Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

Schlagwort: Matthäus

Auf dem Wasser gehen

Auf dem Wasser gehen, das ist eine Kunst, die uns von Jesus berichtet wird. Dabei ist zu beachten, dass er dieses Wunder in einer Ausnahmesituation vollbracht hat. Normalerweise ist er mit seinem Jüngern im Schiff auf dem See Genezaret gefahren, wie alle anderen auch. Die Spekulationen darüber, wie dieses Wunder funktioniert haben soll, darf man getrost den Spekulanten überlassen. Es reicht, zu glauben, dass Jesus mit den Möglichkeiten Gottes auch auf dem Wasser gehen konnte, wenn es nötig war.

Der Bericht darüber, dass Jesus auf dem Wasser gehen konnte, schließt sich in den Berichten von Matthäus, Markus und Johannes an ein anderes großes Wunder an, an die Speisung der Fünftausend. Lukas hat in seinem Bericht diese Episode ausgelassen. Matthäus und Markus berichten darüber hinaus eine weitere wunderbare Speisung, die der Viertausend. Die Speisung der Fünftausend fand im Frühjahr statt um die Pessach-Zeit am Westufer des Sees Genezaret. Die Speisung der Viertausend ereignete sich dagegen im Sommer am Ostufer des Sees im Grenzgebiet zwischen Batanäa und der Dekapolis..

Nach der Speisung im Frühling am Westufer drängte Jesus die Jünger dazu, von der begeisterten Menge weg ins Boot zu steigen und Richtung Betsaida wegzufahren, das von dort ausgesehen im Nordosten liegt. Er selbst wollte von der Menge weg allein auf den Berg steigen, um zu beten. Doch nun kam den Jüngern auf dem See ein heftiger Wind entgegen, der starke Wellen verursachte, gegen die sie anzurudern versuchten. Der starke Nordostwind, der im Frühling bekanntermaßen manchmal über das Land und den See braust, ist der Scharkije.

Vom Berg aus sah Jesus die Situation der Jünger und ging auf dem Wasser zu ihnen. Dabei ereignete sich dann auch der teilweise gelungene Versuch von Petrus, ebenfalls auf dem Wasser zu gehen. Nachdem Jesus zu den Jüngern ins Schiff gestiegen war, fuhren sie weiter und kamen bei Genezaret an Land. Das liegt im Südwesten vom Ort der Speisung. Die Jünger mit Jesus im Boot hatten dann also dem Wind nachgegeben und waren statt gegen den Wind Richtung Betsaida mit dem Wind ans Ufer nach Genezaret gefahren. Soweit sind die Örtlichkeiten nach den Angaben von Matthäus und Markus klar.

Ein Problem, das wir dann aber lösen müssen, ergibt sich aus den Angaben des Johannesevangeliums. Johannes, der einen zu den drei anderen Evangelien ergänzenden Bericht schrieb, hat die beiden Speisungen zu einem gemeinsamen Bericht zusammengefasst. Bei ihm werden in der Zusamenfassung nun einerseits Fünftausend gespeist, der Ort der Speisung liegt andererseits aber auf dem Ostufer.

Auch bei Johannes steigen die Jünger nach der Speisung ins Boot und fahren weg, während Jesus auf den dortigen Berg geht. Die Jünger fahren allerdings vom Ostufer des Sees nach Westen in Richtung Kafarnaum. Und es kommt zwar ein stark wehender Wind auf, der den See aufwühlt, doch die Jünger kommen langsam vorwärts. Sie sind schon vier bis fünf Kilometer vom Ufer entfernt, als Jesus sie sieht und dann zu ihnen geht. Und nachdem Jesus zu ihnen ins Boot gestiegen ist, sind sie sogleich da am Land, wohin sie aufgebrochen waren, nämlich am Westufer in der Nähe von Kafarnaum.

Diese Angaben passen mit der Bootsfahrt, die Matthäus und Markus berichten, überhaupt nicht zusammen. Wenn wir aber glauben, dass es stimmt, was der Augenzeuge Johannes als ergänzenden Bericht schreibt, dann bleibt nur eine Lösung: Jesus ist nach beiden Speisungen auf dem See zu seinen Jüngern gekommen. Er ist zweimal auf dem Wasser gegangen.

(Diese Sichtweise wird dann auch in meiner Evangelienharmonie zu finden sein, die zur Zeit beim Verlag für die Veröffentlichung vorbereitet wird.)

Judas – erhängt oder gestürzt?

Judas – erhängt oder gestürzt? Diese Frage ergibt sich, wenn man die zwei Aussagen des Neuen Testaments über das Ende von Judas vergleicht.

