(Die Salbung in Betanien – ein leicht gekürztes und vereinfachtes Kapitel aus dem Buch „Kennst du das Land?“. Ludwig Schneller schreibt darin aufgrund von Erfahrungen, die er in den Jahren 1884 bis 89 im damaligen Palästina machte.)
Wie heimatlich klingt uns der Name jenes Dörfleins, welches um seines gastlichenen Hauses willen geliebt ist in der ganzen weiten Christenheit! Das letzte Dörflein vor der östlichen stillen Wüste war doch nur ein Stündlein von Jerusalem entfernt. So eignete es sich besonders gut für den Herrn, wenn er sich aus dem lauten Festtreiben der Stadt abends zurückziehen wollte. Mit der Pracht der alten Königsstadt drüben ist auch Bethanien müde in den Staub gesunken. Und die letzten Spuren jenes Hauses, in welchem unser Herr einst gerne ruhte, hat der Sturm der Jahrhunderte längst verweht.
Nur ein armseliges Dörflein mit wenigen Hütten, „Lazarusdorf“ Elazaríje genannt, steht heute an der Stelle des alten Bethanien und grüßt von seiner anmutigen Höhe am Weg nach Jericho aus dem Schmuck grüner Bäume ins tiefe Tal hinab. Aber wo immer das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da sagt man auch heute noch zum Gedächtnis der Maria von Betahnien, was sie beim Beginn der Leidenswoche dort an unserem Herrn getan hat.
Am Sonntag vor Ostern* war Jesus wieder in Bethanien. Wir können uns kaum vorstellen, welch freudige Aufregung seine Ankunft dort hervorrief. Wie Osterglanz lag es ja noch über der Tür des Lazarus, durch welche dieser vor kurzem tot hinausgetragen worden war. Damals war Jesus so rasch davongeeilt, dass man ihm kaum recht danken konnte. Nun war er wieder da. Jeder suchte ihm seine Dankbarkeit auf seine Weise auszudrücken. Zunächst wurde ihm zu Ehren ein Gastmahl zugerichtet, natürlich ein Abendmahl. Und wie man heute noch bei Familienfestlichkeiten oft mit förmlichem Ringkampf sich darum streitet, in wessen Haus der Verwandten oder Bekannten man Einladung und Festmahl bereiten darf, so hatte sich diesmal Simon „der Aussätzige“ die Ehre ausgebeten.
Die Gesellschaft war beisammen. Ein oder mehrere Ampeln, entweder auf hohem Leuchter oder vom Gewölbe herabhängend, verbreiteten ihr Licht über die Tischgesellschaft. Die schon vorher festliche Stimmung und Erwartung der Jünger wurde durch die begeisterte Dabkbarkeit aller Tischgenossen noch gehoben. Und doch – ungetrübt war die Feude nicht. Eine Ahnung des Todes schwebte unausgesprochen über der abendlichen Tischgesellschaft. Gehörte doch schon einiger Mut dazu, eine solche Einladung Jesus zu Ehren zu veranstalten. Hatten doch die Hohepriester drüben jenseits des Berges jedermann bei Strafe geboten, ihn auszuliefern. Und war doch selbst Lazarus in den letzten Wochen seines Lebens nicht sicher gewesen, nur weil er auferweckt worden war.
Einige ernste Akkorde tönten in die frohe Tischgesellschaft hinein durch eine Tat der Maria und die angeknüpften Worte des Herrn. Während die emsige Marta hinter den auf den Teppichen und Kissen zu Tisch Liegenden umherging und diente, trat auch die stille Maria heran, die sich bisher ferne gehalten hatte (Mt 26,7). Es war ja überhaupt nicht Sitte, dass die Frauen bei solchen Gelegenheiten mit den Männern zu Tisch lagen. Für ihre dankbare Liebe, wie für ihre trüben Ahnungen fand sie, die sich mit Worten nicht zu sagen getraute, was sie empfand, eine rührenden Ausdruck. Sie allein hatte die Todesverkündigungen des Herrn ernst genommen, mehr als alle Jünger. Dass der Herr, der so leutselig und mit solcher Seelenruhe bei ihnen zu Tisch war, seinem Tod so nahe sei, das erfüllte sie mit unaussprechlicher Wehmut.
Noch einmal, sie ahnte das letzte Mal, wollte sie dem Herrn ihre unbegrenzte Hochachtung und Dankbarkeit zeigen. Sie trat hinter Jesus, welcher auf den Teppichen lag, den Ellbogen auf ein Kissen gestützt. Sie brach ihr Glas mit unverfälschter köstlischer Narde auf, goss es auf sein Haupt und salbte mit dem Rest seine Füße. Dann beugte sie sich vollends ganz auf den Boden herab, löste ihr Haar und trocknete damit seine Füße ab, welche auf dem Teppich nach hinten ausgestreckt lagen. Ein Wort der Erklärung auszusprechen, wagte sie nicht. Aber der Herr nahm ihr das Wort aus dem Herzen und legte es ihr und den Jüngern bedeutsam aus. „Sie ist zuvorgekommen, meinen Leib zu salben zu meinem Begräbnis.“ Gesalbt zu seinem Tod erhob sich Jesus an jenem Abend, um mit den Geschwistern Lazarus nach Hause zu gehen. Er hatte wohl zum letztenmal auf Erden einem solchen Gastmahl beigewohnt.
Wohlgerüche über Tisch im Zimmer zu verbreiten, ist bis zum heutigen Tag eine beliebte Sitte bei den Orientalen. Mit großer Mannigfaltigkeit wissen die Araber den Blumen und Pflanzen ihre süßesten Düfte zu entlocken und in Wassern festzuhalten. Rosenwasser und andere aromatische Flüssigkeiten befinden sich in jedem besseren Haus. Besonders bei Gastmählern müssen die Wohlgerüche zur Geltung kommen. Die Limonade, welche man dem ankommenden Gast reicht, mundet mit einigen Tropfen Rosenwasser doppelt gut. Und gerne gibt man jedem Tischgast, den man schon beim Eintritt ins Haus mit wohlriechenden Wassern besprengt, bei Tisch noch ein duftendes Sträußchen wohlriechender Kräuter und Blumen in die Hand. Aber auch wohlriechende Wasser werden zuweilen über den dasitzenden Gast gegossen.
Soeben, während ich dies schreibe, komme ich von einem Besuch bei wohlhabenden Arabern in Betlehem. Die Leute, welche sich über den Besuch freuten, wollten mir eine besondere Aufmerksamkeit erweisen. Da nahm die Hausfrau, während ich auf den Polstern saß, ein Fläschchen mit wohlriechendem Wasser, öffnete es und goß die Hälfte davon über meinen Kopf, sowie über Kleider und Hände, sodass das ganze Zimmer von dem Duft erfüllt wurde.
Bei der Handlung der Maria war nur ungewöhnlich, dass sie eine so außerordentlich kostbare Salbe für diesen Zweck benutzte. Maria hat eben auch in diesem Stück getan, was sie konnte. Alles, worüber sie zu diesem Zweck verfügen konnte und durfte, hatte sie aufgewandt. Denn für den Herrn war ihr selbst das Beste noch nicht gut genug. Darum bekam sie aus dem Mund des Heilands auch eine so schöne Anerkennung.
*Nach der Datierung von „Das Leben des Messias„, die den essenischen Kalender berücksichtigt, war dieses Ereignis am Donnerstag davor.