Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

Schlagwort: Christentum (Seite 3 von 3)

Der Kutscher des Königs

(Der Kutscher des Königs – eine Parabel von Sören Kierkegaard.)

Es war einst ein reicher Mann, der ließ im Ausland für teures Geld ein Paar tadellose, erstklassige Pferde kaufen. Er wollte sie zum eigenen Vergnügen haben und auch selbst das Vergnügen haben, sie zu fahren. Ein oder zwei Jahre gingen ins Land. Sah ihn dann einer fahren, der früher die Pferde kannte, hätte er sie nicht wiedererkannt; das Auge matt und schläfrig, der Gang ohne Haltung und Straffheit. Nichts vertrugen sie mehr, nichts hielten sie aus, kaum liefen sie eine Meile. Er musste unterwegs einkehren; manchmal blieben sie stehen, wenn er gerade am besten saß und fuhr. Und dabei hatten sie allerlei Launen und Unarten angenommen. Und trotz des reichlichen Futters, das sie natürlich bekamen, wurden sie magerer von Tag zu Tag.

Da berief er den Kutscher des Königs. Der fuhr sie einen Monat lang: Und in der ganzen Gegend gab es kein Paar Pferde, die den Kopf so stolz trugen, deren Blick so feurig, deren Haltung so schön war; kein Paar Pferde, die soviel durchhielten: wenn es sein musste, sieben Meilen in einem Zug, ohne Einkehr. Wie kam das? Es ist leicht zu sehen. Der Besitzer, ohne Kutscher zu sein, fuhr sie nach den Begriffen der Pferde vom Fahren. Der Kutscher des Königs fuhr sie nach den Begriffen des Kutschers vom Fahren.

So mit uns Menschen. Ach, wenn ich an mich selbst und an die Unzähligen denke, die ich kennen lernte, dann habe ich mir oft mit Wehmut gesagt: Hier sind Gaben genug, doch der Kutscher fehlt. Lange Zeit sind wir Menschen, ein Geschlecht ums andere, gefahren worden (um im Bilde zu bleiben) nach den Begriffen der Pferde vom Fahren; gelenkt, gebildet, erzogen nach dem Begriffe des Menschen vom Menschen. Sieh darum, was uns fehlt: Erhebung. Und was weiter daraus folgt: dass wir so wenig aushalten, ungeduldig sofort die Mittel des Augenblicks brauchen und ungeduldig im Augenblick den Lohn sehen wollen für unsere Arbeit – die dann auch danach ist.

Einst war es anders. Einst gefiel es der Gottheit selbst, wenn ich so sagen darf, Kutscher zu sein. Und sie fuhr die Pferde nach den Begriffen des Kutschers vom Fahren. Ach, was vermochte ein Mensch damals.

Denke an den biblischen Text! Da sitzen zwölf Männer, alle aus der Klasse, die wir den gemeinen Mann nennen. Sie hatten ihn, den sie als Gott verehrten, ihren Herrn und Meister, am Kreuz gesehen. Sie hatten alles verloren, wie man es von keinem anderen auch nur entfernt je sagen kann. Gewiss, danach fuhr er siegreich gen Himmel – doch damit war er aber auch fort. Und nun sitzen sie da und warten, dass ihnen der Geist gegeben wird, um – verflucht von dem Völkchen, dem sie angehören – eine Lehre zu verkünden, die den Hass der Welt gegen sie erregen wird. Diese zwölf Männer sollen die Welt umschaffen -, und zwar in furchtbarstem Maß gegen ihren Willen.

Hier steht der Verstand noch still, wenn man sich nach so langer Zeit einen schwachen Begriff davon machen will. Der Verstand steht still, wenn irgend man einen hat. Es ist als müsste man den Verstand verlieren, wenn irgend man einen zu verlieren hat.

Es ist das Christentum, das durchgezogen werden soll. Und diese zwölf Männer, die zogen es durch. Sie waren in gewissem Sinne Menschen wie wir, doch sie wurden gut gefahren! Wahrhaftig! Es ging ihnen wie dem Paar Pferde, als sie der Kutscher des Königs fuhr. Nie hat ein Mensch sein Haupt in Erhebung über die Welt so stolz gehoben, wie die ersten Christen in Demut vor Gott. Und wie das Paar Pferde, wenn es sein musste, sieben Meilen lief, ohne anzuhalten, ohne auszuschnaufen: so liefen sie. Sie liefen siebzig Jahre in einem Zug, ohne ausgespannt zu werden, ohne Einkehr irgendwo. Nein, stolz, wie sie waren, in Demut vor Gott, sagten sie: „Das ist nichts für uns mit dem Zögern unterwegs; wir halten erst – bei der Ewigkeit!“