Eher bekannt ist in der Regel der Bericht von Matthäus – Mt 27,3-5: „Als Judas, der ihn verraten hatte, nun sah, dass Jesus verurteilt worden war, bereute er es. Er brachte die dreißig Silberstücke zurück zu den obersten Priestern und Älteren und sagte: ‚Ich habe mich versündigt, ich habe unschuldiges Blut verraten.‘ Sie antworteten: ‚Was willst du damit bei uns? Sieh du zu!‘ Und er warf die Silberstücke zum Tempelhaus hin, zog sich zurück, ging weg und erhängte sich. Die obersten Priester nahmen die Silberstücke und sagten: ‚Es ist nicht erlaubt, sie in den Opferkasten zu tun, weil es Blutgeld ist.‘ Nachdem sie einen Beschluss gefasst hatten, kauften sie davon den Acker des Töpfers als Begräbnisplatz für die Fremden.“

Dann begegnet man aber in der Apostelgeschichte der folgenden Aussage von Petrus über Judas – Apg 1,18: „Er hat nun vom Lohn des Unrechts ein Stück Land erworben. Und als er hinabgestürzt wurde, platzte er in der Mitte, und alle seine Eingeweide wurden ausgeschüttet.“

Der Bibelkritiker wittert hier natürlich sogleich wieder die Widersprüche, die er so gerne mag. Haben nun die Priester das Land gekauft oder Judas? Und Judas – erhängt oder gestürzt?

Die Lösung des Rätsels wird einfach, wenn man bedenkt, dass man Judas als Selbstmörder keine ehrenhafte Bestattung zugestand. Der Leichnam eines Selbstmörders wurde wie Müll entsorgt. Die Müllhalde von Jerusalem war im damals noch erheblich tieferen Hinnomtal. Das ist eine Schlucht im Südwesten der Stadt. In diese konnte man vom Stadtrand aus praktischerweise alles hinunterwerfen, was nicht mehr zu gebrauchen war. Natürlich waren das nicht die Müllmengen wie heute.

So wurde also auch der Leichnam des erhängten Judas dort hinuntergeworfen und ist beim Aufprall offensichtlich zerplatzt. Für alle, die es sahen, war das ein eindrückliches Zeichen für die Verworfenheit dieses Mannes. So eindrücklich, dass man es in Erinnerung behielt und weitererzählte.

Nun ist auch klar, dass Judas jenes Stück Land, den „Blutacker“, nicht selbst, sondern indirekt erworben hat, indem der Oberste Rat mit seinem von ihm in den Vorhof des Tempels geworfenen Geld diesen Acker kaufte als Begräbnisplatz für die Fremden.

Eine Evangelienharmonie

Im Zuge meiner Übersetzungsarbeit habe ich auch eine chronologisch geordnete und datierte Version des Neuen Testaments erstellt. Dazu habe ich insbesondere die vier Evangelien zu einem einzigen Bericht zusammengestellt. Eine solche Zusammenfassung der vier Evangelien nennt man in der christlichen Tradition eine „Evangelienharmonie“. Eine solche ist auch schon aus den ersten christlichen Jahrhunderten bekannt. In syrischer (aramäischer) Sprache war sie in den syrischen Gemeinden sehr weit verbreitet. Sie hatte dort eine Zeit lang die vier Evangelien fast verdrängt.

Die ersten drei Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) sind in Aufbau und Inhalt einander auffallend ähnlich. Viele Berichte haben sie auch parallel, oft mit unterschiedlichen Details und manchmal unterschiedlicher Reihenfolge. Johannes, das vierte Evangelium, ist dagegen ganz anders, im Aufbau und im Inhalt. Nur wenige wesentliche Teile sind parallel zu den anderen drei. Nun wollte ich zum einen alle Details aus allen vier Evangelien einmal zusammenhaben. Und zum anderen wollte ich einen zeitlichen Ablauf für die ganze Geschichte von Jesus finden. Das war nicht so einfach. Es gehörten drei Stränge dazu, die ich für meine Evangelienharmonie – im Bild gesprochen – wie einen Zopf zusammenflechten musste:

1) Als erstes stellte ich den Handlungsablauf der drei ersten Evangelien zusammen. Dabei habe ich Matthäus als einem Augenzeugen den Vorrang eingeräumt und die Reihenfolge von Matthäus nur da geändert, wo Markus und Lukas als zwei Zeugen gemeinsam davon abweichen. Damit erhält man einen Handlungsstrang, der nach dem Grundmuster „von Galiläa nach Jerusalem“ einen sinnvollen Ablauf bietet. Dieser hat allerdings wenig konkrete zeitliche Angaben. Nur Lukas gibt eine Zeit für das Auftreten Johannes des Täufers an, und am Schluss steht das Pesach-Fest, an dem Jesus hingerichtet wurde am Kreuz.

