Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

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Die Diaspora

Die Diaspora der außerhalb Israels zerstreut lebenden Juden wird einmal auch im Johannesevangelium genannt. Als Jesus auf dem Laubhüttenfest den Judäern sagte, er werde bald weggehen, mutmaßten seine Zuhörer: „Will er etwa in die Diaspora der Griechen gehen und die Griechen lehren?“ (Joh 7,35). Mit „Griechen“ sind in diesem Zusammenhang nicht ethnische Griechen gemeint, sondern griechischsprechende Juden. Hebräisch sprach man nur noch „zu Hause“ in Judäa, die Sprache des Diasporajudentums war Griechisch. Auch die in Joh 12,20-21 genannten Griechen, die auf dem Fest nach Jesus fragten, waren natürlich solche griechischsprechenden Diaspora-Juden.

Über dieses Diaspora-Judentum habe ich interessante Informationen gefunden in dem Buch „Die Umwelt Jesu“ von Henri Daniel-Rops. Ich zitiere davon Auszüge aus dem Kapitel „Die große jüdische Zerstreuung“ mit vereinzelt leicht modernisiertem Wortlaut:

Ein Umstand trug dazu bei, Israel von seiner Größe zu überzeugen. Außerhalb des heiligen Landes lebten etwa vier Millionen, die Brüder der Juden in Israel waren. Das wusste jeder Zeitgenosse von Jesus. Sah er nicht, wie seine entfernt lebenden Volksgenossen zu den großen Festen zurückkehrten, um in Jerusalem zu beten? … Sah er nicht, dass es in den Schulen der Heiligen Stadt viele Studenten gab, die aus diesen verstreuten Gemeinden kamen? … Es gab also eine jüdische Migration, die der heutigen recht ähnlich war. Man nannte sie „die Zerstreuung“ oder, auf Griechisch, die Diaspora. …

Die beiden Hauptzentren der Diaspora waren Rom und Alexandria. In der großen ägyptischen Metropole hatten sich die Juden seit langem niedergelassen und waren fest verwurzelt. Von der Gründung seiner Stadt an hatte Alexander sie dorthin gezogen und ihnen die gleichen Rechte gegeben wie den Griechen. Dort entfalteten sie sich in einer Weise, dass sie gewiss ein Fünftel der Bevölkerung ausmachten. Manche nehmen sogar zwei Fünftel an. Auch in Rom, wohin sie später kamen, drangen sie rasch vor. Ein guter Teil des Importgeschäfts lag in ihren Händen. Cicero sprach lobend von ihrem Zusammenhalt, ihrem Gemeinschaftssinn, ihrem Unternehmergeist. Und Cäsar war ihnen so wohlgesonnen, dass ihr Wehklagen bei seinem Tod stark beachtet wurde. Sie besaßen eigene unterirdische Friedhöfe, Vorläufer der christlichen Katakomben. Auf deren Fußböden findet man noch heute ihre religiösen Zeichen, den siebenarmigen Leuchter, den Toraschrein. Alexandria und Rom waren sicherlich die beiden bedeutendsten jüdischen Städte der Welt.

Und wie groß war die Zahl der Verstreuten Israels nun im Ganzen? Auch hier sind die Schätzungen schwierig. Philo spricht allein für Ägypten von einer Million. Flavius Josephus zeigt, wie in Italien eine Abordnung von achttausend Juden einer aus Israel eintreffenden Abordnung entgegenging. Und er schätzt, dass Tiberius viertausend jüdische Familien nach Sardinien deportieren ließ, worin ihn Tacitus und Sueton bestätigen. Aber Dion Cassius versichert, dass Trajan 220.000 in die Kyrenaika und 240.000 nach Zypern schickte. Hält man alle diese verstreuten Auskünfte nebeneinander, so kommt man zu dem Schluss, dass ungefähr viereinhalb Millionen Juden im Imperium lebten – von einer Million außerhalb gar nicht zu reden. …

Die amtliche Stellung der jüdischen Gemeinwesen war eindeutig: Sie waren von der römischen Herrschaft anerkannt und zugelassen. Sie hatten sich sogar das gewaltige Privileg verleihen lassen, nicht am religiösen Kult des Staates oder der Stadt teilnehmen zu müssen, sondern sich darauf beschränken zu dürfen, für die heidnischen Machthaber zu ihrem Gott zu beten. Manche Israeliten besaßen sogar den Titel „römischer Bürger“, den man ihnen verliehen oder den sie gekauft hatten, so der Vater des Saulus aus Tarsos. …

Diese Juden der Diaspora waren in eine heidnische Gemeinschaft eingefügt, aber sie ließen sich nicht von ihr aufsaugen. Natürlich lebten die Reichen mehr oder weniger in griechischem oder römischem Stil. Und man möchte nicht darauf schwören, dass sie alle peinlich genau die Vorschriften der Tora einhielten. Aber ausgesprochene Apostasien* waren selten. Als z. B. ein Neffe des Philo von Alexandrien den Glauben seiner Väter aufgab, gab es einen Skandal. …

Wenn sich die Juden auch nicht von den Heiden absorbieren ließen, so weigerten sie sich durchaus nicht, ihrerseits möglichst viele Heiden zu assimilieren. … Sie zögerten nicht, mit den Heiden, die guten Willens waren, den geistlichen Schatz zu teilen, den Gott ihnen anvertraut hatte. In dieser Absicht hatten sich, nach einer Überlieferung, welche die Geschichtswissenschaft nicht ganz wörtlich nimmt, im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zweiundsiebzig Rabbiner in Alexandrien zusammengetan und unabhängig voneinander in zweiundsiebzig Tagen die Tora ins Griechische übersetzt. So soll der Anfang der berühmten Septuaginta-Übersetzung gemacht worden sein.

Konversionen scheinen ziemlich häufig gewesen zu sein. Und noch häufiger waren halbe Konversionen, das heißt Übertritte zu den geistigen und moralischen Grundsätzen Israels und zu einem Teil seiner Gebräuche, aber nicht zu allen. „Es gibt keine griechische Stadt“, sagt Flavius Josephus, „kein barbarisches Volk, in der nicht unser Brauch des wöchentlichen Ruhetags, unser Fasten, das Entzünden der Lampen und viele unserer Nahrungsgebote verbreitet sind.“ Frauen waren unter diesen Konvertiten oder Sympathisanten besonders häufig. Flavius Josephus gibt folgenden bemerkenswerten Hinweis. Als man in Damaskus einen „Pogrom“ vorbereitete, mit dem sich die Stadt eines guten Teils ihrer Juden entledigen wollte, verabredeten die Verschwörer, ihren Frauen nichts davon zu sagen. „Abgesehen von einigen seltenen Ausnahmen waren alle Frauen für den jüdischen Glauben gewonnen.“

Denn es gab Blutbäder unter den Juden. Die Lage der Gemeinden in der Diaspora war nicht ungetrübt. … Ihre Besonderheiten gaben von Zeit zu Zeit Anlass, Gewalttätigkeiten anzuzetteln, und den jüdischen Gemeinden in der Diaspora drohte Verfolgung. Zwischen 40 vor und 70 nach Christus kennt man nicht weniger als zwanzig solcher Pogrome. Unter denen waren die Pogrome von Alexandria die schlimmsten. …

Trotz solcher Widerstände war das Judentum eine Macht in der Welt, die das Ansehen des kleinen, auf die 25.000 km2 Israels beschränkten Volks wunderbar stärkte. Allem Anschein nach behandelte die römische Regierung die Leute von Judäa, die unter ihrer Verwaltung standen, nicht wie ein beliebiges, seiner Herrschaft unterworfenes Volk. Die Juden hatten, sogar in Rom, zu viele hochgestellte Fürsprecher! Allerdings brachten die viereinhalb Millionen, die im Reich verstreut waren, keine Organisation zustande, in der alle Teile zusammengewirkt hätten und die, in ihrem Handeln aufeinander abgestimmt, in der Lage gewesen wäre, einen besonderen Druck auf die regierenden auszuüben. … Hier hatte die Macht der Diaspora ihre Grenze. Wenn in Israel ein Beschluss gefasst wurde, der irgendwelche unangenehmen Folgen hatte, so waren es die Juden in der Diaspora, die sie zu spüren bekamen. Aber sie selbst hatten an den Entschlüssen keinen Anteil.

Das, was die Juden als Gesamtheit zusammenhielt, war die Religion. Fern vom heiligen Land fühlte sich der Emigrant, selbst wenn er bei den Heiden sein Glück gemacht hatte, als ein Verbannter. Die Diaspora blieb immer das Galut, das Exil, ein Fluch, den Gott seinem Volk um seiner Sünden willen auferlegt hatte. Immer wieder dachte man liebevoll an das Land der Väter. „Der eine sagt: In Raheb und in Babylon habe ich viele Freunde, eine ganze Verwandtschaft. Ein anderer bemerkt: Ich bin in Tyr geboren, im Philisterland, in Äthiopien. Aber von Zion sagt jeder: Mutter! Denn in Wahrheit ist jeder in Zion geboren!“ So singt der Psalmist.

