Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

Kategorie: Zitate (Seite 3 von 6)

Lieder

(Lieder – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Musik“ des Buchs von Ludwig Schneller „Kennst du das Land?„. Mit „heute noch“ beschreibt er die Zeit von 1884 bis 1889.)

Wenn zuweilen behauptet worden ist, dass weltliche Lieder in Israel nicht aufkommen konnten, sondern die Harfe Israels fast nur religiöse Gegenstände gekannt habe, so ist dies gewiss irrig. Man darf ja nur das Alte Testament aufschlagen, um das Gegenteil zu sehen. Wie unzählige Male ist hier von Jauchzen und Singen und Reigentanz die Rede! Bei jedem Volksfest, bei jeder Hochzeit, bei jedem Todesfall, in jedem Weinberg zur Zeit der Weinlese wurden Lieder angestimmt und der Reigentanz aufgeführt.

Und man wusste den Gesang wohl zu schätzen. „Wie ein Rubin in feinem Gold leuchtet,“ sagt Sirach, „also ziert ein Gesang das Mahl! Wie ein Smaragd in schönem Gold steht, also zieren die Lieder bei gutem Wein!“ (Sir 32,7-9.) Und Jesaja klagt von dem verödeten Land: „Die Freude der Pauken feiert, das Jauchzen der Fröhlichen ist aus!“ (Jes 24,8.) Und auch an Babels Wassern noch, nachdem die frohen Klänge in den heimatlichen Bergen verhallt waren, konnten Israels Gefangene nicht von ihren Harfen lassen, den Gespielen froher Tage. Sie hingen sie an die Weiden und weinten. (Ps 137,2).

Aber aufbewahrt ist uns von den weltlichen Volksliedern fast nichts. Kurze Freuden- und Schmerzenslaute waren es, die unmittelbar aus vollem Herzen hervorströmten. Sie waren vielfach Kinder des Augenblicks, wie die beiden aufgeführten Lieder der Mirjam und der Weiber Israels. Man achtete sie nicht für Wert, sie gleich den heiligen Psalmen aufzubewahren. So ist es geschehen, dass uns von einem Volk, dessen lebendiger Herzschlag Gesang und Poesie war, dessen bilderreiche Sprache selbst schon Poesie ist, in dessen heiligen Schriften hundert Aufforderungen stehen, zu singen, zu jauchzen, zu preisen, so wenige Volkslieder übriggeblieben sind. Man konnte sogar auf die Meinung kommen, es wäre gesangsarm gewesen.

In Palästinas Bergen sind sie verklungen, alle jenen fröhlichen Lieder, die Jubellaute der Hochzeit, „die Stimme des Bräutigams und der Braut“ (Jer 7,34; 16,9; Offb 18,23), die jauchzenden Klänge der Erntezeit, die frohen Lieder, welche nachts durch die Weinberge ertönten. Die güldene Quelle ist verlaufen und „entschlafen alle Töchter des Gesangs.“ (Pred 12,4.)

Aber die Perlen jener Dichtung, die Psalmen, tönen fort durch die Jahrhunderte. Und die Nachkommen jenes Volksgesangs hört man heute noch auf den Bergen. Freilich so kunstvoll wie unsere heutigen Lieder waren jene Gesänge nicht. Aber wer lebendigen Sinn hat für edle heilige Einfalt, der muss an jenen köstlichen Psalmen mehr Geschmack finden, als an den Wettgesängen der Hellenen mit ihrem wundervollen Ebenmaß und Wohllaut. „Die Musik eines griechischen Virtuosen“, sagt der Wandsbecker Bote, „der in den griechischen Spielen mehr als einmal den Preis erhalten hatte, verhält sich zu den Psalmen Davids ungefähr wie ein Solo eines leichtfüßigen Gecken, der aber ein großer Tänzer ist, zu dem Tanz des Mannes Gottes vor der Bundeslade her.“

Und es soll niemand denken, dass diese einfachen rhythmischen Gesänge, welche eben nur die allernotwendigsten Bewegungen einer Melodie haben, nicht fähig wären, Schmerz oder Freude in angemessener Weise zum Ausdruck zu bringen. Vielmehr ist dieses gemeinsame pathetische Singen oder Sprechen (bei welchem natürlich alle dieselbe Höhe des Tones einhalten) in aller seiner Einfachheit ein getreuer Spiegel der Empfindungen der Sänger. Bei frohen Liedern, Sieges-, Hochzeits-, Festgesängen, erhebt sich die Stimme naturgemäß bei der ersten Zeile in raschem Rhythmus. In der zweiten Zeile senkt sie sich etwas in melodischem Tonfall.

Ganz anders sind die Klagelieder. Sie haben oft etwas ungemein Rührendes und Ergreifendes. Wer sie einmal gehört hat, wird sie nicht wieder vergessen. Auch hier ist alles Gefühl, alles Natur, alles unmittelbarer Erguss des Herzens. Wie bei den Weinenden beginnt die Zeile in einer gewissen Tonhöhe. Aber ihre Schmerzenslaute senken sich rasch in traurigem Tonfall, als sollte alle Freude und Hoffnung dahinsterben, alles Licht des Lebens für immer verlöschen.

Die Hauptdichter waren augenblickliche Freude und augenblicklicher Schmerz. Und wer wollte leugnen, dass gerade in den Augenblicksgedichten wirklich ein Stück lebendigster, unmittelbarster Poesie der Volksseele liegt? Dass da etwas zum Ausdruck kommt, was bei uns verloren geht, die wir nur auswendig gelernte oder abgelesene Lieder singen? So war dennn Israel ein sangesfrohes, liederreiches Volk, wie irgend ein anderes. Sie hatten keine schönen Melodien, sie suchten keine künstlichen Silbenmaße. Sie antworteten und jauchzten einander zu, sie tanzten einander entgegen. Und sie weinten und klagten „gegen einander“, so dass eine Klage und eine Träne gewissermaßen die andere weckte und hervorlockte.

Ihre verlorenen Volkslieder waren voll dramatischen Lebens, gleich den noch vorhandenen Psalmen, und viele derselben ebenso rasch vergehend, wie entstehend. Anspruchslose Blumen auf Feld und Heide waren sie, voll Leben und Poesie. Mit dem Volk blühten und verwelkten sie. Der Wind wehte drüber und verstürmte Israel – und ihre Stätte kennt sie nicht mehr. Sie sind verhallt und verklungen in den Lüften. Aber des Herrn Wort, welches durch Psalter und Harfe Israels rauschte, ist geblieben und bleibt in Ewigkeit.

… Speziell über die Musik lassen uns die Propheten und die Offenbarung Johannis nicht im Zweifel, dass sie in der verklärten Welt eine hervorragende Rolle spielen wird. … Mit Palmen in den Händen gleich den Festbesuchern Israels (Offb 7), mit weißen Kleidern und Harfen in den Händen, gleich den levitischen Sängern des Tempels (Offb 7 und 19), so stehen sie in Gottes neuer Welt und singen, wie einst im Jehovatempel, ihre Gesänge in wechselnden Chören. (Offb 4,8-11; 5,9-14; 7,9-12; 19,1-7).

Und wie einst in Israels Tempel, so schallt auch dort noch das große Wort des Fest-Hallel (Ps 113-118; 135 und 136), angestimmt von großen Scharen aus allen Völkern und Zungen, von himmlischen und irdischen Geschöpfen und aller Kreatur (Offb 5,9f.), mit einer alle irdischen alten und neuen Instrumente übertönenden und überstrahlenden Musik, „wie eine Stimme großer Wasser, und wie eine Stimme starker Donner“ jubelnd durch die Himmel und die Länder der verklärten Erde: „Hallelujah!“

Musikinstrumente

(Musikinstrumente – ein Teil des Kapitels „Musik“ aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Es beschreibt die Zeit zwischen 1884 bis 89 im damaligen Palästina.)

