(Christliche Kunst – mit sprachlichen Erleichterungen zitiert aus dem Kapitel „Der Bewunderer“ des Buchs „Christenspiegel“. Dieses ist 1979 im R. Brockhaus Verlag erschienen und beinhaltet eine Sammlung von Abschnitten aus Werken von Sören Kierkegaard.)
Allein der Nachfolgende ist er wahre Christ. Der „Bewunderer“ nimmt eigentlich ein heidnisches Verhältnis zum Christentum ein. Und daher brachte auch die Bewunderung mitten in der Christenheit ein neues Heidentum zur Welt: die christliche Kunst. Ich möchte niemanden richten, keineswegs. Ich halte es jedoch für meine Pflicht, auszusprechen, was ich empfinde.
Wäre es mir wohl möglich, das will heißen, könnte ich mich dahin bringen, den Pinsel einzutauchen oder den Meißel zu nehmen, um Christus in Farben darzustellen oder seine Gestalt auszuhauen? Dass ich dazu nicht fähig bin, – das heißt, dass ich kein Künstler bin -, gehört ja nicht zur Sache. Ich frage prinzipiell, wieweit es mir möglich wäre, wenn ich die Fähigkeiten dazu besäße. Und ich antworte: Nein, es wäre mir unbedingt eine Unmöglichkeit. Ja, es wäre mir so sehr eine Unmöglichkeit, dass es mir unbegreiflich ist, wie es überhaupt jemandem möglich gewesen ist.
Es ist mir unbegreiflich, woher solch ein Künstler die Ruhe genommen hat. Mir ist unbegreiflich die Ruhe, mit der solch ein Künstler jahraus-jahrein daran gesessen, fleißig daran gearbeitet hat, Christus zu malen. Und es ist ihm nicht eingefallen, ob Christus wohl danach verlangte, gemalt zu werden. Ob er danach verlangte, sein Bildnis – wie idealisiert es auch sei – dargestellt zu sehen vom Pinsel des Meisters. Ich begreife nicht, wie der Künstler sich seine Ruhe bewahrt hat, dass er nicht Christi Unwillen gespürt hat, dass er nicht plötzlich alles über den Haufen geworfen hat. Dass er nicht Pinsel und Farben – wie Judas die dreißig Silberlinge – weit von sich geworfen hat, weil er plötzlich etwas verstand:
Christus hat allein „Nachfolgende“ gefordert. Er lebte hier in der Welt in Armut und Geringheit, ohne etwas zu haben, wo er sein Haupt neigen konnte. Und er lebte so nicht aufgrund eines Zufalls dank der Unfreundlichkeit des Geschicks, sondern gemäß freier Wahl kraft eines ewigen Ratschlusses. Und Er verlangte oder verlangt schwerlich danach, dass nach seinem Tod ein Mann seine Zeit und vielleicht auch seine Seligkeit damit verderben soll, dass er ihn malt.
Ich begreife es nicht!
Mir wäre der Pinsel im gleichen Augenblick, da ich anfangen wollte, aus der Hand gefallen. Ich wäre vielleicht niemals wieder ein Mensch geworden. Ich begreife nicht die Ruhe dieses Künstlers bei einer derartigen Arbeit, diese künstlerische Gleichgültigkeit, die ja gleichsam eine Verhärtung ist gegen den inneren Eindruck des Religiösen, eine Willkür, eine grausame Lust. Mit dieser künstlerischen Gleichgültigkeit stand er in seinem Arbeitsgemach und beschäftigte sich dort vielleicht mit einem Bild der Göttin der Wollust. Und nach dessen Vollendung ging er dann daran, den Gekreuzigten darzustellen. Ist dies nicht ein Umgang mit dem Heiligen wider dessen Natur?
Und dennoch, der Künstler bewunderte sich selbst, und alle bewunderten den Künstler. Der Standpunkt des Religiösen verschob sich ganz und gar. Der Beschauer betrachtete das Bild in der Eigenschaft eines Kunstkenners. Ob es nun gelungen sei, ob es ein Meisterwerk sei, ob das Spiel der Farben richtig sei, und die Schlagschatten, ob der Ausdruck des Leidens künstlerisch wahr sei. – Aber eine Auffordeung zur Nachfolge entdeckte er nicht.
Den Künstler bewunderte man. Und was wirkliches Leiden, des Heiligen wirkliches Leiden gewesen ist, das setzte der Künstler gewissermaßen in Geld und Bewunderung um.
Ja, es ist mir unbegreiflich. Es ist dem Künstler vielleicht niemals beigekommen, dass es Schändung des Heiligen sei – und das ist mir noch unbegreiflicher. Jedoch eben darum enthalte ich mich jeglichen Urteils, damit ich nicht Unrecht tue. Aber ich erachte es als meine Pflicht, auszusprechen, was ich doch mit Recht ein christliches Empfinden nennen darf. Es ist kein Vorschlag, den Künstler oder auch nur ein einziges Kunstwerk anzutasten, keineswegs. Nein, es ist ein Rätsel, das ich mich verpflichtet fühle, aufzugeben. Denn dass das, was ich sage, christlich ist, dessen bin ich mir in innerster Seele gewiss.
Aber ich darf mich nicht für einen so vollendeten Christen ausgeben, dass ich meinen dürfte, ich hätte es in jedem Augenblick gleichmäßig gegenwärtig oder könnte jegliche Folge des hier Gesagten auf mich nehmen. Aber das Gesagte ist für mich, und ich meine, es ist auch für die Christenheit gleichsam eine Seemarke, mit deren Hilfe sich entdecken lässt, in welche Richtung die Christenheit eigentlich steuert. Ob sie tiefer und tiefer hinein in das Christentum steuert oder weiter und weiter vom Christentum fort.