Das Grundprinzip dürfte nun klar sein: Wenn es Verantwortliche in der Gemeinde gibt, dann können es keine „Oberen“ sein. Es müssen „Gleiche“ sein.

Einerseits sind im Neuen Testament alle mitverantwortlich als Brüder und Schwestern und Glieder am Leib des Messias. Tatsächlich werden andererseits auch einige von ihnen als besondere Verantwortliche betrachtet und dazu auch eingesetzt. Das hängt sicherlich zum einen mit ihrer geistlichen Reife und ihren Gaben zusammen, zum anderen aber auch damit, dass in einer Stadt mit mehreren oder vielen Hausgemeinden zumindest einige den Überblick behalten sollten..

Nach dem Studium der griechischen Begriffe bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass wir in den gängigen Bibelübersetzungen in der Regel traditionsbedingten Fehlübersetzungen begegnen. Diese sind aus der Sicht von obrigkeitlicher Gemeindeleitung formuliert worden, entsprechen so aber nicht dem biblischen Grundtext. Weil es hier auf jedes einzelne Wort ankommt, möchte ich die Begriffe, die das Neue Testament gebraucht, im einzelnen erklären. Dabei fällt auf, dass es in der frühen Gemeinde offensichtlich gar keine einheitliche Bezeichnung gab, sondern eine sprachliche und kulturelle Vielfalt:

1) Presbýteros:

Älteste gibt es genau genommen nicht im Neuen Testament. Die korrekte Übersetzung für den traditionell verwendeten Begriff „Älteste“ ist nämlich „Ältere“. Im Griechischen haben wir es mit dem Wort „presbýteros“ zu tun. Eingedeutscht taucht es in den Lehnwörtern „Presbyter“ und „Priester“ auf. Und dabei handelt es sich grammatikalisch nicht um den Superlativ von ‚presbýs‘ (alt), was „ältester“ hieße, sondern um den Komparativ. Der ist aber korrekt mit „älter“ oder „Älterer“ zu übersetzen. Das Wort „Ältester“ wäre auf das griechische „presbýtatos“ zurückzuführen und somit falsch übersetzt.

In der christlichen Gemeinde gibt es also keine „Ältesten“, weder vom Sinne des Wortes noch von der Lehre her. Älteste, die einen absoluten Status im Sinne eines leitenden Amtes innehaben, sind dort unbekannt. Es gibt im Sinne des Wortes nur „Ältere“, die im geistlichen Wachstums- und Reifeprozess relativ gesehen weiter vorangeschritten sind als die anderen. Und in diesem Sinne haben sie eine helfende Älteren-Aufgabe, um die ganze Gemeinde in einer gesunden Entwicklung zu unterstützen, wie etwa ältere Geschwister dies gegenüber jüngeren in einer Familie tun.

Über die Älteren-Aufgabe hat Petrus geschrieben – 1.Petrus 5,1-3: „Die Älteren unter euch fordere ich nun auf als Mit-Älterer, Zeuge der Leiden des Messias und Teilhaber der Herrlichkeit, die enthüllt werden wird: Hütet die Herde Gottes bei euch und achtet auf sie, nicht mit Druck, sondern Gott entsprechend in Freiwilligkeit, nicht gewinnsüchtig, sondern bereitwillig, nicht indem ihr die Teilgemeinden beherrscht, sondern indem ihr Vorbilder der Herde seid!“ (Wenn sich die christliche Gemeinde in einer Stadt in mehrere oder viele Hausgemeinden gruppiert, dann sind wohl auch die Älteren den Teilgemeinden zugeordnet, aber, wie Petrus sagt, nicht als Beherrscher, sondern als Vorbilder.)

2) Epískopos:

Bischof ist ein Lehnwort aus dem Griechischen, es ist von dem Wort „epískopos“ abgeleitet. Dieses bezeichnet im Neuen Testament viermal Verantwortliche in den Gemeinden und in 1.Petrus 2,25 einmal Jesus selbst. Die deutschen Übersetzungen des Wortes sind vielfältig.

Die Stelle Apostelgeschichte 20,28 zeigt in ihrem Zusammenhang eindeutig, dass es eine alternative Bezeichnung für „presbýteroi / Ältere“ ist und dass es – dazu passend – mehrere in einer Gemeinde sind. Wie die Evangelien zeigen, ist ‚presbýteroi‘ der Begriff aus der jüdischen Tradition. „Epískopoi“ ist dann der entsprechende Begriff aus dem griechischen Kulturkreis.