Das Bedürfnis einer Begleitung des Gesangs regte sich des Takts wegen schon früh. Die einfachste und ursprünglichste und heute noch gebräuchliche Begleitung war Händeklatschen. Und dieses ließ sich leicht in ein tönendes Aneinanderschlagen klingender Metalle (wie Pauke, Zimbel, Triangel) verwandeln. Später kamen auch andere Musikinstrumente hinzu, welche die Hirten zu allen Zeiten auf einsamer Weidetrift zu spielen liebten. Die entwickelte Davidische Psalmenmusik kannte zahlreiche Instrumente. Aber auch hier werden wir nicht an kunstgerechte Harmonien denken dürfen. Diese liegen einmal nicht in der Natur des Orientalen. Ein mächtiges Tönen in helleren oder dumpferen Klängen dient ihm als geeigneter Ausdruck seiner Freude wie seines Schmerzes. Die Begleitung durch Musikinstrumente spielte übrigens stets eine mehr untergeordnete Rolle, der Gesang blieb stets die Hauptsache. …

Erst neulich hörte ich gelegentlich einer Hochzeit einen Volkssänger (Scha’ir) seine Lieder vortragen. Kriegs-, Hochzeits-, Liebeslieder sang er mit bewundernswerter Ausdauer stundenlang bis tief in die Nacht hinein, während die Hochzeitsgesellschaft andächtig lauschte. Nur wurde zuweilen ein froher Reigentanz eingeschoben. Wie sang aber der Sänger? Er hatte eine Geige oder eine Art Violoncello in der Hand. (Andere haben auch eine Harfe oder die aus Schilfrohr oder Pelikans- oder Geiersknochen gefertigte Flöte oder Hirtenpfeife …) Aber niemals diente ihm sein Instrument zu gleichzeitiger Begleitung seines Gesangs. Sobald er indessen eine Pause machte, fiel er unverzüglich mit der Geige ein, welcher er allerlei dem Impuls des Augenblicks entsprechende Töne entlockte. … Doch schienen diese zum Charakter des ganzen Gesangs gut zu passen, nicht selten einem Jauchzen oder Weinen gleich, welches noch keine deutlichen Worte finden kann.

Wahrscheinlich bewegte sich die Instrumentalmusik der Israeliten in ähnlichen Formen. Dieselbe war dort eine stehende Begleitung des Psalmengesangs. Aber ihr Spiel war stets nur Vor-, Nach- und Zwischenspiel. Ein Orientale, der mit europäischem Gesang noch nicht vertraut ist, würde auch heute nicht begreifen, wozu man diesen Chorgesang durch gleichzeitien Schall von Instrumenten stört und unverständlich macht.

Freilich, das laute rhythmische Singen der Psalmen unter freiem Himmel in den Vorhöfen des Tempels, welches man, wie einige Male erwähnt, sogar weit auf den umliegenden Bergen Jerusalems hörte (z. B. Neh 12,43), hätte sich durch den Klang von Zithern und Harfen wohl wenig beeinträchtigen lassen. Denn der sanfte Saitenklang wäre in diesem Gesang, bei welchem namentlich in der ersten Zeit, aber auch noch nach der babylonischen Gefangenschaft durchaus nicht immer nur die Leviten, sondern oft auch das ganze anwesende Volk tätig war (1 Chron 17,36; Esra 3,10-11; Neh 12,43), ganz und gar verhallt. Und auch aus diesem Grund schon kann an eine Begleitung in unserem Sinne nicht gedacht werden. Die Saitenspiele bildeten vielmehr die Ouvertüre und das Finale. Und auch in den Pausen ließen sie ihre lieblichen Stimmen erschallen, zur Andacht auffordernd.

An ein harmonisches Zusammentönen verschiedenartiger Musikinstrumente, wie in unserem Orchester, ist auch nicht zu denken. Denn dazu wäre die Kenntnis der Noten unentbehrlich gewesen. Die Psalmenüberschriften zeigen uns vielmehr, dass man zu einem Psalm stets nur ein Instrument gespielt hat. Meistens wendete man ein „Saitenspiel“ an. Das war die Zither, das Lieblingsinstrument Davids (1 Sam 16,16.23) oder die mit mehr oder weniger zahlreichen Saiten bezogene Harfe. Nur einmal (Psalm 5,2) wird ein Flötenspiel zur Psalmenbegleitung vorgeschrieben.

War somit eine Mehrstimmigkeit verschiedener Instrumente ebenso wenig bekannt wie mehrstimmiger Gesang, so wurde es doch als ein besonderes Lob wohlgelungener Musik angesehen, wenn eine möglichst reine Gleichstimmigkeit erzielt wurde. Daher lesen wir 2 Chr 5,12f., dass die Leviten unter Asaf, Heman und Jedutun „sangen mit Zimbeln, Harfen und Zithern. Bei ihnen waren 120 Priester, die mit Trompeten bliesen. Und es war, als wäre es einer, der trompetete. Und sie sangen, als hörte man eine Stimme, zu loben und zu danken dem Herrn.“

Ist nun unsere Vermutung richtig, dass die Instrumentalmusik nur dann ertönte, wenn der Gesang schwieg, so wird uns das in den Psalmen so häufig gebrauchte Wort „Sela“ um so leichter verständlich werden. Dieser seit alter Zeit verschieden aufgefasste Ausdruck wird heute als Zeichen entweder für „Pause“ oder für „Zwischenspiel“ angesehen. Sachlich ist nach der obigen Ausführung beides richtig. Denn danach bedeutet eben jede Pause zugleich ein Zwischenspiel, sobald Instrumente zur Begleitung des Gesangs da sind. Alle Psalmen, in denen Sela vorkommt, sind durch ihre Überschrift ausdrücklich für den öffentlichen Tempelgottesdient bestimmt. Und so ist auch zweifellos, dass dieselben mit Instrumentalmusik begleitet wurden.

Die einzigen Musikinstrumente, welche den Gesang gleichzeitig begleiteten, besonders wenn derselbe mit Reigentanz verbunden war, sind die taktangebenden wie Pauke, Zimbel, Triangel, Schellen. Wir lesen 1 Chr 16,19, dass die drei Musikdirektoren des Tempels, Asaf, Heman und Jedutun, die Pauken in der Hand hatten, um Takt und Tempo damit zu beherrschen. So scheint es auch nach Ps 81,3, dass man zuerst den Gesang mit Begleitung der Pauken anstimmte. Dann erst erschollen die sanften Töne lieblicher Zithern und Harfen“, wobei wohl auch die lärmenden Taktinstrumente verstummten.

Nach 1 Chr 15 bestand das Tempelorchester aus acht Harfen höherer Stimmung und sechs um eine Oktave niedrigeren Zithern. Zu Jesu Zeiten wurde die Musik im herodianischen Tempel von zwei Harfenisten, neun Zitherspielern und einem Dirigenten mit der Zimbel ausgeführt. Wenn nun der Gesang an einer mit Sela bezeichneten Stelle ankam, an welcher demnach der Dichter eine Pause für das Saitenspiel vorschrieb, so gab wahrscheinlich der Dirigent, welcher auch sonst nach Gutdünken Pausen eintreten lassen konnte, ein besonderes Zeichen mit seinen metallenen Pauken, worauf die Sänger inne hielten. So wurde Sängern und Zuhörern Zeit gegeben, sich beim Klang der Saitenspiele dem zuletzt ausgesprochenen Gedanken hinzugeben und denselben auf sich wirken zu lassen. Fassen wir Sela so auf, so finden wir uns wiederum im Einklang mit orientalischen Gebräuchen, wie sie sich, ob auch nur in kümmerlichen Überresten, bis heute in Palästina erhalten haben.

Gesang

(Gesang – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Musik“ des Buchs „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Beschrieben wird die Zeit von 1884 bis 89.)

Töne, Harmonien, Melodien schweben auf den Lüften und mit den Lüften auch vorüber. Daher wissen wir so wenig über die Musik des Altertums. Denn die Noten, welche die Töne über Zeit und Raum hinweg festhalten, kamen bekanntlich erst lange nach Karl dem Großen auf. So viel wir daher vom Text der Lieder der Griechen und Römer wissen, von ihren Melodien haben wir keine Spur.

Auch bezüglich des Volkes Israel scheint die Sache nicht besser zu stehen. Man hat viele Vermutungen über die hebräische Musik und die Psalmenmelodien aufgestellt, deren Text noch heute das verbreitetste Liederbuch der Welt bildet. Aber Sicheres hat man nicht finden können. Darum scheint es nicht überflüssig zu sein, auch in diesem Stück die heutigen Kinder des Landes Israels zu befragen. Denn in der Tat klingen seine Lieder wie Kinder jener hebräischen Gesänge, welche aus grauer Vorzeit zu uns herübertönen.

Die erste Stufe der Form der Dichtkunst ist der Rhythmus, die taktmäßige Folge von Hebungen und Senkungen der Stimme. Erst auf einer höheren Stufe kommt die Melodie hinzu, welche sich durch Modulation der Töne dem Text aufs innigste anschmiegt, denselben gleichsam in einer anderen Sprache ausdrückt. Die orientalischen Völker sind auf jener ersten Stufe stehen geblieben. Das, was wir Abendländer Melodie nennen, geht dem Morgenländer fast gänzlich ab. Nur soweit es für ein allgemeines Anstimmen ohne fortwährendes Ableiern eines und desselben Tones unumgänglich notwendig ist, hat auch er Melodie. Aber man wird vom Nil bis zum Eufrat nirgends ein melodisches Volkslied, nirgends Sinn für harmonische Akkorde und kunstmäßige Tonfolge finden. Es ist zu befürchten, dass wir Europäer, selbst wenn wir einem Tempelgottesdienst im alten Jerusalem hätten beiwohnen können, wo Davids Harfe von Priesterschar und Volk angestimmt wurde, von ihren Tönen sehr wenig erbaut gewesen wären.

