Ein Bibelübersetzer entdeckt ...

Monat: Februar 2026

Die Diaspora

Die Diaspora der außerhalb Israels zerstreut lebenden Juden wird einmal auch im Johannesevangelium genannt. Als Jesus auf dem Laubhüttenfest den Judäern sagte, er werde bald weggehen, mutmaßten seine Zuhörer: „Will er etwa in die Diaspora der Griechen gehen und die Griechen lehren?“ (Joh 7,35). Mit „Griechen“ sind in diesem Zusammenhang nicht ethnische Griechen gemeint, sondern griechischsprechende Juden. Hebräisch sprach man nur noch „zu Hause“ in Judäa, die Sprache des Diasporajudentums war Griechisch. Auch die in Joh 12,20-21 genannten Griechen, die auf dem Fest nach Jesus fragten, waren natürlich solche griechischsprechenden Diaspora-Juden.

Über dieses Diaspora-Judentum habe ich interessante Informationen gefunden in dem Buch „Die Umwelt Jesu“ von Henri Daniel-Rops. Ich zitiere davon Auszüge aus dem Kapitel „Die große jüdische Zerstreuung“ mit vereinzelt leicht modernisiertem Wortlaut:

Ein Umstand trug dazu bei, Israel von seiner Größe zu überzeugen. Außerhalb des heiligen Landes lebten etwa vier Millionen, die Brüder der Juden in Israel waren. Das wusste jeder Zeitgenosse von Jesus. Sah er nicht, wie seine entfernt lebenden Volksgenossen zu den großen Festen zurückkehrten, um in Jerusalem zu beten? … Sah er nicht, dass es in den Schulen der Heiligen Stadt viele Studenten gab, die aus diesen verstreuten Gemeinden kamen? … Es gab also eine jüdische Migration, die der heutigen recht ähnlich war. Man nannte sie „die Zerstreuung“ oder, auf Griechisch, die Diaspora. …

Die beiden Hauptzentren der Diaspora waren Rom und Alexandria. In der großen ägyptischen Metropole hatten sich die Juden seit langem niedergelassen und waren fest verwurzelt. Von der Gründung seiner Stadt an hatte Alexander sie dorthin gezogen und ihnen die gleichen Rechte gegeben wie den Griechen. Dort entfalteten sie sich in einer Weise, dass sie gewiss ein Fünftel der Bevölkerung ausmachten. Manche nehmen sogar zwei Fünftel an. Auch in Rom, wohin sie später kamen, drangen sie rasch vor. Ein guter Teil des Importgeschäfts lag in ihren Händen. Cicero sprach lobend von ihrem Zusammenhalt, ihrem Gemeinschaftssinn, ihrem Unternehmergeist. Und Cäsar war ihnen so wohlgesonnen, dass ihr Wehklagen bei seinem Tod stark beachtet wurde. Sie besaßen eigene unterirdische Friedhöfe, Vorläufer der christlichen Katakomben. Auf deren Fußböden findet man noch heute ihre religiösen Zeichen, den siebenarmigen Leuchter, den Toraschrein. Alexandria und Rom waren sicherlich die beiden bedeutendsten jüdischen Städte der Welt.

Und wie groß war die Zahl der Verstreuten Israels nun im Ganzen? Auch hier sind die Schätzungen schwierig. Philo spricht allein für Ägypten von einer Million. Flavius Josephus zeigt, wie in Italien eine Abordnung von achttausend Juden einer aus Israel eintreffenden Abordnung entgegenging. Und er schätzt, dass Tiberius viertausend jüdische Familien nach Sardinien deportieren ließ, worin ihn Tacitus und Sueton bestätigen. Aber Dion Cassius versichert, dass Trajan 220.000 in die Kyrenaika und 240.000 nach Zypern schickte. Hält man alle diese verstreuten Auskünfte nebeneinander, so kommt man zu dem Schluss, dass ungefähr viereinhalb Millionen Juden im Imperium lebten – von einer Million außerhalb gar nicht zu reden. …