Um anzudeuten, dass man nach Israel zurückkehre, sagte man Alija, der Aufstieg, denn es handelte sich um einen sehr hochgelegenen Ort! Und auch weit entfernt wandte man sich beim Gebet zur Heiligen Stadt. Vom zwanzigsten Lebensjahr an bezahlte jeder Jude die Tempelsteuer. Und eine besondere Gesandtschaft, die unter dem Schutz des römischen Gesetzes stand, überbrachte das „heilige Geld“ nach Jerusalem. So war Jerusalem zwar nicht die politische, aber die geistige Hauptstadt des Judentums in der Welt, der Ort, an dem dessen Herz schlug.

Das war das andere Israel, das Israel der Diaspora. Diese Existenz weiträumiger Diasporagemeinden legte es den Juden nahe, die Größe des eigenen Volkes mit den Ausmaßen des römischen Reiches oder noch weiteren zu vergleichen. Die menschliche Umwelt, in der sich das Schicksal des Volkes Israel vollzog, beschränkte sich nicht auf sein kleines Vaterland. Das ist eine wichtige Voraussetzung, und man kann sich das Leben im Land Israel nicht vorstellen, wenn man sie nicht stets im Auge behält.“

*Abfall vom Glauben

Die Feste in Jerusalem

(Die Feste in Jerusalem – Abschnitte aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ des Buchs „Kennst du das Land?“ Ludwig Schneider berichtet aufgrund seiner Erfahrungen, die er im Palästina der Jahre 1884 bis 89 gemacht hat.)

„Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des Herrn, zu predigen dem Volk Israel, zu danken dem Namen des Herrn!“ (Ps 122,3-4). Diese Bedeutung, welche vor Jahrtausenden der heilige Sänger ausgedrückt hat, ist Jerusalem bis zum heutigen Tag geblieben. Bekanntlich sollte jeder erwachsene Israelit jährlich dreimal in Jerusalem „vor dem Herrn“ erscheinen.

Vielleicht hat schon mancher gedacht, es sei wohl etwas viel verlangt gewesen, jedermann aus den entferntesten Landesteilen dazu zu verpflichten. Aber das Land war nicht so groß, dass man Jerusalem nicht von überall her in einigen Tagereisen hätte erreichen können. Und den Israeliten waren ihre Festreisen, welche selbst die Gesetzestreuen nie peinlich genau jedesmal ausführten, kein Muss. Sie waren vielmehr eine außerordentliche Freude. Die Feste Israels waren Nationalfeste. … Und Israel liebte seine Volksfeste, als es noch nicht zerstreut war, sondern von den heimatlichen Bergen Palästinas hinaufschaute nach dem königlichen Jerusalem, dem Stolz und der Krone des Landes.

Der heutige Bewohner von Palästina kann sich von dem bewegten Treiben auf jenen Festen einigermaßen eine Vorstellung machen. Denn bis zum heutigen Tag werden die Hauptfeste nicht draußen in den Dörfern oder Landstädten gefeiert. Sie werden in Jerusalem gefeiert, welches beim ganzen Volk den Namen „El Kuds“, das ist „die Heilige“, führt. Schon beim Weihnachtsfest, wo die Hauptfeier natürlich in Betlehem stattfindet, kann man Ähnliches beobachten wie auf den alten Festen. Aber komm erst einmal auf ein Osterfest nach Jerusalem, da findest du den Höhepunkt aller Festfeier des Jahres. Da strömen wie in alten Zeiten die Festkarawanen von allen Seiten nach Jerusalem. Zu Fuß, zu Esel, zu Pferd und neurdings auch zu Wagen ziehen sie daher von allen Gegenden „hinauf nach Zion“. …

Selbst unter den Muhammedanern wird es lebendig, als ob die Erinnerungen an die früheren Bewohner des Landes in ihnen erwachten. Aus allen muhammedanischen Ländern, selbst aus Afghanistan und dem fernen Indien kommen die weißbeturbanten Gestalten ins „heilige Land“ gezogen, um am heiligen Felsen der Omarmoschee und am Grabmal Moses des Propheten anzubeten. Dies geschieht hauptsächlich am „Nebi Musa“-Fest zur Osterzeit … Als Pilger wallen dann diese Fremden mit den Scharen muhammedanischer Landeskinder am Fest zu Tausenden nach Nebi Musa. Das ist das vermeintliche Grab Moses zwischen Jerusalem und Jericho. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, diese Scharen des falschen Propheten dort durch dieselben Berge und Täler wallfahren zu sehen, auf welchen einst Israel, und Jesus Christus mit, zu den Festen des Herrn emporpilgerte vor Jahrtausenden. …

Die Lust, welche die Palästinenser zu solchen Festwallfahrten an den Tag legen, stammt gewiss aus den alten Zeiten des Landes. So freute sich auch in Israel jedermann, zu den Festen hinaufzuziehen nach dem hochgebauten Jerusalem. Da sahen sich alte Bekannte wieder aus allen Teilen des Landes. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Das ganze Volk, sonst vereinzelt und zerstreut in seinen Hütten, wurde hier vereinigt. Es lernte sich kennen, lieben und als Ganzes erfassen. Nichts trug so sehr dazu bei, den Gedanken der nationalen Einheit auf dem Grunde der Einheit der Religion und des Tempels zu fördern und freudig zu beleben, wie die nationalen Feste.

Wenn daher die Festzeiten kamen, wollte jeder „dagewesen“ sein. Und wem immer sein Geschäft und seine Verhältnisse die Reise erlaubten, der machte sich auf zur frohen Fahrt. Freilich diejenigen Israeliten, welche jährlich alle drei Feste besuchten, mögen nur in der Umgebung von Jerusalem zu finden gewesen sein. Aus entfernteren Gegenden kamen wohl die meisten jährlich nur einmal, wie z. B. die Eltern von Jesus (Lk 2,14) zum Passahfest. Die meisten Besucher sah aber das populärste aller großen Volksfeste, das Laubhüttenfest.

Vögel

(Vögel – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Reisen“ im Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Er hat seine Beobachtungen in der Jahren 1884 bis 89 gemacht.)

Das Reisen zu Pferd oder auch auf einem munteren Esel hat viel Poesie. Die ganze Natur dehnt sich aus vor dem Auge, ihre fortwährende Nähe macht sie zu einer gesprächigen Gefährtin. Dem Wandersmann kommen allerlei Gedanken, welche ihn an die ewige Kraft und Gottheit dessen erinnern, der sie geschaffen hat.

Da sieht man die Vögel unter dem Himmel hochüber fliegen, jeder ein Bild schrankenloser Freiheit und sorgloser Lebensfreude. Sie sind ein fröhliches, sangreiches Geschlecht. Zumal die Sperlinge scheinen ein mächtiges Volk zu sein, zahlreich wie der Sand am Meer. Wenn ein Mensch dafür zu sorgen hätte, dass diese durch ihren notorischen Appetit berühmte Gesellschaft jahraus jahrein anständig gekleidet und selbst im dürren heißen Sommer, wenn alle Halme verbrannt, alle Bäche versiegt sind, gespeist und getränkt werde, der würde bald in schwere Sorgen geraten und die Bevölkerungszahl dieser leichtsinnigen Freiherrn des Himmels würde bedenklich zurückgehen.

Der Herr Jesus mag sie auf seinen Reisen von Kind auf beobachtet haben. Bewundernd erkannte er die weise Hand des himmlischen Vaters, welcher keinen von ihnen vergisst, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dach fällt. Oft mag er seine Zuhörer auf diesen einfachen und doch so einleuchtenden Beweis einer speziellen göttlichen Fürsorge aufmerksam gemacht haben. “ Seht die Vögel unter dem Himmel an, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen. Und euer himmlischer Vater nährt sie doch! Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie “ (Mt 6,26).

Aber auch die großen mächtigen Adler oder besser Geier, die man auf Reisen so oft sieht, wie sie mit weitausgespannten Flügeln dahinsegeln oder mit gewaltigem Flügelschlag die Lüfte teilen, kennen keine Sorgen. Wie Helden laufen sie ihren Weg, so dass David singt: „Saul und Jonatan, leichter denn die Adler, und stärker denn die Löwen!“ (2 Sam 1,23), obschon auch sie nichts zu ihrer Ernährung tun können und auf Gott warten müssen, dass er ihnen ihre Speise gebe zu ihrer Zeit, so gut wie der Hirsch, „der nach Wasser schreit“ (Ps 42,2) und die „jungen Raben, die zu Gott rufen“ (Hiob 38,41), welche nicht säen und die Gott doch nährt (Lk 12,24).