Dagegen ist bei den Gesängen Palästinas der Rhytmus alles. Kaum ein anderes Volk der Erde mag hierfür einen so ausgebildeten Sinn haben. Kaum eine andere Sprache mag sich so geschmeidig dem Rhythmus fügen. Die kleinsten Kinder auf der Straße, die kaum lallen können, stimmen rhythmische Lieder an. Die kleinsten Schüler unserer Schule können Konjugationen, Sprüche und vollends Lieder nicht anders als im genauesten Rhythmus sagen, in welchem sie sich geradezu wiegen. Und wenn sie einem durchreitenden Fremdling nach landesüblicher Sitte Schimpfwörter nachrufen, so wird dies selten anders als in einem rhythmischen und gereimten Verschen geschehen.

Wer das Morgenland kennt, wird niemals jenes Urteil unterschreiben, dass die hebräische Poesie auf den Rhythmus der Worte verzichtet und sich mit dem Rhythmus der Gedanken, dem sogenannten Parallelismus begnügt habe, wo der Gedanke der zweiten Vershälfte stets demjenigen der ersten entspricht. Ich glaube, dass alle Psalmen von den Israeliten in ebenso freiem, fröhlichem, natürlichem Rhythmus angestimmt wurden, wie die Lieder der heutigen Palästinenser. Ein bloßer Gedankenrhythmus passt allenfalls für Dichter, welche für Bücher und Drucker schreiben. Er passt aber nicht für jene Gesänge Israels, welche durchaus für lebendigen Volksgesang geschaffen waren. Beim gemeinsamen Anstimmen eines Liedes aber wird der Rhythmus zu einer Naturnotwendigkeit.

Gegen unsere Behauptung, dass an eine Melodie in unserem Sinne nicht zu denken sei, hat man eingewendet, dass der früher auf höherer Stufe stehende Gesang sehr wohl allmählich ebenso heruntergekommen sein könne, wie das ehemals so blühende Land Israels, und dass daher der heutige Gesang in diesem Land keinen sicheren Rückschluss auf jene Zeiten gestatte. Aber dieser rhythmische Gesang, von welchem nachher einige Beispiele aus ältester und neuester Zeit angeführt werden sollen, macht einen so originellen Eindruck, dass man gar nicht auf den Gedanken kommt, darin etwas Heruntergekommenes vor sich zu haben. Es ist vielmehr die dem Orient eigentümliche Art zu singen in ihrer Vollendung darin zu erkennen. …

Schon die Notwendigkeit eines Vorsängers, welcher nicht sowohl die Melodie, als vielmehr den jedesmal zu singenden Text dem Chor vorsang, schon die Pauken in seinen Händen, welche den Rhythmus für Gesang und Reigentanz bestimmten, und die ganze dramatische Art des Wechselgesangs, wie sie weiter unter noch näher besprochen wird, dies alles lässt uns erahnen, dass sich der israelitische Gesang in ähnlichen Weisen bewegt haben muss, wie sie noch heute auf Palästinas Bergen erschallen. …

Der eigentliche Volksgesang wird niemals von einem Einzelnen angestimmt, sondern stets von Chören, so bei Hochzeiten, Begräbnissen und anderen Gelegenheiten. Tanz und gesetzmäßige Bewegung im Reigen gehören untrennbar dazu, und der Rhythmus des Körpers ist auch der Rhythmus des Liedes. Gesang und Tanz, wobei damals wie heute die Geschlechter getrennt waren, konnten auch in Israel nicht ohne einander gedacht werden. (2 Mo 15,20; Richt 9,27; 21,21; 1 Sam 18,6; Jer 31,13; Lk 15,25.)

Nichts wäre dem ursprünglichen Orientalen unnatürlicher, als wenn bei einem Volksgesang alle ebenso steif und feierlich dastünden oder säßen, wie etwa bei uns eine Gemeinde beim Anstimmen eines Chorals. Mirjam am Schilfmeer, Jeftas Tochter mit dem Jungfrauenchor, David vor der Bundeslade tanzten im Reigen. Die Propheten schildern diesen als ein Zeichen der Blüte des Volkes. Und die Psalmen rufen: “ Lobt ihn mit Pauken und Reigentänzen!“

Die Pauke ist noch heute das Lieblingsinstrument des Volks. Wer einmal im April die Gelegenheit hat, die malerischen Züge muhammedanischer Festpilger zu betrachten, welche nach Moses Grab hinabziehen, wird selten einer Schar begegnen, in welcher Pauken und Zimbeln fehlen. Meistens teilen sich die Sänger in zwei Chöre, welche einander die Worte des Liedes gegenseitig zurufen, so dass die Lieder in ihrer Ausführung die größte dramatische Lebendigkeit erhalten.

Bei Hochzeiten und Begräbnissen sind diese Lieder noch heute oft Augenblicksgedichte, welche der Vorsinger oder die Vorsingerin ersinnt. Der erste Chor singt die vorgesungenen Worte nach, worauf Vorsänger und Chor der anderen Seite sofort bestätigende Antwort zurückgeben. Meist sind es kurze rhythmische Zurufe. Nachdem der Vorsänger sie zum erstenmal ausgesprochen hat, werden dieselben oft zwanzig, vierzig bis hundert Mal hintereinander mit unermüdlicher, fröhlicher Ausdauer von Chor zu Chor gesungen, bis der Vorsänger ein anderes Motto gibt. Allgemeines fröhliches Händeklatschen mit gleichzeitigen Tanzbewegungen der Arme und Beine geben den Takt zum Gesang an. Und der Hauptton des Rhythmus wird durch besonders starkes Klatschen und markierte Bewegungen hervorgehoben.

Dass die Israeliten ähnliche Sitten hatten, ist zweifellos. Nur wenige Proben unmittelbarer Volkspoesie sind uns erhalten. Aber sie genügen, um die Gleichartigkeit der damaligen Volkssitte mit der heutigen evident darzutun. Einige Beispiele sollen dies erläutern. Hier ist ein Kinderlied, inhaltlich zwar sehr dürftig, aber charakteristisch und im ganzen Land bekannt (A = erster Chor, B = zweiter Chor):

A: Sálli saláatak – B: iá hardóon;

A: Immak matáat – B: fit tabóon!

Natürlich kann auch so geteilt werden, dass A die ganze erste, B die ganze zweite Zeile singt. Oder aber man singt das ganze Liedchen ohne getrennte Chöre mit allen zugleich.

Neulich sangen die Klageweiber, als ein Mann von seinem Kamel getötet worden war:

A: Léesch da’ásto – B: ér ridjál

A: Léesch qatálto – B: já djamál!

(Warum hast du ihn zertreten, den Mann,

warum hast du ihn getötet, o Kamel?)

Die Rhythmen sind natürlich mannigfaltig. Eine Zeile kann zwei bis acht Hebungen haben. Und zwischen zwei Hebungen werden oft drei Silben bequem untergebracht. Es herrscht in diesen Volksgesängen, von denen ich absichtlich nur zwei ganz einfache anführte, eine ähnliche Freiheit wie bei den Israeliten. Herzensbewegung und Affekt bestimmen Gleichmaß und Abwechslung.

Nun auch einige der ältesten Beispiele aus Israel. Am Ufer des Schilfmeeres lagert Israel. Vor seinen Augen hat der Herr den König Pharao und seine Kriegsmacht in den Fluten des Schilfmeeres begraben. Da geht Mirjam, Aarons Schwester, aus dem Lager hinaus, Pauken in der Hand. Und alle Weiber Israels folgen ihr im Reigentanz, Schritte und Gesang mit Tamburin, Zimbel und Pauke begleitend. Mirjam ist Vorsängerin, die anderen singen nach:

A: Schíru l’jahwé – B: ki gaóh ga’áh

A: Sús werochvó – B: ramáh hajjám!

Übersetzt:

A: Singt dem Herrn – B: denn er hat Herrliches getan!

A: Mann und Ross – B: hat er ins Meer gestürzt.