Die amtliche Stellung der jüdischen Gemeinwesen war eindeutig: Sie waren von der römischen Herrschaft anerkannt und zugelassen. Sie hatten sich sogar das gewaltige Privileg verleihen lassen, nicht am religiösen Kult des Staates oder der Stadt teilnehmen zu müssen, sondern sich darauf beschränken zu dürfen, für die heidnischen Machthaber zu ihrem Gott zu beten. Manche Israeliten besaßen sogar den Titel „römischer Bürger“, den man ihnen verliehen oder den sie gekauft hatten, so der Vater des Saulus aus Tarsos. …

Diese Juden der Diaspora waren in eine heidnische Gemeinschaft eingefügt, aber sie ließen sich nicht von ihr aufsaugen. Natürlich lebten die Reichen mehr oder weniger in griechischem oder römischem Stil. Und man möchte nicht darauf schwören, dass sie alle peinlich genau die Vorschriften der Tora einhielten. Aber ausgesprochene Apostasien* waren selten. Als z. B. ein Neffe des Philo von Alexandrien den Glauben seiner Väter aufgab, gab es einen Skandal. …

Wenn sich die Juden auch nicht von den Heiden absorbieren ließen, so weigerten sie sich durchaus nicht, ihrerseits möglichst viele Heiden zu assimilieren. … Sie zögerten nicht, mit den Heiden, die guten Willens waren, den geistlichen Schatz zu teilen, den Gott ihnen anvertraut hatte. In dieser Absicht hatten sich, nach einer Überlieferung, welche die Geschichtswissenschaft nicht ganz wörtlich nimmt, im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zweiundsiebzig Rabbiner in Alexandrien zusammengetan und unabhängig voneinander in zweiundsiebzig Tagen die Tora ins Griechische übersetzt. So soll der Anfang der berühmten Septuaginta-Übersetzung gemacht worden sein.

Konversionen scheinen ziemlich häufig gewesen zu sein. Und noch häufiger waren halbe Konversionen, das heißt Übertritte zu den geistigen und moralischen Grundsätzen Israels und zu einem Teil seiner Gebräuche, aber nicht zu allen. „Es gibt keine griechische Stadt“, sagt Flavius Josephus, „kein barbarisches Volk, in der nicht unser Brauch des wöchentlichen Ruhetags, unser Fasten, das Entzünden der Lampen und viele unserer Nahrungsgebote verbreitet sind.“ Frauen waren unter diesen Konvertiten oder Sympathisanten besonders häufig. Flavius Josephus gibt folgenden bemerkenswerten Hinweis. Als man in Damaskus einen „Pogrom“ vorbereitete, mit dem sich die Stadt eines guten Teils ihrer Juden entledigen wollte, verabredeten die Verschwörer, ihren Frauen nichts davon zu sagen. „Abgesehen von einigen seltenen Ausnahmen waren alle Frauen für den jüdischen Glauben gewonnen.“

Denn es gab Blutbäder unter den Juden. Die Lage der Gemeinden in der Diaspora war nicht ungetrübt. … Ihre Besonderheiten gaben von Zeit zu Zeit Anlass, Gewalttätigkeiten anzuzetteln, und den jüdischen Gemeinden in der Diaspora drohte Verfolgung. Zwischen 40 vor und 70 nach Christus kennt man nicht weniger als zwanzig solcher Pogrome. Unter denen waren die Pogrome von Alexandria die schlimmsten. …