Wohl möglich, dass während der Bergpredigt gerade eine Schar dieser Vögel über den Hügel hinwegflog, auf dem der Herr saß. Da deutete Jesus mit der Hand hinauf und sprach: „Seht die Vögel unter dem Himmel“ usw. Und die ganze Menge sah hinauf und fühlte unmittelbar die Wahrheit der Worte des Herrn.

Auch das Treiben der Geier kann man besonders auf Reisen häufig beobachten. Fällt einmal ein Tier unterwegs, ein Pferd, ein Esel oder Kamel, so lässt man dasselbe einfach auf der Straße liegen. Zum großen Ärger aller Reisenden, welche oft wegen des unerträglichen Geruchs einen großen Umweg machen müssen. Da ist es denn ein Glück, dass so viele Geier in der Luft fliegen. Aus großer Entfernung wittern sie die erwünschte Speise. Von allen Seite strömen sie alsdann zusammen, kreisen erst lange über den betreffenden Stellen, so dass man sieht, wie sie sich sammeln, dann schießen sie herunter und verzehren das Aas. Da treffen sie denn oft schon zahlreiche wohlbekannte Gesellschaft, die mit ihnen tafelt: Hyänen, Füchse und allerlei Vierfüßler. Die Folge ihrer vereinten Bemühungen ist, dass binnen kürzester Frist nur noch kahle Knochen zerstreut herumliegen. Dann ist die Passage für die Reisenden wieder frei.

Wie in den Städten die zahllosen Heere von Fliegen und Mücken, die uns so lästig werden wollen, unseres Herrgotts kleine Sanitätspolzei bilden, indem sie eine Menge schädlicher, verwesender Stoffe vertilgen, und uns dadurch nicht geringe Dienste leisten, so draußen auf Bergen und Landstraßen die Aasgeier.

Auch Jesus hat sie auf seinen Wanderungen oft beobachtet. Als er in den letzten Tagen seines Lebens auf jener Höhe stand und das prophetenmörderische Jerusalem anschaute und seinen Jüngern dessen kommendes Geschick verkündigte, sagte er zu ihnen: „Wo ein Aas ist (wie Jerusalem, wo alles faul geworden ist), da sammeln sich die Geier.“ (Mt 24,28; Lk 17,37). Die römischen Adler fungierten damals als Gottes Sanitätspolizei, um das verfaulende Volk zu vernichten. Die kamen über das heilige Land geflogen mit Macht, und seither liegen nur noch bleiche Totengebeine des ehemals so blühenden Volkes Israel auf den Feldern der Erde – bis der Geist des Herrn drein fährt und es wieder rauscht auf dem Totenfeld.

Der Olivenbaum

(Der Olivenbaum – ein Abschnitt des Kapitels „Land und Feld“ aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller)

Eine große Rolle spielt im Leben der Palästinenser der Olivenbaum. Er liebt die Gesellschaft. Nur selten steht er einzeln auf einsamer Höhe und dient den Wanderern als Richtzeichen. Aber meist hält sich derselbe gleich den Haustieren in der nächsten Nachbarschaft der Menschen. Fast überall, wo man sich einem Dorf naht, sieht man von weitem einen dunklen Kranz von Olivenbäumen um dasselbe stehen. Schon Mose sagt ja zu Israel: „Du wirst Ölbäume haben in allen deinen Grenzen.“ (5 Mo 28,40).

Oft sieht man uralte Exemplare, welche wohl ein Jahrtausend an ihrem Platz treue Wacht gehalten haben mögen. Solch ein alter knorriger Geselle mag das Licht der Welt an einem sonnigen Frühlingstag zu den Zeiten Karls des Großen und Harun al Raschids erblickt haben. Und er sieht in der Tat ehrwürdig und verwittert genug aus. Dass die Stürme der Jahrhunderte nicht spurlos an ihm vorübergegangen sind, sieht man auf den ersten Blick. Das Mark des Lebens scheinen sie ihm aus dem Leib genagt zu haben. Der ganz ausgehöhlte Stamm sieht nur noch wie dicke ausgebrannte Rinde aus. Aber lass nur den Herbst kommen. Und du wird sehen, dass in der Rinde noch frisches Leben quillt und noch manches Tröpflein köstlichen Olivenöls durch die Adern rinnt.

So nützlich der Olivenbaum ist, so anspruchslos ist er auch. Pflanze ihn mitten unter die starren Felsen, und er wird dich bei einiger Pflege mit reicher Frucht belohnen. Der Grund des Olivenwaldes um Beit-Djala war früher eine große Felsenwildnis, wie alle Nachbarberge. Jetzt fließen mitten aus dem Felsen Jahr für Jahr ganze Ströme von Öl. Daher heißt es auch 5 Mo 32,13: „Er gibt Öl aus den harten Steinen.“

… Wie schön sieht der Olivenbaum aus, wenn nach dem Regen seine Blätter glänzen wie eine silberne Krone, wenn der Frühlingswind seine mit reizenden Blüten bedeckten Zweige leise bewegt. Nimm einen solchen langen, schlanken, blühenden Zweig und biege ihn zum Kranz. Und du wirst dich nicht mehr wundern, warum der olympische Siegerkranz aus einem solchen Zweig bestand, den ein Knabe mit goldenem Messer von dem heiligen Olivenbaum schnitt, und welcher das höchste Ziel des Ehrgeizes für die hellenische Jugend war. Wie tief und vornehm ist seine Farbe. Wie edel geformt und zugleich unverwüstlich sind seine Blätter. Schon in der Geschichte der Taube des Noah wurden sie vor allen anderen Blättern zum Symbol des Friedensgrußes geadelt.

Aber der Olivenbaum ist nicht nur schön. Wegen seines großen Nutzens ist er seit alters auch einer der besten Freunde und Ernährer der Landleute Palästinas. Kanaanitern, Israeliten, Muhammedanern, Kreuzfahrern und Arabern hat er mit gleicher Treue und Freigebigkeit gedient und das Leben angenehm gemacht. Seine ganze Kraft verwendet er darauf, das köstliche Olivenöl der scheinbar dürren Erde zu entlocken. Und auch in seinen eingesalzenen Fruchtbeeren bietet er Arm und Reich eine ebenso schmackhafte wie nahrhafte und gesunde Zukost.

Wie bei jedem ernsten und schönen Werk für das gemeine Beste, geht auch hier die Hauptsache ganz in der Stille und Verborgenheit, in der Tiefe der Erde vor sich. Dort entfaltet der Olivenbaum eine rastlose, weitverzweigte Tätigkeit. Es ist ganz erstaunlich, welche Menge von Wurzeln er aussendet, um wie mit tausen Händen in der Tiefe zu suchen und zu sammeln und das köstliche Mark der Erde durch viele tausend Kanäle durch den mächtigen Wurzelstock, den Stamm und die Zweige hinauf zu dirigieren in die Tausende von Olivenbeeren, welche droben im Sonnenlicht an den Zweigen hängen.

Schau einmal die merkwürdige, ebenso feine wie großartige Maschinerie eines Olivenbaumes an, wenn in einem Tal Palästinas soeben ein starker Winterregen hindurchgestürmt ist und die Erde neben dem Ölbaum vielleicht mannshoch bloß gelegt hat, wie sich die großen Wurzeln strecken nach allen Richtungen, wie ein Gewebe von zahllosen kleinen Saugwurzeln den ganzen Erdboden wie mit einem Netzwerk förmlich durchflochten hat. Dann wirst du dich nicht mehr wundern, warum in der Schrift stets „Weinstock und Feigenbaum“, niemals aber Weinstock und Ölbaum zusammengestellt sind. Denn zwei so fleißige, selbständige und gründliche Arbeiter, wie diese beiden, haben ebenso wenig nebeneinander Platz, wie zwei bedeutende selbständige Charaktere, welche ein und dasselbe Gebiet beherrschen sollen. Aus diesem Grund finden sich in den Weinbergen zwar sehr oft Feigenbäume, niemals aber, wenn man wenigstens nicht Reben und Bäumen die Kraft rauben will, Olivenbäume.

Daher war der Olivenbaum in Israel stets hochgeachtet und ein Sinnbild der angenehmsten Dinge. Seiner fröhlichen Hoffnung gibt der Psalmsänger Ausdruck, wenn er sagt: „Ich aber werde bleiben wie ein grüner Ölbaum im Haus Gottes!“ (Ps 52,10). Auch der Friede häuslichen Glücks erinnert ihn an die Ölzweige, welche sich wie kleine Stämmchen üppig um den großen Wurzelstock des einen Stammes drängen: „Deine Kinder sind wie Ölzweige um deinen Tisch her“ (Ps 128,3).

