge Juda unter dem Jubel der Keltertreter benutzt hat.

Denn das Weinkeltern war damals wohl das froheste Fest im ganzen Land und stand mit dem Laubhüttenfest in engster Beziehung. Die Keltertreter standen in der Felsenkelter, einer viereckigen etwa etwa 30-40 cm tiefen Aushöhlung des Felsens, welche 1,5 bis 3, ja sogar 4 m im Geviert maß. Mittels eines Felsenkanals floß der ausgetretene Saft der Trauben in das Felsenfass, eine gleichfalls ausgemeißelte Weinzisterne. Zuerst wurden die Trauben mit bloßen Füßen getreten und zum Schluss noch mit Brettern belegt und so vollends gänzlich ausgepresst.

Eine ausgelassene Freude bemächtigte sich des Volkes an der Weinkelter im Weinberg. Und wohl jedermann wird sich das Vergnügen gemacht haben. eine Zeit lang Keltertreter zu sein. Das Traubentreten gestaltete sich zu einem förmlichen Reigentanz. Und in demselben Rhythmus, den die Füße auf die Trauben traten, während das Traubenblut aufspritzte auf ihre Kleider, sangen sie springend den fröhlichen Chorgesang, dessen Takt außer mit den Füßen wohl auch mit Zimbel, Tamburin und Triangel geschlagen wurde. Glückliche, ungetrübte Zeiten eines nun so unglücklichen Volkes, wenn die Freudengesänge hallten von Hügel zu Hügel, von Gebirge zu Gebirge, denn auch von Moab drüben ertönten jenseits des Toten Meeres dieselben jauchzenden Lieder der Weintreter. (Jer 48,33; Jes 16,10). Und neben den Keltern ergötzte sich die übrige Gesellschaft an Reigentanz und Gesang, Harfen-, Zither- und Paukenklang. (Ri 9,27). Kein größerer Gegensatz war daher dem Volk denkbar, als wenn das Unglück mitten in diese Freude einschlug.

Aber gerade um dieses Gegensatzes willen haben die Propheten die Schilderung des Gerichts in diese geläufigen und vertrauten Bilder gekleidet. Waren die Trauben einmal in der Felsenkelter, so konnte auch nicht eine einzige Beere dem Fuß des Treters entschlüpfen. Denn das Gitter vor dem Ausflusskanal ließ nur das ausgepresste Traubenblut hindurchrinnen.

Dies Bild benutzt der Prophet, wenn er den Herrn schildert, wie er aus dem Gerichtskrieg wider die Heiden kommt. „Wer ist der, so von Edom kommt, mit hochrotem Kleid von Bozra? So majestätisch sein Aufzug, das Haupt zurückgeworfen in der Fülle seiner Kraft! Warum ist denn dein Gewand so rotfarb und dein Kleid wie eines Keltertreters? Antwort: Ich trat die Kelter allein in meinem Zorn! Ich stampfte sie in meinem Grimm, und es spritzte ihr Saft auf meine Kleider. Ich zertrat die Völker in meinem Zorn und ließ zur Erde rinnen ihren Lebenssaft.“ (Jes 63,1ff.; Offb 19,15; Joel 3,18).

Der Weinstock

(Der Weinstock – aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Auszüge aus dem Kapitel „Land und Feld“. Man beachte, dass mit „heutzutage“ die Zeit zwischen 1884 und 89 gemeint ist.)

Auch der Weinstock wird in der heiligen Schrift oft genannt. Von Geburt ist er ein echtes Kind des Morgenlandes und nimmt seine feurige Glut in alle Zonen der Welt mit. Ohne Zweifel haben wir sein Heimatland dort zu suchen, wo schon die heilige Schrift in Noahs Geschichte den Weinbau zum erstenmal erwähnt. (1 Mo 9,20). Denn nur in den Ländern zwischen Ararat, Taurus und Kaukasus wächst noch heute die Weinrebe wild in üppigster Fülle und Pracht. An den Bäumen des Waldes windet sie sich empor. Mit ihren Ranken schwingt sie sich von Wipfel zu Wipfel, ein hellgrünes, sonniges Blätterdach bildend. Auch im Abendland pflückt man nicht alle Waldbeeren. Und so erntet man dort von den zahllosen Weintrauben nur so viel, als man eben Lust hat.

So üppig ist der Weinstock in Palästina nicht, wenn ich auch im Barada-Tal, nördlich von Damaskus, manche Rebe gesehen habe, welche wild wachsend an den höchsten Pappeln kühn emporkletterte, mit ihrem unteren Stamm manchem benachbarten jüngeren Pappelbaum gleichkommend. Heutzutage ist der Weinbau in Palästina nur noch der Schatten von dem, was er einst in Israels Blütezeiten war. Wie in manchem Land des Orients hat ihm auch hier der Muhammendanismus fast den Todesstoß versetzt. Die feurige berauschende Glut, welche in der leuchtenden Flüssigkeit des Weins heimlich ruht und besonders in dem südlichen Klima allzuleicht den Kopf beschwert, den Mann betört und der klaren Besonnenheit beraubt, erschien schon im Altertum manchem als etwas Unheimliches, Dämonisches.

