Zur Zeit von Jesus hatten die Pharisäer ihr System der Ablieferung des Zehnten Teils aller ihrer Einnahmen weit entwickelt. Es war so weit entwickelt, dass sie sogar von selbst geernteten oder eingekauften Küchenkräutern penibel genau den Zehnten Teil abgaben. Diese Praxis spricht Jesus zweimal in Stellungnahmen gegen die Pharisäer an. Ich zitiere die zwei Stellen hier einmal nach der Elberfelder Bibel:

Mt 23,23: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr verzehntet die Minze und den Anis und den Kümmel und habt die wichtigsten Dinge des Gesetzes beiseite gelassen: das Gericht und die Barmherzigkeit und den Glauben; diese hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen.“

Lk 11,42: „Aber wehe euch Pharisäern! Denn ihr verzehntet die Minze und die Raute und alles Kraut und übergeht das Gericht und die Liebe Gottes; diese Dinge hättet ihr tun und jene nicht lassen sollen.“

Was mir an diesen Stellen schon immer etwas eigenartig erschien, ist, dass Jesus hier zwar das Einhalten der wichtigen Dinge des Gesetzes verlangt, aber daneben auch weiterhin das Verzehnten der Küchenkräuter. Zumal diese Stellen dann gerne von gewissen Auslegern mit herangezogen werden als Beleg dafür, dass angeblich auch von der neutestamentlichen Gemeinde das Abgeben des Zehnten Teils der Einkünfte verlangt wird, was sonst nirgends im Neuen Testament auftaucht.

Aber manchmal hilft dann doch der nochmalige Blick ins Lexikon. Ich benutze das Griechischlexikon von Hermann Menge, dem Bibelübersetzer. Da entdeckte ich zuerst eine alternative Bedeutung für den Umgang mit den Kräutern an der Stelle bei Lukas. Die heißt jetzt so:

„Aber wehe euch Pharisäern: Ihr gebt den Zehnten Teil von der Pfefferminze, der Raute und jeglichen Küchenkräutern, und ihr geht vorbei an dem Recht und der Liebe Gottes. Diese müsstet ihr aber erfüllen – und (dürftet) euch nicht bei jenen aufhalten!“

Sich nicht bei solchen Kleinigkeiten aufhalten, das klingt doch schon viel besser. Davon ermutigt, habe ich auch nochmal nachgeschaut für die Matthäus-Stelle „jene nicht lassen“. Das griechische Wort heißt wirklich „lassen“, mit verschiedenen Abwandlungen. Wie erstaunt war ich, dass es nicht nur so etwas heißt wie „loslassen“, „erlassen“ oder „zurücklassen“. Es kann auch „zulassen“ heißen im Sinne von „erlauben, gestatten“. Mit dieser Bedeutung wendet sich die Aussage von Jesus aber ins genaue Gegenteil:

„Wehe euch, Theologen und Pharisäer, ihr Heuchler: Ihr gebt den Zehnten Teil von Pfefferminze, Dill und Kümmel, und die gewichtigeren Dinge des Gesetzes habt ihr verlassen: das Recht, das Mitgefühl und den Glauben. Diese müsste man ausüben – und jene (dürfte man gar) nicht zulassen!“

Nun heißt es, man müsste sich nicht nur an die wichtigen Dinge des Gesetzes halten. Es heißt auch, man dürfte Lehren über solche Kleinigkeiten – wie der Zehnte von Küchenkräutern – nicht einmal zulassen. Beide Möglichkeiten sind aber von den Wortbedeutungen her legitime Übersetzungen. Der Übersetzer muss in einem solchen Fall vom Zusammenhang her die am ehesten richtige Übersetzung wählen. Das war in diesem Fall aber nun nicht mehr schwer. Sich auf gesetzliche Art bei Kleinigkeiten aufhalten, das ist pharisäischer Geist. Beständig und wahrhaftig in den wesentlichen Dingen leben, das ist der Geist von Jesus.