Ich möchte hier die Frage erörtern, wer den Hebräerbrief denn wohl geschrieben hat. Der Hebräerbrief selber gibt nichts darüber an, er hat keinen Absender. Es gab viele Vermutungen über die Verfasserschaft, die älteste ist die, dass er von Paulus geschrieben worden sei. Das beruht wohl darauf, dass er sprachlich manche Ähnlichkeiten mit Paulus hat und in den abschließenden Bemerkungen am Schluss Timotheus auftaucht. Luther hat seinerzeit Apollos als Verfasser vermutet. Ich selber war lange Zeit der Meinung, man könne es eben nicht wissen, wer ihn geschrieben hat.

Die Entdeckung kam, als ich John A.T. Robinsons Buch las „Wann entstand das Neue Testament?“. Er berichtet darüber, dass der „Kirchenvater“ Tertullian angibt, den Brief hätte Barnabas geschrieben. Wer sich näher dafür interessiert, wer Tertullian ist, dem empfehle ich die Beschreibungen bei Wikipedia (anspruchsvoller) oder dem Ökumenischen Heiligenlexikon (einfacher). Beides findet man schnell im Internet. Tertullian (um 200 n.Chr.) hatte noch Zugriff auf zuverlässige Überlieferungen. Um die Zeit seiner Geburt war der Hebräerbrief erst etwa 100 Jahre alt.

Barnabas

Zu Barnabas passt einiges am Hebräerbrief:

Barnabas stammt aus Cypern, das heißt, er war griechischer Muttersprachler. Dazu passt das anspruchsvolle Griechisch des Hebräerbriefs, das im Neuen Testament das schwierigste ist.

Barnabas war ein Levit, das heißt, er war sehr vertraut mit dem Alten Testament und insbesondere dem jüdischen Opferwesen. Dieses spielt im Hebräerbrief ja eine entscheidende Rolle.

Er war zeitweise ein enger Mitarbeiter und Gefährte von Paulus. Das kann manche Ähnlichkeiten mit Ausdrucksweisen von Paulus und auch die Bekanntschaft mit Timotheus gut erklären.

Barnabas hieß ursprünglich Josef. Er hatte schon in den Anfängen der Jerusalemer Gemeinde den Beinamen Barnabas „Sohn des Helfens“ bzw. „Sohn des Trostes“ bekommen. Und ein seelsorgerlicher Helfer war auch der Schreiber des Hebräerbriefs.

Die Situation des Briefs

Der Brief blickt zurück auf eine erste Welle der Verfolgung, die unter dem Kaiser Nero ausgebrochen war, die auch Petrus und Paulus das Leben gekostet hatte, was in Hebr. 13,7 angedeutet sein könnte: „Erinnert euch an eure Führenden, die euch das Wort Gottes gesagt haben, schaut den Ausgang ihres Lebenswandels an und macht ihren Glauben nach!“

Der Brief richtet sich an Christen jüdischer Abstammung, die in der andauernden Verfolgungssituation in der Gefahr standen, sich zurückzuziehen ins Judentum, das damals eine offiziell anerkannte und nicht verfolgte Religion war. Der Satz „Ich bin Jude!“ hätte vor Verfolgung geschützt. Der Hebräerbrief stellt dar, welchen geistlichen Preis man bezahlt, wenn man sich auf diese Art von den nichtjüdischen Geschwistern distanziert und sich der Gemeinschaft mit ihnen entzieht, um die eigene Haut zu retten. Es wäre Verrat am Glauben, Verrat an Jesus.

Der Hebräerbrief ist das seelsorgerliche Wort, das in dieser Situation Klarheit schafft, wie ein zweischneidiges Schwert – Hebr. 4,12: „Lebendig ist ja das Wort Gottes und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und durchdringend bis zur Teilung von Seele und Geist, von Gelenken und Markknochen, und Beurteiler von Gedanken und Gesinnungen des Herzens.“ Ich denke, manche Art heutiger „Seelsorge“ könnte sich eine Scheibe davon abschneiden …