Aber auch die Palästinenser wissen diesen treuen Baum wohl zu schätzen. Das Öl, welches er ihnen liefert, ist ihr Labsal in guten und bösen Tagen. Dem Gesunden macht es sein täglich Brot schmackhaft, indem er dasselbe, wie einst die Witwe zu Zarpat, in Öl eintaucht. Und in langen Winternächten erhellt es seine dunkle Hütte, wie schon in der Wüste den Israeliten ihre Stiftshütte. (2 Mo 27,20). Dem Kranken aber dient es als Arznei in allerlei Leibesnot. Schon den Gesunden soll es ja die Gesundheit stärken. Manchen begegnet man, die ein fettglänzendes Gesicht haben. Die Araber salben sich auch heute noch gern, wie in biblischer Zeit. Sie reiben sich von Kopf bis Fuß mit Öl ein und behaupten, davon sehr stark und kräftig zu werden. So, sagt der Herr, sollen diejenigen tun, welche fasten, damit sie nicht vor den Leuten scheinen: „Wenn du fastest, so salbe dein Angesicht.“ (Mt 6,17).

Und wie der barmherzige Samariter jenem Unglücklichen zwischen Jerusalem und Jericho seine Wunden mit Öl und Wein linderte, so gebrauchen auch heute noch die Fellachen das Olivenöl fast bei allen inneren und äußeren Krankheiten als Heilmittel. (Lk 10,34). Die Jünger, welche der Herr ausgesandt hatte, Kranke zu heilen, sprachen nicht nur Machtworte. Sie wandten auch die landesübliche Arznei, das Olivenöl, an. (Mk 6,13). Auch Jakobus ermahnt, diese Arznei zu gebrauchen. „Ist jemand krank, der rufe die Ältesten von der Gemeinde und lasse sie über sich beten und salben mit Öl in dem Namen des Herrn.“ (Jak 5,15). Das will natürlich nicht sagen, dass man nun etwa auch im fernen Abendland mit Öl kurieren soll. Es will vielmehr so viel sagen, als: Lasst die Ältesten über euch beten, nehmt Arznei, so gut ihr sie haben könnt, und gebraucht sie im Namen des Herrn.

Im Altertum wurde das Olivenöl bei Gastmählern dem Gast aufs Haupt gegossen. Darum sagt der Herr zu seinem Gastgeber Simon: „Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt!“ (Lk 7,46). So sagt auch der Sänger des 23. Psalms dankbar zum Herrn: „Du salbst mein Haupt mit Öl“ (wie man einem besonders lieben und besonders geehrten Gast in zuvorkommender Höflichkeit tut), nachdem du mir „einen Tisch bereitet hast im Angesicht meiner Feinde“, so dass sie, anstatt mich zu verfolgen und zu ängstigen, zusehen müssen, wie ich als dein hochgeehrter Gast an deiner Tafel sitze.

Alle diese Gebräuche gehen auf eine der frühesten Sitten der Morgenländer zurück. Weil sie den Ölbaum so sehr liebten, der ihnen in so mancher Lebenslage Erquickung und Hilfe brachte, glaubten sie diejenigen Dinge, welche sie liebten und verehrten, nicht besser vor allen anderen auszeichnen zu können, als wenn sie dieselben mit dem Öl dieses treuen Freundes begossen und glänzend machten. So sehen wir, dass Jakob in dem glücklichen, ahnungsreichen Gefühl, dass bei dem Stein, auf dem sein Haupt bei jenem seligen Traum in Betel geruht, nichts anderes sei, als Gottes Haus und die Pforte des Himmels, seine Ölflasche hervorzog und den Stein salbte. (1 Mo 28,18). Auch die Stiftshütte samt Bundeslade, Altären und allen köstlichen Geräten wurde in Übereinstimmung mit dieser Volkssitte mit Öl gesalbt, damit sie also „geweiht das Allerheiligste seien.“ (2 Mo 30,25+29).

Ja, auch auf Menschen, welche vor anderen ausgezeichnet werden sollten, übertrug sich dieser Gebrauch. Aaron und seine Söhne, die Priester, wurden mit Öl gesalbt. (2.Mo 30,30). Samuel der Seher hatte bei der ersten Königssalbung sein Ölglas genommen und auf Sauls Haupt ausgegossen. Dann küsste den jungen Fürsten tiegbewegt. Und er sprach: „Siehst du, dass dich der Herr zum Fürsten über sein Erbteil gesalbt hat?“ (1 Sa 10,1). Später wurden nicht mehr blos die Priester und Fürsten gesalbt. Auch der Privatmann salbte nach derselben Sitte den Gast, der er ehren und auszeichnen wollte. Und entsprechend der Bedeutung jener Salbungen im alten Bund wurde schließlich diese Salbung zum sinnbildlichen Ausdruck für die Auszeichnung der Kinder Gottes durch die Gabe des heiligen Geistes. Auch unser Herr selbst hat von dieser Sitte jenen ewig gesegneten Namen erhalten. Täglich nennen wir ihn in unseren Gebeten mit anbetender Ehrfurcht: Christus, der Gesalbte.

Von den Olivenbäumen hat auch der Ölberg seinen Namen erhalten, jedem Christen ein Ort heiliger Erinnerungen. Einst ging David, Christi Vorfahr, weinend den Ölberg hinabging, weil die Seinen ihn verstießen (2 sa 15,30). Und so ritt auch Jesus selbst an einem leuchtenden Frühlingsmorgen weinend den Ölberg herab, weil ihn die Seinen nicht aufnahmen. Und drüben am Ölberg lag Getsemane, die Ölkelter. (Mt 26,36). Als den Herrn alle Getreuen verließen und schliefen, da rauschten, vom blassen Mondlicht der Frühlingsnacht beschienen, vom Nachtwind bewegt, die silbernen Zweige und Kronen der treuen Ölbäume leise über dem einsam ringenden Beter, als ob wenigstens sie mit ihm wachen und beten wollten.

Wasser

(Wasser – ein Kapitel aus Ludwig Schnellers Buch „Kennst du das Land?„. Um Irritationen zu vermeiden, sollte man daran denken, dass es sich bei Begriffen wie „heute“ oder „heutzutage“ um die Zeit von 1884 bis 1889 handelt.)

Ein wasserreiches Land ist Palästina heute nicht mehr. Wie einst die Fruchtbarkeit eine Folge menschlichen Fleißes war, so bedurfte auch die Bewässerung des Landes der helfenden menschlichen Hand. Dies muss auch bei jenem Wort 5 Mo 8,7 im Auge behalten werden: „Der Herr dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darinnen Bäche und Brunnen und Seen sind, die an den Bergen und in den Auen fließen.“ Der Salzsee, der Genezaret und Merom, der ewig junge Jordan mit seinen großen Zuflüssen aus dem östlichen Gebirge ist zunächst gemeint.

Für das westliche Gebirge, Palästina im engeren Sinne, waren jedenfalls die künstlichen Anlagen und Zisternen stets die Hauptsache. Aber eben dadurch wurde das Westjordanland im Altertum zu einem wasserreichen Land gemacht. Heute ist das Ostland reicher an Wasser und saftigen Weiden. Aber es ist eine bekannte Tatsache, dass man einst das Westland noch mehr rühmte. Und die zahllosen Felsenzisternen, welche ehemals wie für die Ewigkeit gemeißelt wurden und heute unbenützt und voll Schutt daliegen, zeigen, wie fleißig die einstigen Bewohner in dieser Beziehung gewesen sind.

Die westlichen Zuflüsse des Jordans und des Toten Meeres sind größtenteils Winterbäche, welche nur während des Regens fließen. Wenn der Sommer im Land einzieht, trocknet er die schönsten Bäche im Nu aus. Wo man vor einigen Tagen noch einen mächtigen Bach rauschen hörte, schreitet man nun durch ein trockenes Flussbett. Keine Spur mehr von dem früheren Wasserstrom ist in ihm zu sehen. So bilden z. B. der Kidron und der Kilt im Sommer nur wasserlose Täler, deren weißes Kieselbett, von einer Art von Weiden eingerahmt, weithin sichtbar ist.

An Quellen ist das gebirgige Land nicht so reich, wie man denken sollte. Aber es ist daran auch nicht so arm, wie es oft geschildert wird. Sie sind im ganzen Land hochgeschätzt, ein Sinnbild des strömenden Segens Gottes. Und das ist kein Wunder. Wo immer man an eine Quelle kommen mag, sei es an die salomonischen Teiche, sei es an deren Wasserleitungen oder an irgend eine der sprudelnden Quellen des Landes, überall ist inmitten des im Sommer ausgedorrten Landes grünes, frisches Leben. Selbst wenn der Schirokko ringsum alles verbrannt hat, die Quellorte sind gefeit gegen den heißen Glutodem der Wüste. Welches Labsal sind sie für den Wanderer, der auf staubiger Straße in der Hitze gewandert ist, wenn nun sein Auge mitten in der Dürre fließendes Wasser und grünen Wiesengrund erblickt, und sein Ohr die süße Musik eines murmelnden Bachs vernimmt!

