Das Neue Testament verstehen

Entdeckungen eines Bibelübersetzers

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Der Messias kommt

Der Messias kommt – dieses zentrale Ereignis schildert der Bericht in Offb 19. Nicht nur die ganze Offenbarung, sondern die ganze Bibel und die ganze Weltgeschichte laufen darauf zu.

Auch diese Ankunft kann man offensichtlich nur in prophetischer Bildersprache schildern. Denn nirgends sonst wird Jesus bei seinem Kommen als Reiter auf einem weißen Pferd beschrieben. Aber dieses Bild zeigt zum einen den Gegensatz zu dem Reiter in Offb 6 auf, der als Antichrist mit seinem Bogen siegreich hinauszieht. Ihm und seinem „siegreichen“ Wirken macht Jesus in Gestalt des neuen Reiters jetzt ein Ende. Das Bild zeigt zum anderen aber auch den Gegensatz zum ersten Einzug des Messias in Jerusalem, als er in Niedrigkeit auf einem Esel saß. Jetzt kommt er in Macht und Herrlichkeit auf einem weiß leuchtenden Pferd.

Dass es Jesus ist, daran lässt die Beschreibung keinen Zweifel. „Und der Reiter darauf heißt ‚Treu und wahr‘, mit Gerechtigkeit richtet er und führt er Krieg. Seine Augen sind wie feurige Glut, auf seinem Kopf sind viele königliche Stirnbänder, er trägt einen Namen geschrieben, den niemand kennt außer ihm, er ist bekleidet mit einem Gewand, das in Blut getaucht ist, und sein Name heißt: ‚Das Wort Gottes‘. Auf weißen Pferden folgten ihm die Truppen im Himmel, bekleidet mit feinstem, weiß leuchtendem, reinem Leinen. Aus seinem Mund kommt ein scharfes Schwert, um damit die Völker zu schlagen. Er wird sie ‚hüten mit eisernem Stab‘, er wird die Weinkelter der Wut des Zornes Gottes des Allmächtigen treten. Auf dem Gewand, auf seinem Schenkel, trägt er einen Namen geschrieben: „König der Könige und Herr der Herren“.

Die Wiederkunft des Herrn geschieht sozusagen in zwei Stufen. Erst kommt er vom Himmel herab, um seine Gemeinde wegzuholen „in den Luftraum“ (1 Thess 4,17). Darauf folgen im Himmel die Hochzeit des Lammes und auf der Erde die Ausgießung der sieben Schalen der Wut Gottes. Dann kommt er als Messias sichtbar auf die Erde, um diesem Abschnitt der Weltgeschichte ein Ende zu machen.

Natürlich kommt er damit auch als Messias zur Rettung Israels. Auf ihn haben sie gewartet, und nun sehen sie den, in welchen sie gestochen haben, und trauern und bekehren sich. Und so wird ganz Israel gerettet werden, wie Paulus es in Röm 11 gesagt hat. Von all dem ist in Offb 19 aber kaum die Rede, man muss hier den Zusammenhang zu den anderen Aussagen der Bibel über die Ankunft des Messias herstellen.

Man erfährt nur von der Vernichtung des Völkerheeres, das schon bis zum Berg von Megiddo (Har Mageddon) ins Land Israels eingedrungen ist. Diese Vernichtung geschieht dann aber nicht mehr mit militärischen Mitteln. Sie geschieht vielmehr durch das Schwert, das aus dem Mund des Reiters kommt, also durch etwas, das er sagt. Ich denke, wir dürfen annehmen, dass da ein Wort genügen wird, und alle fallen tot um. In Hesekiel 39 steht auch ein Bericht über diese Schlacht und über die Zeit, wie lange man dann braucht, um das Schlachtfeld aufzuräumen.

Eindrücklich und einmalig ist in Offb 19 aber – wie auch sonst in der Offenbarung – der Blick in die unsichtbare Welt.

Hier geschieht zum einen die Entfernung der beiden Tiere, die in Offb 13 beschrieben sind. „Und das Tier wurde gefasst und mit ihm der falsche Prophet, der die Zeichen vor ihm getan hatte, mit denen er die irreführte, die das Kennzeichen des Tieres annahmen und sich vor seinem Bild niederwarfen. Lebendig wurden die beiden in den Feuersee geworfen, der mit Schwefel brennt.“

Sicherlich dürfen wir annehmen, dass mit den beiden Dämonen auch ihre ganzen Dämonenheere mit entfernt bzw. entsorgt werden. Und der Feuersee, das ist eine Beschreibung und ein anderer Name der Hölle.

Zum anderen sehen wir dann am Anfang von Offb 20 auch die Verhaftung des Satans. „Und ich sah einen Engel vom Himmel herabkommen, der hatte den Schlüssel zur Unterwelt und eine große Kette in seiner Hand. Und er packte den Drachen, die Schlange vom Anfang – das ist der Teufel und der Satan – und fesselte ihn für tausend Jahre: Er warf ihn in die Unterwelt und verschloss und versiegelte (den Eingang) über ihm, damit er die Völker nicht mehr irreführen soll, bis die tausend Jahre vollendet sind.“

Den Satan warf man mit seinen Engeln aus dem Himmel auf die Erde, als der auferstandene Jesus dort ankam. Und nun kommt Jesus vom Himmel auf die Erde, und man sperrt ihn von der Erde weg in die Unterwelt. Sicherlich dürfen wir annehmen, dass „seine Engel“ ihn auch auf diesem Weg begleiten.

So verschwindet also endlich die gesamte Dämonenwelt von der Erde. Kein Wunder, dass nun Friede einkehrt – tausend Jahre lang …

Gott ist leicht zu betrügen

(Gott ist leicht zu betrügen – ein Artikel von Sören Kierkegaard)

Zittere – denn Gott ist gewissermaßen so unendlich leicht zu narren!

Wenn die Rede auf derlei kommt (wiewohl es bald ganz außer Brauch sein wird, vom Zittern zu reden), so gibt man der Sache in der Regel die Wendung, dass man sagt: Zittere, denn es ist unmöglich, Gott, den Allwissenden, den Allgegenwärtigen, zu betrügen. Und das ist ja gewiss auch richtig. Indessen glaube ich, dass man, die Sache immer so gewendet, die beabsichtigte Wirkung nicht erreicht.

Nein, zittere – denn Gott ist gewissermaßen so unendlich leicht zu narren! O, mein Freund, er ist so unendlich erhaben und du gegen ihn so unendlich nichts; wendest du in Todesangst die schlafloseste Anstrengung deines ganzen Lebens auf, um ihm zu gefallen und auf jeden Wink von ihm zu achten, es ist doch unendlich zu wenig, um dir ein Recht zu geben, dir seine Aufmerksamkeit für einen einzigen Augenblick zu erbitten. Und ihn willst du hintergehen: o Menschenkind, das ist nur allzuleicht getan! Darum zittere, d. h. wache, wache!

Er hat eine Strafe, die in seinen eigenen Augen die entsetzlichste ist. Er allein hat ja auch die wahre Vorstellung von seiner Unendlichkeit! Diese Strafe besteht darin, dass er dich, das Nichts, das du bist, ignoriert. Das entspricht ihm als dem Erhabenen gewissermaßen auch wirklich. Für einen Allmächtigen muss es ja sozusagen die größte Anstrengung sein, nach einem Nichts zu sehen, von einem Nichts Notiz zu nehmen, sich um ein Nichts zu kümmern. Und da will dieses Nichts ihn narren: schaudre, o Mensch, denn das ist ja so unendlich leicht getan.

Ich will dir diesen Gedanken noch etwas verdeutlichen. Denke dir einen Bürgersmann: Wen dürfte dieser simple Bürge wohl am ehesten narren können? Etwa seinesgleichen? Gewiss nicht! Denn seinesgleichen liegt daran, sich von ihm nicht narren zu lassen. „Ich werde es mir wirklich nicht gefallen lassen, dass er mich für Narren hält“ usf. Einen sehr vornehmen Herrn kann der gemeine Mann bereits leichter narren, denn das kümmert den vornehmen Herrn nicht groß. Noch leichter den König, denn Seiner Majestät ist es ganz egal.

Du missverstehst mich nicht. Ich will ja nicht sagen, der sehr vornehme Herr, der König, könnte es, wenn er sich darum kümmerte, nicht herausbringen, dass der gute Mann ihn zum besten haben will. Aber der kümmert ihn eben gar nicht, dieser gute Mann. Denke an die Fabel von der Fliege und vom Hirsch. Die Fliege, die auf seinem Geweih saß, sagte zum Hirsch: „Ich falle dir doch nicht beschwerlich“? „Ich wusste gar nicht, dass du da bist.“ Vernünftigerweise müsste der Bürger sich zur Aufgabe setzen, durch seine Redlichkeit, seine Rechtschaffenheit womöglich den Blick Seiner Majestät auf sich zu ziehen. Dagegen ist es unendlich dumm und geistlos, einen narren zu wollen, der zu erhaben ist, um davon Notiz zu nehmen. Das ist ja so unendlich leicht getan!

Und denke nun dran, wie unendlich Gott erhaben ist, und welch ein Nichts du bist. Und dann zittere bei dem Gedanken, wie unendlich leicht es für dich ist, Gott zu narren! Weil du ihn duzest, weil du ihn von Kind auf sehr gut kennst, und weil du leichtfertig seinen Namen bei allen anderen Bagatellen im Munde hast, denkst du vielleicht, Gott sei dein Kamerad. Du stehest zu ihm wie Gevatter Schneider und Handschuhmacher zueinander. Er werde also sofort Lärm schlagen, sobald er merkt, dass du ihn zum besten haben willst, seine Worte verdrehst, dich dumm stellst usf. Und wenn er nichts macht, so müsse es dir wohl geglückt sein, ihn aufzuziehen. Ja, Menschenkind, schaudere nur – es ist dir geglückt!

Ja, in seiner Erhabenheit wendet Gott das Verhältnis so, dass es für einen Menschen so leicht als nur immer möglich ist, wenn er will, Gott zu narren. Er fügt es nämlich so, dass die wenigen, die er liebt und die ihn lieben, in dieser Welt schrecklich zu leiden bekommen. Daran kann dann jeder sehen, dass sie (angeblich) von Gott verlassen sind. Die Betrüger hingegen machen glänzende Karriere, worin jeder sehen kann, dass Gott (angeblich) mit ihnen ist. Und darin werden sie auch selbst mehr und mehr bestärkt.

So vornehm ist Gott. So wenig erschwert er es, so unendlich leicht macht er es, ihn zu betrügen. Er setzt sogar selbst Preise für die Betrüger aus, belohnt sie mit allem Irdischen: o Mensch, zittere!

Die Hochzeit des Lammes

Die Hochzeit des Lammes ist das Ereignis, in dem die Geschichte der christlichen Gemeinde ihr Ziel und ihren Höhepunkt hat. Natürlich sind sowohl das „Lamm“ als auch die „Hochzeit“ Bilder der prophetischen Symbolsprache. Dazu kommt noch das Bild der „Braut“ bzw. der „Frau“ des Lammes. Das Lamm ist der auferstandene Jesus, der seine Gemeinde, die Braut, zu sich holt. Und die ewige Vereinigung dieser beiden, Braut und Bräutigam, wird im Bild einer Hochzeit dargestellt.

Der Abschnitt Offb 19,5-10 schildert dieses Ereignis recht kurz und knapp. Davor taucht aber wie in einem Vorspann im Abschnitt der Verse 1-4 erst noch einmal die große Hure auf. Sie ist ja das Gegenbild zu der reinen Braut.

In beiden Abschnitten hört man das gewaltige Rufen einer großen Menge im Himmel. Diese Menge spricht im zweiten Abschnitt über die Braut, ist also nicht selbst die Braut. Daher liegen wir sicher richtig, wenn wir sie als das himmlische Engelheer betrachten. Dieses haben wir in der Offenbarung ja auch schon anderweitig gehört.

Im ersten Abschnitt preist die himmlische Menge Gott für sein gerechtes Gericht, das er an der Hure Babylon vollzogen hat. Im zweiten Abschnitt preist dieselbe Menge dann Gott dafür, dass jetzt die Hochzeit des Lammes gekommen ist.

Dabei beobachten wir auch hier wieder eine prophetische Unschärfe. Denn in Vers 7-8 erscheint die Gemeinde im Bild der Frau des Lammes. Daneben in Vers 9 erscheint sie aber im Bild der zum Hochzeitsmahl eingeladenen Gäste. Die Gäste sind also gleichzeitig die Braut – zwei prophetische Bilder für dieselbe Sache.

Das Bild vom Mahl hat Jesus auch zu seinen irdischen Zeiten oft für dieses Zukunftsereignis gebraucht. Nachdem er den Glauben des römischen Offiziers gelobt hatte, sagte er – Mt 8,11: „Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und sich zu Tisch legen mit Abraham und Isaak und Jakob im Königreich der Himmel.“ Nebenbei sagt er hier, dass bei diesem Mahl die gesamte Gemeinde der alt- und neutestamentlichen Zeit zusammensein wird.