O heiliger Geist, der du lebendig machst; es fehlt ja nicht an Gaben, an Bildung, an Klugheit. Eher ist dessen zuviel hier. Was aber fehlt, ist, dass du das von uns nimmst, was uns zum Verderben ist: die Macht. Dass du die Macht nimmst und das Leben gibst. Gewiss geht das bei einem Menschen nicht ohne ein Grauen wie das des Todes, wenn du die Macht von ihm nimmst, um die Macht in ihm zu werden. Aber wenn selbst Tiere später verstehen, wie gut es für sie war, dass der königliche Kutscher die Zügel ergriff, was ihnen zuerst Furcht einflößte und wogegen sich ihr Sinn vergebens empörte, – sollte dann ein Mensch nicht bald verstehen können, welche Wohltat es für einen Menschen ist, dass du die Macht nimmst und das Leben gibst.

Sentenzen von Kierkegaard

Sentenzen von Kierkegaard sind eine Sammlung von Sätzen oder kurzen Abschnitten aus Schriften von Sören Kierkegaard. Es finden sich dort immer wieder Kernsätze, in denen er eine wichtige Wahrheit auf den Punkt bringt. Hier meine subjektive Auswahl solcher Sentenzen von Kierkegaard, die ich auch immer wieder erweitere:

„Nun habe ich gesprochen“, sagt Gott im Himmel, „in der Ewigkeit sprechen wir uns wieder. Du kannst in der Zwischenzeit machen, was du willst, aber das Gericht steht bevor.“

Nichts ist Gott so zuwider wie die Heuchelei. Und da jeder Mensch von Natur ein geborener Heuchler ist, so ist es nach Gottes Ratschluss eben die Aufgabe des Lebens, ganz umgewandelt zu werden.

Man lebt nur einmal. Ist bei deinem Tod dein Leben wohl verbracht, d. h. so, dass es auf die Ewigkeit gerichtet war: dann Gott Lob und Dank in Ewigkeit! Wo nicht, so ist es ewig nicht gut zu machen. Man lebt nur einmal!

Soll im Dasein Ordnung gehalten werden – und das will Gott doch, denn er ist nicht ein Gott der Verwirrung – dann muss zuallererst aufgepasst werden, dass jeder Mensch ein einzelner Mensch ist, sich bewusst wird, ein einzelner Mensch zu sein.

Der Ernst der Sünde ist deren Wirklichkeit in dem Einzelmenschen – ob du es bist oder ich.

Jeder Zustand in der Sünde ist neue Sünde. … Dies erscheint dem Sünder vielleicht als eine Übertreibung; höchstens erkennt er jede aktuelle Sünde als neue Sünde. Aber die Ewigkeit, die sein Konto führt, muss den Zustand in der Sünde als eine neue Sünde anführen. Sie hat nur zwei Rubriken, und „alles, was nicht aus dem Glauben ist, ist Sünde“. Jede unbereute Sünde ist eine neue Sünde, und jeder Augenblick, da sie unbereut ist, ist neue Sünde.

Das Christentum stellt die Sünde so fest als Position auf, dass es eine vollkommene Unmöglichkeit zu werden scheint, sie wieder wegzubekommen. Und dann ist es gerade das Christentum, das durch die Versöhnung wiederum die Sünde so vollständig wegschaffen will, als sei sie im Meer ertrunken.

Kann ein Mensch das Christliche begreifen? Keineswegs, es ist ja auch das Christliche, also zum Ärgernis. Es muss geglaubt werden. Begreifen ist die Reichweite des Menschen im Verhältnis zum Menschlichen. Glauben aber ist das Verhältnis des Menschen zum Göttlichen.

Deshalb beginnt das Christentum damit, dass eine Offenbarung von Gott nötig ist, um den Menschen darüber aufzuklären, was Sünde ist und dass die Sünde doch nicht darin liegt, dass ein Mensch das Rechte nicht verstanden hat, sondern darin, dass er es nicht verstehen will, und darin, dass er es überhaupt nicht will.

Dass ein Mensch sich hinstellt und das Richtige sagt – und es also verstanden hat; und wenn er dann handeln soll, das Unrichtige tut – und also beweist, dass er es nicht verstanden hat: ja, das ist unendlich komisch.

Der Grund, warum der Mensch eigentlich am Christentum Ärgernis nimmt, liegt darin, dass es zu hoch ist. Denn sein Ziel ist nicht das Ziel des Menschen. Es will vielmehr den Menschen zu etwas so Außerordentlichem machen, dass es ihm nicht in seinen Kopf hinein will.

Verzweiflung ist ganz richtig: das Ewige und sich selbst verloren zu haben.

Die größte Gefahr, die, sich zu verlieren, kann in der Welt so ruhig vor sich gehen, als wäre es nichts. Kein Verlust kann so stille hingehen. Jeder andere Verlust, ein Arm, ein Bein, fünf Reichsbanktaler, eine Hausfrau usw., ist doch zu merken.

Weltlichkeit ist ja gerade, dass man dem Gleichgültigen unendlichen Wert zulegt. Die weltliche Betrachtung klammert sich immer an die Differenz zwischen Mensch und Mensch. Sie hat keinen Sinn für das eine, das not tut.

Christlich verstanden ist der Tod ein Durchgang zum Leben. Insoweit ist – christlich – keine irdische körperliche Krankheit zum Tode. Denn der Tod ist freilich das letzte Stadium der Krankheit, aber der Tod ist nicht das Letzte.

Dies, ein Selbst zu haben, ein Selbst zu sein, ist das größte Zugeständnis, das einem Menschen gemacht wurde. Es ist zugleich aber die Forderung der Ewigkeit an ihn.

Es ist der christliche Heroismus – und wahrlich ist dieser selten genug anzutreffen -, es zu wagen, ganz man selbst zu sein, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch, alleine direkt Gott gegenüber, alleine in dieser ungeheuren Verantwortung.

In christlicher Terminologie ist ja der Tod Ausdruck für das größte geistige Elend. Und doch besteht die Heilung gerade darin, zu sterben, abzusterben.

Eben das ist des Daseins Ernst, dass du in eine Welt gesetzt bist, wo die Stimme, die dich auf den rechten Weg ruft, ganz leise redet, während tausend laute Stimmen in und außer dir gerade vom Gegenteil reden. Just das ist der Ernst, dass jene Stimme so leise redet, weil sie dich prüfen will, ob du auch ihrem leisesten Flüstern williges Gehör schenkst.

Wenn der, der handeln soll, sich nach dem Erfolg beurteilen will, wird er nie zum Anfangen kommen. Wenn der Erfolg auch die ganze Welt erfreuen kann, dem Helden kann er nicht helfen. Denn den Erfolg bekam er erst zu wissen, als alles vorbei war. Und nicht dadurch wurde er ein Held, sondern dadurch, dass er anfing.

In der Welt des Geistes wird nur der getäuscht, der sich selber täuscht.

Geist ist: welche Macht die Erkenntnis eines Menschen über sein Leben hat.

„Meine Last ist leicht“. Was ist denn Sanftmut anderes als: die schwere Last leicht tragen? So wie Ungeduld und Verdrießlichkeit nichts anderes sind als: die leichte Last schwer tragen.

Die Seligkeit des Glaubens ist, dass Gott die Liebe ist. Daraus folgt nicht, dass der Glaube versteht, wie Gottes Handeln gegen einen Menschen immer Liebe ist. Gerade hier besteht der Streit des Glaubens: glauben können ohne zu verstehen.

Ob es einen Spieker gibt, von dem man im besonderen sagen kann, dass er den Bau des Schiffes zusammenhält, weiß ich nicht. Doch das weiß ich, dass der Glaube der göttliche Zusammenhalt in einem Menschen ist. Wenn er hält, macht er ihn zum stolzesten Segler. Wenn er gelöst wird, macht er ihn zum Wrack und damit den Inhalt des ganzen Lebens zu Tand und elender Eitelkeit.

Was ich suchte, habe ich gefunden. Und wenn die Menschen mir alles raubten, mich aus ihrer Gemeinschaft ausstießen, so behielte ich doch die Freude. Würde mir alles genommen, so behielte ich doch immer das Beste – die selige Verwunderung über Gottes unendliche Liebe, über die Weisheit seiner Ratschlüsse.

Wer immer das Beste hofft, der wird alt, vom Leben betrogen. Und wer immer auf das Schlimmste vorbereitet ist, der wird zeitig alt. Aber wer glaubt, der bewahrt eine ewige Jugend.

Das Missverständnis in der Religiosität unserer Zeiten besteht darin, dass man jetzt den Glauben dermaßen zu einer Innerlichkeit macht, dass er eigentlich ganz verschwindet, sodass sich das Leben ohne weiteres rein weltlich gestalten darf, und dass man an die Stelle des Glaubens eine Versicherung seines Glaubens setzt.

Vater im Himmel! Was ist ein Mensch ohne dich! Wie ist all sein Wissen, und wär‘ es eine Fülle des Mannigfaltigsten, doch nur ein Bruchstück, wenn er dich nicht kennt! Wie ist all sein Streben, und wär‘ es weltumspannend, nur halbfertige Arbeit, wenn er dich nicht kennt, dich, den einen, der Eins ist und Alles!

Das Evangelium ist nicht das Gesetz. Das Evangelium will dich nicht durch Strenge, sondern durch Milde erretten. Diese Milde will dich aber retten, nicht betrügen, darum ist die Strenge in ihr.

Es ist in alle Ewigkeit unwahr, dass die Schuld eine andere wird, – selbst wenn ein Jahrhundert verginge. So etwas sagen heißt, das Ewige mit dem verwechseln, das dem Ewigen am wenigsten gleicht: mit menschlicher Vergesslichkeit …

Das Kennzeichen eines hochgesinnten Menschen, einer tiefen Seele, ist, dass er bereit ist zu bereuen. Er rechtet nicht erst mit Gott, sondern bereut und liebt Gott in seiner Reue.

Ach, lasst uns doch nicht Jünglinge betrügen. Lasst uns doch nicht dasitzen und feilschen im Vorhof zum Heiligen, nicht eine unheilige Einleitung bilden zum Heiligen, als solle man das Gute darum in Wahrheit wollen, damit etwas aus einem werde in der Welt.

Beredt sein ist im Bereich der Frömmigkeit ein Spiel, so wie schön sein ein glücklicher Vorzug ist, doch ein Spiel. Der Ernst ist: das Wort hören, um danach zu handeln. Das ist das Höchste, und, Gott sei gepriesen, das kann jeder Mensch, wenn er will.

In unserer Zeit glaubt man, das Wissen gebe den Ausschlag, und wenn man nur die Wahrheit zu wissen bekomme, je kürzer und geschwinder, je besser, so sei einem geholfen. Aber Existieren ist etwas ganz anderes als Wissen.

Lass uns nicht das Christentum auf seine alten Tage in einen reduzierten Gastwirt verwandeln, der auf etwas verfallen muss, um Kunden anzulocken, oder in einen Abenteurer, der sein Glück in der Welt machen will.

Beten ist nicht sich selbst reden hören, sondern verstummen, so lange verstummen und warten, bis der Betende Gott hört.

Gott ist Geist und kann darum nur im Geist ein Zeugnis geben, das heißt: im inneren Menschen. Jedes äußere Zeugnis von Gott, wenn von einem solchen die Rede sein könnte, kann ebenso Betrug sein.

Das Christliche liegt in der Entscheidung und dem Entschiedensein.

Gott schafft alles aus nichts – und alles, was Gott gebrauchen will, macht er zuerst zu nichts.

Im Verhältnis zu Gott gibt es für keinen Menschen eine geheime Instruktion, ebensowenig wie eine Hintertreppe. Und selbst der eminenteste Geist, der zum Vortrag erscheint, tut am besten, mit Furcht und Zittern zu erscheinen.

Gott ist nicht in Verlegenheit wegen Mangels an Genies, er kann ja ein paar Legionen erschaffen. Und sich in Gottes Dienst für Gott unentbehrlich machen zu wollen, bedeutet eo ipso den Abschied.

Jeder Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen, das ist das Absolute. Das bisschen, was er von Hinz und Kunz lernt, ist nicht hoch anzuschlagen.

Der Unterschied zwischen einem Genie und einem Christen liegt darin, dass das Genie das Außerordentliche auf dem Gebiet der natürlichen Begabung ist, wozu niemand sich machen kann, der Christ aber das Außerordentliche (oder genauer gesagt: das Ordentliche, das nur außerordentlich selten ist) auf dem Gebiet der Freiheit, was jeder von uns sein sollte.

Die Welt ist ein sehr konfuser Denker, der vor lauter Gedanken weder Zeit noch Geduld hat, einen Gedanken zu denken.

Das kannst du mir glauben: Nichts ist Gott so zuwider, keine Ketzerei, keine Sünde, nichts ist ihm so zuwider wie das Offizielle. Das kannst du leicht verstehen. Denn da Gott ein persönliches Wesen ist, kannst du wohl begreifen, wie es ihm zuwider ist, wenn man ihm Formeln unter die Nase halten will, ihm mit offizieller Feierlichkeit, mit offiziellen Redensarten aufwartet. Ja, gerade weil Gott im eminentesten Sinne Persönlichkeit ist, lauter Persönlichkeit, gerade deshalb ist ihm das Offizielle so unendlich mehr zuwider als einer Frau, die entdeckt, dass man um sie anhält – nach einem Formelbuch.

Dass die Welt nicht vorwärtskommt, sondern zurückgeht, hat offenbar seinen Grund darin, dass die Menschen einander um Rat fragen, statt sich jeder mit Gott zu beraten.

Bisher hat man sich immer so ausgedrückt: Die Erkenntnis, dass man dies und jenes nicht verstehen kann, befriedigt die Wissenschaft nicht, die begreifen will. Hier liegt der Fehler. Gerade umgekehrt soll man sagen: Wenn menschliche Wissenschaft nicht begreifen will, dass es etwas gibt, was sie nicht verstehen kann, oder noch deutlicher: etwas, wovon sie klar verstehen kann, dass sie’s nicht verstehen kann: dann ist alles verworren.

Glauben heißt: dass das eigene Selbst, indem es es selbst ist und es selbst sein will, durchsichtig seinen Grund in Gott hat.

Die Sünde ist nicht das Wilde in Fleisch und Blut, sondern die Einwilligung des Geistes darein.

Viel Sonderbares, viel Beklagenswertes, viel Empörendes hat man schon vom Christentum gesagt. Aber das Dümmste, was man je gesagt hat, ist, es sei bis zu einem gewissen Grade wahr.

Gott wird dadurch beleidigt, dass er einen Anhang bekommt, einen Zwischenrang und Stab von klugen Köpfen. Und die Menschheit wird dadurch verletzt, dass nicht alle Menschen ein gleiches Verhältnis zu Gott haben.

Man spricht so viel vom Leben-Vergeuden. Aber nur das Leben des Menschen wäre als vergeudet anzusehen, der, von den Freuden des Lebens oder von dessen Sorgen betrogen, so dahinlebte, dass er sich niemals für ewig entscheidend als Geist, als Selbst bewusst würde und im tiefsten Sinn das Erleben hätte, dass ein Gott existiert, und er, er selbst für diesen Gott existiert.

Als Kind hörte ich immer, im Himmel sei große Freude, lauter Freude. Ich glaubte das auch und dachte mir Gott selig in lauter Freude. Ach, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich dazu, mir Gott in Trauer sitzend vorzustellen. Ihn, der von allen am besten weiß, was Trauer ist.

Was ist das Höchste? Nun, wir wollen das Höchste nicht um seinen Preis betrügen. Wir verhehlen nicht, dass man es selten erreichte in der Welt. Denn das Höchste ist: dass ein Mensch völlig überzeugt werde, dass er gar nichts vermag, nichts.

Du ernster, strenger Mann, denke daran: Wenn du dich nicht demütigen kannst, so hast du keinen Ernst.

In Wahrheit ist es das traurigste Missverständnis, wenn ein Mensch in dem Eifer, andere auszuschließen, so sicher wird, dass er nicht einmal davon träumt, selbst ausgeschlossen zu sein.

Ich habe es für unwürdig angesehen, wenn ich mich mehr vor Menschen und ihrem Urteil als vor Gott und seinem Urteil schämen würde; für feig und niedrig, nach dem zu fragen, wozu mich die Scham vor Menschen verleiten könnte, mehr als nach dem, was die Scham vor Gott befiehlt.

Alles, was ein Mensch in der Welt ausrichtet, selbst das Erstaunlichste, ist dennoch bedenklich, wenn er sich selbst bei seiner Wahl nicht ethisch klar gewesen ist und sich seine Wahl nicht ethisch klargemacht hat.

Das Christentum will dem einzelnen eine ewige Seligkeit schenken. Das ist ein Gut, das nicht in größeren Portionen ausgeteilt wird, sondern jedesmal nur einem.

Kurt Marti

Kurt Marti hat dieses Gedicht geschrieben:

Hochzeit

Die Glocken dröhnen ihren vollsten Ton

und Fotografen stehen knipsend krumm.

Es braust der Hochzeitsmarsch von Mendelssohn.

Ein Pfarrer kommt. Mit ihm das Christentum.

Im Dome knien die Damen schulternackt,

noch im Gebet kokett und fotogen,

indes die Herren, konjunkturbefrackt,

diskret nach ihren Armbanduhren sehn.

Sanft wie im Kino surrt die Liturgie

zum Fest von Kapital und Eleganz.

Nur einer flüstert leise: Blasphemie!

Der Herr. Allein, ihn überhört man ganz.

Quellenangabe:

Das Gedicht ist zitiert aus dem Heft von Rudolf Bohren:

„Unsere Kasualpraxis – eine missionarische Gelegenheit?“

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