Entdeckungen eines Bibelübersetzers

Schlagwort: Hannas

Oberster Priester

Oberster Priester ist der allgemeinverständlichere Begriff für den traditionellen „Hohepriester“, der zum religiösen Insiderwort geworden ist. „Oberster Priester“, wie ich es übersetze, stellt gegenüber der Bezeichnung „Hohepriester“ auch eine wörtlichere Übersetzung des griechischen „archiereús“ dar. Der Oberste Priester in Israel musste in direkter Linie vom ersten Obersten Priester Aaron abstammen. Seine wichtigste Aufgabe war, im Tempeldienst das Volk vor Gott zu vertreten, insbesondere am großen Versöhnungtag, dem Jom Kippur.

Dieser Oberste Priester war zur Zeit von Jesus Kajafas. Außer ihm wird in den Evamgelien aber auch Hannas als Oberster Priester bezeichnet. Der war nicht nur der Schwiegervater von Kajafas, sondern auch dessen Amtsvorgänger, den die Römer abgesetzt hatten. Hannas blieb nach seiner Absetzung aber als graue Eminenz im Hintergrund aktiv, zog die Fäden und führte inoffiziell auch weiterhin den Titel.

Außerdem werden „oberste Priester“ auch als Gruppe genannt. Dabei handelt es sich um die näheren männlichen Verwandten des Obersten Priesters. Diese waren die in die Verwaltung des Tempeldienstes und die politischen Geschäfte mit eingebunden. Aus ihrem Kreis würde bei der Absetzung oder dem Ableben des amtierenden Obersten Priesters auch wieder dessen Nachfolger gewählt.

Der neue Oberste Priester

Die Obersten Priester aus dem Alten Testament werden im Neuen Testament aber abgelöst durch Jesus. Er hat sich selbst als endgültiges Sühneopfer dargebracht und wurde von Gott eingesetzt als neuer und ewiger Oberster Priester im himmlischen Heiligtum. Der Hebräerbrief beschreibt ausführlich, wie das alte Priestertum nach der Ordnung Aarons abgelöst worden ist durch den Obersten Priester Jesus, den Gott nach der Ordnung Malki-Zedeks eingesetzt hat.

„Weil wir nun, Geschwister, durch das Blut von Jesus Freiheit haben zum Zugang ins Heiligtum, den er für uns in Kraft gesetzt hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist durch seinen menschlichen Körper, und (weil wir) einen mächtigen Priester über das Haus Gottes (haben), wollen wir hingehen: mit wahrem Herzen, mit Überzeugung des Glaubens, die Herzen gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gebadet mit reinem Wasser!“

Der Ablauf der Passionswoche

Was ich in diesem Abschnitt schreibe, habe ich auch nicht geglaubt, als ich es zum ersten Mal las. Aber die Argumente haben mich beim zweiten und dritten Blick darauf dann doch restlos überzeugt. Der Ablauf der Passionswoche in meiner Darstellung beruht auf den Büchern: „Bargil Pixner: Wege des Messias und Stätten der Urkirche“ und „Dr. Eugen Ruckstuhl: Die Chronologie des Letzten Mahles und des Leidens Jesu.“ Es geht grob gesagt darum, dass der Gründonnerstag, also das letzte Abendmahl von Jesus mit seinen Jüngern am Donnerstagabend, also am Tag vor seiner Hinrichtung, so nicht gewesen sein kann.

Wir haben im Neuen Testament zwei Zeitangaben für den letzten Tag, also den Freitag: Johannes sagt Joh. 19,14, dass die letzte Verhandlung bei Pilatus am Freitag (nach römischer Zeitrechnung) „um die sechste Stunde“ war. Das war also spätestens um sechs Uhr morgens. Markus sagt Mk. 15,25 nach jüdischer Zeitrechnung: „Es war die dritte Stunde, als sie ihn ans Kreuz hängten.“ Das war also spätestens neun Uhr vormittags.

Diese Zeitangaben passen gut zusammen für diesen letzten Tag. Aber wenn man Jesus erst in der Nacht davor verhaftet hat, wann hat dann der jüdische Oberste Rat getagt? Wann hat man ihn an Pilatus überstellt, wann der an Herodes und der wieder zurück an Pilatus? Man sieht, das geht nicht in der einen Nacht und auch nicht an dem einen Vormittag bis zur Hinrichtung. Der Ablauf der Passionswoche muss anders gewesen sein.

Verhaftung am Mittwoch

In der Zeit, die dem Neuen Testament folgte, begann man, wöchentliches und jährliches christliches Brauchtum zu entwickeln. Und da fasteten die Christen zweimal in der Woche, und zwar nicht wie die Pharisäer am Dienstag und Donnerstag. Sie fasteten vielmehr am Mittwoch und am Freitag, weil der Herr, Jesus, „am Mittwoch ausgeliefert“ und „am Freitag getötet“ wurde. Mit der Überlieferung von den Anfängen her hat man damals also noch gewusst, dass Jesus in der Nacht auf den Mittwoch, die nach jüdischem Verständnis schon zum Mittwoch zählt, ausgeliefert bzw. verhaftet wurde.

Dazu passt die Tatsache, dass in jener Woche nach dem essenischen Kalender das Pesach auf den Mittwoch fiel, das Pesach-Mahl also auf den Dienstagabend nach Sonnenuntergang, als der Mittwoch begonnen hatte. Jesus hat also nach dem essenischen Kalender und in einem essenischen Haus in Jerusalem mit seinen Jüngern das Pesach gefeiert. Der Ablauf der Passionswoche ergibt dann folgendes Bild:

Der Ablauf im Einzelnen

Nacht zum Mittwoch: Abendmahl, Abschiedsreden, Getsemani, Verhaftung, Verhör bei Hannas und Verleugnung durch Petrus.

Mittwoch: Verhandlung im Obersten Rat bei Kajaphas, Verspottung und Misshandlung von Jesus, und (anzunehmen) sicherlich auch erste Kontakte in der Sache zu Pilatus. Dann bleibt auch Zeit, den jüdischen Rechtsgrundsatz einzuhalten: Ein Todesurteil muss noch einmal überschlafen werden, es darf erst am Tag nach der ersten Verhandlung definitiv gefasst werden.

Nacht auf Donnerstag: Jesus im Gewahrsam des Obersten Priesters.

Donnerstag: Todesurteil durch den Obersten Rat. Überstellung an Pilatus und erste Verhandlung dort. Überstellung an Herodes, Verhör und Verspottung dort. Rücküberstellung an Pilatus mit dem vorläufigen Unschuldsurteil durch Pilatus.

Nacht auf Freitag: Jesus im Gewahrsam des römischen Regenten.

Freitag: Bis 6 Uhr morgens Volksmenge bei Pilatus mit der Bitte um Freilassung eines Gefangenen. Freilassung des Bar Abbas, Jesus ausgepeitscht, nach der letzten Verhandlung Todesurteil über Jesus auf Druck des Obersten Rats und der Volksmenge. Jesus von den römischen Soldaten mit Purpurgewand und Dornenkrone als ohnmächtigen König der Juden verspottet. Dann nach Golgota geführt und zwischen 8 und 9 Uhr ans Kreuz gehängt. Die weiteren Ereignisse jenes Tages setze ich hier mal als bekannt voraus …