Auch hier teilen sich die Chöre beim Tanz in die Versglieder. Oder aber Mirjam sang immer A, während B jedesmal vom ganzen Chor gesungen wurde, wie auch dies heute noch oft vorkommt. Ein Wechselgesang zwischen einem Frauenchor und einem Männerchor findet niemals statt. Das Lied scheint kurz, und wer die morgenländischen Sitten nicht kennt, wird versucht sein, zu denken, dass es nur eine Zusammenfassung eines ursprünglich größeren Liedes sei. Aber es enthielt sicher nicht mehr Worte. Es war, wie die obigen Beispiele zeigen, ein echt orientalisches Lied, für Reigentanz und Gesang bestimmt. Und es wurde unter den fröhlichsten Bewegungen der Chöre wohl hundertmal am Ufer des Schilfmeers wiederholt. (2 Mo 15,21.)

Ein anderes Volksliedchen. Als das siegreiche Heer nach dem Fall Goliaths heimkehrte, da kamen die Weiber aus allen Städten Israels den Siegern geschmückt entgegen, „mit Gesang und Reigen, mit Pauken, mit Freuden und mit Geigen“ (wörtlich Triangeln, 1 Sam 18,7). Und sie sangen „gegen einander“ d. h. in wechselnden Chören, tanzten, spielten und sprachen:

A: Hikkáh schaúl ba’alafáv – B: wedavíd beríb’botáv!

(A: Saul hat tausend geschlagen – B: Aber David zehntausend!)

Wir sehen sie singen und springen und tanzen, die fröhlichen Frauen. Und es wird uns klar, wodurch jener Parallelismus entstanden ist, jene Zweiteiligkeit eines Verses, die für die ganze hebräische Poesie so charakteristisch ist. Zwei Chöre stehen einander gegenüber, zu ihrer Bewegung muss auch die äußere Form der Lieder passen, darauf sind sie eingerichtet. Ein Chor bestätigt, beleuchtet, überbietet die Vershälfte des anderen. Zwei Chöre, zwei Versglieder. Wie zu jedem Tanzschritt zwei Fußbewegungen gehören, so eilt der Gesang von Schritt zu Schritt. Zwei Kinder, die auf grüner Flur mit Blumen spielen, eins wirft dem anderen für die seinen noch duftigere, leuchtendere zurück. Dies ist die ursprüngliche lebendige Form der Doppelglieder, welche die hebräische Poesie beherrschen.

Diese Form blieb, auch als der mit Königsdiadem und Dichterlorbeer gekrönte Held David „die anmutige Feldblume von der Hirtenflur als duftende Königsblume auf den Berg Zion verpflanzte“, ja, selbst später, als man anfing, Gedichte zu verfassen, welche niemals für den Gesang bestimmt waren, und die ursprüngliche einfache Form mancherlei Erweiterung erfuhr. Der Leser kann in jedem Psalm diesen Parallelismus zweier Glieder beobachten, z. B.:

A: Der Herr ist mein Hirt! – B: Mir wird nichts mangeln.

A: Er weidet mich auf grüner Aue – B: und führet mich zum frischen Wasser.

u. s. f.

Gewiss sind auch die Psalmen ähnlich dem heutigen Gebrauch von wechselnden Chören gesungen worden. Denn auch der religiöse Gesang wird in Israel nicht plötzlich andere Formen angenommen haben, als der frühere Volksgesang. (Vgl. auch die Gesänge und Reigentänze um das goldene Kalb.) Gerade aus der späteren Zeit haben wir ein besonders anschauliches Bild solcher Wechselchöre. Nehemia 12,27-43 führt uns die beiden Chöre vor Augen. Jeder Chor hat, wie bei den arabischen Gesangschören, seinen eigenen Vorsänger (Sacharia und Jesrahia), unter deren Leitung sie sich gegenseitig antworten.

Auch Ps 147,7; 149,3 deutet auf das gegenseitige Antworten zweier Chöre beim Reigentanz. So können wir es auch verstehen, wie z. B. im 136. Psalm der eine Satz: „Denn seine Güte währet ewiglich!“ in jedem der 26 Verse wiederholt wird. Fast möchte es dem abendländischen Zuhörer beim Vorlesen eintönig vorkommen. Aber wie lebendig war gerade dies Lied auf seinem heimatlichen Boden, wenn der Vorsänger je die eine Hälfte über die Vorhöfe des Tempels erschallen ließ, während der ganze Chor stets mit der zweiten Vershälfte antwortete! Wie dramatisch gestaltete sich das Lob Gottes, wenn je mit einer Vershälfte zwei Chöre wetteiferten, den Herrn zu loben!

Nun wird es auch verständlich, was jene Überschrift zu bedeuten hat, die wir über manchem Psalm finden: „Ein Psalm vorzusingen„. Wörtlich heißt es „dem Vorsänger„. Noch heute hat jeder Chor seinen Vorsänger, der ihm – den Takt mit lebhaften Körperbewegungen, oft auch mit einem Schwert angebend – das erste Mal die Worte vorsingt, worauf der Chor dieselben nachsingt. Genau auf dieselbe Weise antwortet der zweite Chor. So werden dann dieselben Worte oftmals hinüber- und herübergesungen, bis der Vorsänger einen neuen Vers vorsingt. Ebenso wurde es offenbar bei den Psalmen auch gehalten.

Oder ein Vorsänger stimmte, was auch heute noch vorkommt, je die erste Vershälfte an, während der ganze Chor mit der zweiten antwortet. Dies war wahrscheinlich der Fall bei Psalm 136, auch 118, wo die zweite Vershälfte stets gleichlautend war. Wahrscheinlich wurde bei bekannteren Psalmen gerne so geteilt, dass der eine Chor aus Priestern, der andere aus dem Volk bestand. So bestimmte denn die Überschrift „für den Vorsänger“ jedesmal den nachfolgenden Psalm für den üblichen Chor- und Volksgesang im Tempel. Dass auch hier in den Vorhöfen des Tempels der Tanzreigen, bei welchem es auch heute noch mehr auf die taktmäßigen frohen pantomimischen Bewegungen, als auf vieles Springen ankommt, in seinem Recht blieb, ersehen wir aus dem Umstand, dass die rasselnden Taktinstrumente des Reigentanzes: Pauke, Tamburin, Zimbel und Triangel stets eine Rolle spielten, auch aus den ausdrücklichen Aufforderungen zum Reigentanz in den Psalmen, z. B. in Psalm 149,3; 150,4.

Staat – Christentum

(„Staat – Christentum“ – ein Artikel von Sören Kierkegaard aus seiner Zeitschrift „Der Augenblick“, Ausgabe vom 27. Juni 1885)

Der Staat steht in einem direkten Verhältnis zur Zahl, zum Numerischen. Wenn darum ein Staat im Niedergang begriffen ist, so kann endlich die Zahl seiner Bürger so klein werden, dass dieser Staat aufgehört hat. Und dann kann man diesen Begriff nicht mehr anwenden.

Das Christentum verhält sich anders zur Zahl. Ein einziger wahrer Christ genügt, damit man in Wahrheit sagen kann, das Christentum sei da. Ja, das Christentum steht in einem umgekehrten Verhältnis zur Zahl. Wenn alle Christen geworden sind, kann man den Begriff nicht mehr anwenden. Denn der Begriff „Christ“ ist ein polemischer Begriff. Christ kann man nur im Gegensatz zu anderen sein, oder gegensätzlicher Weise. So ist es im Neuen Testament.

Diese Eigentümlichkeit des Christentums entspricht genau dem, dass Gott geliebt sein will. Gott setzt nämlich die Liebe zu ihm, um sie zu potenzieren, dem Widerspruch aus. Und so bekommt der Christ, welcher Gott liebt, im gegensätzlichen Verhältnis zu anderen Menschen durch deren Hass und Verfolgung zu leiden. Sobald man den Gegensatz gegen andere wegnimmt, verliert die Existenz des Christen ihren Sinn. So ist es aber in der „Christenheit“ geschehen, die das Christentum dadurch hinterlistig abgeschafft hat, dass „wir alle“ Christen sind.

Also, der Begriff „Christ“ steht in einem umgekehrten, der Staat in einem geraden Verhältnis zur Zahl. Und dennoch hat man Christentum und Staat ineinander aufgehen lassen … zum Besten des Geschwätzes und der Geistlichkeit. Denn Christentum und Staat zu verschmelzen, hat ebensoviel Sinn, als von einer Elle Butter zu reden. Oder es hat womöglich noch weniger Sinn, da Butter und Elle doch nur nichts miteinander zu tun haben, Staat und Christentum sich aber umgekehrt zueinander verhalten, voneinander divergieren.