Jesus hat auch den Vergleich mit einem König gebraucht, der für seinen Sohn die Hochzeit ausrichtet (Mt 22,1-14). Dabei kommt es darauf an, welche Gäste sich zum Hochzeitsmahl einladen lassen und am Ende dabei sind und welche sich nicht einladen lassen und dann nicht dabei sind.

Beim Vergleich mit den zehn Brautjungfern (Mt 25,1-13) geht es ebenfalls darum, wer am Ende dabei ist und wer nicht. Nur sind es in dieser Geschichte aber weder die Braut noch die Gäste, um die es geht, sondern die Brautjungfern. Wir sehen also, in welch verschiedenen Facetten dieses letzte und alles entscheidende Mahl prophetisch dargestellt und beleuchtet wird.

Auch beim letzten Mahl mit seinen Jüngern, bei der Einsetzung des Abendmahls, sprach Jesus davon. Lk 22,18: „Ja, ich sage euch: Ich trinke von jetzt an nicht mehr von der Frucht des Weinstocks, bis das Reich Gottes kommt“. Und Mt 26,19 / Mk 14,25: „Amen, ich sage euch: Ich trinke von jetzt an nicht mehr von dieser Frucht des Weinstocks bis zu jenem Tag, an dem ich von neuem mit euch davon trinke im Reich Gottes, meines Vaters.“

Paulus erklärt dieses Ereignis wiederum ohne ein „Mahl“ oder eine „Hochzeit“ in der bekannten Stelle 1 Th 4,16-17 einfach als eine „Begegnung“ mit dem Herrn. Und diese hat die Folge, dass „wir“ dann immer mit ihm zusammen sind. „Denn er selbst, der Herr, wird beim Befehl (Gottes), beim lauten Ruf des obersten Engels und beim Hornsignal Gottes vom Himmel herabkommen, und die Toten im Messias werden zuerst auferstehen. Danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen in Wolken weggeholt werden in den Luftraum zur Begegnung mit dem Herrn. Und so werden wir für immer mit dem Herrn zusammen sein.“

Wir sehen auch bei diesem Thema wieder, dass in verschiedenen Begriffen und Bildern prophetisch etwas geschildert wird, das unser menschliches Vorstellungsvermögen in seiner irdischen Begrenztheit offensichtlich übersteigt. Und doch können wir uns mit Hilfe der Bilder und Beschreibungen etwas darunter vorstellen. Etwas, das an Bedeutung, Attraktivität und Herrlichkeit alles Irdische weit überragt.

In Offb 19 ab Vers 11 sehen wir dann – offensichtlich nach der Hochzeit des Lammes – die sichtbare Ankunft des Messias auf der Erde. Diese bringt in der Schlacht bei Har Mageddon recht abrupt die Entscheidung mit der völligen Vernichtung des Völkerheeres. Wir können daraus entnehmen, dass die Hochzeit im Himmel stattfindet, während auf die Erde die sieben Schalen der Wut Gottes ausgegossen werden. Nach der Entrückung der Gemeinde beginnen die Gerichte, mit der sichtbaren Ankunft des Messias nehmen sie ihr Ende. Und dann beginnen die tausend Jahre …

Die in langen Kleidern gehen

(Die in langen Kleidern gehen – Aus einem Artikel von Sören Kierkegaard)

„Hütet euch vor denen, die gerne in langen Kleidern gehen!“ (Mt 12,38; Lk 20,46) – 15. Juni 1855.

Hütet euch vor denen, die in langen Kleidern gehen! Man braucht wohl nicht besonders zu sagen, dass Christus mit diesen Worten natürlich nicht die Kleidung der Betreffenden kritisieren will. Denn dagegen, dass die Kleider lang sind, hat er gewiss nichts einzuwenden. Hätte die Sitte den Geistlichen vorgeschrieben, kurze Kleider zu tragen, so hätte Christus gesagt: Hütet euch vor denen, die in kurzen Kleidern gehen. Und soll ich auch noch die letzte Möglichkeit ausschöpfen, um zu zeigen, dass es sich nicht um eine Kritik der Kleider handelt: Hätte die Sitte von den Geistlichen verlangt, ohne Kleider zu gehen, so hätte Christus gesagt: Hütet euch vor denen, die ohne Kleider gehen. Der Stand ist’s, den er treffen will, weil er einen ganz anderen Begriff von dem hat, was ein Lehrer ist. Und den Stand bezeichnet er nach seiner besonderen Tracht.

Hütet euch vor denen, die gerne in langen Kleidern gehen! Eine verwässernde Bibelerklärung wird sich sofort des Wortes „gerne“ bemächtigen. Und sie wird herausfinden, dass Christus nur auf einzelne im Stande zielte, auf diejenigen, die eine eitle Ehre darein setzten, in den langen Kleidern zu gehen usf. Nein, mein lieber, langgekleideter Freund, das kannst du vielleicht Einfältigen von der Kanzel mit großer Feierlichkeit einbilden. Das entspricht ja auch ganz dem Christusbild, das im Sonntagsdienst vorgestellt wird. Mir wirst du das aber nicht weismachen; und der Christus des Neuen Testaments redet nicht so. Er redet stets von dem ganzen Stande. Und er kommt nicht mit dem nichtssagenden Geschwätz, dass es in ihm einige verdorbene Subjekte gebe. Denn das gilt ja zu allen Zeiten von allen Ständen, und folglich wäre damit lediglich nichts gesagt.

Nein, er fasst den Stand als ein Ganzes auf. Er sagt, dass er als Ganzes demoralisiert ist. Dass er als Ganzes auch die verderbliche Sitte hat, in langen Kleidern gehen zu wollen. Und dieses Urteil hat zum Grunde, dass der offizielle Geistliche gerade das Gegenteil von dem ist, was Christus unter einem Lehrer versteht. Denn der Lehrer nach Christi Sinn ist als solcher leidend. Offizieller Geistlicher sein heißt aber, im Genuss des Irdischen zu stehen und dabei noch raffinierterweise für einen Repräsentanten Gottes gelten zu dürfen. Und so ist es auch kein Wunder, dass sie gerne in langen Kleidern gehen. Denn alle anderen Stellungen im Leben werden nur mit Irdischem gelohnt. Die offizielle Geistlichkeit aber nimmt sich zum Raffinement auch noch etwas von dem Himmlischen.