Da können wir es wohl verstehen, warum der Israelit für die größten Erquickungen seiner Seele kein treffenderes Bild finden kann, als lebendiges Wasser. Dies geht aus einer Menge von Gleichnissen in der Bibel hervor. Will der Psalmensänger seine innige Sehnsucht nach Gott ausdrücken, so sagt er: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir!“ (Ps 42,2). Will er sagen, wie teuer und kostbar ihm sein Gott ist, so spricht er: „Du bist die lebendige Quelle.“ (Ps 36,10 vgl. Jer 2,13).

Und wenn der Prophet den Frieden des Gottesfürchtigen schildern will, so spricht er: „O dass du auf meine Gebote merktest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom!“ (Jes 48,18). Herrlich ist das Wachstum der Bäume an solchen Wasserströmen und Quellen. Mitten in der allgemeinen Dürre sind sie ein Bild frischesten Lebens voll üppiger Kraft. Er ist, „wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht.“ (Ps 1,3).

Im Altertum müssen die Quellen zahlreicher und reicher gesprudelt haben als heute. Damals wandte man denselben die größte Sorgfalt zu. Heute rührt kein Mensch Hand und Fuß, um sie zu erhalten und nutzbar zu machen. Auch damals hatten viele Berge, wie z. B. die von Jerusalem. keine Quellen. Man wusste aber diesem Mangel künstlich abzuhelfen, indem das Wasser entfernter, starker Quellen zunächst in mächtige Teiche gesammelt und dann in trefflichen meilenlangen Wasserleitungen unterirdisch bis Jerusalem geführt wurde. Mehrere israelitische Könige, namentlich Hiskija, haben sich in dieser Beziehung sehr verdient gemacht. (2 Kö 20,20; 2 Chr 32,30).

Noch heute bewundern wir die salomonischen Teiche im Westen von Betlehem, welche ihr Wasser nach Jerusalem entsenden. Und auch in und bei Jerusalem und Hebron und an manchen anderen Orten des Landes finden wir die Reihe großartiger Teichanlagen. Auch andere noch nicht wieder entdeckte Wasseranlagen muss Jerusalem gehabt haben. „Ein starker natürlicher Quell, sagt Aristeas, quillt reichlich und fortwährend im Tempel selbst. Bewunderungswürdig, ja unaussprechlich ist die Größe der unterirdischen Behälter, von denen unter dem Tempel in einem Umfang von fünf Stadien alles voll ist. Durch die Mauern und den Fußboden des Tempels laufen eine Menge Röhren und Schächte hinab. Es sind häufig versteckte Öffnungen, welche einzig denen bekannt sind, welche den Opferdienst versehen.“

So wird uns begreiflich, dass Jerusalem mit seinen unterirdischen Wasserkanälen und Teichen nebst seinen zahlreichen Zisternen bei Belagerungen niemals Wassermangel hatte. Während das Heer des Titus froh war, oft nur schlechtes stinkendes Wasser von ferne her zu bekommen, während die vor der Stadt lagernden Kreuzfahrer vor Durst fast verschmachteten, so dass an Menschen und Pferden eine große Menge umkam, fanden die Eroberer stets die Stadt selbst noch reichlich mit Wasser versehen.

Im allgemeinen aber war der Privatmann auf unserem Gebirge seit alter Zeit darauf angewiesen, für sich selbst zu sorgen, indem er sich Zisternen baute oder in den Felsen hauen ließ. Schon die einwandernden Israeliten fanden solche von den Urbewohnern gemeißelte Zisternen im Lande vor. (5 Mo 6,11). In ihnen wurde das Wasser, das im Winter fiel, sorgfältig gesammelt. Die Zisternen sind unterirdische Brunnen, deren Wände und Boden gut verkittet sind, und deren Größe gewöhnlich derjenigen eines Wohnzimmers, oft auch eines großen Saals gleichkommt. In ihnen bleibt das Wasser selbst im heißesten Sommer kühl und frisch. Die Zisternen sind entweder von Natur durch Felsen oder künstlich durch Gewölbe gedeckt und haben eine Öffnung, durch welche man bequem einen Eimer hinunterlassen kann.

Nebst dieser Öffnung befinden sich häufig steinerne Wasserbecken und Tränkrinnen für das Vieh. Während des ganzen langen Sommers, von Ende März bis November, fällt kein Regen. Gegen Ende des Sommers wird das Wasser seltener. Die Quellen versiegen, die Zisternen leeren sich, da und dort wird auch das Wasser schlecht.

Da muss oft der Wanderer fast vor Durst verschmachten. Und er kann froh sein, wenn er nur noch etwas verdorbenes laues Wasser findet, um seinen brennenden Durst zu löschen. Unter solchen Umständen mag man ermessen, wie wohl einem solchen Wanderer ein Trunk kalten Wassers tun mag. Darum sagt auch der Herr: „Wer dieser Geringsten einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“ (Mt 10,42).

Bei dieser Wertschätzung des Wassers können wir es auch verstehen, wie man dazu kam, Wasser als Trankopfer darzubringen. So lesen wir z. B. 1 Sa 7,6: die Kinder Israels „kamen zusammen gen Mizpa (wo heute noch merkwürdiger Weise auf dem Gipfel des Berges eine herrliche Quelle aus dem Felsen strömt) und schöpften Wasser und gossen es aus vor dem Herrn und fasteten denselben Tag und sprachen: ‚Wir haben dem Herrn gesündigt'“. In einem Land, welches Überfluss an Wasser hat oder gar von Überschwemmungen heimgesucht wird, wäre die Entstehung einer solchen Sitte nicht denkbar.

Auffallend könnte es nun freilich erscheinen, dass die Psalmsänger ihre Seelennot so oft mit Wasserfluten und Strömen vergleichen, welche über ihre Seele gehen. Aber die verderbliche Seite des Wassers ist den Palästinensern durchaus nicht unbekannt. Ist auch die Gewalt des Winters nur von kurzer Dauer, so kann er doch auch hier schrecklich werden. Denn kommt einmal ein recht starker Winterregen, dann strömt und strömt es oft Tage und Nächte hindurch, als sollte eine zweite Sintflut das Land unter ihren Wellen begraben. Die sonst so trockenen Täler verwandeln sich plötzlich in reißende Bergströme. Bäume, Steine, Mauern werden zuweilen mit unwiderstehlicher Gewalt fortgetrieben. Kein Wandrer kann mehr die Täler überschreiten. Aus diesem Grunde baut man fast nie eine Stadt oder ein Dorf in die Tiefe eines Tales. Die Häuser wären zur Winterszeit dort zu sehr gefährdet. (Mt 5,14).

Dies kann man fast jedes Jahr in Hebron beobachten, welches sich durch das Tal Askala lange hinzieht. Mit jedem starken Winterregen ist die Stadt dem ganzen Ansturm der Wasser preisgegeben. Als im Dezember 1888 ein mächtiger Winterregen auf das schon zuvor mit tiefen Schneemassen bedeckte Land fiel, da brauste ein gewaltig tosender Wasserstrom mit unwiderstehlicher Macht durch die niedrigen Straßen der Stadt. Das Wasser stieg über Mannshöhe. Es drang in die Haustüren ein und überschwemmte die Erdgeschosse ganz und gar. Was dort zu zerstören war, wurde zerstört. Einem jüdischen Kaufmann wurde sein Kornvorrat im Wert von 1000 Franken fortgeschwemmt. Die Bewohner jener Straßen waren 3 bis 4 Tage lang von jedem Verkehr abgeschnitten. War doch der Strom, der die Stadt durchbrauste, oft höher als die Oberschwellen ihrer Haustüren.

Wer aber genötigt war, in einem niedrigen Haus zu wohnen, der konnte den Notschrei des Psalmisten wohl verstehen lernen. „Gott, hilf mir, denn das Wasser geht mir bis an die Seele! Ich bin im tiefen Wasser und die Flut will mich ersäufen!“ (Ps 69,2; 124,4; 144,7).

Wehe aber dem Haus, welches nicht auf einen Felsen gegründet ist, an einem solchen Tag! Ein orkanartiger Wind pflegt den Regen zu begleiten, und es erfüllen sich die Worte der Bergpredigt buchstäblich an einem solchen Haus. Der Platzregen fällt, es kommen die Gewässer und Ströme und wehen die Winde, das Haus bekommt einen großen Riss nach dem anderen, bis es krachend zusammenstürzt, einen großen Fall tut und von den Fluten hinweggeschwemmt wird. (Mt 7,25ff.; Lk 6,48ff.)