Doch in der „Christenheit“ wird das nur schwer verstanden. Denn in der „Christenheit“ hat man – das ist dort ganz in Ordnung – keine Ahnung davon, was Christentum ist. In ihr kann man am allerwenigsten auf den Gedanken kommen oder sich von dem Gedanken überzeugen lassen, dass das Christentum durch seine Ausbreitungabgeschafft worden ist, durch diese Millionen von Namenschristen, deren Zahl wohl nur verdecken soll, dass es einen Christen, also Christentum, gar nicht gibt. Denn wie man durch langes Gerede bekanntlich eine Sache zerreden kann, so hat das Menschengeschlecht, der einzelne in ihm, sich das Christentum zerreden, vom Leib schwatzen lassen – durch den Lärm des Namenschristentums, des christlichen Staates, einer christlichen Welt. Und Gott soll durch alle diese Millionen wohl so wirr im Kopf werden, dass er den Schwindel nicht entdeckt, dass er nicht sieht, dass nicht ein einziger Christ da ist.

Speisen

(Speisen – ein Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Es beschreibt die Zeit zwischen 1884 und 89.)

Im Essen und Trinken ist das Landvolk in Palästina ungemein einfach. Ein Stück Brot und ein Trunk frisches Wasser ist im allgemeinen für jeden genug. Kann der Landmann sein Brot noch in etwas Öl eintauchen, so gilt dies schon als ein besonders guter Bissen. Auf großen Wüstenreisen nehmen die Beduinen gewöhnlich weiter nichts mit sich, als das nötige Brot und einen Schlauch Wasser. Doch schließt dies natürlich nicht aus, dass man in den Städten und bei besonderen Gelegenheiten einen größerer Luxus an Speisen entfaltet. Für uns kommen hier aber nur diejenigen Speisen in Betracht, welche uns an die Heilige Schrift und ihre Geschichte erinnern.

Die Früchte, die wir in der Bibel kennen lernen, bilden natürlich auch heute noch einen Teil der Speisen des Volkes. Das sind Linsen, Bohnen, Erbsen, Gurken, Melonen, Orangen, Datteln, Oliven und hauptsächlich Trauben. Die Trauben kann man vom Juli bis zum November im ganzen Land essen. In einem Land, in welchem die einzige Nahrung oft nur aus Brot besteht, ist natürlich der Weizen die wichtigste Frucht. In der Erntezeit dient derselbe auch ungemahlen zur Speise. Die vollen Ähren werden auf einem Kohlenfeuer gebraten, dann ausgerieben, die Körner, während man sie von einer Hand in die andere gleiten lässt, durch Blasen von der Spreu gereinigt und dann gegessen. …

Wie damals, so backt man auch heute noch in jeder ländlichen Haushaltung täglich nicht nur frisches Brot, sondern mahlt auch frisches Mehl. Dazu benutzt man immer noch die Handmühle, von welcher in der Bibel oft die Rede ist. Mit dem ersten Hahnenschrei, noch lange ehe der Morgen graut, muss die Frau aufstehen, um das nötige Mehl zu mahlen. Darum rühmen die Sprüche Salomos von der tugendsamen Hausfrau: „Gar früh steht sie auf, dass sie ihrem Haus Speise austeile; sie lässt ihr Licht die ganze Nacht nicht auslöschen.“ (Spr 31,15.18).

Freilich ist es eine ermüdende und und gar langweilige Arbeit. Darum mussten meist die Geringsten sie tun, bei den Armen die Frau selbst, deren Los überhaupt gewöhnlich ein Sklavenlos ist, bei Wohlhabenden die Magd oder das Kebsweib. Schon in Ägypten zu Moses Zeiten muss es so gewesen sein, denn er sagt: „Alle Erstgeburt in Ägyptenland soll sterben von dem ersten Sohn Pharaos bis zum ersten Sohn der Magd, die hinter der Mühle sitzt.“ (2 Mo 11,5). Es gehörte auch zu der Rache der Philister, dass sie Simson dazu verurteilten, in seinem Kerker die Handmühle zu drehen. Man versteht, welche Qual das dem kühnen Krieger gewesen sein muss, wenn man sich diese Heldengestalt denkt, im dunklen Gefängnis an zwei Ketten gefesselt und in trostloser Monotonie die Handmühle drehend.

Dass auch zu Christi Zeiten die Handmühlen im Gebrauch waren, geht aus seinen Worten Mt 24,41 hervor. „Zwei werden mahlen auf einer Mühle: eine wird angenommen, die andere wird verlassen werden.“

Diese Handmühle besteht aus zwei übereinander gelegten runden Mahlsteinen. Der obere dreht sich um die eigene Achse, welche in dem unteren befestigt ist. Durch die Öffnung, in welcher diese Achse steht, wird auch das Korn eingeschüttet und unten auf einem Tuch als Mehl aufgefangen. An dem Pflock, der im oberen Stein befestigt ist, wird dieser gedreht, sei es von einer oder zwei Personen, welche einander auf zwei Seiten dieser kunstlosen Mühle gegenübersitzen.

Übernachtet ein Reisender einmal in einem Dorf, so wird ihm sein süßer Schlaf meist in sehr unliebsamer Weise gestört oder geraubt. Denn schon von zwei Uhr früh an reibt’s im ganzen Dorf auf hundert Mühlen. Dafür ist aber auch sein Brot, das er am anderen Morgen bekommt, ganz frisch. Denn als er sich zur Ruhe legte, ist’s noch Weizen gewesen. Die Eingeborenen gewöhnen sich von Jugend auf an diesen Lärm, wie der deutsche Müller an das Klappern seiner Räder.

Eine andere der Speisen, von welchen in der Bibel die Rede ist, dürfte dem freundlichen Leser wohl auch interessant sein. Der Evangelist erzählt uns, dass Johannes der Täufer von Heuschrecken und wildem Honig gelebt habe. (Mt 3,4). Heuschrecken – hu! Wer diese langbeinigen Gesellen schon einmal beobachtet hat, wie sie in Wald und Wiese so unverschämt herumhüpfen können, den wird’s nicht sonderlich danach gelüsten, sie zu verspeisen. Und er wird ebensowenig begreifen, wie andere Leute so einen Heuschreckenbraten mit gutem Appetit verzehren können. Dennoch isst man sie auch heute noch im heiligen Land.

Der Verfasser hat das bei Gelegenheit von Heuschreckenstürmen, die übers Land kamen, selbst gesehen. Man konnte damals an Johannes den Täufer erinnert werden, welcher sich von Heuschrecken und wildem Honig nährte. Denn die Leute griffen die gefräßigen Gesellen und vertrieben ihnen alle Fresslust, indem sie dieselben selbst aßen. Nicht etwa nur, um sich an diesen zu rächen, sondern weil ihnen das Heusschreckenfleisch vorzüglich mundete.

Drüben jenseits des Jordans werden sie in große Säcke eingefüllt, Füße und Flügel werden ihnen heruntergerissen, die Eingeweide herausgenommen. Dann werden sie auf dem Dach gedörrt und eingesalzen und endlich gemahlen und zu Brot gebacken. Ob nun der Täufer in der Jordanau auch solches Heuschreckenbrot gegessen hat, kann der Verfasser natürlich nicht bestimmt sagen. Wahrscheinlich ist es aber. Denn wir können uns nicht vorstellen, dass derTäufer bei seinem gewaltigen Amt Zeit gefunden hat, jeden Tag auf die Heuschreckenjagd zu gehen. Auch wäre es sonst kaum möglich gewesen, dass er das ganze Jahr hindurch von dieser Speise lebte, was doch aus den Worten hervorzugehen scheint.

Bei uns in Jerusalem verzehrte man aber das Fleisch. Namentlich die Heuschreckenschenkel wurden als ein ganz besonderes saftiger Braten gepriesen. Es mag ja auch ein sehr zartes Fleisch sein, das sich in einem so feinen Organismus bildet. Auch hat der Verfasser einmal den Braten probiert und ein halbes Dutzend Heuschreckenschenkel verzehrt. Er muss aber aufrichtig gestehen, dass er in diesem Punkt sehr schlecht zu Johannes dem Täufer gepasst hätte …

Wenn wir wirklich Christen sind

Wenn „wir“ wirklich Christen sind; wenn die „Christenheit“, eine „christliche Welt“, christlich in Ordnung ist: so ist eo ipso* das Neue Testament nicht mehr der Wegweiser für den Christen und kann es nicht mehr sein.

(Ein Artikel von Sören Kierkegaard aus seiner Zeitschrift „Der Augenblick“ vom 4. Juni 1855.)

Unter den gegebenen Voraussetzungen ist das Neue Testament nicht der Wegweiser für den Christen und kann es nicht sein. Denn der Weg ist ja verändert, ein ganz anderer als im Neuen Testament.

Das Neue Testament als Wegweiser für den Christen wird daher unter jenen Voraussetzungen ein historisches Kuriosum. So wie etwa ein altes Reisehandbuch für ein Land, worin sich seither alles gänzlich verändert hat. Ein solches Handbuch hat nicht mehr den Ernst, dass es den Reisenden wirklich führen könnte. Es hat höchstens noch als Unterhaltungslektüre einen Wert. Wo man jetzt mit der Eisenbahn bequem dahinsaust, da ist nach dem Handbuch „die fürchterliche Wolfsschlucht, in der man 70 000 Faden in die Tiefe stürzen kann“. Wo man in einem behaglichen Kaffeehaus sitzt und seine Zigarre raucht, da hat nach dem Handbuch „eine Räuberbande ihren Schlupfwinkel, welche die Reisenden überfällt und misshandelt“. „Hier ist das“, steht im Handbuch – d. h. hier war das. Denn nun ist da keine Wolfsschlucht, sondern eine Eisenbahn, keine Räuberbande, sondern ein behagliches Kaffeehaus. Und nun ist’s recht ergötzlich, sich auszudenken, wie’s da vorzeiten aussah.

Sind wir denn wirklich Christen, ist die „Christenheit“, eine „christliche Welt“, christlich in Ordnung: so möchte ich womöglich so laut, dass man es bis in den Himmel hören könnte, ausrufen: „Du Unendlicher, du hast dich doch sonst auch als Liebe erwiesen! Das war doch wahrlich lieblos von dir, dass du uns nicht zu wissen tatest, das Neue Testament sei nicht mehr der Wegweiser, sei nicht mehr das Handbuch für Christen. Nun hat sich ja alles ins Gegenteil verwandelt, und wir sind dennoch wahrhaftige Christen! Wie grausam ist es da von dir, die Schwachen immer noch damit zu ängstigen, dass du noch nicht ein Wort zurückgenommen oder geändert hast!“

Doch das kann ich nicht annehmen, dass Gott so sein könnte. Deshalb werde ich zu einer anderen Erklärung genötigt, die mir sowieso viel näher liegt. All das mit der „Christenheit und einer „christlichen Welt“ ist ein menschlicher Gaunerstreich. Das Neue Testament hingegen ist, ganz wie es ist, das Handbuch für Christen. Und denen wird es in dieser Welt beständig so ergehen, wie man im Neuen Testament liest. Und sie werden sich dadurch nicht beirren lassen, dass es Gaunerchristen in dieser Welt, der Welt der Gaunerstreiche, anders ergeht.

*eo ipso – wie es sich von selbst versteht, eben dadurch

Martin Luther

In meinem Buch „Die Gemeinde des Messias“ habe ich unter anderen auch Martin Luther zitiert. Ich stelle hier die von mir verwendeten Zitate einmal zusammen.

In der Schrift „Das Magnificat verdeutschet und ausgelegt“ von 1521 schreibt er:

„wie wohl in der schrifft / kein geistlich oberkeit noch gewalt ist / sondern nur dienstparkeit und unterkeit“ (Originalschreibweise).

In seiner Schrift „Von weltlicher Obrigkeit, wie weit man ihr Gehorsam schuldig sei“ von 1523 schreibt er:

„Unter den Christen soll und kann keine Obrigkeit sein. Sondern ein jeglicher ist zugleich dem anderen untertan, wie Paulus sagt Röm. 12: ‚Ein jeglicher soll den anderen für seinen Obersten halten’“ Und Petrus 1.Petr. 5: ‚Seid allesamt einander untertan!‘ Das will auch Christus Lk. 14: ‚Wenn du zur Hochzeit geladen wirst, so setze dich aller unterst an.‘ Es ist unter den Christen kein Oberster, denn nur Christus selber und allein. Und was kann da für Obrigkeit sein, wenn sie alle gleich sind und einerlei Recht, Macht, Gut und Ehre haben? Dazu keiner begehrt, des anderen Oberster zu sein, sondern jeglicher will des anderen Unterster sein? Könnte man doch, wo solche Leute sind, keine Obrigkeit aufrichten, auch wenn man‘s gerne tun wollte. Denn die Art und Natur leidet es nicht, einen Obersten zu haben, wenn keiner Oberster sein will noch kann.“

In seiner Schrift „Das Magnificat verdeutschet und ausgelegt” schreibt er:

„… wie wohl man jetzt leider das Wörtlein Gottes Dienst so in einen fremden Verstand und Brauch hat bracht, dass wer es hört, gar nichts an solche Werk denkt, sondern an den Glockenklang, an Stein und Holz der Kirchen, an das Rauchfass, an die Flammen der Lichter, an das Geplärre in den Kirchen, an das Gold, Seiden, Edelstein der Chorkappen und Messgewänder, an die Kelche und Monstranzen, an die Orgeln und Tafeln, an die Prozession und Kirchgang, und das Größest: An das Maulplappern und Pater-Noster-Stein-Zählen. Dahin ist Gottes Dienst leider kommen, davon er doch so gar nichts weiß …”

Wegen der Luther-Zitate habe ich unter der Rubrik „Rückblicke in die Geschichte“ dann auch ein ergänzendes Kapitel über ihn geschrieben:

Martin Luther (1483–1546)

Da ich in den vorderen Kapiteln dieses Buches Martin Luther zitiert habe, muss ich hier der Vollständigkeit halber sagen, dass er kein eindeutiger Zeuge der biblischen Wahrheit ist. Er war es ein paar Jahre lang, ist es aber nicht geblieben. In seinen Zeiten als Mönch war er auf ernsthafter Suche nach der Wahrheit. Und in einer göttlichen Erleuchtung fand er sie dann auch, als er erkannte, dass es die Gnade Gottes ist, die ihn rettet, wenn er an Jesus glaubt, der für seine Sünden gestorben ist. Allein durch die Gnade, allein durch den Glauben, allein durch Christus und allein durch die Heilige Schrift, das waren die Grundsätze, die er aufstellte. Auf dieser Grundlage konnte er eine Unzahl falscher Lehren und Praktiken der damaligen Kirche entlarven. Viele Menschen seiner Zeit erlebten das als sehr befreiend. Seine Schriften gingen wie ein Lauffeuer durchs Land und weit darüber hinaus.

Allerdings hatte er nie vor, die Kirche abzuschaffen. Das war für ihn ein unvorstellbarer Gedanke. Er glaubte an die Kirche, er wollte sie nur reformieren. Und so blieb er in seinem Herzen im System. Er setzte auf staatskirchliche Strukturen, das Pfarramt, die Kindertaufe, akademische Ausbildung und obrigkeitliche Zwangsmaßnahmen. Die Reformation, die als göttliches Werk begonnen hatte, wurde mit menschlichen Mitteln umgesetzt. Der neue Wein wurde in die alten Schläuche gefüllt.

Und Luther selbst entwickelte sich zu einer Art evangelischem Papst, der in theologischen und kirchlichen Dingen irgendwann alles alleine entschied und niemandem mehr Rechenschaft schuldig war. Am Ende hatte er nur noch Anhänger und Verehrer, aber keine Brüder mehr. Die Lutherverehrung mit ihren Gemälden und Denkmälern ist bis heute bekannt.

Den neutestamentlichen Gedanken einer Gemeinde von Gläubigen, den er einmal für kurze Zeit hatte, hat er leider schnell wieder verdrängt. Und alle, die eine solche Gemeinde propagierten und zu leben versuchten, wurden von ihm als „Schwärmer“ gebrandmarkt. So haben dann auch die lutherischen Kirchen bzw. Länder ihre Ketzer verfolgt; vielleicht im Schnitt etwas weniger brutal als die katholische Seite, aber auch hier gab es Märtyrer. Der Unterschied war, dass die Katholiken die Geschwister verbrannten, während die Lutherischen sie ersäuften.

Die Ernte

(Die Ernte – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Land und Feld“ aus dem Buch „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneller. Beschrieben wird die Zeit um 1884 bis 89.)

Die Ernte ist eine fröhliche Arbeit, wenn sie nicht durch das Ausbleiben des Früh- oder Spätregens fast vernichtet ist. Da zieht alles hinaus aufs Feld, um die Gaben der Erde einzuheimsen. Da man die Früchte zur bestimmten Zeit hereinholen muss und die Kräfte in der eigenen Familie nicht ausreichen, so muss man dazu oft Tagelöhner zu Hilfe nehmen. Am Markt oder am Tor stehen dann müßige Arbeiter genug, welche warten, bis jemand sie um den festgesetzten Lohn dingt. Es wäre ein trauriger Anblick, wenn eine Menge solcher Arbeiter lässig dastünde, während draußen die Ernte aus Mangel an Arbeitskräften zu Grunde gehen müsste.