Trotz solcher Widerstände war das Judentum eine Macht in der Welt, die das Ansehen des kleinen, auf die 25.000 km2 Israels beschränkten Volks wunderbar stärkte. Allem Anschein nach behandelte die römische Regierung die Leute von Judäa, die unter ihrer Verwaltung standen, nicht wie ein beliebiges, seiner Herrschaft unterworfenes Volk. Die Juden hatten, sogar in Rom, zu viele hochgestellte Fürsprecher! Allerdings brachten die viereinhalb Millionen, die im Reich verstreut waren, keine Organisation zustande, in der alle Teile zusammengewirkt hätten und die, in ihrem Handeln aufeinander abgestimmt, in der Lage gewesen wäre, einen besonderen Druck auf die regierenden auszuüben. … Hier hatte die Macht der Diaspora ihre Grenze. Wenn in Israel ein Beschluss gefasst wurde, der irgendwelche unangenehmen Folgen hatte, so waren es die Juden in der Diaspora, die sie zu spüren bekamen. Aber sie selbst hatten an den Entschlüssen keinen Anteil.

Das, was die Juden als Gesamtheit zusammenhielt, war die Religion. Fern vom heiligen Land fühlte sich der Emigrant, selbst wenn er bei den Heiden sein Glück gemacht hatte, als ein Verbannter. Die Diaspora blieb immer das Galut, das Exil, ein Fluch, den Gott seinem Volk um seiner Sünden willen auferlegt hatte. Immer wieder dachte man liebevoll an das Land der Väter. „Der eine sagt: In Raheb und in Babylon habe ich viele Freunde, eine ganze Verwandtschaft. Ein anderer bemerkt: Ich bin in Tyr geboren, im Philisterland, in Äthiopien. Aber von Zion sagt jeder: Mutter! Denn in Wahrheit ist jeder in Zion geboren!“ So singt der Psalmist.

Um anzudeuten, dass man nach Israel zurückkehre, sagte man Alija, der Aufstieg, denn es handelte sich um einen sehr hochgelegenen Ort! Und auch weit entfernt wandte man sich beim Gebet zur Heiligen Stadt. Vom zwanzigsten Lebensjahr an bezahlte jeder Jude die Tempelsteuer. Und eine besondere Gesandtschaft, die unter dem Schutz des römischen Gesetzes stand, überbrachte das „heilige Geld“ nach Jerusalem. So war Jerusalem zwar nicht die politische, aber die geistige Hauptstadt des Judentums in der Welt, der Ort, an dem dessen Herz schlug.

Das war das andere Israel, das Israel der Diaspora. Diese Existenz weiträumiger Diasporagemeinden legte es den Juden nahe, die Größe des eigenen Volkes mit den Ausmaßen des römischen Reiches oder noch weiteren zu vergleichen. Die menschliche Umwelt, in der sich das Schicksal des Volkes Israel vollzog, beschränkte sich nicht auf sein kleines Vaterland. Das ist eine wichtige Voraussetzung, und man kann sich das Leben im Land Israel nicht vorstellen, wenn man sie nicht stets im Auge behält.“

*Abfall vom Glauben

Die Feste in Jerusalem

(Die Feste in Jerusalem – Abschnitte aus dem Kapitel „Die Feste in Jerusalem“ des Buchs „Kennst du das Land?“ Ludwig Schneider berichtet aufgrund seiner Erfahrungen, die er im Palästina der Jahre 1884 bis 89 gemacht hat.)

„Jerusalem ist gebaut, dass es eine Stadt sei, da man zusammenkommen soll, da die Stämme hinaufgehen sollen, nämlich die Stämme des Herrn, zu predigen dem Volk Israel, zu danken dem Namen des Herrn!“ (Ps 122,3-4). Diese Bedeutung, welche vor Jahrtausenden der heilige Sänger ausgedrückt hat, ist Jerusalem bis zum heutigen Tag geblieben. Bekanntlich sollte jeder erwachsene Israelit jährlich dreimal in Jerusalem „vor dem Herrn“ erscheinen.