Also: an und für sich ist es völlig gleichgültig, ob der Stand lange oder kurze Kleider trägt. Die Sache ist vielmehr diese. Sobald der Lehrer den Ornat bekommt, eine besondere Tracht, eine Standeskleidung, so hast du offiziellen Gottesdienst. Und das will Christus nicht haben. Lange Kleider, prachtvolle Kirchenbauten usw., alles dies hängt zusammen. Und es bildet zusammen die menschliche Verfälschung des neutestamentlichen Christentums, die in schändlicher Weise den Umstand ausnützt, dass die Masse sich nur zu leicht von sinnlichen Eindrücken betören lässt und darum (ganz gegen das Neue Testament) nach Sinneseindrücken über die Wahrheit des Christentums zu urteilen geneigt ist. Dies ist die menschliche Verfälschung des neutestamentlichen Christentums.

Und es verhält sich mit dem geistlichen Stand nicht wie mit anderen Ständen, dass an dem Stand selbst an und für sich nichts Böses ist. Nein, ein „geistlicher Stand“ ist, christlich betrachtet, an und für sich vom Bösen. Er ist eine Demoralisation, ist ein Produkt menschlicher Selbstsucht, welche die Richtung, die Christus dem Christentum gab, geradezu umgekehrt hat.

Da nun aber einmal lange Kleider zur Amtstracht der Geistlichen geworden sind, so kann man auch versichert sein, dass das seinen Sinn hat. Ich glaube, dass man das Wesen oder Unwesen des offiziellen Christentums äußerst bezeichnend bestimmen kann, wenn man darauf achtet, was darin liegt.

Lange Kleider bringen unwillkürlich auf den Gedanken, dass man etwas zu verstecken habe. Denn wenn dies der Fall ist, so sind lange Kleider äußerst zweckmäßig. Und das offizielle Christentum hat außerordentlich viel zu verdecken. Denn es ist von A bis Z eine Unwahrheit, die man am besten verdeckt – durch lange Kleider.

Hütet euch darum vor denen, die gerne in langen Kleidern gehen! Nach Christeus (der doch, da er selbst der Weg ist, am besten über den Weg Bescheid wissen musste) ist die Pforte eng, der Weg schmal – und wenige sind, die ihn finden. Was vielleicht am allermeisten bewirkt hat, dass die Anzahl dieser wenigen so gar klein und im Lauf der Jahrhunderte verhältnismäßig immer geringer geworden ist, das ist die ungeheure Sinnestäuschung, welche durch das offizielle Christentum eingetreten ist. Verfolgung, Misshandlung, Blutvergießen hat durchaus nicht in dieser Weise geschadet. Nein, das hat genützt, unberechenbaren Nutzen gestiftet im Vergleich mit diesem Grundschaden: einem offiziellen Christentum, das darauf berechnet ist, der menschlichen Bequemlichkeit und Mittelmäßigkeit zu Hilfe zu kommen, indem es den Menschen einbildet, dass Bequemlichkeit und Mittelmäßigkeit und Lebensgenuss Christentum sei. Man schaffe das offizielle Christentum ab und lasse eine Verfolgung kommen: im selben Augenblick ist das Christentum wieder da.

Gefallen ist Babylon

Gefallen ist Babylon – mit dieser Botschaft taucht das Thema „Babylon“ schon bei seiner ersten Erwähnung in der Offenbarung auf. „Gefallen, gefallen ist Babylon, die große, die vom Wein ihrer wütenden Unzucht alle Völker getränkt hat!“ So sagt es der Engel in Offb 14,8 im Blick auf das kommende Ende.

Auch die zweite Erwähnung – noch vor ihrer ausführlichen Darstellung in Kap. 17 – geht direkt auf ihr Ende. Am Schluss der Ausgießung der sieben Schalen der Wut Gottes, die mit dem großen Erdbeben endet, heißt es – Offb 16,19: „Die große Stadt wurde zu drei Bruchstücken, und die Städte der Völker fielen ein. – An Babylon die Große war vor Gott gedacht worden, ihr den Weinbecher der Wut seines Zornes zu geben. -„

Gott ist also wütend auf Babylon, und ihr Ende ist beschlossen und vorprogrammiert. Ausführlich schildert dieses dann Kap. 18. Und hier werden auch noch einmal ihre Sünden genannt:

Zum einen geht es um die Verwirrung und Verführung der ganzen Welt – 18,3: „Denn vom Wein ihrer wütenden Unzucht sind alle Völker betrunken, die Könige der Erde haben Unzucht mit ihr getrieben, und die Großhändler der Erde sind reich geworden aus den Möglichkeiten ihres Luxus.“

Zum anderen geht es um die Unterdrückung und Verfolgung der Leute Gottes und auch vieler anderer – 18,24: „Und in ihr wurde Blut von Propheten und Heiligen gefunden und von allen Getöteten auf der Erde.“

Dazwischen kommt noch ein deutlicher Aufruf – 18,4: „Und ich hörte eine andere Stimme aus dem Himmel: ‚Geht hinaus aus ihr, mein Volk, damit ihr euch nicht beteiligt an ihren Sünden, und hinaus aus ihren Plagen, damit ihr sie nicht bekommt!'“ Mit diesem Babylon kann es für Christen offenbar keine Gemeinschaft und keine Kompromisse geben. Wenn doch, wird sich das bitter rächen.

Mit dem Ende von Babylon hat es aber eine eigenartige Bewandtnis. Einerseits zerfällt die große Stadt beim letzten großen Erdbeben in drei Teile – ihr totales Ende.

Andererseits steht in Kap. 17 eine eigenartige Aussage auch schon aus der Zeit davor – Vers 16: „Die zehn Hörner, die du gesehen hast, und das Tier, die werden die Hure hassen und sie verwüstet machen und nackt und werden ihre Fleischstücke fressen und sie im Feuer verbrennen.“ Auch die große Klage der der Könige, der Großhändler und der Seeleute in Kap. 18 ist ja nur denkbar, solange diese selbst noch nicht unter das Gericht gefallen sind.

Wir stehen hier vor dem Phänomen eines Bruchs in der antichristlichen Welt. Die zehn Könige und das Tier im Sinne der weltlichen antichristlichen Macht, auf der die Hure Babylon sitzt und sich tragen lässt, wenden sich plötzlich gegen sie, um sie zu zerreißen. Hier ist einerseits ein Ende Babylons beschrieben, obwohl andererseits offensichtlich auch etwas von ihr weiterexistiert bis zu den großen Gerichten am Ende.

