(Was mich schaudern macht – ein Abschnitt aus dem Artikel „So also steht die Sache“ von Sören Kierkegaard. Veröffentlicht in seiner Zeitschrift „Der Augenblick am 31. Mai 1855.)

An dem, was bisher geschehen ist, macht mich nur eines schaudern. Und wieder schaudert mich, wenn ich bedenke (was ich wohl weiß), dass ich mit meinen Worten nicht einmal verstanden werde.

Was mich schaudern macht, ist Folgendes. Während mein Leben in Bekümmernis um das Heil der Seele einen Kampf – gegenüber den Herrlichen vor mir freilich einen schwachen Kampf – für die Ewigkeit ausdrückt, stehe ich inmitten eines Geschlechts, das sich für diese Sache höchstens als Publikum interessiert. In einer flüchtigen Stimmung lässt man sich vielleicht von meinen Worten ergreifen. Im nächsten Augenblick darauf beurteilt man sie ästhetisch. Im Augenblick darauf liest man die Gegenschriften gegen mich. Dann ist man auf meine Antwort begierig usw. usw.. Kurz, man ist Publikum.

Und ihrer keinem, keinem fällt es ein, dass auch er ein Mensch ist wie ich und demselben Los unterworfen; dass auch er in der Ewigkeit Rechenschaft ablegen muss, und dass die Ewigkeit sich gewisslich allem verschließt, was in diesem Leben nur Publikum sein wollte, „wie die anderen auch“. Sieh, das erregt mein Schaudern, dass diese Menschen in der Einbildung leben, ich sei in Gefahr, während ich doch, ewig verstanden, sofern ich wenigstens für die Ewigkeit kämpfe, weit weniger in Gefahr bin als sie.

Und nochmals schaudert mich, wenn ich bedenke, dass solches in der Christenheit vor sich geht, dass diese meine Zeitgenossen also eine Gesellschaft von Christen sind, die tausend auf das Neue Testament vereidigte Lehrer hat – und dass dann diese Menschen in Wahrheit keine Ahnung davon haben, was Christentum ist. Das ist zum Schaudern. Es ist schauderhaft für mich, dass ich mit meinen Thesen so vollständig Recht bekommen habe. Das Christentum ist gar nicht da, und das kommt von der Verkündigung des Christentums durch die „Wahrheitszeugen“: