Entdeckungen eines Bibelübersetzers

Schlagwort: Herr

Der Herr

Der Herr, das ist die Übersetzung des griechischen Wortes „Kýrios“. Als sprachliche Definition von „Kyrios“ könnte man sagen: Es ist ein Entscheider, der auch die Macht hat, seine Entscheidung durchzusetzen.

Mit gutem Grund wurde „Kyrios“ deshalb in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments und im Judentum überhaupt als Übersetzung des hebräischen Gottesnamens JHWH gebraucht. Gott ist der „Herr“. Aber auch die Griechen bezeichneten ihre Götter als „Herren“. Und bei den Römern war es ein Titel des göttlichen Kaisers.

Auf der menschlichen Ebene war ein „Herr“ der Besitzer und Gebieter seiner Sklaven. In einer Nebenbedeutung wurde das Wort aber auch als eine respektvolle Anrede gebraucht an jemanden, der bedeutender und höher geachtet war als man selbst. Ein Sklave hatte seinen Herrn, dem er Gehorsam schuldig war. Neben diesem gab es aber auch andere „Herren“, denen er zwar nicht gehorchen, ihnen aber ebenfalls mit Achtung und Respekt begegnen musste. Hierin hat die respektvolle Anrede sicherlich ihre Wurzel.

Im Neuen Testament begegnet uns das Wort in seinen verschiedenen Facetten. Von Anfang an ist es die Bezeichnung bzw. der Name Gottes. Der Priester Zacharias und seine Frau Elisabet „waren beide gerecht vor Gott und gingen tadellos ihren Weg in allen Geboten und Grundsätzen des Herrn“ (Lk 1,6). Und so begegnen uns auch das Tempelhaus des Herrn, ein Engel des Herrn, das Gesetz des Herrn usw.

Aber auch als Bezeichnung des Messias taucht es schon sehr früh auf. So sagt Elisabet zu der sie besuchenden Maria: „Wie komme ich dazu, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ (Lk 1,43). Ganz eindeutig ist es in der Botschaft, die ein Engel des Herrn den Hirten auf dem Feld bei Betlehem bringt. „Für euch ist heute der Retter geboren, der Messias und Herr ist, in der Stadt Davids.“ (Lk 2,11).

Auch als respektvolle Anrede an einen Höhergestellten wird es gegenüber Jesus gebraucht. So sagte z. B. Petrus nach dem wunderbaren Fischfang: „Geh weg von mir: Ich bin ein sündiger Mann, Herr!“ (Lk 5,8). Oder die Samariterin am Jakobsbrunnen: „Herr, du hast nichts zum Schöpfen und der Brunnen ist tief. Woher hast du denn das lebendige Wasser?“ (Jo 4,11).

Das Verhältnis zwischen Sklaven und Herren hat Jesus oft als Beispiel oder Vergleich für geistliche Wahrheiten herangezogen. So z. B. in der Bergpredigt, als er sagte: „Niemand kann zwei Herren als Sklave dienen. Denn entweder wäre ihm der eine gleichgültig und er liebte den anderen, oder er hielte sich an den einen und verachtete den anderen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!“ (Mt 6,24).

Die Bezeichnung „Herr“ in ihrer eigentlichen Bedeutung hat Jesus für sich selbst in Anspruch genommen. „Was ruft ihr mich ‚Herr, Herr!‚ und tut nicht, was ich sage? Nicht jeder, der mir sagt ‚Herr, Herr!‘, wird in das Königreich der Himmel hineingehen, sondern wer den Willen meines Vaters in den Himmeln tut.“ (Mt 7,21 / Lk 6,46). Seine Autorität hat Jesus nicht aus sich selbst, sondern von seinem Vater in den Himmeln. Und er bestätigt es gegenüber seinen Jüngern. „Ihr nennt mich ‚der Lehrer‘ und ‚der Herr‚, und ihr sagt es richtigerweise, denn ich bin es.“ (Jo 13,13).

Besonders Lukas nennt Jesus in seinem Bericht ganz unbefangen oft so, z. B. in der Geschichte über die Witwe aus Nain, die ihren Sohn verloren hatte. „Als der Herr sie sah, war er tief bewegt wegen ihr und sagte ihr: ‚Weine nicht!'“ (Lk 7,13). Auch Johannes nennt ihn so, z. B. im Anschluss an die Speisung der 5000. „Aber von Tiberias kamen andere Boote nahe an den Platz, wo sie das Brot gegessen hatten, nachdem der Herr gedankt hatte.“ (Jo 6,23).

Die Bezeichnung von Jesus als „Herr“ wirft auch ein Licht auf die Stelle in Jo 15,15. „Ich nenne euch nicht mehr ‚Sklaven‘, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut. Euch nenne ich ‚Freunde‘, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch wissen lassen.“ Warum sollte Jesus seine Jünger überhaupt „Sklaven“ nennen? Weil er ihr „Herr“ ist. Aber nun sind sie doch keine Sklaven für ihn, sondern seine Freunde, auch wenn er ihr Herr bleibt. Dieses Verhältnis drückt sich auch in dem aus, was Maria von Magdala am leeren Grab von Jesus sagte. „Man hat meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo man ihn hingelegt hat.“ (Jo 20,13). So spricht keine Sklavin, sondern eine Freundin, trotzdem ist er ihr Herr.

Nach der Auferstehung ist es dann ganz offenbar. So nennt ihn Thomas: „Mein Herr und mein Gott!“ (Jo 20,28). Fortan wird Jesus verkündigt als Messias und Herr. Das wird zum Lebenselement der Gemeinde. Jesus ist der Herr, dem sie dienen und den sie bekennen. Und am Ende werden es alle bekennen müssen:

„Deshalb erhöhte Gott ihn auch über alles und schenkte ihm den Namen, der über jedem Namen ist, damit im Namen von Jesus jedes Knie sich beugen soll, von Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge eingestehen soll: ‚Herr ist Jesus der Messias‘, zur Ehre Gottes des Vaters.“ (Phil 2,9-11). Der Name, den Gott ihm geschenkt hat, ist „Herr“ – Gottes eigener Name.

Sklaven Gottes

Sklaven Gottes sind Menschen, die Gottes Eigentum sind. Auch nach der offiziellen Abschaffung der Sklaverei wissen wir immer noch, was Sklaven sind. Ein Sklave ist ein Mensch, der im Eigentum eines anderen steht.

Der Besitz von Sklaven war in der antiken Welt – also auch zur Zeit des Neuen Testaments – selbstverständliche und alltägliche Lebenswirklichkeit. Schätzungen zufolge waren im römischen Reich ca. 80 % der Menschen Sklaven, d. h. Eigentum der sogenannten Freien bzw. Herren. Herren konnten ihre Sklaven gut oder schlecht behandeln, sie konnten sie niedrigste Arbeiten verrichten lassen oder ihnen große Verantwortung übertragen. Und so wird auch im Neuen Testament mit großer Selbstverständlichkeit von Sklaven gesprochen.

Und der Gedanke vom Sklaven als Besitztum diente auch als Bezeichnung für die Beziehung zu Gott – schon von Anfang an. Lk 1,38 – Maria sagte: „Ich bin die Sklavin des Herrn. Es soll mir geschehen nach deinem Wort.“ Lk. 2,29 – Simeon: „Jetzt entlässt du deinen Sklaven, Gebieter, nach deinem Wort, in Frieden.“

Auch Jesus hat das Bild vom Sklaven gebraucht, um die Eindeutigkeit der Gottesbeziehung darzustellen. Mt 6,24: „Niemand kann zwei Herren als Sklave dienen. Denn entweder wäre ihm der eine gleichgültig und er liebte den anderen, oder er hielte sich an den einen und verachtete den anderen. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon!“ Auch in anderen Vergleichen und Beispielen hat Jesus das Bild gebraucht.

Allerdings hat Jesus den Gedanken auch in die andere Richtung verwendet, wenn er von der Sklaverei der Sünde spricht. Joh 8,34-36: „Amen, Amen, ich sage euch: Jeder, der die Sünde ausübt, ist ein Sklave der Sünde. Der Sklave bleibt aber nicht bis in Ewigkeit im Haus, der Sohn bleibt bis in Ewigkeit. Wenn euch also der Sohn frei macht, werdet ihr wirklich frei sein.“ Von der Sklaverei der Sünde hat dann auch Paulus gesprochen.

Auch um das Verhältnis seiner Nachfolger untereinander zu beschreiben, hat Jesus das Bild gebraucht. Mt 20,26-26 / Mk 10, 43-44: „So ist es aber nicht unter euch. Wer wichtig werden will unter euch, soll vielmehr euer Diener sein! Wer unter euch Erster sein will, soll Sklave von allen sein!“

Allerdings hat Jesus das Bild vom Sklaven Gottes dann auch gesprengt. Joh 15,15: „Ich nenne euch nicht mehr ‚Sklaven‘, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut. Euch nenne ich ‚Freunde‘, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch wissen lassen.“

Die innere Beziehung zum Herrn wird neu definiert als Freundschaft. Die Beziehung zu Gott durch die neue Geburt dann auch als Kindschaft. Freunde des Herrn, Söhne und Töchter Gottes – was gibt es mehr? Aber als Bild für die Gottesbeziehung bleibt das Sklaventum dennoch bestehen.

Es beginnt schon in der Apostelgeschichte, wenn die Gemeinde betet. Apg 4,29-30: „Und jetzt, Herr, achte auf ihre Drohungen und gib deinen Sklaven, dass sie mit aller Offenheit dein Wort sagen, während du deine Hand ausstreckst, damit Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechts Jesus!“ Sklaven des Herrn als Selbstbezeichnung der Gemeinde – wem würde heutzutage so etwas einfallen?

In den Briefeingängen ist es schon geradezu typisch, dass sich Jakobus, Paulus, Judas und Petrus jeweils als „Sklave Gottes“ vorstellen. Aber so war ihr Selbstverständnis. Und so machten sie deutlich, wem sie verantwortlich waren – und auch, woher letztlich der Brief kam.

Der jeweilige Status von Sklaven und Herren blieb im weltlichen Verhältnis bestehen. Aber im geschwisterlichen Verhältnis innerhalb der Gemeinde war er aufgehoben. Gal 3,28: „(In ihm) gibt es keinen ‚Juden‘ und keinen ‚Nichtjuden‘ mehr, keinen ‚Sklaven‘ und keinen ‚Freien‘, keinen ‚Mann‘ und keine ‚Frau‘, denn ihr seid alle eins im Messias Jesus.“

Und in 1 Kor 7, 21-22 sagt Paulus: „Du bist als Sklave gerufen? Das soll dich nicht kümmern. Aber wenn du frei werden kannst, mach lieber davon Gebrauch. Der im Herrn berufene Sklave ist allerdings ein Freigelassener des Herrn, genauso wie der berufene Freie ein Sklave des Messias ist.“ So wird hier der Sklave zum Freigelassenen und der Herr zum Sklaven.

Es war sicherlich gewöhnungsbedürftig, wenn Herren und Sklaven plötzlich gleichwertig und gleichberechtigt als Brüder beieinander saßen, genauso auch Herrinnen und Sklavinnen als Schwestern.

Und nicht nur in der Gemeinde, auch zu Hause musste man sich neu eingewöhnen. 1 Tim 6,2: „Die, die gläubige Besitzer haben, dürfen (diese) nicht verachten, weil sie Brüder sind, sondern sie sollen ihnen besser dienen, weil es Gläubige sind und Geliebte, die sich der Wohltätigkeit annehmen.“ Zu Hause der Herr bzw. der Sklave, in der Gemeinde der Bruder – das war sicherlich manchmal nicht so einfach.

In der Offenbarung ist „seine Sklaven“ dann zu einer durchgehenden Bezeichnung der Gemeinde geworden. Es fängt schon gleich so an. Offb 1,1: „Eine Offenbarung von Jesus dem Messias, die Gott ihm gegeben hat, um seinen Sklaven zu zeigen, was bald geschehen muss.“ Und es geht so weiter:

Offb 2,20: „Aber ich habe gegen dich, dass du die Frau Isebel zulässt, die sich ‚Prophetin‘ nennt, die lehrt und meine Sklaven irreführt, dass sie Unzucht treiben und Fleisch von Götteropfern essen.“

Kap. 7,3: „Schadet weder der Erde, noch dem Meer, noch den Bäumen, solange wir die Sklaven unseres Gottes auf ihren Stirnen versiegeln!“

Offb 10,7: „In den Tagen, wenn der siebte Engel das Signalhorn blasen wird, wird vielmehr das Geheimnis Gottes vollendet sein, wie er seinen Sklaven, den Propheten, die Botschaft gebracht hat.“ Man beachte, dass hier neben „Sklaven“ auch „Propheten“ zur Bezeichnung der Gemeinde geworden ist.

Kap. 11,18: „Nachdem die Völker zornig waren, war auch dein Zorn gekommen und die Zeit, den Toten das Urteil zu sprechen und deinen Sklaven den Lohn zu geben, den Propheten, den Heiligen, denen, die deinen Namen fürchten, den Kleinen und den Großen, und die zu verderben, die die Erde verdorben haben.“

Offb 19,5: „Lobt unseren Gott, alle seine Sklaven, die ihn fürchten, die Kleinen und die Großen!“

Kap. 22,3: „Seine Sklaven werden ihm dienen, sie werden sein Gesicht sehen, und sein Name wird auf ihren Stirnen sein.“

Offb 22,6: „Der Herr – der Gott der Geistesgaben der Propheten – hat seinen Engel gesandt, um seinen Sklaven zu zeigen, was bald geschehen muss.“

Sklaven Gottes – das ist also (u.a.) die Existenzweise der christlichen Gemeinde. Stelle also sicher, dass du ein Sklave bzw. eine Sklavin Gottes bist, damit du dazugehörst …

Das Lied des Amos

Das Lied des Amos kann man rekonstruieren, wenn man die drei Liedstrophen erkennt und zusammenstellt, die im Buch Amos an verschiedenen Stellen eingestreut sind – 4,13 / 5,8 / 9,5-6:

Der Berge bildet und Hauch erschafft,

der dem Menschen kündet, was sein Plan ist,

der Morgenröte zu Wolkendunkel macht,

der über die Höhen der Erde schreitet:

„Herr“ ist sein Name.

Der zum Morgen die Finsternis wandelt,

der den Tag zur Nacht verfinstert,

der den Wassern des Meeres ruft

und sie ausgießt aufs Antlitz der Erde:

„Herr“ ist sein Name.

Der die Erde anrührt, dass sie wankt

und alle trauern, die darauf wohnen,

der im Himmel sein Hochgemach baut,

sein Gewölbe auf Erden gründet:

„Herr“ ist sein Name.

(Das Lied des Amos ist zitiert in der Übersetzung von Jörg Jeremias in seinem Kommentar „Der Prophet Amos“.)