Aber wehe auch dem, den solche Wasserströme im Freien überraschen! Da ist oft keine Hilfe und keine Rettung mehr möglich. Manche kennen die Schilderung des Sinaireisenden Holland, welcher bei einem solchen Unfall auf der Sinaihalbinsel nur mit knapper Not sein Leben rettete. Er schildert die Szene als eine entsetzliche. „Ein kochender, brausender Strom füllte das ganze Tal. Er wälzte die größten Felsblöcke wie Kiesel mit sich fort und riss ganze Familien ins Verderben.“ Noch sind die Spuren der Verwüstung deutlich sichtbar. Große Stämme von Palmbäumen liegen mehr als 30 Meilen von ihrem einstigen Standort entfernt im Bett des Wadi.

Ein einziges Gewitter mit starken Regenschauern, das auf den nackten Granit fällt, kann diese furchtbaren Folgen nach sich ziehen. Es kann ein trockenes und ebenes Tal in wenigen Stunden in einen tobenden Strom verwandeln. Und so verwirklicht es das Gemälde, welches David im 18. Psalm entwirft. „Der Herr donnerte im Himmel, der Höchste ließ seinen Donner aus mit Hagel und Blitzen. Da sah man Wassergüsse, und des Erdbodens Grund ward aufgedeckt, Herr, von denem Schelten!“ (Ps 18,14ff.). …

Den Gerechten aber verheißt der Herr seinen Beistand in den Tagen des Wintersturms der Not und der Anfechtung. „So du durchs Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen.“ (Jes 43,2; Ps 32,6.) …

Die 144.000 auf dem Berg Zion

Die 144.000 auf dem Berg Zion begegnen uns zweimal in der Offenbarung. In Offb 7,1-8 sind es die zwölf Stämme, die auf der Erde versiegelt werden. Hier ist noch kein konkreter Ort angegeben, wo sie stehen. Aber wir sehen hier ein Bild für das neue Israel, die Gemeinde, die auf der Erde gesammelt und mit Heiligem Geist versiegelt wird.

In Offb 14,1-5 stehen die 144.000 dann auf dem Berg Zion, zusammen mit dem Lamm. Sie singen dort einen neuen Gesang, und sie werden mit ihren markanten Eigenschaften beschrieben.

Doch zunächst zur Zahl 144.000. Dazu müssen wir uns kurz mit der biblischen Zahlensymbolik beschäftigen. Diese ist in der Bibel selbst zwar so nirgends beschrieben, aber überall, wo die Zahlen auftauchen, passt die folgende Deutung: 3 ist die Zahl für Gott bzw. den Himmel. Darin wird auch das Geheimnis der göttlichen Dreiheit angedeutet. Die Zahl 4 steht für die Erde bzw. die Menschen. In der Bibel ist immer von den 4 Enden der Erde die Rede.

Wenn man diese Zahlen 3 und 4 dann addiert, erscheint in der Zahl 7 die Gesamheit von Himmel und Erde. Da es nicht mehr als das gibt, ist 7 auch die Zahl der Gesamtheit bzw. Vollkommenheit. Das Gleiche gilt aber auch, wenn man 3 und 4 multipliziert, für die Zahl 12. Hier ist es noch deutlicher: die 12 Stämme Israels, die 12 Gesandten von Jesus. Man kann diese Vollkommenheitszahl noch steigern, wenn man sie verdoppelt auf 24. So viele Ältere sitzen um den Thron Gottes.

Das Maximale erreicht man aber, wenn man sie mit 1000 und mit sich selbst multipliziert. Und so kommen mit 12 mal 12.000 die 144.000 zustande. Das zeigt natürlich, dass diese Zahl, wie die anderen Zahlen in der Offenbarung, symbolisch zu verstehen ist. So viele sind es, die sich durch die Botschaft von Jesus rufen und retten lassen. Und wenn diese Zahl voll ist – Gott kennt sie ja -, dann ist das Ende da.

Wenn in Offb 14 nun die 144.000 mit dem Lamm auf dem Berg Zion stehen, dann müssen wir fragen, was der Berg Zion ist. Von der Antwort darauf wird es mit abhängen, ob wir die 144.000 in Kap. 14 noch auf der Erde oder schon im Himmel zu verorten haben.

„Zion“ war ursprünglich der Name der Burg in der Jebusiterstadt Jerusalem. Der König David eroberte sie mit seinen Kriegern und machte Jerusalem zur Hauptstadt Israels. Durch seine Eroberung galt sie als sein Privateigentum und wurde „Stadt Davids“ genannt. So gehörte sie zu keinem Stammesgebiet in Israel und war der ideale Platz für die Hauptstadt. Keiner der zwölf Stämme war Besitzer der Hauptstadt und somit gegenüber den anderen privilegiert.

Der Name Zion wanderte im Sprachgebrauch dann aber zu dem ganzen Berg, auf dem die Stadt Davids lag und auf dem Salomo später den Tempel baute. Und mit dem Tempel wurde der Zion zum Wohnplatz Gottes: Gott wohnt auf dem Zion. Und die Stadt am Berg, Jerusalem, wurde zur Tochter des Zionsberges, zur Tochter Zion.

Zur Zeit der frühen christlichen Gemeinde wanderte der Name aber noch weiter. Bis heute nennt man in Jerusalem nicht den Tempelberg, sondern den Südwesthügel der Altstadt, der im südwestlich gegenüber dem Tempelberg liegt, den Zionsberg.

Durch die Ablehnung des Messias mittels der Hinrichtung am Kreuz verlor der Tempel seine Funktion als Wohnplatz Gottes. Gott selbst entweihte ihn durch das Zerreißen des Vorhangs zum Allerheiligsten. Ein neues und ewig gültiges Opfer hatte den alten Opferkult abgelöst. So stellt es am eindrücklichsten der Hebräerbrief dar. Zum neuen Wohnplatz Gottes wurde nun die von Heiligem Geist erfüllte Gemeinde.

Die Gründung dieser Gemeinde durch die Ausgießung des heiligen Geistes geschah auf dem Südwesthügel der Stadt. Hier hatte Jesus auch mit seinen Jüngern das Abendmahl begangen. Hier war der ursprüngliche Versammlungsort der Gemeinde, und so konnte sich der Name Zion im christlichen Sprachgebrauch auf diesen Hügel übertragen, gegenüber dem Tempelberg. In der Anfangsphase der Gemeinde war der Zion als Wohnplatz Gottes nun hier.

In Wirklichkeit war der Wohnplatz Gottes aber dann überall da, wo seine Gemeinde sich versammelte. Zion als Wohnplatz Gottes war dann nicht mehr ein geographischer Ort, sondern eine Gruppe von Menschen.

Unterstützt wurde diese Sichtweise durch ein prophetisches Wort in Jes 28,16, das bildlich den Messas als Stein bezeichnet, den Gott im Zion einbaut. Paulus zitiert es in Rö 9,33: „Ich lege hier in Zion einen Stein des Anstoßes, einen Fels des Ärgernisses, und wer an ihn glaubt, wird sich nicht schämen müssen.” Das gleiche zitiert auch Petrus in 1 Pe 2,6. Wo Jesus der Eckstein ist, ist nun auch der Zion.

Und Heb 12,22-24 stellt den neuen Zion in Gegensatz zum alttestamentlichen Sinai. „Ihr seid vielmehr zum Zionsberg gekommen, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zur Festversammlung von Zehntausenden von Engeln, zur Gemeinde der Erstgeborenen, eingetragen in den Himmeln, zu Gott als Richter von allen, zu den Seelen der vollendeten Gerechten, zum Vermittler der neuen Bestimmung, Jesus, und zur Reinigung durch (sein) Blut, das stärker spricht als das von Abel.“

Wenn der Zion nun eine Bezeichnung der Gemeinde als Wohnplatz Gottes auf Erden ist, dann dürfen wir annehmen, dass auch die 144.000 auf dem Berg Zion in Offb 14 die irdische Gemeinde darstellen. Dafür gibt es weitere Indizien:

In der Parallelstelle in Offb 7 sind die Hundertvierundvierzigtausend eindeutig auf der Erde.

Das Geräusch der Musik kommt „aus dem Himmel“, und das ist im Bild ein Ort, der vom „Berg Zion“ verschieden ist.

In Vers 4 steht ein eindeutiges Präsens: „Es sind die, die dem Lamm folgen, wo immer es hingeht.“ Diese Aussage ist nur für die irdische Gemeinde sinnvoll; im Himmel gibt es Nachfolge in diesem Sinne nicht mehr.

Im Textzusammenhang steht zuvor in Kap. 13 die Art von Menschen, die sich auf der Erde von dem Tier aus der Unterwelt und dem anderen Tier verführen lassen. Die Hundervierundvierzigtausend in Kap. 14 sind das Gegenbild zu ihnen.

Danach kommen in Kap. 14 drei Engel, die vom bevorstehenden Ende berichten. Einer davon spricht vom Fall Babylons. Auch die Hure Babylon ist wiederum ein Gegenbild zur irdischen Gemeinde.