Das Wort ist zusammengesetzt aus der Vorsilbe „epí – auf/über“ und „skópos – Sehender / Beobachter“. Es könnte also autoritär übersetzt werden als „Aufseher“ oder aber funktional als „jemand, der die Übersicht hat“.

In der nach-neutestamentlichen Zeit hat sich leider das autoritäre Verständnis durchgesetzt, bis der „Bischof“ als geweihter Übergeordneter der unumschränkte Herr einer Ortsgemeinde, dann eines Sprengels oder einer Diözese war. Die Theologen bzw. Historiker nennen das „monarchischer Episkopat“. Von der gemeinschaftlichen Struktur der neutestamentlichen Gemeinde her ist das eine gravierende Fehlentwicklung, die alles verfälscht und die Gemeinde zerstört.

Im neutestamentlichen Sinne sind die „epískopoi“ in der Gemeinde solche, die „die Übersicht haben“. Da es dafür im Deutschen leider kein passendes Substantiv gibt, benutze ich als allgemeinste Übersetzung dafür den Begriff „Verantwortlicher“. Aber wohlgemerkt, er ist nicht der eine Verantwortliche in der Gemeinde, das ist Jesus selbst. Er ist einer von mehreren Verantwortlichen bzw. Älteren.

3) Poimén:

„Pastor“ ist das lateinische Wort für „Hirte“, griechisch „poimén“. Im Neuen Testament kommt es im wörtlichen Sinn vor z. B. bei den Hirten im Bericht von der Geburt des Messias (Lukas 2). Im übertragenen Sinn ist es an mehreren Stellen dann eine Bezeichnung von Jesus selbst. Er ist der von Gott gesandte gute Hirte, der Anführer und Versorger seiner Herde, der Gemeinde.

Als Bezeichnung von Verantwortlichen in der Gemeinde taucht „Hirten“ nur ein einziges Mal auf. Und das ist in der Aufzählung der Gaben Epheser 4,11, und zwar in der Kombination „Hirten und Lehrer“. Aus dieser Tatsache kann man vielleicht auch schließen, dass es keine häufige Bezeichnung war. Das „Hüten“ als deren Tätigkeit wird zweimal genannt, in Apostelgeschichte 20,28 und 1.Petrus 5,2.

In 1.Petrus 5,4 wird in der Unterweisung gegenüber den „Älteren“ Jesus als der „oberste Hirte“ bezeichnet. Das macht deutlich, wem allein die Vorrang- und Machtstellung in der Gemeinde gehört. Gegenüber dem „obersten Hirten“ sind die menschlichen „Hirten“ dann eben die Älteren in der Gemeinde. In der Verantwortung vor Jesus üben sie innerhalb der geschwisterlichen Gemeinde ihre dienende Funktion aus.

Natürlich hat man das Wort ins Lateinische als „pastor“ übersetzt. Das lateinische „pastor“ aber im Deutschen als Titel eines ordinierten Amtsträgers zu verwenden, ist der gemeinschaftlichen Struktur der Gemeinde wesensfremd. Die Sonderrolle des „Pastors“, wie wir ihn aus protestantischen und freikirchlichen Traditionen kennen, hat hier keinen Platz. Außerdem hat Jesus das Führen von religiösen, kirchlichen oder „geistlichen“ Titeln in Matthäus 23,8-10 eindeutig verboten.

4) Didáskalos:

Die Übersetzung dieses griechischen Wortes ist „Lehrer“. Es war in Israel zur Zeit von Jesus Titel und Anrede der Theologen. Sie waren als Gesetzeskundige die Lehrer des Volkes. Jesus hat z. B. auch Nikodemos so genannt (Johannes 3,10). Man gebraucht die Bezeichnung als Anrede parallel zum hebräischen „Rabbi“. Johannes bezeichnet es auch ausdrücklich als dessen griechische Übersetzung – Johannes 1,38: „Rabbi – was übersetzt Lehrer heißt“.

Auffallend ist, dass man auch Jesus damit angesprochen hat, obwohl er kein offizieller, d. h. ordinierter Theologe war. Er hat aber offensichtlich einen solchen Eindruck gemacht, dass nicht nur seine Jünger so zu ihm sagten. Auch Leute aus dem Volk und sogar Pharisäer und Theologen, die ihm durchaus nicht freundlich gesinnt waren, sprachen ihn so an.