Auch hier kann man im Rückblick in die Geschichte einen Erklärungsversuch machen. Der Beginn war ja das Kaisertum im alten Rom. Mit dieser Staatsmacht arrangierte sich das päpstliche Christentum. Mit dem Ende des weströmischen Kaisertums übernahm der Papst den Kaisertitel „Pontifex Maximus“, übernahm auch provisorisch die Regierung Roms und richtete von dort aus dann den Kirchenstaat ein, den Vatikanstaat.

An Weihnachten 800 ergriff er die Gelegenheit und krönte den fränkischen König Karl den Großen zum römischen Kaiser. Und so war das römische Kaisertum wieder da. Und auch weiterhin mussten alle nachfolgenden Kaiser wieder vom Papst gekrönt werden. Daraus leitete sich dann die päpstliche Oberhoheit über Kaiser und Könige in der „Christenheit“ ab, die 1000 Jahre lang bestand.

Unter dieser Herrschaft geschah im Übrigen auch die jahrhundertelange größte Christenverfolgung aller Zeiten. Unter dem Zeichen des Kreuzes (!) versuchte die Kirche mit Hilfe der weltlichen Macht, jeden Ansatz von biblischem Christentum mit brutalster Gewalt auszurotten. Auch Andersgläubige bekamen diese Gewalt zu spüren: Heiden, Juden und Muslime. „In ihr wurde Blut von Propheten und Heiligen gefunden und von allen Getöteten auf der Erde.“

Einen ersten Bruch dieser Herrschaft gab es in der Reformationszeit, als lutherische, reformierte und anglikanische Länder von Rom abfielen. Über den Rest regierte der Papst aber weiterhin mit eiserner Hand und ließ auch nichts unversucht, verlorene Gebiete zurückzugewinnen.

Erst im Zuge der französischen Revolution wurde der Bann gebrochen. Die französischen Revolutionäre identifizierten die Kirche richtigerweise als integralen Bestandteil des adeligen Unterdrückungsystems, das sie beseitigten. Und so marschierte dann ein französisches Revolutionsheer auch bis nach Rom, holte den Papst aus seiner Burg und führte ihn ins Exil.

Damit war dieser Teil der Geschichte beendet. Gefallen ist Babylon. Weltliche Mächte hatten tatsächlich dieses Joch zerbrochen. Seither gibt es zwar noch den Kirchenstaat mit seinen diplomatischen Kanälen, aber die einstige Macht ist dahin.

Etwas ist also am Ende, und etwas existiert weiter. Die politischen Heilsbringer und die kirchlichen Würdenträger marschieren jetzt auf getrennten Wegen. Und sie lassen sich weiterhin von ihren Gefolgsleuten und Anhängern bewundern und feiern und führen sie ins Verderben.

Aber auch darüber ist bei Gott das Ende beschlossen …

Babylon die Große

Babylon die Große ist ein Thema, das in der Offenbarung zwei ganze Kapitel einnimmt, ihre Beschreibung in Kap. 17 und ihr Ende in Kap. 18.

Doch das Stichwort „Babylon“ taucht schon im 1. Petrusbrief auf. Petrus richtet dort am Ende (5,13) auch Grüße von der Mitauserwählten (Gemeinde) in Babylon aus. Die damalige Christenverfolgung hatte ja ihre Wurzel in Rom. Und daraus kann man schließen, dass Babylon in dieser Situation zum Codenamen für Rom geworden war. Petrus war ja tatsächlich dort, wo er dann auch zum Märtyrer wurde.

Die Deutung auf Rom bestätigt sich dann in Offb 17,9: „Die sieben Köpfe sind sieben Berge, auf denen die Frau sitzt“. Dass Rom die Stadt auf den sieben Hügeln ist, ist sprichwörtlich. Und auch in Offb 17,18: „Die Frau, die du gesehen hast, ist die große Stadt, die ein Königreich hat über die Könige der Erde.” Diese Beschreibung passt zu den damaligen Zeiten exakt zur Hauptstadt des römischen Imperiums.

Dass Babylon einerseits als Stadt und andererseits als Frau beschrieben wird, passt gut zusammen. In der Antike wurden Städte gerne weiblich gesehen, z. B. auch als „Töchter“ ihres jeweiligen Landes. Jerusalem war ja auch die „Tochter“ Zion. Und Rom heißt auf lateinisch bzw. italienisch bis heute „Roma“, das ist eine weibliche Form.

„Roma“ war in der heidnischen Zeit allerdings auch der Name der Stadtgöttin, Patronin und Schutzheiligen von Rom. Unterworfene Völker mussten zum Zeichen ihrer Untertänigkeit in ihren Hauptstädten die entsprechenden Tempel errichten. In diesen mussten die Statuen des göttlichen Kaisers und der göttlichen Roma verehrt werden. Dieser Kult war den damaligen Christen natürlich vor Augen. Sie kannten sich aus mit dem Geheimnis von Offb 17,5: „Auf ihrer Stirn (war) ein Name geschrieben, ein Geheimnis: ‚Babylon die Große, die Mutter der Hurer und der Gräuel der Erde‘.“

Zum Verständnis hilft uns auch die Gegenüberstellung mit dem Gegenstück zur Babylon, der Gemeinde, die in den Kapiteln 19-22 erscheint. Auch hier ist eine Frau, die eine Stadt ist:

„Die Hochzeit des Lammes ist gekommen, seine Frau hat sich vorbereitet“ (19,7).

„Ich sah die heilige Stadt, ein neues Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, vorbereitet wie eine Braut, geschmückt für ihren Mann“ (21,2).

„Und es kam einer von den sieben Engeln, die die sieben Schalen gehabt hatten, die voll gewesen waren mit den letzten sieben Plagen, und sprach mit mir: ‚Komm, ich zeige dir die Braut, die Frau des Lammes!‘ Und im Geist brachte er mich weg auf einen großen und hohen Berg, und er zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, die von Gott aus dem Himmel herabkam“ (21,9-10).

Statt dem irdischen Babylon bzw. Rom das himmlische Jerusalem, statt der Hure die Braut, die durch die Hochzeit zur Ehefrau des Lammes wird. Die Gemeinde des Herrn, diejenigen, die dem Lamm gefolgt sind, wo immer es hingeht, sind seine Frau, seine Stadt.

Da wir es hier abseits vom prophetischen Bild real mit einer Gruppe von Menschen zu tun haben, dürfen wir annehmen, dass es auch bei Babylon so ist. Wenn das Tier, auf dem die Hure sitzt, eine unsichtbare dämonische Macht ist, dann ist die Hure die in Menschen sichtbare Ausprägung dieser Macht. Und wenn das Tier in Gestalt des Kaisers Nero das Antichristentum im politischen Bereich darstellt, dann haben wir es bei der Hure mit dem Antichristentum im religiösen Bereich zu tun. Götzendienst war ja auch schon im Alten Testament belegt mit dem Urteil der Hurerei.

