(Die Herbergssuche – ein Auszug aus dem Kapitel „Niederlassung in Betlehem“ aus dem Buch „Kennst du das Land?„. Ludwig Schneller berichtet hier aus seinen Beobachtungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)
Von der freien olivenbewachsenen Höhe zwischen Jerusalem und Betlehem erblickten Josef und Maria Betlehem zuerst. Auch der Maria war das Städtchen wohl nicht unbekannt. Vor kurzem erst hatte sie auf diesem Gebirge ihre Freundin Elisabeth besucht.
Eine volkstümliche Auffassung nimmt an, dass bei der „Herbergssuche“ des jungen Paares alle Herbergen Betlehems von Wandersleuten angefüllt waren, welche wegen der Eintragung nach Betlehem gereist waren. Wir teilen diese Auffassung nicht. Vermutlich waren für die Eintragung von Seiten der Regierung nicht nur wenige Tage, sondern eine längere Frist angesetzt, innerhalb welcher sich jeder in seiner Stadt zu melden hatte. Und selbst wenn dies ein so allgemeines Zusammenströmen nicht verhindert hätte, wie man es oft in Weihnachtsbeschreibungen dargestellt findet, so sind aus dem kleinen Betlehem gewiss nicht allzu viele Personen über Land gewesen, welche der Einschreibung halber heimkehren mussten. Und diejenigen, welche aus diesem Grunde eintrafen, nahmen selbstverständlich nicht in einem Gasthaus, sondern bei Verwandten oder Bekannten Quartier.
Ziehen wir nun ein mit dem wandernden Paar zu den Toren Betlehems! Sie durchschritten das Tor und betraten die Straßen des kleinen Städtchens oder Dorfes. Dieses war wegen der kaiserlichen Anordnung zur Eintragung in keinerlei Aufregung. Jedermann ging dort auf Straße, Markt oder Feld seiner Arbeit nach, je nachdem es die Jahreszeit mit sich brachte. Manchen Bekannten mag Josef auf der Straße mit frohem Ruf begrüßt haben, während er sein Quartier aufsuchte. Wo wollte er den wohnen?
Die christliche Sage gibt uns auf diese Frage mit der Herbergssuche eine ziemlich klare Antwort. Nur schade, dass dieselbe das Licht einer näheren Untersuchung nicht erträgt. Die landläufige Ansicht, dass Josef und Maria in dem mit Reisenden überfüllten Betlehem gewissermaßen zu spät kamen, alle Plätze in der öffentlichen Herberge schon besetzt fanden und auf ihrer „Herbergssuche“ daher genötigt waren, in einem zu der Karawanserei gehörigen Stalle ihre Zuflucht zu nehmen, wo dann gleich in der ersten Nacht das Jesuskind geboren wurde, ist gewiss unrichtig.
Zunächst ist es selbstverständlich, dass Maria, welche ihrer Entbindung entgegensah, nicht so leichtsinnig war, unmittelbar vor derselben die Reise von Nazaret nach Betlehem zu machen. Dass Josef der Eintragung wegen abreisen musste, war demselben nach unserer Annahme schon seit einiger Zeit bekannt. Er konnte sich also für die Reise eine passende Zeit auswählen. Wäre aber die Aufforderung zur Reise wirklich so plötzlich und kurz vor der Entbindung an ihn gekommen, so hätte er natürlich die Maria in Nazaret zurückgelassen. Die notwendige Reise nach Betlehem hätte er dann rasch allein ausgeführt.
Die Geschichte im Evangelium von Lukas lässt uns einen Spielraum von etwa einem halben Jahr vor der Geburt Jesu frei, innerhalb dessen die Reise nach Betlehem geschehen konnte. Mindestens aber müssen Josef und Maria aus den angedeuteten Gründen mehrere Wochen vor der Geburt eingetroffen sein. Selbst wenn nach der gewöhnlichen Annahme Josef keine Verwandten oder Bekannten in Betlehem gehabt hätte.