Aus diesem Grund sollten die Gottgeweihten, wie die Nasiräer, Simson, Aaron und seine Söhne vor dem Dienst im Heiligtum, Johannes der Täufer usw. keinen Wein trinken. (3 Mo 10,9; 4 Mo 6,3; Lk 1,15). Auch die alten Ägypter hielten den Wein aus demselben Grund für eine Erfindung des bösen Geistes Typhon. Sie sollten daher nur den frisch ausgepressten süßen Saft der Traube trinken. Aus der Geschichte Josefs wird sich der geneigte Leser jenes Mundschenken erinnern, welcher bei der königlichen Tafel den Becher des Pharaos in der einen Hand hat und mit der anderen Hand die köstlichen Traubenbeeren in den Becher zerdrückt und so dem König den frisch den Beeren entströmenden jungen Wein kredenzt. (1 Mo 40,11). So verbot auch Muhammed seinen Gläubigen den Genuss gegorenen Weines und vernichtete dadurch die Blüte so manches gesegneten Weinlandes.

Die Israeliten waren frei von solchem Vorurteil. Bei ihnen war der edle Wein hochgeschätzt, und Psalmsänger und Propheten wissen viel Rühmliches und Herrliches von ihm zu sagen. „Der Wein“, sagt Jesus Sirach, „ist geschaffen, dass er Menschen fröhlich machen soll. Und was ist das Leben, da kein Wein ist!“ (Sir 31,33.34). „Der Wein erfreut des Menschen Herz“ rühmt an mancher Stelle das Alte Testament. (Ps 104,15; Pred 10,19; Sir 40,20). Und Jotam lässt in seiner berühmten Fabel den Weinstock sagen: „Soll ich meinen Most lassen, der Götter und Menschen fröhlich macht, und hingehen, dass ich über den Bäumen schwebe?“ (Ri 9,13).

Zwar warnt das Alte Testament oft genug vor dem Übermaß. „Sieh den Wein nicht an, dass er so rot ist!“ (Spr 23,31). Und es ruft sein Wehe über die Helden im Weinsaufen. (Jes 5,22). Aber im Gegensatz zu denen, welche auch in unserer Zeit selbst den mäßigen Genuss zur Sünde machen wollen, gibt es den freundlichen Rat: „Trink deinen Wein mit gutem Mut!“ (Pred 9,7). Oder: „Gebt den Wein den berübten Seelen, dass sie trinken und ihres Elends vergessen.“ (Spr 31,6.7).

Alles dies zeigt uns, dass Palästina mit seinen sonnigen Hügeln und heißen Tälern seit alters ein gesegnetes Weinland gewesen ist. Und der edle, feurige Wein, welchen die wiederbeginnende Weinkultur Palästinas in den verschiedenen Sorten hervorbringt, zeigt, dass das Land seine Fähigkeit in dieser Beziehung auch heute noch nicht verloren hat. Schon die Kundschafter Israels brachten vor drei Jahrtausenden jene köstliche Weintraube als einen Hauptzeugen der Fruchtbarkeit des Landes, „da Milch und Honig fließt“, ihren in der Wüste harrenden Volksgenossen aus der Gegend von Hebron mit. Und so kann man auch heute noch in jener Gegend gar manche Traube finden, welche gegen zwölf Pfund wiegt. (4 Mo 13,24).

Aber wie schön muss das Land Juda erst in seinen guten Zeiten ausgesehen haben! Auf dem Gebirge, z. B. in der Gegend von Betlehem, kann man große weit ausgedehnte Berge finden, die dem flüchtigen Wanderer nur als starre Felswildnis erscheinen. Aber bei näherem Zusehen sind sie von der Sohle bis zum Scheitel überall mit Trümmern ehemaliger sorgfältiger Terassen und in den Fels gehauenen Keltern bedeckt. Und auch die Namen, welche hierzulande die einzelnen Grundstücke der Markungen führen, deuten auf den früheren Weinreichtum. So heißen die meisten der als gänzliche Wildnis angekauften Ländereien des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem im Volksmund „Kerm“. Das heißt Weinberg. Zum Beispiel Kerm es safuti usw. Wie denn auch die ganze Bergformation für den Weinbau wie geschaffen ist. Bildete doch der Weinstock neben dem Ölbaum den Hauptreichtum des Landes Juda. …

Aus der kleinen Rebe mag bei gutem Boden und sorgfältiger Behandlung ein baumdicker Stamm werden, durch welchen in einem Jahr der Saft von mehr als 1000 Trauben hindurchfließt, während seine Zweige einem weiten Hof Schatten spenden. Wahrscheinlich hat der Herr selbst, bevor er sein öffentliches Amt antrat, den Weinstock oft bearbeitet, beschnitten, gepflegt.

Das wunderbare Treiben und Quellen der Säfte, die durch seinen Stamm strömen, dieser überraschende Reichtum einer anfangs so unscheinbaren Pflanze, die sich in hunderte von entfernten Reben teilt, denen der Stamm bis in die entfernteste Ecke des Hofes Kraft und Saft und Süßigkeit sendet, während es andererseits für das Gedeihen der Reben die Hauptsache ist, dass gerade die in den Augen des Unerfahrenen schönsten Triebe Jahr für Jahr mit scharfer Hippe abgeschnitten werden – dies alles veranlasste auch den Herrn, dies Gewächs, und sonst keines, zum Sinnbild seiner Person zu machen. „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben! Einen jeglichen Reben an mir, der nicht Frucht bringt, wird mein Vater, der Weingärtner, wegnehmen. Und einen jeglichen, der da Frucht bringt, wird er reinigen, dasss er mehr Frucht bringe.“ (Jo 15,1-2).

Auch an sein Haus in Dorf und Stadt liebte der Israelit einen Weinstock zu pflanzen. Und er zog ihn um das ganze Haus herum, dass er mit seinem Schatten und seiner Süßigkeit das Haus umfing. Bis oben auf das platte Dach rankten sich seine grünen Zweige. Und so war das ganze Haus, von allen Seiten mit köstlichen Trauben behangen, durch Reben und Ranken wie mit vielen Segens- und Liebesarmen innig umschlungen. Einen solchen Weinstock, der vielleicht seine eigenes Heim umrankte, hat jener Psalmsänger im Sinn, wenn er den Segen und die herzerquickende Liebe der Hausfrau in jenes sinnige Gleichnis kleidet. „Dein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock um dein Haus herum!“. (Wörtlich: „an den beiden Seiten deines Hauses“ Ps 128,3).

Wo Milch und Honig fließt

(Wo Milch und Honig fließt – aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Aus dem Kapitel „Land und Feld“.)

Die bekannte, von Mose an durch alle Propheten hindurchgehende Bezeichnung Palästinas ist „das Land, wo Milch und Honig fließt“ (2 Mo 3,8). Und diese deutet entschieden auf dessen Reichtum an Weinreben. Denn an Bienenhonig können wir bei diesem Ausdruck kaum denken. Zwar ist auch der hiesige Bienenhonig wegen seines feinen Aromas besonders gerühmt. Aber das Land hat denselben niemals in solcher Menge hervorgebracht, dass dies Produkt für das ganze Volk von so hoher Wichtigkeit und Bedeutung hätte werden können, um neben der Milch als größten Vorzug des Landes genannt zu werden. Immer hätten nur wenige Familien von diesem Erwerbszweig leben können.

Ja, ein reicher Ertrag an Bienenhonig wird in Jes 7,15.16 geradezu als Zeichen der Verwüstung und Verödung des Landes bezeichnet. Denn alsdann wird auf den früheren Saatfeldern und Weinbergen, „woselbst tausend Weinstöcke waren um tausend Silberschekel“, nur noch das wilde Gestrüpp des Dornbuschs und der Thymians mit seinen honigreichen Blüten wachsen. Und von letzterem wird auch heute noch die Haupthonigernte Palästinas eingesammelt. (Jes 7,23.24).

Das einwandernde Israel übernahm Palästina von den Kanaanäern nicht als unbebaute Steppe, welche der Erzeugung von Honig besonders günstig gewesen wäre, sondern im Zustand blühender Kultur. Denn, sagt Mose zu Israel, der Herr bringt dich in ein Land, darin nicht nur große und feine Städte, fertige, mit allerlei Gut gefüllte Häuser und gemeißelte Zisternen sind, sondern auch „Weinberge und Ölbäume, die du nicht gepflanzt hast“ (5 Mo 6,11). Die Beziehung auf Bienenhonig erscheint somit ganz und gar unpassend. Wenn man das Land mit den Worten „Milch und Honig“ kennzeichnete, mussten damit die beiden Hauptprodukte des Landes genannt sein.