Solche Trauer hat unser Herr empfunden im Hinblick auf die große Ernte, die in die Scheunen des himmlischen Vaters eingebracht werden soll. Dort heißt es: „Da er das Volk sah, jammerte ihn desselben. Denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.“ (Mt 9,36.) Und auch jene Lohnarbeiter, welche müßig auf dem Markt stehen, dienen dem Herrn zum Gleichnis für die, welche er vom Markt des Lebens hinwegruft zur Arbeit an seiner großen Ernte. (Mt 20,1.)

Hinter der Reihe der Schnitter sieht man gewöhnlich arme Leute in einiger Entfernung den Schnittern nachgehen. Es sind meist Frauen und Kinder, welche Ähren lesen. Wer dächte dabei nicht an jene liebliche Geschichte aus grauer Vorzeit, als die treue Moabitin Rut auf den Feldern von Betlehem Ähren auflas und sich den ganzen Tag keine Ruhe gönnte, wie ihr der Aufseher der Schnitter nachrühmte! Barmherzige Leute lassen wohl auch einmal „zwischen den Garben“ lesen, wie dies Boas der Rut erlaubte. Freilich mag es selten vorkommen, dass einer in seiner Freundlichkeit so weit geht wie Boas, welcher seinen Knaben ausdrücklich gebot, sie sollte auch von dem Haufen liegen lassen, damit es Rut auflese. (Rut 2,15.)

Ist die Ernte geschnitten, so wird dieselbe auf die Tenne gebracht. Die Tennen befinden sich meist auf großen, flachen Felsplatten, welche von einer kleinen Mauer umgeben sind. Dort werden die aufgelösten Garben in ziemlich hoher Schicht auf der Tenne ausgebreitet und dann gedroschen. Das geht aber etwas anders zu als im deutschen Vaterland. Hier schwingen Hans und Kunz und meist auch Grete den Dreschflegel durch die Luft und schlagen drauf los, als wollten sie alles kurz und klein hauen, was ihnen vor den Strich kommt. Und nachher sind sie so hungrig und durstig, dass ihr Appetit sprichwörtlich geworden ist. Bei uns im Morgenland geht es dabei viel gemütlicher zu. Einige Ochsen und Kühe werden den ganzen Tag hindurch über die ausgebreiteten Garben im Kreis herumgetrieben, bis alles kleingetreten ist.

Das Alte Testament hatte die freundliche Bestimmung, dass man dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden solle. (5 Mo 25,4.) Diese Regel beobachtet man auch heute noch. Die Tiere dürfen während ihrer Arbeit von der Ernte fressen, wenn sie Eigentum des Dreschers sind. Dem fremden, nur für die Arbeit gemieteten Vieh wird aber das Maul verbunden.

Während die Feldfrucht auf der Tenne liegt, bleibt der Eigentümer Tag und Nacht auf der Tenne. So auch Boas. Wer diese Vorsichtsmaßregel außer Acht ließe, würde wohl bald nichts mehr zu dreschen haben. Es ist nicht nur Diebstahl, vor dem man sich zu fürchten hat. Zuweilen ist es auch das Feuer, welches Feinde des Eigentümers nicht selten in seine Tenne legen. Als ich einmal kurz nach der Ernte bei Nacht von Betlehem nach Jerusalem ritt. sah ich plötzlich den östlichen Horizont jenseits des Toten Meeres erhellt. Eine blutrote Flamme, rasch wachsend, leuchtete herüber. Das Feuer war wohl acht bis zehn Meilen weit entfernt. Aber es schien, als brenne ein ganzer Berg, so wild und unheimlich loderte die Flamme. Später erfuhr ich, dass dort eine große, mit reicher Fruchtmenge angefüllte Tenne angesteckt worden sei.

Die Tennen sind schöne und hochgelegene Orte, über deren Platte der Wind hinfahren und die Spreu forttreiben kann. Eine solche Tenne war einst der herrliche Platz, auf dem sich später der mächtige Bau des Salomonischen Tempels erhob. Ehemals war es die Tenne Arafnas.

Sind die Halme und Ähren gehörig zertreten, so wird alles wieder auf einen Haufen gebracht und dann geworfelt. In Deutschland tut das jetzt die Dreschmaschine alles auf einmal. Im heiligen Land aber warten die Leute die Winde Gottes ab, die müssen ihnen helfen, den Weizen von der Spreu zu sondern. Wenn ein Wind weht, wirft man Weizen und Stroh (welches auch klein getreten ist) mit einer Schaufel in die Höhe. Dann fällt der schwere Weizen zur Erde, während der Wind die Spreu bis an das andere Ende der Tenne trägt. Also, sagt der erste Psalm, sind die Gottlosen wie Spreu, die der Wind verstreut, drum bleiben die Gottlosen nicht im Gericht. (Ps 1,4.) –

Ist diese Sichtung geschehen, so fegt man die Tenne und den Weizen trägt man heim in die Scheune. Den besseren Teil des Strohs, der ganz klein und fein geworden ist, nimmt man als Viehfutter mit, den geringeren Teil dagegen benutzt man zur Feuerung. Eine solche Sichtung durch den, welcher nach ihm kommen sollte, verkündigte Johannes der Täufer, als sich die Stadt Jerusalem und das ganze jüdische Land an den Ufern des Jordan um ihn gesammelt hatte. Er stellte ihn als einen Drescher dar, der Spreu und Weizen von einander scheidet: “ Er hat seine Worfschaufel in seiner Hand, er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln, aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer.“ (Mt 2,12.)

Feldbau

(Feldbau – ein Abschnitt aus dem Kapitel „Land und Feld“ des Buchs „Kennst du das Land?“ von Ludwig Schneider. Beschrieben wird die Zeit um 1884-89.)

Auch auf dem Gebiet vom eigentlichen Feldbau begegnen wir zahlreichen biblischen Spuren. Der Herr Jesus hat in seinen Reden Himmel und Erde durchsucht, um Gleichnisse für sein ewiges Gottesreich zu finden. Da er nach unserer Annahme in Nazaret selbst Landbau betrieben hat, bot sich ihm Feld und Feldbau zu diesem Zweck besonders leicht dar. In jedem Zug seiner Reden, welche hierher gehören, erkennen wir das heutige Land wieder. Nur nicht in dem, was er über die Fruchtbarkeit sagt. Auch heute noch findet der Ackersmann bei seiner Aussaat, wie auch aus dem schon oben Mitgeteilten hervorgeht, viererlei Ackerfeld: Weg, steiniges, dorniges und gutes Land. (Mt 13,3-8).

Sobald der Herbst eingetreten ist, sieht man beim Feldbau über alle Felder, die überhaupt gebaut werden, den Pflug gehen. Einen Räderpflug mit breiter Pflugschar wie in Deutschland kann man in diesem steinigen Boden nicht brauchen. Denn oft genug befinden sich Felsen oder mächtige Steine im Feld, über die man den Pflug rasch hinwegheben muss. Derselbe besteht daher nur aus einer ziemlich schmalen, aber starken Pflugschar. Daran dient eine Stange nach oben dem Pflüger als Handgriff, und eine Stange nach vorwärts bildet die Deichsel.

Wegen der vielen Felsen und Steine im Ackerfeld oder wegen der Weinstöcke und Bäumchen, über welche hinweggeackert wird, muss der Pflüger stets genau auf Pflug und Furche schauen, wenn er nicht mehr schaden als nützen soll. Vielleicht hat der Herr in Nazaret einst selbst geackert oder doch Pflüger angestellt. Einer der niemals mit Pflügen zu tun gehabt hat, würde wohl kaum das Gleichnis gewählt haben: „Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“ (Lk 9,62).

Zur Zeit Christi scheinen böse Leute ihre Feinde dadurch geärgert zu haben, dass sie ihnen nach der Aussaat Unkraut auf ihr Weizenfeld streuten. Dies Unkraut, eine Lolchart, lolium tumulentum, wächst heute noch in Menge unter dem Weizen. Es bildet dem Weizen ähnliche Körner und wird als Hühnerfutter verkauft. Heute geben die Leute ihrem Hass auf noch boshaftere Weise Ausdruck. Wenn sich jemand oft 10 bis 20 Jahre lang geplagt hat, um einen schönen Baumgarten zu bekommen, und hat seine Bäumchen groß gezogen und hat seine Lust daran, so kommt oft über Nacht, wenn er schläft, sein Feind und haut ihm alle um. Und wenn der Besitzer am Morgen hinauskommt und sieht, wie ihn nur noch die abgehauenen, blutenden Stümpfe traurig anstarren und möchte weinen vor Schmerz und Zorn, dann ist sein erster Gedanke: „Das hat der Feind getan!“ (Mt 13,28).