Dieser Auffassung kommt der Ausdruck im Evangelium von Lukas klar entgegen. „Während ihres Dortseins“, heißt es dort, „kam die Zeit, dass sie gebären sollte“. (Luk. 2,6.) Es ist somit klar, dass Josef und Maria nicht für einige wenige Tage in Betlehem bleiben wollten. Bei Lukas finden wir sie vierzig Tage nach der Geburt noch dort. Und so ist auch die Ansicht hinfällig, dass sie zuerst versucht haben, in der öffentlichen Herberge, der Karawanserei, ein Unterkommen zu finden. Denn ein Gasthaus, in welchem man wie im Abendland auf längere Zeit für sein gutes Geld Wohnung, Speise und Trank haben kann, kennt der von europäischem Wesen unberührte Orient nicht.
Die Karawansereien oder Chans sind meist großgewölbte Räume, welche besonders an belebten Handelsstraßen in Städten oder in einsamen Gegenden stehen. Dort können Durchreisende wohl für 1 oder 2 Nächte Unterkunft finden, auch einige Erfrischungen erhalten. Aber für einen längeren Aufenthalt werden diese Chans nicht benützt, sind auch nicht darauf eingerichtet. Anstatt in kalten Nächten unter freiem Himmel zu kampieren, ist der Durchreisende froh, sich über Nacht in dem Gewölbe des Chans mit seinen Tieren auf den Erdboden legen zu können, um am nächsten Morgen in aller Frühe weiterzuziehen.
Aber die Landeskinder ziehen es vor, wenn möglich, Privatgastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Jesus hat dies späterhin sogar in Samaria getan. Und bei der mit Recht weltberühmten orientalischen Gastfreundlichkeit war und ist es nicht schwer, in Betlehem ein Unterkommen zu finden. Selbst wenn Josef keine Verwandten daselbst gehabt hätte, hätte er ohne Schwierigkeit in irgendeinem Hause Aufnahme gefunden. Man hat daher den armen Betlehemiten jener Tage bitteres Unrecht getan, wenn man so oft bei Gelegenheit der Weihnachtsgeschichte mit der Herbergssuche allerlei wenig schmeichelhafte Bemerkungen über ihre Ungastlichkeit fallen ließ.
Wenn es aber richtig ist, dass Josef in Betlehem zu Hause war, ist es selbstverständlich, dass er bei Verwandten einkehrte. Dieser Auffassung widerspricht der Urtext in keiner Weise. Denn von einer öffentlichen Herberge steht dort nicht eine Silbe. Das Wort „Katalyma“, welches Luther mit „Herberge“ übersetzt hat, gebraucht Lukas noch einmal an anderer Stelle (Luk. 22,11). Er bezeichnet damit den Saal, in welchem Jesus mit seinen Jüngern das Abendmahl hielt. Zur Bezeichnung einer öffentlichen Herberge im Gleichnis vom barmherzigen Samariter verwendet er dagegen das ganz andere unzweideutige Wort „Pandocheion“. Jenes Wort „Katalyma / Unterkunft“ bedeutet aber einfach das jeweilige Haus, in welchem man einkehrt oder absteigt.
Anmerkung des Autors dazu:
Die Geschichte der Geburt von Jesus erwähnt zwar nicht ausdrücklich einen „Stall“, wohl aber eine „Futterkrippe“, in die der neugeborene in Windeln gewickelte Jesus zu seinem ersten irdischen Schläfchen gelegt wurde. Natürlich kann man von einer Futterkrippe auf einen Stall schließen. Allerdings hätte die Futterkrippe auch in einem Haus sein können, weil man auch dort in kalten Nächten gerne Tiere mit hineinnahm. Die durch die Geburtskirche in Betlehem belegte älteste Tradition (an der es keinen guten Grund zum Zweifel gibt), erzählt allerdings von einer Höhle, die als Stall genutzt wurde. In dieser Stallhöhle war irgendwann eine Futterkrippe in den Fels gehauen worden.
Nehmen wir an, dass Maria ihr Kind verständlicherweise nicht inmitten der Großfamilie eines Wohnhauses zur Welt bringen wollte. Dann ist es doch naheliegend, eine im Sommer leerstehende, angenehm temperierte und naheliegende Stallhöhle dafür zu nutzen. Hier war man abgeschieden, vor neugierigen Blicken geschützt, und die Betlehemer Hebamme war sicherlich dabei. Und die entsprechend vorbereitete Futterkrippe war dann der beste und sicherste Ort für das erste Schläfchen des menschgewordenen Gottes.