Wie ganz anders aber gestaltet sich die Sache, wenn wir unter diesem Honig den Traubenhonig verstehen! Damit ist in weiterem Sinne überhaupt der süße, honigartige Saft der edlen Weinrebe gemeint. Denn während die Biene nur selten erwähnt wird, ist das Alte Testament voll von Reden und Gleichnissen über den Weinstock. In allen Weinbergen wird auch heute noch in rechten Traubengegenden kurz vor der eigentlichen Kelterzeit eine Menge von frischausgekeltertem Wein in großen Kesseln zu einer dicken Masse eingekocht. Dadurch gewinnt man den süßen köstlichen Traubenhonig, der auch in biblischer Zeit eine so große Rolle gespielt zu haben scheint.

Dass diese Auffassung sprachlich nicht nur zufällig ist, sondern sogar sehr nahe liegt, ist jedem des Hebräischen Kundigen bekannt. Denn das betreffende Wort „debasch“ heißt buchstäblich „Eingedicktes“, für jenen eingekochten Traubensaft eine ganz zutreffende Bezeichnung. Dass das Wort im Alten Testament diese Bedeutung auch hatte, ist überhaupt nicht Neues. In der Ägypten am nächsten gelegenen Gegend von Hebron wird heute noch am meisten Traubenhonig „eingedickt“ und nach Ägypten verkauft. Einst aber, in den Tagen Moses, reichten die Weinberge noch mehrere Tagereisen weiter nach Süden. Fast bis nach Kades Barnea (Gadis), in jene Gegenden, wo heute nur noch der Beduine, dieser Erzfeind aller Kultur, haust. Wo nur noch die zahlreichen Terassentrümmer an den verödeten Bergen von einem blühenden Weinbau längst verflossener Zeiten Zeugnis geben.

Schon in den ältesten Zeiten verkaufte man diesen Traubenhonig nach Ägypten, welches seinerseits von seinem Kornreichtum an Kanaan abgab. Wenn daher die Söhne Jakobs (1 Mo 43,11) dem mächtigen Josef in Ägypten den „Preis des Landes“ aus Hebron mitbringen, nämlich außer Balsam, Gummi, Pistatzien und Mandeln, hauptsächlich auch „debasch“, so werden wir sehr wahrscheinlich nicht an Naturhonig, sondern an jenen Kunsthonig zu denken haben. Dieser bildet sogar auch heute noch einen Hauptartikel der Ausfuhr aus Hebron nach Ägypten.

Und da die Ägypter damals gegorenen Wein nicht tranken, konnte man solchen auch nicht importieren. Und so führen die Kamelkarawanen aus dem weinreichen Land die Produkte des Weinstocks nur als „debasch“ ein. D. h. als eingekochten Traubenhonig. Dann aber war wirklich für die Ägypter und die in Ägypten wohnenden Israeliten dieses „Eingedickte“, dieser Traubenhonig, neben der Milch der kanaanitischen Weidetriften das bezeichnendste Hauptprodukt des benachbarten nördlichen Berglandes. Und, merkwürdig genug, fragen wir nach dem Namen, womit die Araber heute diesen Traubenhonig bezeichnen, so finden wir genau dasselbe hebräische Wort, welches schon Mose vor mehr als 3000 Jahren in jener Bezeichnung des Landes anwandte, „debasch“ oder in arabischer Umlautung „dibs“.

Was bedeutet sonach die Bezeichnung „da Milch und Honig fließt“? Die Israeliten sollten in ein Land kommen, wo sie außer dem täglichen Brot noch die beiden für einen Orientalen köstlichen Zutaten haben sollten. 1) Milch, d. h. vorzügliche, ausgedehnte Weidetriften, wie sie sich im Süden von Hebron, südlich von Betlehem bei Tekoa, in der Wüste Juda und jenseits des Jordans befanden. 2) Traubenhonig d. h. ein herrliches Weinland, von dessen sonnenwarmen Hügeln der Wein geradezu in Strömen floss. Als daher die beiden Kundschafter im August oder September (4 Mo 13,21) zu dem in Kadesch harrenden Volk zurückkamen, sagte sie: „Wir sind wirklich in das Land gekommen, da Milch und Honig fließt“. Und dabei hoben sie nicht etwa Bienenwaben, sondern die große Weintraube vom Bach Eschkol vor allem Volk in die Höhe. „Dies ist seine Frucht!“

Die Schrift bestätigt unsere Auffassung auch sonst, wenn sie statt des sprichwörtlichen „Da Milch und Honig fließt“ eine Umschreibung wählt. Z. B. im Segen Jakobs 1 Mo 49,11,12: „Juda wird sein Kleid in Wein waschen und seinen Mantel in Traubenblut. Trübe sind seine Augen von Wein und weiß seine Zähne von Milch!“. (Bienenhonig ist in diesem alle Teile des Landes ebenso kurz wie treffend charakterisierenden Segen gar nicht erwähnt).