Nun müssen wir noch eine etwas eigenartige Rechnung aufdröseln, das Tier betreffend – 17,9-11: „Die sieben Köpfe sind sieben Berge, auf denen die Frau sitzt, und es sind sieben Könige: Fünf sind gefallen, einer ist da, ein anderer noch nicht gekommen. Wenn er kommt, muss er ein wenig bleiben. Das Tier, das war und nicht ist, ist auch selbst der achte und einer von den sieben und geht ins Verderben.“ Das ist eine ausführlichere Version von Vers 8: „Das Tier, das du gesehen hast, ist gewesen und ist nicht da und wird aus der Unterwelt heraufkommen und geht ins Verderben.“

Die Liste der römischen Kaiser, wie sie in Wikipedia dargestellt ist, beginnt mit dem Kaiser Augustus. Der fünfte ist dann Nero. Wenn fünf gefallen sind, dann ist jetzt auch Nero gestorben. Wir befinden uns im sogenannten Vierkaiserjahr 68-69 n. Chr.. Nach Nero kamen politische Wirren mit vier Kaisern in einem Jahr. Auf Galba folgten Otho und Vitellius, bis der Kaiser Vespasian die Stabilität im Reich wieder herstellen konnte.

Nach Nero (dem fünften) ist jetzt also einer da (der sechste) und ein anderer noch nicht gekommen (der siebte). Das Tier, das war und nicht ist, ist sicherlich Nero, den wir ja als erste Ausprägung des Antichristen identifiziert haben. Er ist ja einer von den sieben (der fünfte) und soll dann als achter wiederkommen und ein wenig bleiben.

Es gab damals wohl tatsächlich Gerüchte, Nero sei nicht tot, sondern in den Osten zu den Parthern geflohen. Von dort solle er mit einem großen Heer zurückkommen um sich die Herrschaft wieder zurückzuholen. Aber die Offenbarung spekuliert ja nicht mit menschlichen Gerüchten, sondern gibt prophetische Information.

Betrachten wir die Sache aus unserer Sicht von hinten her. Der achte Kaiser, der „ein wenig“ bleiben soll, ist dann das Kaisertum an sich. Es kehrt nach den Wirren im Jahr 68/69 zurück und bleibt. Wenn das Tier am Ende „ins Verderben“ geht, kann „ein wenig bleiben“ nur die gesamte Endzeit meinen, bis zum Ende.

Nach der Verlegung der Hauptstadt als Ost-Rom nach Konstantinopel, dem späteren Byzanz und heutigen Istanbul, regierten dort noch 1000 Jahre lang christliche Kaiser mit einem kirchlichen Patriarchen an ihrer Seite. Nachdem die muslimischen Türken im 15. Jahrhundert die Stadt erobert hatten, wanderte der Titel als „Zar“ weiter nach Moskau. Und auch heute noch regiert dort so etwas wie ein Zar mit einem Patriarchen an seiner Seite.

Nach dem Untergang des weströmischen Reiches durch die germanischen Eroberungen im 5. Jahrhundert übernahm in Rom der Papst den heidnischen Kaisertitel „Pontifex maximus“. Und mit der Krönung von Karl dem Großen zum Kaiser des heiligen römischen Reiches an Weihnachten 800 fing es an, dass der Papst im westlichen Europa und später bis in dessen überseeische Kolonien 1000 Jahre lang über Kaiser und Könige regierte. Und auch heute noch sitzt dort ein Papst, der als Staatsoberhaupt des Vatikanstaates mit seinen diplomatischen Kanälen den Regierungen der Welt gerne sagen möchte, was sie tun sollen. Nur klappt es nicht mehr so ganz.

Wenn das Kaisertum (die weltliche Macht) das Tier ist, auf der die Hure sitzt, dann ist Babylon (als religiöse Macht) das dazugehörige abgefallene Christentum. Dieses stützt sich auf die staatliche Macht, und begleitet, infiltriert und – wenn möglich – regiert diese auch. Diese weltlich und dämonisch pervertierte Form des Christentums ist natürlich dazu da, Menschen vom wahren Christentum abzuhalten. Sie sollen abgehalten werden von der wahren Beziehung zu Gott durch Jesus den Messias. Die beste Bezeichnung für diese Perversion ist bis heute immer noch „Kirche„.

Sie verteidigten das Christentum

(Sie verteidigten das Christentum – ein Beitrag von Sören Kierkegaard)

Sie verteidigten das Christentum. Von seiner Macht war nie die Rede noch machte man Gebrauch davon. Sein „Du sollst“ war nie zu hören, damit kein Gelächter entstünde. Sie verteidigten das Christentum und sagten: „Verschmäht das Christentum nicht, es ist doch eine milde Lehre. Es enthält alle die milden Trostgründe, die jeder Mensch im Leben leicht noch einmal nötig haben kann. Ach Gott, das Leben lächelt uns ja nicht immer. Wir haben alle einen Freund nötig, und so ein Freund ist Christus. Verschmäht ihn nicht, er meint es so gut mit euch.“

Und es gelang; man hörte wirklich aufmerksam auf diese Rede, man schenkte diesem Bettler Herrn Jesus Christus Gehör. (Denn wenn er auch nicht selbst der Bettler war, so doch der, in dessen Namen man bettelte.) Man fand, dass etwas dran sei. Es kitzelte die Ohren der herrschsüchtigen Christenheit, dass es ja beinahe war, als solle abgestimmt werden – gut, unter der Bedingung nehmen wir das Christentum an. Gerechter Gott, und die Szene war die Christenheit, wo alle Christen sind, und da wurde das Christentum unter der Bedingung angenommen!

So ging es mit dem Christentum abwärts. Und nun lebt in der heutigen Christenheit, wo freilich von Strenge nie die Rede ist, ein verwöhntes, stolzes und doch feiges, trotziges und doch weichliches Geschlecht, das manchmal diese milden Trostgründe vortragen hört, aber kaum weiß, ob es Gebrauch davon machen will, selbst wenn das Leben am schönsten lächelt, und das sich in der Stunde der Not, wo man sehen kann, dass sie eigentlich doch nicht so milde sind, ärgert. Gerechter Gott, und die Szene ist die Christenheit!

Was ist das Ethische?

(Eine Darlegung von Sören Kierkegaard.)