Im Gegensatz dazu hat Jesus seinen Jüngern und damit seiner Gemeinde das Führen dieses Titels verboten, als er sagte – Matthäus 23,8: „Ihr aber sollt euch nicht ‚Rabbi‘ nennen lassen! Einer ist nämlich euer Lehrer, ihr alle seid Geschwister.“ (Wobei gerade auch dieser Satz die Parallelität zu „Rabbi“ noch einmal deutlich zeigt.)

In diesem Sinne eines Titels kam er in der neutestamentlichen Gemeinde dann auch nicht vor. Aber als eine funktionelle Bezeichnung für Ältere bzw. Verantwortliche in der Gemeinde taucht er auf. In Epheser 4,11 sind unter den Gaben an die Gemeinde die „Hirten und Lehrer“. In Antiochia waren Propheten und Lehrer in der Gemeinde (Apostelgeschichte 13,1).

Laut Jakobus 3,1 soll die Gemeinde nicht so viele Lehrer werden lassen, weil der Umgang mit dem Reden eine anspruchsvolle menschliche und geistliche Aufgabe ist. Paulus zählt sie auch in 1. Korinther 12,26 unter den geistlichen Gaben auf.

In Hebräer 5,12 werden die Geschwister getadelt: „Obwohl ihr von der Zeit her doch Lehrer sein müsstet, habt ihr es wieder nötig, dass man euch lehrt, …“. Hier wird eine interessante Perspektive sichtbar: Jeder sollte oder könnte ein Lehrer werden, indem er sich geistlich und in der Erkenntnis entsprechend entwickelt. Paulus bezeichnet sich auch selbst so. Und mehrfach wird dann auch vor falschen Lehrern gewarnt.

Aber noch einmal: Im Sinne einer Funktion oder Gabe gab es „Lehrer“ in der Gemeinde. Als Anrede oder Titel kam es nicht vor, weil Jesus es ja auch verboten hatte. Die Einrichtung der ordinierten „Lehrer“ bzw. „Rabbis“ wie im Judentum war den christlichen Gemeinden fremd.

5) Hegúmenos:

Diese Bezeichnung wird im Hebräerbrief gebraucht. Und wenn der Brief, wie vermutet, an Judenchristen in Rom geschrieben wurde, wäre sie vielleicht eine besonders in Rom oder dem westlichen römischen Reich gebräuchliche Bezeichnung. Das Wort ist das Partizip zu dem Verbum „hegeísthai“, was „führen“ oder „leiten“ bedeutet, also ein „Führender“ oder ein „Leitender“. Es fällt auf, dass hier nicht das Substantiv „Führer“ oder „Leiter“ benutzt wird, auch wenn es in manchen Bibelübersetzungen so steht.

Auch hier wird das Bestreben der frühen Christen deutlich, sich nicht von menschlichen Führern oder Leitern abhängig zu machen, aber führende Christen durchaus anzuerkennen. Es ist im Grunde der gleiche Unterschied wie zwischen dem „Ältesten“ und dem „Älteren“: nicht absolut gesetzt, aber relativ weiter als die anderen.

In dieser Bedeutung taucht das Wort auch in Apostelgeschichte 15,22 auf: „Da erschien es den Gesandten und Älteren samt der ganzen Gemeinde gut, ausgewählte Männer von ihnen nach Antiochia zu senden, zusammen mit Paulus und Barnabas: Judas, der ‚Bar Schabba‘ heißt, und Silas, führende Männer unter den Geschwistern, …“

Es ist ein deutlicher Unterschied, ob man Hebräer 13,17 übersetzt „Gehorcht euren Führern!“ wie z.B. in früheren Lutherübersetzungen, oder „Lasst euch von euren Führenden überzeugen …“, wie es der Sprache und dem Geist des Neuen Testaments entspricht. Im ersten Fall wird die Eigenverantwortlichkeit des einzelnen ausgeblendet im Sinne eines blinden Gehorsams, im zweiten Fall wird sie angesprochen und bestärkt zum eigenständigen Denken.

Eindeutig ist, was Jesus über die „Führenden“ gesagt hat: „Ihr aber sollt nicht so sein! Der Wichtigere unter euch soll vielmehr wie der Jüngere sein und der Führende wie der Dienende!“ (Lukas 22,26)