2) Dann habe ich als Nächstes das Johannesevangelium damit kombiniert. Dieses enthält mehrere Zeitangaben, indem Jesus immer wieder Feste in Jerusalem besucht, die jahreszeitlich zu bestimmen sind. Das zeitliche Grundmuster im Johannesevangelium besteht in drei Pesach-Festen. Am Anfang seiner Wirksamkeit war Jesus dort und hat sich mit einer Tempelreinigung den Jerusalemern vorgestellt. Dann war er ein Jahr später zu Pesach nicht in Jerusalem, sondern blieb in Galiläa, wo als äußerlicher Höhepunkt seiner Tätigkeit die Speisung der 5000 stattfand. Und noch ein Jahr später wurde er an Pesach in Jerusalem am Kreuz hingerichtet. Hier tauchte für mich die Überraschung auf, dass Jesus , wie immer gedacht, drei Jahre lang in Israel unterwegs war, sondern nur etwas mehr als zwei.

3) Dazu habe ich für die Evangelienharmonie dann weitere zeitliche Angaben verarbeitet. Zum einen gibt es jahreszeitliche Erwähnungen in den Berichten selbst, z.B. wenn die Felder weiß sind zur Ernte oder wann es auf dem See Genezaret Stürme gibt. Zum anderen gibt es Informationen aus der historischen Forschung, wobei der Tod und die Auferstehung von Jesus im Frühjahr des Jahres 30 n. Chr. der Fixpunkt ist. Das beste Buch dazu, das mir sehr viel Inspiration und Information gegeben hat, ist von Bargil Pixner: „Wege des Messias und Stätten der Urkirche“, herausgegeben von Rainer Riesner (Brunnen-Verlag).

Die Veröffentlichung der Evangelienharmonie ist derzeit beim Verlag in Vorbereitung. Im Frühjahr 2026 kann sie vermutlich erscheinen.

Matthäus

Matthäus ist einer der „zwölf“ Jünger von Jesus, also ein Augenzeuge für den genzen Weg, den er mit Jesus gegangen ist. In seinem Bericht darüber, seinem „Evangelium„, zeigt er ein paar Eigenheiten, die sich von den anderen drei Evangelien abheben:

Wenn man die Stücke vergleicht, die Matthäus mit Markus und Lukas gemeinsam hat, dann sind sie bei Matthäus in der Regel am kürzesten. Man könnte also sagen, er liebt es eher kurz und bündig.

Die Lehre von Jesus hat er konzentriert in fünf großen Reden von Jesus zusammengestellt:

Grundsatzrede auf dem Berg (Mt. 5-7)

Aussendungsrede (Mt. 10)

Reich-Gottes-Vergleiche (Mt. 13)

Gemeinderegeln (Mt. 18)

Endzeitrede (Mt. 24-25)

Matthäus ist es wichtig, den Bezug zum Alten Testament herzustellen. Die Formulierung; „Damit wurde erfüllt, was (z. B. der Prophet Jesaja) gesagt hatte“ leitet bei ihm häufig ein Zitat aus dem AT ein.

Und er sagt statt „Königreich Gottes“ lieber „Königreich der Himmel“. Damit schließt er sich der jüdischen Sitte an, die Erwähnung des heiligen Gottes zu vermeiden und lieber zu umschreiben.

Aus diesem Wertlegen auf die Erfüllung des Alten Testaments und der jüdischen Umschreibung Gottes darf man schließen, dass Matthäus sein Evangelium mit Blick auf Gemeinden mit jüdischem Ursprung geschrieben hat, wie es im Land Israel viele gab.

Sich selbst stellt er nebenbei in Mt 9,9 vor. „Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen – der Matthäus genannt wird – und er sagte ihm: ‚Folge mir!‘. Und der stand auf und folgte ihm.“ In den Parallelstellen bei Markus und Lukas heißt dieser Zöllner „Levi“ bzw. „Levi, der Sohn von Alfäus“. Das war wohl sein ursprünglicher Name, aber er selbst legt offensichtlich Wert auf seinen Beinamen „Matthäus“.

Es gibt eine bekannte Parallele dazu: Simon, der Sohn von Johannes, – der Petrus genannt wird -. Den neuen Namen „Petrus“ hat Jesus Simon gegeben. Wahrscheinlich hat Jesus also auch dem Levi einen neuen Namen gegeben. Alle Aufzählungen der zwölf Jünger im Neuen Testament nennen ihn dann immer nur noch mit diesem Namen „Matthäus“.

Der Name ist hebräisch und heißt ursprünglich „Mattatjahu“. Man kürzte ihn dann ab, zunächst zu „Mattitja“ und später zu „Mattai“. Der Grieche hängte noch seine Endung dran und sagte „Matthaios“. Zu uns kam er dann über die lateinische Bibel als „Matthäus“.

Der Name bedeutet „Geschenk des HERRN“. Wie treffend für einen Steuereinnehmer, den die damaligen Frommen als einen Ausgestoßenen betrachteten, der in der Nachfolge von Jesus ein neues Leben, einen neuen Namen, eine neue Identität bekam!