Vielleicht hat schon mancher gedacht, es sei wohl etwas viel verlangt gewesen, jedermann aus den entferntesten Landesteilen dazu zu verpflichten. Aber das Land war nicht so groß, dass man Jerusalem nicht von überall her in einigen Tagereisen hätte erreichen können. Und den Israeliten waren ihre Festreisen, welche selbst die Gesetzestreuen nie peinlich genau jedesmal ausführten, kein Muss. Sie waren vielmehr eine außerordentliche Freude. Die Feste Israels waren Nationalfeste. … Und Israel liebte seine Volksfeste, als es noch nicht zerstreut war, sondern von den heimatlichen Bergen Palästinas hinaufschaute nach dem königlichen Jerusalem, dem Stolz und der Krone des Landes.

Der heutige Bewohner von Palästina kann sich von dem bewegten Treiben auf jenen Festen einigermaßen eine Vorstellung machen. Denn bis zum heutigen Tag werden die Hauptfeste nicht draußen in den Dörfern oder Landstädten gefeiert. Sie werden in Jerusalem gefeiert, welches beim ganzen Volk den Namen „El Kuds“, das ist „die Heilige“, führt. Schon beim Weihnachtsfest, wo die Hauptfeier natürlich in Betlehem stattfindet, kann man Ähnliches beobachten wie auf den alten Festen. Aber komm erst einmal auf ein Osterfest nach Jerusalem, da findest du den Höhepunkt aller Festfeier des Jahres. Da strömen wie in alten Zeiten die Festkarawanen von allen Seiten nach Jerusalem. Zu Fuß, zu Esel, zu Pferd und neurdings auch zu Wagen ziehen sie daher von allen Gegenden „hinauf nach Zion“. …

Selbst unter den Muhammedanern wird es lebendig, als ob die Erinnerungen an die früheren Bewohner des Landes in ihnen erwachten. Aus allen muhammedanischen Ländern, selbst aus Afghanistan und dem fernen Indien kommen die weißbeturbanten Gestalten ins „heilige Land“ gezogen, um am heiligen Felsen der Omarmoschee und am Grabmal Moses des Propheten anzubeten. Dies geschieht hauptsächlich am „Nebi Musa“-Fest zur Osterzeit … Als Pilger wallen dann diese Fremden mit den Scharen muhammedanischer Landeskinder am Fest zu Tausenden nach Nebi Musa. Das ist das vermeintliche Grab Moses zwischen Jerusalem und Jericho. Es macht einen eigentümlichen Eindruck, diese Scharen des falschen Propheten dort durch dieselben Berge und Täler wallfahren zu sehen, auf welchen einst Israel, und Jesus Christus mit, zu den Festen des Herrn emporpilgerte vor Jahrtausenden. …

Die Lust, welche die Palästinenser zu solchen Festwallfahrten an den Tag legen, stammt gewiss aus den alten Zeiten des Landes. So freute sich auch in Israel jedermann, zu den Festen hinaufzuziehen nach dem hochgebauten Jerusalem. Da sahen sich alte Bekannte wieder aus allen Teilen des Landes. Neue Freundschaften wurden geschlossen. Das ganze Volk, sonst vereinzelt und zerstreut in seinen Hütten, wurde hier vereinigt. Es lernte sich kennen, lieben und als Ganzes erfassen. Nichts trug so sehr dazu bei, den Gedanken der nationalen Einheit auf dem Grunde der Einheit der Religion und des Tempels zu fördern und freudig zu beleben, wie die nationalen Feste.

Wenn daher die Festzeiten kamen, wollte jeder „dagewesen“ sein. Und wem immer sein Geschäft und seine Verhältnisse die Reise erlaubten, der machte sich auf zur frohen Fahrt. Freilich diejenigen Israeliten, welche jährlich alle drei Feste besuchten, mögen nur in der Umgebung von Jerusalem zu finden gewesen sein. Aus entfernteren Gegenden kamen wohl die meisten jährlich nur einmal, wie z. B. die Eltern von Jesus (Lk 2,14) zum Passahfest. Die meisten Besucher sah aber das populärste aller großen Volksfeste, das Laubhüttenfest.