Joel (3,23) bezeichnet auch das glückliche Palästina der Zukunft wiederum als ein Land, da Milch und Weinhonig fließen soll. Es heißt dort: „Zu derselbigen Zeit werden die Berge mit süßem Wein triefen und die Hügel mit Milch fließen.“ (Vgl. Amos 9,13). Und weil der Weinstock gleich dem Ölbaum selbst auf dem felsigsten Gebiet, wenn er nur unterirdische Nahrung findet, oft am besten gedeiht, heißt es 5 Mo 32,13: „Gott ernährte Israel mit den Früchten des Feldes und ließ ihn (Trauben-)Honig saugen aus den Felsen und Öl aus den harten Steinen.“

Drei Formen von Ärgernis

(Drei Formen von Ärgernis – ein Abschnitt aus dem Buch „Die Krankheit zum Tode“ von Sören Kierkegaard. Erschienen am 30. Juli 1849)

Die niedrigste der drei Formen von Ärgernis, die – menschlich gesprochen – unschuldigste, ist diejenige, das Ganze mit Christus unentschieden zu lassen und so zu urteilen: Ich erlaube mir nicht, darüber zu urteilen; ich glaube nicht, aber ich verurteile nichts. Dass dies eine Form des Ärgernisses ist, entgeht den meisten. Die Sache ist, man hat das christliche „Du sollst“ rein vergessen. Daher kommt es, dass man nicht sieht, dass es Ärgernis ist, Christus in die Indifferenz zu stellen. Dass das Christentum dir verkündet ist, bedeutet: du sollst eine Meinung über Christus haben. Er selber oder dies, dass er ist und dass er dagewesen ist, ist die Entscheidung des ganzen Daseins. Ist Christus dir verkündet, so ist es Ärgernis, zu sagen: Ich will darüber keine Meinung haben.

Doch muss dies mit einer gewissen Einschränkung verstanden werden in diesen Zeiten, wo Christus so mittelmäßig verkündet wird, wie es geschieht. Es leben freilich viele Tausende, die das Christentum verkünden hörten und dabei niemals etwas von diesem „Du sollst“ gehört haben. Aber der, der es gehört hat und dann sagt: ich will keine Meinung darüber haben, der nimmt Ärgernis. Er leugnet nämlich Christi Gottheit, dass sie das Recht hat, von einem Menschen zu fordern, er solle eine Meinung haben.

Es hilft nicht, dass ein solcher Mensch sagt: „Ich sage ja nichts aus, weder ja noch nein, über Christus“. Denn dann fragt man ihn bloß: Hast du denn überhaupt keine Meinung darüber, wieweit du über ihn eine Meinung haben sollst oder nicht? Antwortet er darauf: Ja, dann fängt er sich selbst. Und antwortet er: Nein, so urteilt das Christentum dennoch, dass er eine Meinung darüber haben solle und also wiederum über Christus, dass kein Mensch so vermessen sein solle, Christi Leben wie eine Kuriosität dastehen zu lassen.

Wenn Gott sich gebären lässt und Mensch wird, so ist dies kein sinnloser Einfall. Es ist nichts, worauf er kommt, um sich doch etwas vorzunehmen, vielleicht um der Langeweile ein Ende zu machen, die, wie man frech gesagt hat, mit dem Gottsein verbunden sein soll. Dies geschieht nicht, um Abenteuer zu erleben. Nein, Gott tut es, und so ist dieses Faktum der Ernst des Daseins. Und dies ist wiederum der Ernst in diesem Ernst: dass jeder darüber eine Meinung haben soll.

Wenn ein König eine Provinzstadt besucht, sieht er es als eine Beleidigung an, wenn ein Beamter – falls er nicht gesetzliche Gründe hat – es unterlässt, ihm seine Aufwartung zu machen. Was aber würde er sagen, wenn einer das ganze Faktum ignorieren würde, dass der König in der Stadt wäre? Wenn er den Privatmann spielen würde, der in dieser Hinsicht „auf seine Majestät und das Königsrecht pfeift“? Und so auch, wenn es Gott gefällt, Mensch zu werden – und es dann einem Menschen gefällt (und was der Beamte für den König ist, das ist jeder Mensch für Gott) darüber zu sagen: Ja, das ist etwas, worüber ich keine Meinung zu haben wünsche. So spricht man vornehm über das, was man im Grunde übersieht: also übersieht man vornehm Gott.

Die nächste der drei Formen von Ärgernis ist die negative, aber leidende. Sie fühlt wohl, dass sie es nicht vermag, Christus zu ignorieren, die Sache mit Christus dahingestellt sein zu lassen und dann im übrigen Leben viel zu tun zu haben. Dazu ist sie nicht imstande. Aber glauben kann sie auch nicht. Sie fährt fort, auf ein und denselben Punkt hinzustarren, auf das Paradox (Christus zugleich als Gott und einzelner Mensch). Insofern ehrt sie doch das Christentum, sie drückt aus, dass diese Frage: Was dünkt dich um Christus? wirklich das Entscheidende ist. Jemand, der so im Ärgernis lebt, lebt dann wie ein Schatten dahin. Sein Leben wird verzehrt, weil er in seinem Innersten immer mit dieser Entscheidung beschäftigt ist. Und so drückt er aus (wie das Leiden der unglücklichen Liebe im Verhältnis zur Liebe), welche Realität das Christentum hat.