Das Gesetz Moses, das in seinen Bestimmungen so viel Freundlichkeit auch gegen Tiere zeigt, verbot den Israeliten, verschiedenartige Tiere an den Pflug zu spannen. Denn natürlich muste der schwächere Teil gewöhnlich darunter leiden. So human sind die heutigen Palästinenser nicht. Man sieht häufig ein Pferd und einen Esel, ja sogar ein Kamel mit einem Esel oder einer Kuh an einen Pflug gespannt. Und es sieht halb kläglich, halb possierlich aus, wenn so ein ungleiches Brüderpaar voraus und der Fellache im Hemd und mit seinem Ochselstachel hinterher läuft. Ja, der Verfasser hat sogar einmal gesehen, dass einer seinen Esel und sein Weib an den Pflug gespannt hatte. Das sah freilich traurig genug aus und ist sehr bezeichnend für die Stellung der Frau im Orient.

Man treibt die Tiere beim Pflügen mit einer 2 bis 3 Meter langen Stange, an deren Ende sich ein eiserner Stachel befindet. Dumme Tiere, die sich noch nicht recht ins Joch fügen wollen, schlagen bisweilen nach hinten aus. Und es geschieht dann oft, dass sie mit ihrem Fuß gerade in den spitzen Stachel hineinschlagen und sich schmerzlich verwunden. Da sie ins Joch eingespannt sind, merken sie bald, dass dies Ausschlagen nur ein ohnmächtiger Versuch ist, sich gegen den Pflüger zu wehren.

Darauf spielte der Herr Jesus an, als er dem Paulus auf der Straße nach Damaskus erschien. Er sagte zu ihm: “ Es wird dir schwer werden, wider den Stachel zu löcken.“ Damit scheint ihm der Herr sagen zu wollen: „Du gehst eigentlich schon in meinem Joch. All den Wüten ist ein ohnmächtiges Bemühen, dich mir zu entziehen, bis du deinen Willen gebrochen und dich in meine Wege gefügt hast.“ (Apg 9,5).

Das Pflügen findet gewöhnlich sofort nach dem ersten Frühregen statt. Und mit dem Sprießen der Blumen und Gräser treibt auch die junge Saat kräftig hervor. Sie bedeckt das Land mit saftigem Grün. Mit Wonne schweift dann das Auge über die schönen Fluren, welche dasselbe so lange kahl und dürr gesehen hat. Doch diese Pracht verschwindet schnell wie eine Morgenwolke, der heiße Sommer brennt sie hinweg. Und bald ist’s nur noch wie ein Traum, dass das Land so herrlich war. Nun kommt die Feldfrucht schnell zur Reife. Schon im April und Mai wird geerntet. In seinem Gleichnis sagt der Herr: „Auf dem guten Land trug etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig.“ (Mt 13,8).

Heute ist der Ertrag beim Feldbau nicht mehr so reich. An besonders gut gedüngten, fetten Stellen kommen wohl auch jetzt noch Beispiele einer enormen Frichtbarkeit vor. Im Garten des syrischen Waisenhauses in Jerusalem hat einmal ein Gerstenkorn eine große Zahl von Ähren emporgetrieben, welche aus dem einen Korn 200 bis 300 zur Reife brachten. Im allgemeinen aber muss man sich mit einem 4- bis 13-fachen Ertrag zufriedengeben.

Andere Gewächse bringe ja viel mehr Frucht. Darin zeichnet sich besonders das Senfkorn aus, welches das kleinste unter den Samen ist. Und doch erzeugt es einen Strauch in Mannshöhe, welcher vieltausendfältige Früchte trägt. Und die Vögel des Himmels suchen Schatten unter ihm. Daher nimmt der Herr auch dies Körnlein zum Gleichnis für die Ausbreitung seines Reiches über die Welt. Denn wie ein kleines Samenkorn wurde es in den Boden Palästinas gelegt und schien sterben zu wollen, als der Herr am Kreuz hing. Jetzt aber ist’s ein mächtiger Baum geworden, der seine Schatten über den ganzen Erdkreis hin ausbreitet (Mt 13,31.32).

Lobrede auf das Menschengeschlecht

Lobrede auf das Menschengeschlecht

oder

Beweis, dass das Neue Testament nicht mehr Wahrheit sei

(Eine Satire von Sören Kierkegaard aus seiner Zeitschrift „Der Augenblick“, Ausgabe vom 4. Juni 1855.)

Im Neuen Testament stellt der Heiland der Welt, unser Herr Jesus Christus, die Sache so dar. „Die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenig ist derer, die ihn finden.“

… nun aber sind, um bloß bei Dänemark zu bleiben, wir alle Christen. Der Weg ist so breit als überhaupt möglich, am allerbreitesten in Dänemark, da es der Weg ist, auf dem wir alle gehen. Dabei ist er in jeder Beziehung bequem und die Pforte so weit als nur möglich. (Weiter kann doch eine Pforte nicht sein, als dass alle en masse durch sie gehen können.) –

Ergo ist das Neue Testament nicht mehr Wahrheit.

Ehre sei dem Menschengeschlecht! Du, o Heiland der Welt, du hast doch eine zu geringe Vorstellung von dem Menschengeschlecht gehabt. Denn du hast die Erhabenheit nicht vorausgesehen, die es in seiner Perfekibilität durch stetig fortgesetztes Streben erreichen kann!

In dem Grade ist also das Neue Testament nicht mehr Wahrheit. Der Weg ist so breit als möglich, die Pforte so weit als möglich, und wir alle sind Christen. Ja ich wage noch einen Schritt weiterzugehen – denn die Sache begeistert mich. Es handelt sich ja um eine Lobrede auf das Menschengeschlecht. Ich wage zu behaupten, dass die Juden unter uns im Durchschnitt bis zu einem gewissen Grad Christen sind. Christen so gut wie wir anderen alle. In dem Grad sind wir alle Christen, in dem Grad ist das Neue Testament nicht mehr Wahrheit.

Wir wollen der Verherrlichung des Menschengeschlechts gewiss nicht mit Aufstellung unwahrer Behauptungen dienen. Wir müssen aber doch darüber wachen, dass uns nichts, nichts entgeht, das seine Erhabenheit beweist oder andeutet. Ich wage daher noch einen Schritt weiterzugehen. Da mir aber die nötigen Kenntnisse fehlen, um in der Sache eine bestimmte Meinung zu haben, so wage ich bloß eine Vermutung auszusprechen. Das Endurteil überlasse ich den Sachverständigen, den Leuten vom Fach:

Zeigen sich nicht auch bei den Haustieren, wenigstens bei den edleren, bei Pferden, Hunden, Kühen, Zeichen des Christentums? Das ist gar nicht unwahrscheinlich. Man bedenke nur, was das heißen will, in einem christlichen Staat zu leben, in einem christlichen Volk, wo alles christlich ist und alle Christen sind, wo man immer und überall nichts anderes sieht als Christen und Christentum, Wahrheit und Wahrheitszeugen? Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass dies auf die edleren Haustiere einen Einfluss ausübt, und dass die steigende Veredelung (was nach Meinung der Zoologen und der Pfarrer stets das Wichtigste ist) sich auf die Nachkommenschaft vererbt.

Jakobs List ist ja bekannt. Um gesprenkelte Lämmer zu bekommen, legte er gesprenkelte Stäbe in die Wasserrinne, so dass die Mutterschafe nichts als Gesprenkeltes sahen und darauf gesprenkelte Lämmer zur Welt brachten. Es ist gar nicht unwahrscheinlich – doch will ich, da ich nicht Fachmann bin, darüber keine bestimmte Meinung haben und würde die Entscheidung am liebsten einem aus Theologen und Zoologen zusammengesetzten Komitee überlassen – es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass die Haustiere in der „Christenheit“ schließlich eine christliche Nachkommenschaft zur Welt bringen. Mir schwindelt fast bei diesem Gedanken. Dann aber wird – zur Ehre des Menschengeschlechts – das Neue Testament nach dem größtmöglichen Maßstab nicht mehr Wahrheit sein.

Du, o Heiland der Welt, als du bekümmert fragtest: „Wann ich wiederkomme, werde ich dann wohl auch Glauben finden auf Erden“? – und als du dein Haupt im Tode neigtest, da dachtest du wohl kaum daran, dass deine Erwartungen in einem solchen Grade übertroffen werden sollten; dass das Menschengeschlecht auf eine so schöne und rührende Weise das Neue Testament zur Unwahrheit machen und fast deine Bedeutung in Frage stellen würde. Denn sollten so rare Wesen wirklich eines Erlösers bedürfen oder je eines solchen bedurft haben?

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