(Die Feste in Jerusalem – Abschnitte aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ des Buchs „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneider berichtet aufgrund seiner Beobachtungen und Erfahrungen, die er im Palästina der Jahre 1884 bis 89 gemacht hat.)
„Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des Herrn, zu predigen dem Volk Israel, zu danken dem Namen des Herrn!“ (Ps 122,3-4). Diese Bedeutung, welche vor Jahrtausenden der heilige Sänger ausgedrückt hat, ist Jerusalem bis zum heutigen Tag geblieben. Bekanntlich sollte jeder erwachsene Israelit jährlich dreimal in Jerusalem „vor dem Herrn“ erscheinen.
Vielleicht hat schon mancher gedacht, es sei wohl etwas viel verlangt gewesen, jedermann aus den entferntesten Landesteilen dazu zu verpflichten. Aber das Land war nicht so groß, dass man Jerusalem nicht von überall her in einigen Tagereisen hätte erreichen können. Und den Israeliten waren ihre Festreisen, welche selbst die Gesetzestreuen nie peinlich genau jedesmal ausführten, kein Muss. Sie waren vielmehr eine außerordentliche Freude. Die Feste Israels waren Nationalfeste. … Und Israel liebte seine Volksfeste, als es noch nicht zerstreut war, sondern von den heimatlichen Bergen Palästinas hinaufschaute nach dem königlichen Jerusalem, dem Stolz und der Krone des Landes.
Der heutige Bewohner von Palästina kann sich von dem bewegten Treiben auf jenen Festen einigermaßen eine Vorstellung machen. Denn bis zum heutigen Tag werden die Hauptfeste nicht draußen in den Dörfern oder Landstädten gefeiert. Sie werden in Jerusalem gefeiert, welches beim ganzen Volk den Namen „El Kuds“, das ist „die Heilige“, führt. Schon beim Weihnachtsfest, wo die Hauptfeier natürlich in Betlehem stattfindet, kann man Ähnliches beobachten wie auf den alten Festen. Aber komm erst einmal auf ein Osterfest nach Jerusalem, da findest du den Höhepunkt aller Festfeier des Jahres. Da strömen wie in alten Zeiten die Festkarawanen von allen Seiten nach Jerusalem. Zu Fuß, zu Esel, zu Pferd und neurdings auch zu Wagen ziehen sie daher von allen Gegenden „hinauf nach Zion“. …
Selbst unter den Muhammedanern wird es lebendig, als ob die Erinnerungen an die früheren Bewohner des Landes in ihnen erwachten. Aus allen muhammedanischen Ländern, selbst aus Afghanistan und dem fernen Indien kommen die weißbeturbanten Gestalten ins „heilige Land“ gezogen, um am heiligen Felsen der Omarmoschee und am Grabmal Moses des Propheten anzubeten. Dies geschieht hauptsächlich am „Nebi Musa“-Fest zur Osterzeit … Als Pilger wallen dann diese Fremden mit den Scharen muhammedanischer Landeskinder am Fest zu Tausenden nach Nebi Musa. Das ist das vermeintliche Grab Moses zwischen Jerusalem und Jericho. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, diese Scharen des falschen Propheten dort durch dieselben Berge und Täler wallfahren zu sehen, auf welchen einst Israel, und Jesus Christus mit, zu den Festen des Herrn emporpilgerte vor Jahrtausenden. …
Die Lust, welche die Palästinenser zu solchen Festwallfahrten an den Tag legen, stammt gewiss aus den alten Zeiten des Landes. So freute sich auch in Israel jedermann, zu den Festen hinaufzuziehen nach dem hochgebauten Jerusalem. Da sahen sich alte Bekannte wieder aus allen Teilen des Landes. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Das ganze Volk, sonst vereinzelt und zerstreut in seinen Hütten, wurde hier vereinigt. Es lernte sich kennen, lieben und als Ganzes erfassen. Nichts trug so sehr dazu bei, den Gedanken der nationalen Einheit auf dem Grunde der Einheit der Religion und des Tempels zu fördern und freudig zu beleben, wie die nationalen Feste.
Wenn daher die Festzeiten kamen, wollte jeder „dagewesen“ sein. Und wem immer sein Geschäft und seine Verhältnisse die Reise erlaubten, der machte sich auf zur frohen Fahrt. Freilich diejenigen Israeliten, welche jährlich alle drei Feste besuchten, mögen nur in der Umgebung von Jerusalem zu finden gewesen sein. Aus entfernteren Gegenden kamen wohl die meisten jährlich nur einmal, wie z. B. die Eltern von Jesus (Lk 2,14) zum Passahfest. Die meisten Besucher sah aber das populärste aller großen Volksfeste, das Laubhüttenfest.
Wie lebhaft ebtsteht auf demTempelplatz vor unseren Augen das Bild jener Feste, von denen die Evangelien berichten! Das froheste Fest war das Laubhüttenfest. Auch Jesus hat nach Joh 7,2ff. ein solches besucht, obgleich er zuerst bestimmt beabsichtigt hatte, dasselbe nicht zu besuchen. Seine Brüder waren schon dort, wie auch das übrige Volk, welches einige Tage vor Festanfang zu kommen pflegte, um sich noch rechtzeitig Laubhütten zu bauen.
Auf den Tempelhöfen, draußen vor dem goldenen Tor und übers Kidrontal hinweg bis zur Höhe von Betfage wohnte alles in Laubhütten. Und in der Stadt, auf den platten Dächern, auf Straßen und Märkten waren überall Laubhütten errichtet, in welchen ein fröhliches Volk feierte. Die ganze Hauptstadt schien in ein Zeltlager verwandelt.
Auch der Tempel prangte in heiligem Schmuck. Die herrlichen Säulenreihen waren nach orientalischer Weise mit farbigen Teppichen behangen, grünes Laub schimmerte von allen Säulen. Vom frühen Morgen an wogte das Volk auf und ab in den weiten Vorhöfen, deren Raum rings um die Omarmoschee jetzt so verlassen und einsam steht. Und wenn die Sonne untergegangen war, entfaltete sich nachts eine neue Pracht, welche die des Tages zu überflügeln trachtete. Wie in einer sogenannten italienischen Nacht blitzte und schimmerte es in den Vorhöfen und Säulenhallen von vielhundert Lichtern und Fackeln. Große goldene Leuchter, prächtige Lampen hingen in den Vorhöfen. Ihr schimmerndes Licht brach sich an Säulen und Wänden und machte die Formen der herrlichen Gebäude durch die dunkle Nacht bis zum stillen Ölberg sichtbar.
Und wenn der Herr spätabends hinüberwanderte übers Kidrontal und über den Ölberg nach Betanien, dann mag er sich wohl umgewandt haben nach der geliebten Stadt. Dann sah er ein schimmerrndes Lichtermeer, aus dessen Mitte sich, wie in zauberhaftes Licht getaucht, die stolzen Linien des majestätischen Tempels deutlich und ernst abhoben aus der dunklen Nacht.