Die letzte der drei Formen von Ärgernis ist die positive. Sie erklärt das Christentum für Unwahrheit und Lüge. Sie leugnet Christus (dass er dagewesen sei und dass er der ist, der zu sein er sagte) entwedet doketisch oder rationalistisch. So wird Christus entweder nicht wirklich ein einzelner Mensch, sondern nur scheinbar (doketisch). Oder er wird nur ein einzelner Mensch (rationalistisch). Christus wird entweder doketisch Poesie und Mythologie, die nicht Anspruch auf Wirklichkeit hat. Oder er wird rationalistisch eine Wirklichkeit, die nicht Anspruch erhebt, göttlich zu sein. In diesem Verneinen von Christus als Paradox liegt natürlich die Leugnung alles Christlichen: der Sünde, der Vergebung der Sünden usw.

Diese Form von Ärgernis ist Sünde wider den heiligen Geist. Wie die Juden von Christus sagten, er treibe die Teufel mit Hilfe des Teufels aus, so macht dieses Ärgernis Christus zu einer Erfindung des Teufels.

Ehelosigkeit

Ehelosigkeit ist eine leider wenig beachtete Empfehlung des Neuen Testaments. Dabei ist natürlich nicht der Verzicht auf eine formelle Heirat gemeint, sondern der Verzicht auf jegliche sexuelle Beziehung überhaupt. Das schönere und positive Wort dafür wäre „Keuschheit“. Aber dieses Wort ist aus dem modernen Sprachgebrauch wegen des Desinteresses an der Sache völlig verschwunden. Dieses Schicksal teilt es mit seinem Gegenbegriff, der „Unzucht„. Natürlich schließt der Verzicht auf die Ehe auch den Verzicht auf eigene Kinder mit ein.

Vom Alten Testament her war ein Interesse an der Ehelosigkeit nicht zu erwarten. Das irdische Volk Israel war von seinem Ursprung her auf Abstammung und Fortpflanzung angelegt. Das ging bis hin zur Schwagerehe, in der ein Mann für seinen kinderlos verstorbenen Bruder mit dessen Frau noch einen Nachkommen erzeugen sollte. Auch die Pharisäer zur Zeit von Jesus waren auf Ehe und Nachkommenschaft fixiert, wie auch ihre geistigen Nachkommen, die orthodoxen Juden, bis heute.

Anders dagegen die Richtung der Essener, die damals schon den Gedanken entwickelt hatten, dass zu einer ganzen Hingabe an Gott die Ehelosigkeit am besten sei. Sie hatten deshalb neben Verheirateten auch viele Ehelose in ihrer Gemeinschaft. Im Lukasevangelium begegnen uns die drei ledigen Geschwister Lazarus, Marta und Maria, die in Betanien zusammen wohnten. Ihre Lebensform ist in damaliger Zeit eigentlich nur denkbar, wenn sie Mitglieder oder zumindest Sympathisanten der Essener waren.

Auch bei Jesus selbst wird zu wenig beachtet, dass in seinem ganz an den Vater und die Menschen hingegebenen Leben eine Ehefrau keinen Platz hatte. (Die ihm von der Welt angedichteten Verhältnisse wie z. B. mit Maria Magdalena sind natürlich Unsinn.) Aber er hat es nicht nur vorgelebt, er hat auch davon gesprochen.

Seine Jünger kamen einmal im Gespräch über die Schwierigkeiten der Ehe zu dem Schluss: „Wenn die Sache des Ehemannes mit der Ehefrau so steht, ist es nicht gut zu heiraten.“ Und da stimmte ihnen Jesus zu und erklärte ihnen: „Nicht alle erfassen diese Sache, sondern nur die, denen es gegeben ist. Es gibt ja Eunuchen, die aus dem Mutterleib so geboren werden. Es gibt auch Eunuchen, die von den Menschen dazu gemacht werden. Und es gibt Eunuchen, die sich wegen des Königreichs der Himmel selbst dazu machen. Wer das erfassen kann, soll es erfassen!“ (Mt 19,10-12).