Was ist das Ethische? Ja, wenn ich so frage, frage ich unethisch nach dem Ethischen. Ich frage, wie die Verwirrung der ganzen modernen Welt fragt, und dann hat es kein Ende. Das Ethische setzt voraus, dass jeder Mensch weiß, was es ist. Und warum? Weil das Ethische ja verlangt, dass es jeder Mensch jeden Augenblick realisiere, doch dazu muss er’s ja wissen. Das Ethische fängt nicht mit Unwissenheit an, die in Wissen verwandelt werden soll, es fängt mit Wissen an, das Realisierung verlangt.

Es kommt hier darauf an, unbedingt konsequent zu sein; eine einzige Unsicherheit in der Haltung, und die moderne Verwirrung hat uns in ihrer Macht. Wenn jemand sagte: Ich muss ja erst wissen, was das Ethische ist – wie bestechend! zumal wir von Kindheit an gewöhnt sind, so zu räsonieren. Doch das Ethische antwortet ganz konsequent: Du Schlingel, willst du Ausflüchte machen, Ausflüchte suchen?!

Wenn jemand sagt: Es gibt ja ganz verschiedene Auffassungen des Ethischen in den verschiedenen Ländern und zu den verschiedenen Zeiten. Wie macht man diesem Zweifel ein Ende? Wissenschaftlich wird dieser Zweifel zu Folianten und nimmt doch kein Ende. Doch ethisch konsequent ergreift das Ethische den Zweifler und sagt: Was geht’s dich an, du sollst jeden Augenblick das Ethische tun und bist ethisch verantwortlich für jeden Augenblick, den du vergeudest.

Sieben Schalen der Wut Gottes

Sieben Schalen der Wut Gottes sind das beherrschende Thema in den Kapiteln 15 und 16 der Offenbarung. Zunächst sieht Johannes sieben Engel, die die letzten sieben Plagen haben, mit denen die Wut Gottes gestillt sein wird. Dass sie hier die sieben Plagen schon haben, obwohl ihnen die sieben Schalen mit den Plagen nachher erst übergeben werden, gehört sicherlich auch zum Phänomen der prophetischen Unschärfe.

Diese sieben Plagen bilden das letzte Gericht Gottes über die gottlose Menschenwelt. Im Anschluss an die Auferstehung und Entrückung der Gläubigen ergeht es über den Rest der Welt. Dem bis zur Wut gesteigerten Zorn Gottes wird damit dann Genüge getan.

Man sollte dieses Gericht aber nicht verwechseln oder vermischen mit dem Jüngsten Gericht bzw. Weltgericht. Die sieben Schalen der Wut Gottes sind das letzte zeitliche Gericht über die Menschheit auf der Erde, bevor Jesus dort sichtbar als Messias erscheint und dieser Weltgeschichte ein Ende macht.

Das Weltgericht geschieht später, nach dem Ende der sichtbaren Schöpfung und der Auferstehung aller Toten. Dann erscheinen alle Menschen vor dem Richter und werden nach ihren Taten – jeder einzelne – für ewig gerichtet. Und dieses letzte Gericht hat nichts mit Zorn oder Wut zu tun, sondern ergeht ganz nüchtern und sachlich auf Basis der gerechten Beurteilung jedes einzelnen Menschen. Aber davon später.

Auch wenn die sieben Engel einerseits die sieben Plagen schon haben, sie ihnen andererseits mit den sieben Schalen erst übergeben werden, ist aber eines deutlich: Die laute Stimme aus dem Tempelhaus ist die Stimme Gottes. Auf seinen Befehl ergeht jetzt dieses Gericht.

Die sieben Schalen der Wut Gottes sind aus Gold, und die Engel sind mit weißem Leinen und goldenen Gürteln gekleidet. Das heißt, von Gott her ist auch dieses siebenfache Gericht eine absolut gerechte und saubere Sache. Es gibt keinerlei Anklang an ein humanistisches Jammern über „diese armen Menschen“, die davon betroffen werden. Offensichtlich haben sie dieses Gericht Gottes einfach oder auch vielfach verdient.

Die erste Schale geht auf die menschlichen Körper, gegen des Menschen höchstes Gut, seine Gesundheit. „Hauptsache gesund!“ – wie oft haben Menschen diesen gottlosen Spruch wohl gesagt? Und jetzt ist es damit vorbei. Die eitrigen Wunden scheinen unheilbar zu sein; die Gesundheitsreligion ist am Ende.

Die zweite Schale geht auf das Meer, das zu Blut wird. Ob das wortwörtlich richtiges Blut sein muss, sei dahingestellt. Es kann einfach auch eine schmutzige Brühe sein, die wie Blut aussieht. Das Meer kippt, alles darin stirbt. (Wem der Gedanke kommt, dass die Menschheit wohl auch heute schon ihren Teil dazu beiträgt, dass es soweit kommen wird, hat wohl nicht ganz Unrecht.)

Die dritte Schale geht auf die Quellen und die Flüsse, auch hier sieht man wieder nur noch die dreckige Brühe. Und dazu kommt die Aussage des Engels: Sie haben Blut von Heiligen und Propheten vergossen, und jetzt bekommen sie dafür Blut zu trinken, sie haben es verdient.

Die vierte Schale geht auf die Sonne, die die Menschen mit großer Hitze versengt. Und auch hier klingt die Beschreibung irgendwie verwandt mit der kommenden Klimakatastrophe. Aber jetzt bei der Ausgießung der Schalen geht es Schlag auf Schlag.

Die fünfte Schale geht auf den Thron des Tieres, dessen Reich finster wird. Hier wird es etwas schwieriger, sich das konkret vorzustellen. Vielleicht erinnern wir uns an die Finsternis, die über Ägypten kam im Rahmen der damaligen zehn Plagen. Aber auch geistige Vorgänge sind denkbar. Jegliche humanistisch-menschliche Fassade fällt ab, und jenes Reich zeigt sein wahres brutales Gesicht.

Die sechste Schale geht auf den Eufrat, den Grenzfluss Israels im Norden, hier soll den Königen vom Aufgang der Sonne der Weg gebahnt werden. Dämonisch verführt und angeführt zieht die Menschheit in ihren letzten Krieg. Am „Har Mageddon“, dem Berg von Megiddo, ist das Schlachtfeld am großen Tag Gottes. Wie die Schlacht ausgeht, kann man sich auch hier schon denken. Kap. 19 beschreibt es dann ausführlich.