Und in Kap. 14 wird dann ab Vers 14 im Bild der Ernte tatsächlich die Entrückung beschrieben. Auch das spricht dafür, dass die Beschreibung der 144.000 auf dem Berg Zion davor auch in der zeitlichen Reihenfolge stimmt.

Wenn diese Beschreibung als irdische Gemeinde so richtig ist, dann muss man in dem Textabschnitt aber ein paar Verben, die im griechischen Aorist stehen, anders übersetzen. Wenn kein Rückblick auf eine Vergangenheit der Gemeinde gemeint ist, sondern eine Beschreibung ihrer Gegenwart auf der Erde, dann sind die Aussagen der Verben als Erfahrungstatsachen zu verstehen, die man im Deutschen mit Präsens übersetzt:

Vers 1: „Da steht das Lamm auf dem Berg Zion und mit ihm Hundertvierundvierzigtausend, …“

Vers 4: „Es sind die, die sich nicht mit Frauen beflecken, …“ (Gemeint ist Götzendienst.)

Vers 5: „In ihrem Mund findet man keine Lüge, …“

Überlegen kann man natürlich, warum die irdische Gemeinde dann ihren Gesang – begleitet von himmlischer Musik – vor dem Thron Gottes singt. Aber das ist kein Problem. Die Gebete der Heiligen steigen nach Offb 5,8 ebenfalls vor dem Thron Gottes auf.

Das ist die bekannte Doppelexistenz der Gemeinde: Als Zeugen Gottes und Ausländer auf der Erde, als Beter und Anbeter bereits im Himmel, ihrer wahren Heimat.

Die besiegten Zeugen

Die besiegten Zeugen in Offb 11 sind zunächst ein Rätsel. Feuer kommt aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde, sie haben Vollmacht, den Himmel zu verschließen, und dann geschieht das Unglaubliche – 11,7-10:

„Und wenn sie ihr Zeugnis vollenden sollen, wird das Tier, das aus der Unterwelt heraufsteigt, Krieg mit ihnen führen, sie besiegen und sie töten. Ihr Leichnam (liegt) auf den Straßen der großen Stadt, die geistlich ‚Sodom und Ägypten‘ heißt, wo auch ihr Herr hingerichtet wurde am Kreuz. Und Leute aus den Völkern, Stämmen, Sprachen und Volksgruppen sehen dreieinhalb Tage ihren Leichnam und lassen nicht zu, dass ihre Leichname in einem Grabmal beigesetzt werden. Die Bewohner der Erde freuen sich darüber, sind fröhlich und senden einander Geschenke, denn diese zwei Propheten quälten die Bewohner der Erde.“

Man wird in diesen Versen nicht alle Einzelheiten ausdeuten können, aber der Anfang ist klar. Das Tier, das aus der Unterwelt heraufsteigt, ist der Antichrist. Dieser Dämon wird in Offb 13 ausführlich beschrieben. Und dort steht auch der unfassbare Satz – V. 7: „Es wurde ihm gegeben, Krieg zu führen mit den Heiligen und sie zu besiegen.“ Aber es entspricht genau der Aussage in Kap. 11, dass das Tier die Zeugen besiegen wird. Die besiegten Zeugen entsprechen also den besiegten Heiligen.

In beiden Kapiteln stellt das Tier den antichristlichen Dämon dar. Und dann ist es auch deutlich, dass sein Gegenüber in beiden Kapiteln ebenfalls dasselbe ist. Die Zeugen sind die Heiligen. Und die Heiligen sind die Gemeinde, wie es das ganze Neue Testament bezeugt. Und die Vollendung ihres Zeugnisses ist, treu zu sein bis zum Tod – wenn es sein muss, zum Märtyrertod.

Die genannte „große Stadt“ ist zunächst einmal das irdische Jerusalem. Die Aussage „wo auch ihr Herr hingerichtet wurde am Kreuz“ ist eindeutig. Insofern sind die besiegten Zeugen auch noch im Tod die Nachfolger ihres Herrn. „Sodom und Ägypten“ sind aus dem Alten Testament bekannt. Der Ort der sprichwörtlichen Sünde und der Ort der Sklaverei geben dieser „großen Stadt“ ihren Namen. Das sollte einige Jerusalembegeisterte vielleicht ein bisschen ins Nachdenken bringen.

Andererseits ist diese „große Stadt“ aber doch wohl auch eine nicht ortsgebundene geistige Realität. Denn die tatsächlich getöteten Zeugen der ersten Generation zu Johannes‘ Zeiten waren in Rom und in den Verfolgungen der folgenden Jahre im gesamten römischen Reich zu finden. Und die Offenbarung bezeichnet in den folgenden Kapiteln auch Rom als die „große Stadt“. Das würde heißen, dass überall, wo man Christen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus tötet, die Realität dieser „großen Stadt“ ist.

Dass man die Getöteten nicht begräbt, bleibt irgendwie rätselhaft. Aber der Reliquienkult in den katholischen und orthodoxen Kirchen, wo man Leichenteile von Heiligen als wundertätige Kultgegenstände verehrt, könnte vielleicht in diese Richtung gehen. Die Heiligen töten und dann ihre Gebeine nicht begraben sein lassen, sondern als magische Segensspender in der Welt verteilen, das passt schon irgendwie zusammen.

Natürlich muss man die „dreieinhalb Tage“ ihres Getötetseins als symbolische Zeit auffassen, wie alle Zeitangaben in der Offenbarung. Am ehesten passt es, wenn sie sich den „dreieinhalb Jahren“ der gesamten Endzeit einfügen.

Auf jeden Fall ist die Freude über die ausgeschalteten Zeugen groß. Dass man in Zeiten allgemeiner Freude einander Geschenke sendet, ist ein schon im Alten Testament erwähnter Brauch. Keine Rede mehr von Sünde, Umkehr, Gericht und Hölle, alles ausgeschaltet. Und wehe, jemand fängt noch einmal davon an! Und wenn da jemandem eine Parallele zur heutigen Zeit auffällt, ist das sicherlich kein Zufall …

Judas – erhängt oder gestürzt?

Judas – erhängt oder gestürzt? Diese Frage ergibt sich, wenn man die zwei Aussagen des Neuen Testaments über das Ende von Judas vergleicht.

Eher bekannt ist in der Regel der Bericht von Matthäus – Mt 27,3-5: „Als Judas, der ihn verraten hatte, nun sah, dass Jesus verurteilt worden war, bereute er es. Er brachte die dreißig Silberstücke zurück zu den obersten Priestern und Älteren und sagte: ‚Ich habe mich versündigt, ich habe unschuldiges Blut verraten.‘ Sie antworteten: ‚Was willst du damit bei uns? Sieh du zu!‘ Und er warf die Silberstücke zum Tempelhaus hin, zog sich zurück, ging weg und erhängte sich. Die obersten Priester nahmen die Silberstücke und sagten: ‚Es ist nicht erlaubt, sie in den Opferkasten zu tun, weil es Blutgeld ist.‘ Nachdem sie einen Beschluss gefasst hatten, kauften sie davon den Acker des Töpfers als Begräbnisplatz für die Fremden.“

Dann begegnet man aber in der Apostelgeschichte der folgenden Aussage von Petrus über Judas – Apg 1,18: „Er hat nun vom Lohn des Unrechts ein Stück Land erworben. Und als er hinabgestürzt wurde, platzte er in der Mitte, und alle seine Eingeweide wurden ausgeschüttet.“

Der Bibelkritiker wittert hier natürlich sogleich wieder die Widersprüche, die er so gerne mag. Haben nun die Priester das Land gekauft oder Judas? Und Judas – erhängt oder gestürzt?

Die Lösung des Rätsels wird einfach, wenn man bedenkt, dass man Judas als Selbstmörder keine ehrenhafte Bestattung zugestand. Der Leichnam eines Selbstmörders wurde wie Müll entsorgt. Die Müllhalde von Jerusalem war im damals noch erheblich tieferen Hinnomtal. Das ist eine Schlucht im Südwesten der Stadt. In diese konnte man vom Stadtrand aus praktischerweise alles hinunterwerfen, was nicht mehr zu gebrauchen war. Natürlich waren das nicht die Müllmengen wie heute.

So wurde also auch der Leichnam des erhängten Judas dort hinuntergeworfen und ist beim Aufprall offensichtlich zerplatzt. Für alle, die es sahen, war das ein eindrückliches Zeichen für die Verworfenheit dieses Mannes. So eindrücklich, dass man es in Erinnerung behielt und weitererzählte.

Nun ist auch klar, dass Judas jenes Stück Land, den „Blutacker“, nicht selbst, sondern indirekt erworben hat, indem der Oberste Rat mit seinem von ihm in den Vorhof des Tempels geworfenen Geld diesen Acker kaufte als Begräbnisplatz für die Fremden.