Ein Eunuch ist im engeren Sinne ein durch Kastration zeugungs- und damit eheunfähig gemachter Mann. Ím weiteren Sinne galt es damals offensichtlich auch für einen, der von Geburt an eine entsprechende Unfähigkeit hatte. Jesus erweiterte dieses Spektrum noch auf die, welche für sich selbst „wegen des Königreichs der Himmel“ auf sexuelle Beziehungen ganz verzichten. Und er geht davon aus, dass es solche Leute tatsächlich gibt. Es ist also keine Theorie, es ist Praxis. Natürlich hatte er damals das Beispiel der Essener vor Augen. Aber eine gewisse Empfehlung an seine Jünger darf man sicherlich heraushören.

Eine deutlichere Sprache in dieser Richtung sprechen die mehrmals vorkommenden Stellen, an denen Jesus davon spricht, dass das Reich Gottes die natürliche Familie außer Kraft setzt. Man soll ihn mehr lieben als Vater und Mutter. Man kann Vater, Mutter, Frau und Kinder verlassen, um ihm zu folgen. Einem potentiellen Nachfolger verweigert er die Erlaubnis, die Beerdigung von dessen verstorbenem Vater auszuführen. Der Bruch mit der leiblichen Familie beinhaltet natürlich auch den Bruch mit der Ehe.

Diese Prioritätensetzung bestätigt Paulus in seinen Ausführungen zu Ehe und Ehelosigkeit in 1 Kor 7. Zunächst weist er eine generelle Ablehnung der Ehe zurück. „Was das betrifft, was ihr geschrieben habt: ‚Es ist gut für einen Mann, keine Frau zu berühren!‘ (Dazu sage ich:) Wegen der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und genauso jede den eigenen Mann.“ (Verse 1-2). Aber die Empfehlung zur Ehelosigkeit spricht der ehelose Gesandte des Herrn dann deutlich aus. Betrachten wir die Stellen dazu in der Zusammenstellung:

„(Wenn ihr mich fragt, dann) will ich, dass alle Menschen (unverheiratet) sind wie auch ich; aber jeder hat eine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“ (Vers 7)

„Ich sage den Unverheirateten und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie aber nicht verzichten können, sollen sie heiraten. Es ist doch besser, verheiratet zu sein, als sich (vor Verlangen) zu verzehren.“ (Verse 8-9)

„Was die Jungfrauen betrifft, habe ich keine Anordnung des Herrn. Eine Meinung gebe ich aber als jemand, der beim Herrn das Erbarmen gefunden hat, gläubig zu sein: Ich glaube, dass Folgendes gut ist wegen der gegenwärtigen Not, dass es also gut ist für einen Menschen: Bist du an eine Frau gebunden, suche keine Loslösung, bist du von einer Frau gelöst, suche keine Frau!“ (Verse 25-27)

„Der Unverheiratete sorgt für die Dinge des Herrn, wie er dem Herrn gefällt. Der geheiratet hat, sorgt aber für die Dinge der Welt, wie er der Frau gefällt, und er ist zerteilt. Sowohl die unverheiratete Frau als auch die Jungfrau sorgt für die Dinge des Herrn, dass sie heilig ist, mit dem Leib und mit dem Geist. Die geheiratet hat, sorgt aber für die Dinge der Welt, wie sie dem Mann gefällt. Das sage ich, weil es gut für euch selbst ist, und nicht, um euch eine Schlinge überzuwerfen. Aber es soll angesehen sein, dem Herrn auch ungehindert zur Verfügung zu stehen!“ (Verse 32-35)

„Wenn aber jemand glaubt, er würde seine Jungfrau beschämen, wenn sie eine alte Jungfer würde, und es müsse so sein, dann soll er tun, was er will, er versündigt sich nicht, er soll sie heiraten lassen. Wer in seinem Herzen aber fest steht, keine Notwendigkeit sieht, Freiheit über seinen Willen hat und so in seinem Herzen beschlossen hat, seine Jungfrau zu bewahren, der tut gut daran. Deshalb macht es der, der seine Jungfrau heiraten lässt, gut, und der, der sie nicht heiraten lässt, macht es besser.“ (Verse 36-37)

„Eine Frau ist auf so lange Zeit gebunden, wie ihr Mann lebt. Wenn der Mann entschläft, ist sie frei, sich heiraten zu lassen, von wem sie will, nur im Herrn. Glücklicher ist sie meiner Meinung nach aber, wenn sie so bleibt. Und ich meine, dass auch ich Geist Gottes habe.“ (Verse 38-39)

Auch bei der Anerkennung der „wirklichen Witwen“ im ersten Timotheusbrief klingt diese Sichtweise durch: „Zu ‚Witwen‘ darfst du (nur) die bestimmen, die wirkliche Witwen sind. … Die wirkliche Witwe, die niemanden mehr hat, hat ihre Hoffnung auf Gott gesetzt und bleibt beim Bitten und Beten Tag und Nacht.“ (1 Tim 6,1.3). Diese Bestimmung zeigt auch, dass die ehelose Lebensart zumindest bei diesen „wirklichen Witwen“ auf einer Entscheidung beruhte, die in der Gemeinde bekannt und anerkannt war. Sie sollte wohlüberlegt sein, man durfte sich dazu nicht leichtfertig verpflichten.