Die siebte Schale geht auf den Luftraum und bringt die Vollendung dieses Gerichts. Da der „Luftraum“ im Neuen Testament auch eine Bezeichnung für die uns umgebende unsichtbare Welt ist, kann man sich hier auch ein Gericht über die Dämonenwelt vorstellen, wie z. B. die Verbannung Satans und die Bestrafung des Antichrist-Tieres und seines Compagnions im ewigen Feuer.

Das abschließende große Erdbeben wurde schon bei der Öffnung des sechsten Siegels beschrieben. Und auch beim sechsten Hornsignal bildet es den Abschluss nach der Vision von den zwei Zeugen. Im Bereich der Natur fallen die Berge ein und die Inseln verschwinden, im Bereich der Menschenwelt stürzen die Städte mit ihren Wolkenkratzern ein und die „große Stadt“ zerbricht. Ein Steinhagel aus dem Himmel krönt das Ganze. (Gemeint ist wohl so etwas, das wir heutzutage als Einschläge von Meteoriten aus dem All bezeichnen würden.)

Und bis zum Schluss lästern die Menschen Gott …

Der Abfall vom Christentum

Ein Aufruhr im Trotz – ein Aufruhr in Heuchelei oder der Abfall vom Christentum. (Ein Artikel von Sören Kierkegaard.)

Dass der Mensch ein trotziges Geschöpf ist, weiß man wohl. Dass er aber ein äußerst kluges Geschöpf ist – sobald es Fleisch und Blut und irdisches Wohlsein gilt – darauf ist man nicht immer aufmerksam. Trotzdem ist es so. Und damit ist ja ganz wohl verträglich, dass man ganz richtig auch genug über die menschliche Dummheit klagt.

Behagt also dem Menschen etwas nicht, so sieht er zuerst klüglich nach, ob die Macht, die es ihm gebietet, nicht zu gewaltig ist, als dass er ihr Trotz bieten, ihr seine Macht entgegen stellen könnte. Ist sie nicht zu übermächtig, so empört er sich mit Trotz.

Ist aber die Macht, die ihm etwas Missfälliges gebietet, so übermächtig, dass ein Aufruhr im Trotz völlig aussichtslos ist – so greift er zur Heuchelei.

Dies gilt auch vom Christentum. Dass der Abfall vom Christentum längst eingetreten ist, das hat man nicht bemerkt. Denn der Abfall, der Aufruhr, geschah in und durch Heuchelei. Eben die Christenheit ist der Abfall vom Christentum.

Im Neuen Testament ist nach Christi eigener Lehre das Dasein des Christen, bloß menschlich geredet, eitel Qual. Eine Qual, gegen die alle anderen menschlichen Leiden fast nur Kinderspiel sind. Christus redet ganz offen davon, dass seine Jünger das Fleisch kreuzigen, sich selbst hassen, für die Lehre leiden müssen, dass sie weinen und heulen werden, während die Welt sich freut. Er stellt dem Jünger die Leiden in Aussicht, die das Herz am tiefsten verwunden: dass er Vater und Mutter, Weib und Kind hassen müsse, dass er ein Wurm sein werde und kein Mensch. So beschreibt die Schrift ja das Vorbild, und ein Christ sein heißt dem Vorbild gleichen. Daher auch diese unablässigen Ermahnungen, dass man sich nicht ärgern solle – daran nämlich, dass die allerhöchste, die göttliche Rettung und Hilfe für den Menschen ein solches Schrecknis sein solle.

Diese Bewandtnis hat es mit dem Christsein. Sieh, das ist nichts für uns Menschen. Von derlei Dingen möchten wir am liebsten dispensiert sein. Ja, wenn irgend welche menschliche Macht auf solches verfallen wäre, so hätten sich die Menschen sofort im Trotz gegen dieselbe empört.

Aber zum Unglück ist Gott eine Macht, gegen die man sich nicht im Trotz empören kann.

Da griff „der Mensch“ zur Heuchelei. Es gab nicht einmal Mut und Redlichkeit und Wahrhaftigkeit genug, um geradeheraus zu Gott zu sagen: „Darauf kann ich mich nicht einlassen“. Man griff zur Heuchelei und glaubte, dadurch vollkommen sichergestellt zu sein.

Man griff zur Heuchelei; man verfälschte den Begriff des Christen. Ein Christ zu sein, sagte man, ist eitel Glück und Seligkeit. „Was wäre ich, ach, was wäre ich, wenn ich kein Christ wäre! Welch unschätzbares Glück, ein Christ zu sein! Ja, ein Christ zu sein, das gibt dem Leben erst die rechte Bedeutung. Das gibt der Freude Geschmack und Linderung für das Leiden.“

Auf diese Weise wurden wir alle Christen. Und nun ging die Sache flott: die Künstler, die man hierfür besoldete, troffen von gesalbten Worten und hochtrabenden Redensarten, sandten verzückte Blicke zum Himmel und ließen die Tränen in Strömen fließen. Sie konnten Gott gar nicht überschwänglich genug für das große Glück danken, dass wir alle Christen sind usf.. Und das Geheimnis ist: Wir haben den Begriff des Christen verfälscht und hoffen nun, durch spitzbübische, heuchlerische Schmeichelei, durch süßlichen, ewig wiederholten Dank dafür – dass wir das Gegenteil von dem sind, was er unter einem Christen versteht, dadurch hoffen wir, ihm eine wächserne Nase zu drehen, wie wir dadurch auch uns selbst betrügen. Durch den inbrünstigen Dank dafür, dass wir Christen sind, hoffen wir dem zu entgehen, dass wir es werden sollen.

Sieh, darum ist die Kirche der zweideutigste Ort, den es gibt. Es sind ja gewiss andere Orte, die man gewöhnlich so nennt. Aber diese sind eigentlich nicht zweideutig, da sie ganz eindeutig sind, was sie sind. Und die eigentliche Zweideutigkeit wird eben dadurch aufgehoben, dass sie so genannt werden. Eine Kirche dagegen, ja sie ist ein zweideutiger Ort. Die vom Staat geschützten Kirchen in der „Christenheit“ sind das zweideutigste, das je existiert hat.

Denn Gott für Narren zu haben, ist nicht zweideutig. Zweideutig ist es dagegen, das für einen Gottesdienst auszugeben. Das Christentum abschaffen zu wollen, ist nicht zweideutig. Zweideutig ist es aber, die Abschaffung Ausbreitung zu heißen. Geld zum Kampf gegen das Christentum zu geben, ist nicht zweideutig. Zweideutig aber ist es, dafür Geld zu nehmen, dass man dem Christentum entgegenarbeitet – unter dem Vorgeben, dafür zu wirken.

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