Johannes

Bei der Zusammenstellung meiner Evangelienharmonie war es eine Entdeckung für mich: Das Johannesevangelium ist ein Bericht, der die drei anderen Evangelien ergänzt. Die Zusammenstellung zeigte deutlich, dass Johannes die Überlieferung der anderen drei Evangelien gekannt haben muss. Und dazu hat er aus seinem persönlichen Wissen als Augenzeuge einen Bericht mit lauter ergänzenden Informationen zusammengestellt. Besonders fällt das gerade auch dann auf, wenn er etwas berichtet, was auch die anderen berichten. Das ist bei der Speisung der 5000, der Leidensgeschichte und den Auferstehungsberichten der Fall. Immer bringt er etwas, was die anderen nicht haben, wobei er die Informationen der anderen voraussetzt.

Unter diesem Gesichtspunkt ist das Johannesevangelium in meinen Augen ein wahres Meisterwerk: Es ist ein vollständiger und für sich allein sinnvoller und logischer Bericht, der gleichzeitig er aus lauter ergänzenden Informationen besteht. Ich hatte diese Sichtweise nirgendwo anders gehört oder gelesen, als sie mir selbst deutlich wurde. Durch Zufall fand ich aber das Buch des Bibelwissenschaftlers Theodor Zahn (1883-1933): „Grundriss der Geschichte des neutestamentlichen Kanons“. Und in dem stieß ich auf einen Satz, der die gleiche Sichtweise zum Ausdruck bringt. Ich war also doch nicht der erste, der es entdeckt hatte. Die Aussage Zahns in einem etwas altertümlichem Deutsch gebe ich hier leicht modernisiert wieder: „Das vierte Evangelium setzt bei seinen Lesern nicht nur die Art der Berichte als bekannt voraus, wie sie uns in den drei anderen Evangelien vorliegen, sondern es berücksichtigt auch den Wortlaut von Markus und Lukas.“

Dass eine solche Ergänzung nötig war, zeigt z.B. die Aussage von Jesus, die in Lk 13,34 und Mt 23,37 berichtet wird: „Jerusalem, Jerusalem, die die Propheten tötet und die zu ihr Gesandten steinigt: Wie oft wollte ich deine Kinder zusammenbringen wie ein Vogel seine Jungen unter den Flügeln, und ihr habt nicht gewollt!“

Matthäus und Lukas haben aber gar nicht berichtet, dass Jesus „oft“ in Jerusalem gewesen war. (Außer bei Lukas als Baby und im Alter von 12 Jahren). Trotzdem hatte Jesus gesagt, „wie oft wollte ich deine Kinder zusammenbringen …“ Genau hier hilft uns Johannes weiter. In seinem Bericht dreht sich im Wesentlichen alles um die Auseinandersetzung von Jesus mit Jerusalem. Er berichtet uns fünf Begegnungen mit Jerusalem. Diese geschahen immer im Zusammenhang mit jüdischen Festen, an denen auch viele Leute aus dem Land dort waren:

1) Der erste Besuch gleich am Anfang seiner Tätigkeit mit einer ersten Tempelreinigung an Pesach im Jahr 28, anschließend das Gespräch mit Nikodemus.

2) Der zweite Besuch auf dem Laubhüttenfest im Herbst 28 mit der Heilung des Gelähmten am Teich Betesda.

3) Der dritte Besuch am Laubhüttenfest im Herbst 29 mit der Heilung des Blindgeborenen.

4) Der vierte Besuch am Tempelweihefest (Chanukka) im Dezember 29.

5) Der letzte Besuch, den auch die anderen Evangelien berichten, zu Pesach im Frühjahr 30. Bei diesem wurde er verhaftet und hingerichtet.

Die drei anderen Evangelien berichten in der Reihenfolge nach der Grundlinie des Dienstes von Jesus: „Von Galiläa nach Jerusalem“. So haben es sogar auch die Feinde von Jesus beschrieben – Lk 23,5: „Er wiegelt das Volk auf, indem er in ganz Judäa lehrt. Von Galiläa aus hat er angefangen bis hierher!“ Johannes ergänzt dazu die zwischendurch stattgefundenen Besuche in Jerusalem, das ja das eigentliche Ziel des Messias sein musste.

Dass Johannes die Berichte der anderen voraussetzt, zeigt sich auch an einer Bemerkung wie Joh 6,2: „Und eine große Menge folgte ihm, weil sie die Zeichen gesehen hatten, die er an Kranken getan hatte.“ Johannes selbst berichtet die Zeichen an Kranken in Galiläa gar nicht. Er setzt die Kenntnis derselben voraus. Er spricht ja auch an anderen Stellen von „vielen“ Zeichen, die Jesus getan hat. Johannes selbst berichtet aber insgesamt nur von sechs „Zeichen“ (davon wiederum fünf, die die anderen nicht berichten):

1) Die Verwandlung von Wasser zu Wein bei der Hochzeit in Kana.

2) Die Heilung des Sohnes des Königlichen aus Kafarnaum.

3) Die Heilung des Gelähmten am Teich Betesda.

4) Die Speisung der 5000 an Pesach im Jahr 29.

5) Die Heilung des Blindgeborenen in Jerusalem.

6) Die Auferweckung von Lazarus.

Man könnte nun denken, dass die Zahl von sechs Zeichen etwas unvollständig aussieht. Die Zahl der Vollkommenheit wäre ja sieben. Aber bei Johannes darf man zum Abschluss seines Berichts natürlich die Auferstehung von Jesus als das siebte und größte Wunderzeichen betrachten.

Wer ist Rufus?

Wer ist Rufus? Er taucht in der Grußliste des Römerbriefs auf. Der Brief an die Gemeinde in Rom hat unter den Briefen von Paulus die Ausnahmestellung, dass er der einzige ist, den Paulus an eine Gemeinde schreibt, die er nicht persönlich kennt und der er erst einen zukünftigen Besuch ankündigt. In Kapitel 16 lässt er aber an über dreißig Leute Grüße ausrichten, die er alle schon gekannt haben muss. Das heißt, irgendwo auf seinen Reisen und Diensten zwischen Jerusalem und Illyrien sind sie irgendwann einmal mit ihm zusammengewesen.

Das ist ein eindrückliches Beispiel für die damalige Mobilität (zumindest der städtischen Bevölkerung) im römischen Reich. Und es ist auch ein Beispiel für die internationale Zusammensetzung der christlichen Gemeinde aus verschiedenen Volksgruppen.

Das bekannteste Beispiel dafür sind Aquila und Priscilla: Sie waren als Juden aus Rom vertrieben worden, sind mit Paulus in Korinth zusammengekommen, dann mit ihm nach Ephesus gereist und eine Weile dort geblieben und werden nun in Rom wieder von ihm gegrüßt, wohin sie zurückgekehrt sind, womöglich um den Besuch von Paulus dort mit vorzubereiten.

Durch ein altes Buch von Theodor Zahn bin ich noch auf eine Verbindung gestoßen, die mir bis dahin nicht aufgefallen war. In Mk 15,21 lesen wir: „Einen der vorbeiging, Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater von Alexandros und Rufus, zwangen sie, seinen Kreuzesbalken zu tragen.“ Allein Markus hat an dieser Stelle Simons Söhne erwähnt, Alexandros und Rufus. Deren Erwähnung ist aber nur sinnvoll, wenn Leser des Evangeliums mit den Namen der beiden etwas anfangen können.

Wenn man nun bedenkt, dass Markus seinen Bericht über Jesus infolge seiner Tätigkeit als Übersetzer von Petrus in Rom geschrieben hat, dann passt es zusammen mit Röm 16,13: „Grüßt Rufus, den Auserwählten im Herrn, und seine Mutter – und meine!“ Wenn Rufus in Rom war, dann ist es kein Wunder, wenn Markus ihn im Evangelium erwähnt. Dann war er dort bekannt.

Aber Markus kannte ihn schon vorher. Man beachte auch hier die Mobilität: Simon stammte von Kyrene, das liegt in Nordafrika westlich von Ägypten. Zur Zeit von Jesus war er aber mit seiner Familie in Jerusalem ansässig. Hier zwangen ihn die römischen Soldaten bei einem Gang aufs Feld, den Kreuzesbalken von Jesus zu tragen. Wenn Simon und seine Familie damals schon gläubig waren oder es wurden, waren sie in der Jerusalemer Gemeinde. Und zu der gehörte auch Johannes Markus.

Wo und wann Rufus und seine Mutter dann mit Paulus zusammen waren, wissen wir nicht. Aber es muss intensiv gewesen sein, wenn sie auch für Paulus wie eine Mutter war. Dann ist Markus in Rom wieder mit Rufus zusammengekommen, und auch Paulus lässt ihn dort grüßen mit seiner Mutter. Diese war inzwischen wohl verwitwet, da man von ihrem Mann Simon nichts mehr hört.

Soweit die Einblicke in die Geschichte von unserem Bruder Rufus. In der Ewigkeit wird er uns sicherlich mehr darüber erzählen können …

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