Offensichtlich hatte man damit auch schon entsprechende Erfahrungen gemacht. „Jüngere Witwen musst du aber zurückweisen! Denn wenn sie – entgegen dem Messias – üppig leben wollen, dann wollen sie (wieder) heiraten und haben das Urteil, dass sie mit der anfänglichen Treue gebrochen haben. Zugleich lernen sie auch, unnütz in den Häusern umherzugehen, und nicht nur unnütz, sondern auch schwatzhaft und neugierig, und zu reden, was sich nicht gebührt. Ich will also, dass jüngere (Witwen wieder) heiraten, Kinder haben, ein Haus führen, dem Gegner keinen Anlass zur Verleumdung geben. Schon haben sich ja einige abgewandt hinter dem Satan her.“ (1 Tim 6,11-15). Es geht also nicht darum, dass die Ehelosigkeit einen eigenen Wert an sich hätte, es geht vielmehr um den geistlichen Lebensstil, den sie ermöglicht.

Die christliche Lebensweise, die wir heutzutage im Allgemeinen kennen, beinhaltet die Wertschätzung von Ehe und Familie. Die Ehelosigkeit ist als Ausnahmefall institutionalisiert im katholischen Mönchs- und Nonnenwesen. Im evangelischen Bereich gibt es traditionell die Diakonissenhäuser und in moderneren Zeiten die Einrichtung von Kommunitäten, in denen die ehelose Lebensform ihren Platz hat. Beiden Bereichen ist gemeinsam, dass die Ehelosigkeit als Ausnahme und Sonderform angesehen wird. Der allgemeinen christlichen Gemeinde, die im Alltag lebt, ist sie entnommen. Die Gemeinde bleibt weiterhin im Denkmuster von Ehe und Familie als Normalfall. Und es gibt ja auch die Geschwister, denen es ein Anliegen ist, die noch vorhandenen Unverheirateten miteinander zu verkuppeln.

Wer also meint, die Ehelosen hätten es aber doch irgendwie schwerer als die Verheirateten, sollte nochmal über die Stellungnahme von Paulus nachdenken. 1 Kor 7,28: „Aber auch wenn du heiraten willst, versündigst du dich nicht. Und wenn die Jungfrau sich verheiratet hat, hat sie sich nicht versündigt. Solche werden jedoch Schwierigkeiten mit der menschlichen Natur haben, ich aber möchte euch (davon) verschonen.“ Und so manche ehrlichen Verheirateten würden Paulus da aus Erfahrung wohl auch noch Recht geben …

Die ganze Hingabe in der Nachfolge, die auf Ehe und Familie verzichtet, ist in der neutestamentlichen Gemeinde eine Realität. Die Ehelosigkeit gehört vor Ort in die Gemeinde als gleichwertige und anerkannte Lebensform neben der Ehe. In der Zeit der frühen Christen waren im römischen Reich mehrere Christenverfolgungen zu bestehen. Und in den Berichten über die Märtyrer tauchen immer wieder sogenannte „heilige Jungfrauen“ auf, die willig für Jesus in den Tod gingen. Die Sache war also damals noch eine Realität.

Die Endzeit, in der die Gemeinde steht, hat auch ihre Rückwirkungen auf die Sicht von Ehe und Familie. „Das sage ich, Geschwister: Die Zeit ist begrenzt. Im Weiteren sollen auch alle, die Frauen haben, wie solche sein, die keine haben.“ (1 Kor 7,29). Mit dieser Relativierung ist auch die romantische Vorstellung erledigt, die Ehe sei dazu da, einander glücklich zu machen. Das Glück des Christen kommt von Gott und nicht vom Ehepartner. Nebenbei bemerkt, kann der Verzicht auf solch weltliche Vorstellungen eine große Entlastung für die Ehe bedeuten. Und die zerstörerische Vergötterung des Ehepartners und/oder der Kinder ist damit ausgeschlossen.

Ehelosigkeit ist nach Jesus auch die Lebensform der Zukunft, ein Hinweis auf die Existenzweise in der neuen Welt Gottes. Mt 29,30 / Mk 12,25 / Lk 20,35-36: „Die aber, die für wert gehalten werden, zu jener Welt zu kommen und zur Auferstehung von den Toten, die heiraten nicht und sind nicht verheiratet, wenn sie von den Toten auferstehen. Sie können ja auch nicht mehr sterben, sondern sie sind Engeln in den Himmeln gleich und sind Söhne und Töchter Gottes, weil sie Söhne und Töchter der Auferstehung sind.“

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